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Porträt
Julia Albrecht und Busso von Müller

Julia Albrecht und Busso von Müller
Julia Albrecht und Busso von Müller | © Albrecht/Müller

Im Juni 2010 wurde der Dokumentarfilm Shanghai Fiction des Filmautoren-Duos erstmals in China gezeigt.

Julia Albrecht und Busso von Müller, beide in Hamburg geboren, arbeiten seit 1993 immer wieder als Partner bei Filmprojekten zusammen. Nach dem Studium der Musik und des Operngesangs war Julia Albrecht Regieassistentin bei diversen Produktionen und arbeitet heute als selbständige Regisseurin, Autorin und Cutterin. Busso von Müller studierte Film und Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und Regie und Kamera an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Als gemeinsame Arbeiten entstanden u.a. Der Redenschreiber (1999) und Boomtown Berlin (1997). Von Asien inspiriert entstand im Jahr 2003 der Dokumentarfilm Chapters of Hong Kong, gefolgt von Good Morning Hanoi, einem Film aus der 3sat-Dokumentarfilmreihe Mädchengeschichten, in Regie von Julia Albrecht und Kameraführung von Busso von Müller.

Der neueste Film des Paares, Shanghai Fiction, erzählt die Geschichte von vier jungen Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise ihr Leben in der Großstadt Shanghai bewältigen und sich zwischen dem Alltag in der Gegenwart und den Bildern der Erinnerungen bewegen. Der von Buch, Regie, Kamera bis zum Schnitt im Alleingang der Beiden erarbeitete Film wurde bei der Duisburger Filmwoche 2009 mit dem Dokumentarfilmpreis des Goethe-Institutes ausgezeichnet.

Shanghai Fiction wurde im Rahmen des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm begleitend zur Expo in Shanghai im Juni 2010 erstmals auch in China gezeigt. Mit Unterstützung der Abteilung Kultur und Bildung des Deutschen Generalkonsulats Shanghai konnten Julia Albrecht und Busso von Müller bei der chinesischen Erstaufführung anwesend sein.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Die schönste Beschäftigung für uns war in der letzten Zeit, einen chinesischen Namen für unsere Tochter zu suchen, die wir im Herbst erwarten – und ich glaube, wir haben einen sehr schönen gefunden...

Eine andere Beschäftigung war die Vorbereitung, unseren Film Shanghai Fiction – nach seinem Erfolg hier in Deutschland – zurück nach China zu bringen, um ihn dort zu zeigen. Dafür mussten wir ihn in einigen Passagen umschneiden, denn unsere chinesischen Protagonisten sprechen in großer Offenheit und Ehrlichkeit über Erlebnisse, die wichtige Einschnitte in ihrem Leben waren. Und gerade diese Offenheit ist es ja, die wir an vielen Menschen, denen wir in China begegnen durften, besonders lieben und schätzen. Sie steht für uns im Gegensatz zu hier in Deutschland verbreiteten Vorstellungen über China. Dabei berühren unsere chinesischen Protagonisten nun aber auch Punkte, die man in China zwar schon ausspricht, aber eben nicht in der Öffentlichkeit. Das verpflichtete uns, den Film zu verändern, weil wir ihn in China zeigen wollten. Wir respektieren das. Aber es ist auch ein Widerspruch für uns. Und es ist ungemein schwer, herauszubekommen, wie man das, was uns teuer und besonders schätzenswert erscheint, mit den offiziellen Vorgaben vereinbaren kann; eine ganz neue Erfahrung für uns.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Es ist – von heute aus betrachtet – wirklich verrückt, aber wir sind aus Zufall nach Hongkong gekommen. Hongkong war unsere erste, direkte Begegnung mit Asien und China. Und es war Liebe auf den ersten Blick...

Der Regisseur Reinhard Hauff rief uns an und fragte: „Wollt ihr in zwei Wochen nach Hongkong, um dort einen kleinen Film zu drehen?“. Es ging dort um einen Austausch von Filmemachern. Und er sagte noch: „Fahrt mal, bei euch kommt garantiert immer ein Film dabei heraus“. Mit diesem „Segen“ gingen wir auf die Reise. Natürlich hatten wir uns vorbereitet, aber vor dieser Einladung ging unser Interesse nicht in Richtung China.

Aber kaum waren wir gelandet, wurden wir überwältigt von unserer Entdeckung. Wir sahen eine Lebenswelt, von der wir nichts geahnt hatten. Es war nicht die exotische Attraktion, sondern vielmehr, dass wir etwas sehr Zeitgenössisches, Gegenwärtiges spürten in dieser Metropole, die ja nicht nur vom internationalen Finanzsektor geprägt wird, sondern noch viel mehr vom ganz alltäglichen Versuch der vielen Einwanderer, insbesondere vom Festland, zu überleben. Sicherheiten und Garantien gibt es nicht. So ist jeder gezwungen, sich den Dynamiken der Wirtschaft täglich neu zu stellen. Und die Menschen, denen wir begegneten, sprachen sehr offen über ihre Wünsche und Sehnsüchte. Ihre Art, sich auseinanderzusetzen – auf eine absolut uneitle, nicht zur Selbstdarstellung gereichende, sondern tiefe Weise - berührte uns sehr. Von diesem Moment an waren wir süchtig, mehr zu erfahren, tiefer einzutauchen, unsere Perspektive für einen Moment zu tauschen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

