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A Touch of Sin
Blutiger Rachefeldzug der Unterdrückten

Jiang Wu als Dahai in „A Touch of Sin”, ein Film von Jia Zhangke
Jiang Wu als Dahai in „A Touch of Sin”, ein Film von Jia Zhangke | ©Kino Lorber, Inc

In seinem neuen Film „A Touch of Sin“ spürt der Autorenfilmer Jia Zhangke den Ursachen für die zunehmende Gewalt in China nach.

Von Martina Bölck (玛蒂娜)

In seinem neuen Film „A Touch of Sin“ spürt der Autorenfilmer Jia Zhangke den Ursachen für die zunehmende Gewalt in China nach.

Drei junge Männer mit Äxten halten einen ärmlich aussehenden Motorradfahrer auf der Landstraße an. Sie wollen Geld. Er greift in seine Jacke, zieht einen Revolver und knallt sie ab. Mit unbewegter Miene fährt er weiter. Gewalt und Gegengewalt. Mit dieser Szene beginnt der neueste Film von Jia Zhangke (贾樟柯), der Anfang 2014 unter dem englischen Titel A Touch of Sin (Tian zhu ding, 天注定) in den deutschen Kinos anlief.

Vier Menschen, vier Schicksale: Der ältere Minenangestellte Dahai (大海), ein notorischer Querulant, will nicht einsehen, dass der neue Besitzer den Arbeitern die versprochene Dividende verweigert, sich selbst aber einen Privatjet leistet. Er droht ihm mit einer Anzeige in Peking und wird brutal zusammengeschlagen. Nirgendwo findet er Unterstützung. Schließlich greift er zum Gewehr und erschießt sechs Menschen, am Ende den Boss selbst.

Zhou San (周三儿), der Motoradfahrer aus der ersten Szene, fährt zum Neujahrsfest nach Hause. Seine Frau möchte wissen, wo er war und woher das viele Geld kommt, das er ihr geschickt hat. Er hüllt sich in Schweigen und reist bald wieder ab. In der nächsten Stadt erschießt er kaltblütig und routiniert ein wohlhabendes Paar, das eine Bank verlässt. Unbehelligt kommt er mit der Beute davon.

Xiao Yu (小玉) trifft ihren verheirateten Geliebten auf einer Raststätte. Sie hofft, dass er sich endlich scheiden lässt, doch er weicht ihren Fragen aus. Stattdessen lauert ihr die Ehefrau an ihrem Arbeitsplatz an der Rezeption einer Sauna auf und lässt sie verprügeln. Als wenig später ein Gast sexuell übergriffig wird, sie beleidigt und mit einem Bündel Geldscheine auf sie einschlägt, greift sie zum Messer und ersticht ihn. Blutbesudelt irrt sie auf der nächtlichen Straße umher.

Der junge Fabrikarbeiter Xiao Hui (小辉) wird für den Arbeitsunfall eines Kollegen verantwortlich gemacht und flüchtet, um Regresszahlungen zu entgehen. Er wird Kellner in einem bizarren Edelbordell und verliebt sich unglücklich in eine der Prostituierten. Wieder wechselt er die Arbeitsstelle, wieder lebt er in einem überfüllten Wohnheim und fühlt sich einsam. In einem plötzlichen Entschluss stürzt er sich aus dem Fenster.

Die vier Geschichten spielen in vier Provinzen und gehen auf reale Vorfälle zurück. „Die Gewalt nimmt zu“, meint Jia. „Ich wollte diese Nachrichten nutzen, um ein umfassendes Porträt des Lebens im modernen China zu zeichnen.“

Underground-Filmer mit internationalem Renommee

Jia Zhangke wurde 1970 in der Provinz Shanxi (山西) geboren. Er studierte an der Filmakademie in Peking und gründete dort eine Gruppe für experimentellen Film, die als erste unabhängige Produktionsstätte für Filme in China gilt. Jia wird den sogenannten Underground-Regisseuren zugerechnet, die sich aktueller sozialer Probleme annehmen und ab Mitte der 1990er Jahre im Westen Furore machten, während ihre Filme im eigenen Land kaum bekannt waren und offiziell nicht gezeigt werden durften.

