Porträt Feng Yan (冯艳)

Feng Yan
Feng Yan | © Feng Yan

Die Filmemacherin Feng Yan kam durch ihren Aufenthalt in Japan zum Dokumentarfilm. Im April 2008 war sie mit ihrem bewegenden Film Bing’ai beim Frauenfilmfestival (IFFF) in Köln zu Gast.

Die Filmemacherin Feng Yan (冯艳, geb. 1962) stammt aus der Stadt Tianjin, wo sie an der Fremdsprachenuniversität ihren Abschluss in japanischer Literatur machte. Zwischen 1988 und 2002 studierte und arbeitete sie in Japan. Inspiriert von den Filmen des Japaners Shinsuke Ogawa, die sie 1993 auf dem Dokumentarfilmfest von Yamagata kennen lernte, sowie durch das posthum über den Regisseur entstandene Buch Ernte des Films – Im Dokumentarfilm auf der Suche nach dem höchsten Glück, widmete sie sich fortan selbst dem Dokumentarfilm.

1994 begann sie auf Super 8 und Video zu drehen. Ihre Dokumentationen wurden von zahlreichen japanischen Fernsehsendern ausgestrahlt. The Dream of Yangtze River (1997) war als ihre erste Langzeitdokumentation auf dem EhtnoFilmfest Berlin zu sehen und erhielt 1998 auf der ersten Internationalen Dokumentarfilm-Biennale von Taiwan den Sonderpreis. Auch ihr Film Bing Ai (2007) war weltweit auf Filmfesten vertreten und wurde in Japan, Spanien und Hongkong ausgezeichnet. Im April 2008 reiste Feng Yan mit dem Film zum Frauenfilmfest nach Köln. Gegenwärtig arbeitet sie an ihrer Dokumentation Die Frauen vom Yangtze.

1. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ende Mai habe ich meine Retrospektive über den japanischen Regisseur Shinsuke Ogawa abgeschlossen, auf dem eben in Peking zu Ende gegangenen fünften chinesischen Dokumentarfilmfestival hatte ich das Programm über Ogawa kuratiert. Diese Veranstaltung ist nun gerade vorbei. Jetzt habe ich viel Schlaf nachzuholen, denn das war wirklich ziemlich anstrengend. Es war viel Arbeit. Zum Beispiel mussten zwölf Filme untertitelt werden und ich habe nicht mehr als zwei bis drei Stunden pro Nacht geschlafen. Im Mai war ich außerdem bei der Deutschlandpromenade in Chongqing zu Gast. Dabei habe die Deutschen als sehr höfliche Menschen kennen gelernt. Außerdem arbeiten sie sehr effizient.

2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Vor meiner Teilnahme am Internationalen Frauenfilmfestival in Köln gab es keine Berührungspunkte mit Deutschland. Jedoch hatte ich wegen meiner Tochter ein paar deutsche Kinderbücher gelesen. Begonnen hat es mit dem Bilderbuch Ophelias Schattentheater von Michael Ende. Es folgten Teufelchen von Heike Hohlbein, Lehnchens Geheimnis von Ende, Ben liebt Anna von Peter Härtling, Feuerschuh und Windsandale von Ursula Wölfel und andere Bücher.

3. In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Da gibt es keine allzu großen Einflüsse. In Deutschland hatte ich eine sehr schöne Zeit. Im Vorfeld war mir zu Ohren gekommen, dass das Frauenfilmfest einen sehr feministischen Touch habe, aber das war überhaupt nicht so, ich war positiv überrascht. Es waren nur Frauen zu dem Festival eingeladen und die Atmosphäre war sehr gut, jedoch nicht fanatisch.

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Weil der Terminal kurzfristig verlegt wurde, hatten wir zu viert unseren Anschlussflug verpasst. Noch vom Flughafen aus riefen wir bei den Leuten vom Filmfest an. Das Team war äußerst hilfsbereit und setzte sich für uns mit dem Flughafen in Verbindung. Zwar hat das letztlich nichts geholfen, aber der Leiter des Filmfests schrieb uns noch eine SMS, in der er sich bei uns entschuldigte, dabei konnte er gar nichts dafür. Dass sich der Leiter eines Filmfestivals so persönlich engagiert, hat mich sehr bewegt. An jenem Abend hat Peter, ein Freund unserer jungen Dolmetscherin, uns noch nachts um zwölf nach seiner Arbeit Decken und etwas zu Essen vorbeigebracht, worüber wir uns alle wahnsinnig gefreut haben. Diese Begegnungen mit ganz normalen Menschen haben mir in Deutschland sehr gefallen.

5. Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Die Zeit war zu kurz, ich habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wäre ich länger dort geblieben, hätte es die sicherlich noch gegeben (lacht).

6. Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Wir haben niemals groß gespeist, sondern sehr einfach und ohne viel Luxus gegessen. Was mir schmeckt, sind deutsche Würstchen.

7. Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Keine Ahnung (lacht). Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich weiß zu wenig über Deutschland, die Zeit war zu kurz.

8. Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich finde die deutsche Literatur sehr gut. Zum Beispiel gefallen mir die Kinderbücher, die ich gerade erwähnt habe, sehr. Diese Bücher wissen, was Kinder können und unterschätzen ihre Fähigkeiten nicht. Ich schätze es sehr, dass die Bücher nicht so naiv aufgemacht sind, weil man denkt, dass die Kinder noch nichts verstehen. Wenn es die Zeit erlaubt, möchte ich gerne auch deutsche Bücher für Erwachsene lesen. Ich bin überzeugt, dass die ebenso gut sind.

9. Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich denke an einige interessante Lebensläufe, etwa einen Tag mit Leni Riefenstahl zu tauschen. Vielleicht den Alltag eines deutschen Dokumentarfilmers kennen zu lernen, oder auch den eines deutschen Bettlers, es ist eigentlich egal mit wem ich tauschen würde. Vielleicht mit einem Performancekünstler von der Straße. Ich könnte auch einen Tag auf einem Ausflugsschiff bedienen. Mich interessieren Orte, an denen man andere beobachten kann, an denen man merkt, wie die anderen einen sehen.

10. Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Ich muss zugeben, dass es in Deutschland sehr viel gibt, von dem wir lernen können. Aber ich finde auch, dass China sich dieses bunte Gemisch aus Fischen und Drachen, also aus Schlechtem und Gutem bewahren sollte, ansonsten würde China wie Deutschland werden.