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Porträt
Ulrike Ottinger

Ulrike Ottinger
Ulrike Ottinger | Foto: Anne Selders © Ulrike Ottinger

Asien und speziell China haben das filmische Schaffen der Künstlerin bis heute sehr stark beeinflusst.

Die im Jahr 1942 in Konstanz geborene Filmemacherin Ulrike Ottinger absolvierte vor ihrem Kunststudium in München zunächst eine Banklehre. Von 1962 bis 1968 lebte sie in Paris, wo sie in der Werkstatt des Grafikers Johnny Friedlaender in Radiertechniken ausgebildet wurde. An der Sorbonne hörte sie Vorlesungen in Kunstgeschichte, Religionswissenschaften und Ethnologie bei Claude Lévi-Strauss, Louis Althusser und Pierre Bourdieu. In dieser Zeit schrieb sie ihr erstes Drehbuch Die mongolische Doppelschublade. Zurück in Deutschland gründete sie in Konstanz den „filmclub visuell“ und siedelte 1973 nach Berlin über, wo sie seither lebt.

In Konstanz lernte sie Tabea Blumenschein kennen, mit der sie 1972 ihren ersten Spielfilm Laokoon & Söhne drehte. Blumenschein wirkte mehrfach als Hauptdarstellerin in Ottingers frühen, oft surrealistischen Filmen mit. Ihr erster Dokumentarfilm China. Die Künste – Der Alltag entstand 1985 während einer Reise durch China und wurde der Auftakt zu einer Reihe von Filmen über Asien – wie beispielsweise Exil Shanghai, mit dem sie unter anderem 2008 bei der 7. Shanghai Biennale vertreten war. Daneben inszenierte Ottinger diverse Bühnenwerke, insbesondere von der Schriftstellerin Elfriede Jelinek.

Für ihre Filme erhielt Ottinger zahlreiche Auszeichnungen und Preise, darunter zweimal den Preis der deutschen Filmkritik (1986 und 2008), den Bundesfilmpreis (1989) und das Bundesverdienstkreuz (2010). Seit dem Jahr 2007 lehrt Ottinger zudem als Professorin an der European Graduate School in Saas Fee (Schweiz).

Vom 26. November 2011 bis 22. Januar 2012 ist im Neuen Berliner Kunstverein anlässlich der Verleihung des Hannah-Höch-Preises an Ulrike Ottinger ihr in Deutschland bisher unbekanntes malerisches Frühwerk (1963–1968) zu sehen. Parallel werden im Berliner Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. bis Januar 2012 zwölf Filme von Ulrike Ottinger vorgestellt. Seit 15.September 2011 ist in den deutschen Kinos ihr neuer Film Unter Schnee zu sehen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Für die Asien-Pazifik-Wochen am Berliner Haus der Kulturen der Welt habe ich im September 2011 die Ausstellung Floating Food gemacht. Das Thema der Wochen war diesmal „Wasser und Nahrung“. Ich habe das Ganze assoziativ in viele Richtungen ausgeweitet. Im wunderschönen großen Foyer mit seinen Säulen etwa habe ich diese ins Wasser gestellt. Dafür habe ich im Foyer einen Riesen-Pool bauen lassen mit zwei kleinen Inseln und einer halbrunden Brücke, wie sie in China üblich sind, die dann in der Spiegelung das volle Rund ergibt wie der Mond – das, was in so vielen chinesischen Gedichten und Liedern besungen wird. Für das Riesen-Bassin im Foyer habe ich dann diese schönen, sehr einfachen chinesischen Blechschüsseln aus den Garküchen genommen, darin Türme aus Gewürzen aufgeschichtet und sie schwimmen lassen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Ich habe mich schon als Kind für Asien interessiert und habe seither alles gelesen, was man an Literatur oder Reisebeschreibungen dazu bekommen konnte. Wo immer ich war, habe ich mir asiatische Kunstsammlungen oder ethnographische Sammlungen in den Museen angesehen. Anfang der 80er habe ich mich dann drei Jahre lang bemüht, eine Reise nach China zu machen, um dort einen Film zu drehen. Ich habe lange keine Antwort bekommen – so etwas war damals ganz schwierig. Ich hatte die Sache schon aufgegeben und bin dann für einen anderen Film nach Indien gefahren. Als ich zurückkam, hatte ich plötzlich eine Einladung nach China. Dann bin ich Anfang 1985 nach Peking gefahren, es hieß jedoch, mit dem Film sei es noch nicht sicher. Ich habe aber Equipment mitgenommen und einen Assistenten – die Kamera mache ich ja immer selber –, eine Sound-Ingenieurin und einen ganz wunderbaren Übersetzer, Herrn Lee, ein Chinese, der mit einer Schauspielerin aus Ost-Berlin verheiratet war. Es war am Anfang gar nicht klar, ob man überhaupt drehen darf oder nicht, und ich habe dann gesagt, na ja, ich drehe jetzt einfach mal diese Reise. So ist dieser große Dokumentarfilm China. Die Künste – Der Alltag entstanden.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