Sein Debütfilm Xiao Wu (小武) von 1997 erzählt die Geschichte eines kleinen Taschendiebs, der ziellos durch die Straßen einer Kleinstadt treibt und versucht, Unsicherheit und Perspektivlosigkeit hinter einer großen Brille und coolem Auftreten zu verbergen. Dabei verliert er zunehmend den Boden unter den Füßen. Ein früherer Freund will nichts mehr mit ihm zu tun haben; seine Liebe, das Animiermädchen Mei Mei (梅梅), ist eines Tages verschwunden; der Vater wirft ihn nach einem Streit aus dem Haus. Am Ende wird er geschnappt und muss es ertragen, in Handschellen angekettet, von der ganzen Straße angestarrt zu werden.

Mit Xiao Wu heimste Jia auf der Berlinale 1998 mehrere Preise ein und wurde in Cineastenkreisen schlagartig bekannt. 2003 gründete er die unabhängige Produktionsfirma Xstream Pictures und konnte seine Projekte seither regulär mit Genehmigung der staatlichen Stellen realisieren. Für Still Life (三峡好人), ein Sozialdrama am Drei-Schluchten-Staudamm, erhielt er 2006 den Goldenen Löwen in Venedig.

Durch sein internationales Renommee sei es leichter für ihn, heikle Inhalte durch die Zensur zu bekommen, meint Jia. Das ist ihm auch bei A Touch of Sin gelungen. Er führt das nicht zuletzt darauf zurück, dass die Geschichten bereits durch die sozialen Medien bekannt waren. In Cannes bekam er 2013 den Preis für das beste Drehbuch und auf dem Weltkinofestival in Berlin wurde ihm der Interkulturelle Filmpreis verliehen. Ein „großartiges Gesellschaftsporträt“, lobte die Jury.

Eine hoffnungslose Gesellschaft

Dieses Porträt ist zutiefst pessimistisch: Die Gesellschaft ist geprägt von Korruption, Gewalt und sozialer Ungerechtigkeit. Die Menschen sind entwurzelt, Freundschaften tragen nicht, Familien sind entfremdet, die Liebe entpuppt sich als Illusion. Für diese Tristesse findet Jia großartige poetische Bilder. Bei aller Wucht und Grausamkeit ist A Touch of Sin kein Action-Film. Die Kamera lässt sich viel Zeit, den Menschen beim Schweigen zuzusehen. Die grausame soziale Realität nehme ihnen die Möglichkeit, sich auszudrücken, meint Jia. Anstelle der Sprache werde Gewalt zum Ausdrucksmittel. Er sieht „viele Parallelen zwischen dem Überlebenskampf im jetzigen China und der Lebenssituation in früheren Zeiten“. Sein Film sei im Grunde eine Art Wuxia (Kampfkunst)-Film über das aktuelle China, das Thema sei dasselbe: „Ein Individuum kämpft gegen die Unterdrückung eines harten sozialen Umfeldes.“ Der englische Filmtitel A Touch of Sin erinnert nicht zufällig an A Touch of Zen (一丝禅机) von King Hu (胡金铨), einem Klassiker des Genres. Damit versucht nun auch Jia wie vor ihm schon andere namhafte Filmemacher an das in China kommerziell sehr erfolgreiche Wuxia-Genre anzuknüpfen.

Das nimmt seinem neuen Werk aber auch etwas vom Charme und der psychologischen Stimmigkeit der früheren Filme. Den kleinen Dieb Xiao Wu begleitete man durch seinen unspektakulären Alltag. Man lernte ihn kennen, begann ihn zu verstehen und entwickelte Mitgefühl. Die Figuren in A Touch of Sin bleiben bei aller Dramatik seltsam fremd. Sie sind eher Prototypen einer bestimmten Theorie über die Entstehung von Gewalt als Individuen. „Ich schildere die Probleme der einfachen Leute in China“, sagt Jia. „Ich will ihnen eine Stimme verleihen.“ Leider gibt er ihnen in diesem Film keine Stimme, sondern eine Waffe.

 

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