In Hongkong und dann noch einmal mehr in China sind uns die „Augen aufgegangen“, ganz speziell darüber, dass wir allzu sehr in unserem selbstbezogenen, oberflächlichen Blick befangen sind. Die chinesische Realität hat so wenig mit unseren Bildern von ihr zu tun, in denen wir uns nur selbst bespiegeln und in uns selbst stecken bleiben. Aber wenn man es schafft, tatsächlich Nähe zu etwas Fremdem zu entwickeln, dann stellt es uns in Frage – und was gibt es Schöneres, als an sich zu zweifeln? Und sich mit diesem Zweifel verändern zu können. Wir suchen diesen Moment des Zweifelns, der uns öffnet. Und in dem wir die Widersprüche nicht zwingend ausgleichen, sondern sie annehmen können. Das haben wir in Asien und speziell in China gefunden: Ähnliches im Fremden zu entdecken. Einen Dialog.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Das ist schwer zu beantworten – denn es gibt sehr unterschiedliche "schönste Erlebnisse". Sicher als erstes: Mit Yuan, dem Jungen aus Anhui in Shanghai Fiction, einen Moment in seinem Leben teilen zu können. Es war für uns sehr bewegend, dieses Vertrauen entwickeln zu können, in ein so anderes Leben eintauchen zu dürfen und von ihm angenommen zu werden.

Ein ganz anderes Erlebnis ist eine Momentaufnahme: Als wir uns in Shanghai zum Mondfest bei unglaublichem Lärm am überfüllten Bund drängten und alle sich vor der bunt angestrahlten Skyline von Pudong aufstellten, sah ich plötzlich am Himmel unter dem Vollmond etwas Merkwürdiges, Schimmerndes, Magisches: Erst dann erkannte ich einen kleinen Schwarm Vögel, der am Himmel flog, vom Mond angestrahlt sahen sie aus wie aus feinem Glas. Ich glaube, kaum ein Anderer hat das in dem großen Trubel wahrgenommen. Aber für mich war es ein wunderbarer chinesischer Gegensatz: der Trubel einerseits und darin ein plötzlicher Moment unverhoffter, großer Poesie.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Kein wirkliches Erlebnis, dafür aber etwas, was für mich in China tatsächlich schwer auszuhalten ist: Wir haben eine Zeit in einer Shikumen-Siedlung mitten in Shanghai gewohnt, was wir wirklich sehr schön fanden – auf so engem Raum mit unseren chinesischen Nachbarn Geräusche, Gerüche, das alltägliche Leben, die kleinen und manchmal auch großen Geschichten um uns herum zu teilen. Nur der frühe Morgen war jedes Mal eine Tortur für mich (nicht so sehr für Busso): Wenn man nämlich nicht von gewöhnlichem Lärm, nicht vom Wecker und auch nicht von krähenden Hähnen aufwacht, sondern wenn es aus allen Wohnungen und durch die Wasserrohre noch einmal verstärkt rotzt und spuckt – für mindestens eine halbe Stunde ...

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Leider weiß ich nicht, wie diese Gerichte auf Chinesisch heißen: Kalter Seidentofu mit klein gehackten tausendjährigen Eiern, Sojasoße, Essig und Ingwer. Oder im Tontopf gekochter Krebs mit Glasnudeln... oder grüne Bohnen mit eingelegtem Gemüse und Chili. Oder ganz klassisch: die vegetarischen gedünsteten Jiaozi mit Essig.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Sehr verspielt zu sein und mit geradezu kindlicher Neugier und verspielter Kreativität Dinge neu auszuprobieren, das ist eine Eigenschaft, die ich sehr, sehr schätze in China.

Etwas anderes, was wir oft in China erlebt haben, ist die absolute Panik, die Chinesen ergreifen kann, wenn sie auf Leere stoßen. Und deshalb wird alles, Räume, Umfeld und Zeit, gerne angefüllt mit Gegenständen, Möbeln, Bildschirmen, Musik, Radiolärm, Aktion, Geruch bis hin zum Zigarettenrauch... Wir hatten unsere Wohnung in China vollkommen leer geräumt und nur das Nötigste an Möbeln, weil wir den leeren Raum wirklich schön und erholsam fanden. Aber jeder unserer chinesischen Freunde, ob alt oder jung, war beim Betreten unserer Räume tief erschüttert. Man bat uns spontan an, uns vom Tisch über Vorhänge bis zum Radiogerät zusätzliche Ausstattung zu leihen. Wir fanden das wirklich sehr amüsant.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Man könnte sagen: Die chinesische Welt der Zeichen. Sie steht mit Kalligraphie und chinesischer Poesie im Zusammenhang. In tieferem Sinne ist sie meiner Meinung nach Ausdruck einer anderen, räumlichen Denkstruktur, die sich von unserer westlichen unterscheidet.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ganz klar: Mit Hu Jintao (胡锦涛)! Aber wirklich nur für einen Tag! Wie mag sich das anfühlen, diese ungeheuer schwierige Rolle inne zu haben und in so einer Position in diesem Machtzentrum zu stehen!

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Den chinesischen Spieltrieb und die Neugier, Anderes auszuprobieren, so wie ich es unter Frage sieben beschrieben habe.

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