In gewisser Weise hat das alle Filme beeinflusst. Wenn Sie zum ersten Mal einen Ort besuchen, über den Sie sehr viel recherchiert haben, den Sie glauben, ganz genau zu kennen, und dann der Realität begegnen, dann verändern sich die Dinge. Ich denke, dass diese Begegnungen mit anderen Kulturen ganz generell einen noch einmal ganz anders über den eigenen Alltag und die eigenen Verhaltensweisen nachdenken lassen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Da gab es so viele… Es ist ja ein sehr großes Land, und mich hat die Verschiedenheit der Landschaft und der Menschen sehr beeindruckt. Was ich besonders liebte, war die Lebendigkeit in den alten Hutongs, den alten Vierteln in Peking, von denen ja leider nicht mehr viele existieren. Also die Viertel mit den vielen Hinterhöfen, in denen viele Menschen zusammenleben, wo im Grunde auch alle Tätigkeiten, vom Bäcker bis zu den Garküchen, verrichtet werden. Man konnte am Leben teilhaben, ohne in die Wohnungen zu gehen. Das fand ich interessant.

Ich bin auch immer sehr von Alltagstechniken fasziniert. Da gibt es zum Beispiel den berühmten Nudelmacher, der stundenlang eine Riesen-Teigwurst in die Luft wirft und knetet, damit sie elastisch wird, und dann plötzlich wie ein Magier diese hauchdünnen Nudeln herauszieht.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Man wurde die ganze Zeit beim Filmen streng beobachtet. Wie in allen sozialistischen Ländern wird Film als sehr wichtig angesehen, das war ja auch in der Vergangenheit das Propagandamittel Nummer eins. Ich erinnere mich, dass wir von Kunming aus der alten Burma Road mit dem Wagen unterwegs waren. In dieser einsamen Gegend sah ich auf den Bergen Menschen, die aussahen, als wenn sie in einem Zelt stehen würden. Das waren Hirten einer Minorität, und ich wollte das sehr gerne drehen. Das durfte ich aber nicht, weil man fürchtete, dass ich China rückständig zeigen wollte. Es war natürlich auch so, dass die, die mich begleitet haben, Angst hatten, sich der Kritik ihrer Vorgesetzten auszusetzen. Diese Angst der Leute, die eigentlich sehr nett waren, hat das Leben manchmal sehr schwer gemacht.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Die ganze chinesische Küche ist ja unglaublich elaboriert, und auch da hat mich die Vielfalt beeindruckt. Ich habe sehr verschiedene Küchen kennengelernt wie die Provinzküchen, und in Peking habe ich an sämtlichen Garküchen halt gemacht, allein schon, weil Herr Lee alles, was er in seiner Kindheit in China gegessen hat, essen wollte, so dass wir überall die wunderbarsten Dinge gegessen haben.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Typisch chinesisch sind für mich Leute, die unglaublich zäh sind. Das sind Stehaufmännchen, die sehr viel Sinn für die Familie haben, die kommt immer zuerst. Dafür arbeitet man mit einer großen Zähigkeit.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Chinesen haben eine sehr große Gelassenheit und Selbstverständlichkeit oder ein Understatement. Das finde ich immer sehr angenehm mit Menschen, die nicht dieses fürchterlich Aufgeregte haben. Und natürlich diese wunderbaren Kalligraphien, die in den verschiedenen Gegenden ganz, ganz unterschiedlich sind. Oder die Reisbauern, die unglaublich arbeiten. Das sind schon zähe Leute.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Vielleicht mit einem Fischer.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Das ist doch eigentlich längst der Fall. Die Menschen übernehmen in einem anderen Land, was ihnen gefällt oder was ihnen sinnvoll erscheint. Es gehört heute zu einer Selbstverständlichkeit, dass manche deutschen Familien chinesische Suppen selbst kochen, dass man in der Möbelindustrie bestimmte platzsparende Techniken übernimmt oder sich anderweitig inspirieren lässt von den Chinesen. Das findet ja alles längst statt.

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