Porträt Dorothee Schaab-Hanke

Schaab-Hanke
Schaab-Hanke | Dorothee Schaab-Hanke, Foto: Martin Hanke

Neben Forschung und Lehre widmet sich die klassische Sinologin vor allem dem OSTASIEN Verlag, der am 1. Juni 2012 sein fünfjähriges Bestehen feierte.

Dorothee Schaab-Hanke studierte von 1981 bis 1989 Sinologie an der Universität Hamburg. In diese Zeit fällt auch ein Studienaufenthalt an der Shandong-Universität in Jinan von Herbst 1983 bis Sommer 1984. 1993 beendete sie eine Dissertation über die Entwicklung des Theaters in China zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert, 2004 schloss sie ihre Habilitation über die Geschichtsschreibung des Shiji, der ersten Universalgeschichte Chinas, ab.

Von 1996 bis 2002 war Dorothee Schaab-Hanke am Seminar für Sprache und Kultur Chinas der Universität Hamburg tätig. Von April bis September 2001 hatte sie eine Gastprofessur an der National Taiwan University in Taipei inne; von September 2005 bis August 2006 war sie auf einer Projektstelle an der Katholieke Universiteit Leuven tätig. 2010 übernahm sie eine Lehrstuhlvertretung in Freiburg; daneben lehrte sie an der Universität Würzburg. Seit einigen Jahren ist sie im OSTASIEN Verlag in Oberfranken tätig, den sie zusammen mit ihrem Mann Martin Hanke aufgebaut hat. Am 1. Juni 2012 feiert der Verlag sein fünfjähriges Bestehen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Beruflich mit der Betreuung von Autoren unseres Verlags und der Durchsicht von eingereichten Manuskripten, privat mit der Vorbereitung eines Artikels zur frühen chinesischen Geschichtsschreibung für den Druck sowie eines Buchs über die Tradition der Fliegenden Händler in China, das ebenfalls in unserem Verlag erscheinen wird.

Im Augenblick bin ich dabei, den Roman … Vater sein dagegen sehr! (chinesischer Titel: Wo shi ni baba) von Wang Shuo (王朔), ins Deutsche übersetzt von Ulrich Kautz, für den Druck vorzubereiten.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Zum ersten Mal in Kontakt mit „richtigen“ Chinesen kam ich kurz vor meinem Abitur 1981 im Murnauer Goethe-Institut. Dort hielten sich zwei chinesische Studierende, eine junge Frau und ein junger Mann, zur Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse auf, um danach in Mittenwald Geigenbau zu studieren. Mit der Frau, die heute mit einem Deutschen verheiratet ist und zwei schon erwachsene Söhne hat, bin ich bis heute eng befreundet.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Schon das Sinologiestudium in Hamburg, aber mehr noch die Zeit an der Shandong-Universität in Jinan 1983/1984 und die Kontakte, die damals entstanden, haben - zusammen wohl mit dem chinesischen Namen, den jeder Studi von unserem damaligen Lehrer, Zhao Ronglang (赵荣琅), erhielt - zu einer neuen, irgendwie sinifiziert-deutschen Identität geführt, die ich bis heute so empfinde. Mein Leben kreist seit Studienzeiten sehr stark um China. Mein Mann, ebenfalls promovierter Sinologe, und ich haben chinesische Freunde, sammeln seit vielen Jahren chinesische Bücher, essen gerne Chinesisch und halten uns auch gerne in China auf. Seit wir aus Hamburg, wo wir beide erst Sinologie studiert haben und später etliche Jahre am Seminar für Sprache und Kultur Chinas tätig waren, fortgezogen sind und in Gossenberg, einem kleinen Dorf in Oberfranken, unseren im Juni 2007 gegründeten Fachverlag betreiben, werden wir von den Dorfbewohnern gern als „die beiden chinesischen Gelehrten“ bezeichnet.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Ich erinnere mich an viele schöne Erlebnisse in China, aber eines der schönsten war der atemberaubende Sonnenaufgang im Juli 1984 auf dem Taishan nach einer abendlichen Klettertour von Tai‘an aus und einer etwas abenteuerlichen Übernachtung im Eingang eines nur wenig unterhalb des Gipfels gelegenen kleinen Tempels.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Vielleicht sind auch meine unerfreulichen Erlebnisse überwiegend mit der Landschaft verbunden, in diesem Fall mit deren rücksichtsloser Ausbeutung und Zerstörung. Besonders unerfreulich war beispielsweise ein Bach in der Nähe des Studentenwohnheims der Shandong-Universität in Jinan, der unmittelbar an einer Textilfabrik vorbeifloss und fast jedes Mal, wenn ich mit dem Fahrrad daran entlangfuhr, in einer anderen grellen Farbe leuchtete.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Ja, die chinesischen Hackfleischtäschchen, die Jiaozi. Leider habe ich es beim Zubereiten in Gemeinschaft mit Chinesen nie so weit gebracht, dass mir die jeweilige Gastgeberin nicht, kaum dass ich mit dem Schließen eines Teigtäschchens anfing, geduldig, aber bestimmt nochmals gezeigt hätte, wie man das mit den Jiaozi richtig – eben „biaozhun“ – macht.

7) Was ist für Sie „typisch Chinesisch“?

Eben so etwas wie oben beschrieben, dieses so oft zu beobachtende Verhaftetsein in den „Biaozhun“, den Normen. Auf der anderen Seite sind für mich im Positiven die Gastfreundlichkeit und die unmittelbare Bereitschaft, sich für einen anderen Menschen, auch wenn man ihn noch gar nicht lange kennt, zu engagieren, „typisch Chinesisch“.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Natürlich wiederum die Bücher, und zwar nicht so sehr die Klassiker als vielmehr frühe Zeugnisse individuellen Reflektierens, moralisch, aber auch humorvoll, traurig und sehnsüchtig – Gedichte, Pinselnotizen, aber auch die kritische Geschichtsschreibung.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich wäre wohl gerne mal für einen Tag ein chinesischer Gelehrter aus der Song-Zeit, etwa Shen Kuo (沈括, 1031-1095). Der hatte ein Anwesen an einem Gewässer namens „Traumbach“. Die Gartenlandschaft, die zu diesem Anwesen gehörte, muss riesig gewesen sein. Darin konnte man nach Belieben lustwandeln und sich an Orte begeben, von denen jeder einen eigenen Namen hatte: Da gab es den „Hügel der Hundert Blumen“, den „Blumenhügel-Pavillon“ oder den „Bambus-Schutzwall“. Hier würde ich also gern mal einen Tag leben und das tun, was Herr Shen an diesem Ort am liebsten tat: auf der Qin spielen, meditieren, schreiben, malen und Gedichte rezitieren.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Den halbstündigen Mittagsschlaf, den Chinesen halten können, wo immer sie gerade gehen oder stehen. Ich habe gerade gelesen, dass dieses Powernapping, wie es ja auch die Japaner praktizieren, überaus gesund sein soll.