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Porträt
Han Xiaoming (韩小明)

Han Xiaoming
Han Xiaoming | Foto: Chen Weizhong © Han Xiaoming

Nach 26 Jahren und einer beeindruckenden Karriere in Deutschland ist der Hornist heute Leiter des Orchesters des National Centre for the Performing Arts in Peking.

Han Xiaoming wurde 1963 in Shanghai als Sohn eines Hornisten geboren. Nachdem er mit 17 Jahren sein Studium am Central Conservatory of Music in Peking abgeschlossen hatte, setzte er seine Studien an Konservatorien in den USA und in Deutschland fort. Von 1985 bis 2007 war er Solohornist des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken, an der Hochschule für Musik Saar hat er eine Professur auf Lebenszeit für das Fach Horn inne. 2009 ging Han Xiaoming mit seiner Familie zurück nach China und übernahm die Leitung eines neuformierten Orchesters am National Centre for the Performing Arts (NCPA). Außerdem ist er Berater für Blasmusik beim China National Symphony Orchestra und dem China Philharmonic Orchestra. Im Januar 2011 wurde Han Xiaoming von der Londoner Jury des Big Ben Award 2010 zu einer der „Ten Outstanding Chinese Young Persons in Germany“ gewählt.

Han Xiaoming hat mit vielen berühmten Dirigenten wie Leonard Bernstein und Seiji Ozawa zusammengearbeitet und als Solohornist zahlreiche Gastspiele bei deutschen Radio- und Sinfonieorchestern oder Opernensembles gegeben. Darüber hinaus hat er als Solohornist in den USA und Europa vielerorts Solo- und Kammermusikkonzerte veranstaltet sowie Horn-Meisterklassen gegeben. Neben seiner Karriere als Hornist dirigiert Han Xiaoming auch Kammermusik. In China organisierte er eine Reihe großer Musikfestivals, so das Musikfestival des Central Conservatory of Music 2004 und das New Year Concert by Chinese Musicians Abroad 2006 in Shanghai.

Han Xiaoming engagiert sich seit vielen Jahren für die Ausbildung chinesischer Blasmusiktalente. Dabei arbeitet er mit verschiedenen deutschen Konservatorien zusammen und hat es zahlreichen talentierten chinesischen Nachwuchsmusikern ermöglicht, sich im Ausland fortzubilden.

1. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Mit der Organisation des dritten NCPA-Opernfestivals. Das Festival läuft vom 9. April bis 9. Juli 2011.

2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

1984, als ich noch in Boston studierte, erhielt ich ein Stipendium vom DAAD. Ich hatte damals in Chicago an einem internationalen Hornisten-Wettbewerb der Internationalen Horngesellschaft teilgenommen und den ersten Platz belegt. Einer der Juroren, Hans Pizka, der damals Solohornist des Bayrischen Staatsorchesters in München war, riet mir, unbedingt in Europa zu studieren.

Europa erschien mir damals sehr fern, was vielleicht damit zu tun hatte, wie wir aufgewachsen sind. Nach der Kulturrevolution wurde das erste ausländische Gastspiel in China gemeinsam vom Philadelphia Orchestra und dem Boston Symphony Orchestra bestritten. Von Europa wusste ich damals gar nichts, auch wenn ich aus dem Studium natürlich Mozart und Beethoven kannte. Hans Pizka war aber äußerst hilfsbereit, sobald er zurück in München war, schickte er mir die Unterlagen und half mir mit einem Empfehlungsschreiben, und ich bewarb mich.

Ein paar Monate nach meiner Bewerbung, im Sommer des Jahres 1984, hatte ich das Stipendium in der Tasche. Ich zögerte allerdings trotzdem noch, denn ich war 1981 nach Amerika gekommen und hatte 1984 das Gefühl, mich gerade eingerichtet zu haben. Das Monatsgehalt meines Vaters betrug damals 38 Yuan. Er hatte einmal ausgerechnet, dass er, wollte er für meinen Unterhalt in Amerika sorgen, hundert Jahre lang weder essen noch trinken dürfte. So lebte ich von einem Stipendium des Konservatoriums und arbeitete neben dem Studium. Es war für mich nicht einfach gewesen, in Amerika Fuß zu fassen. Doch alle meinten damals, mit einem DAAD-Stipendium könnte ich ohne Probleme in Deutschland leben und studieren, und so habe ich mich dafür entschieden, mir das Ganze erst einmal anzusehen.

Zunächst ging ich nach Freiburg, um Deutsch zu lernen. Ehrlich gesagt tat ich mich damals sehr schwer mit der deutschen Sprache, aber Freiburg war eine hübsche Stadt und am Stadtrand gab es auch eine Musikhochschule, nicht weit vom Goethe-Institut entfernt. Im September wurde ich an der Münchner Hochschule für Musik angenommen. An meinem ersten Abend in München kündigte mir Hans Pizka an, ich würde schon am nächsten Abend an einer Opernaufführung von Mozarts Don Giovanni mitwirken. Er meinte es wirklich gut mit mir und wollte gerne einen jungen, vielversprechenden Musiker aus China präsentieren.

Nach lediglich zwei Wochen kam mir München wie ein Paradies der Musik vor. Ich hatte das Gefühl, nach einer Woche in Deutschland schon weitaus mehr gesehen, gehört und erlebt zu haben als in den drei Jahren USA. Ich befand, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, nach Deutschland zu kommen und dort Musik zu studieren.

3. In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich spüre eine tiefe Verbundenheit mit Deutschland. Mit 17 Jahren verließ ich China und verbrachte vier Jahre in den USA, das macht zusammen 21 Jahre. Doch in Deutschland habe ich 26 Jahre gelebt, also den größten Teil meines Lebens. So ist Deutschland wie eine Heimat für mich. Außerdem habe ich in Deutschland studiert, gearbeitet, eine Familie gegründet und mir einen Namen gemacht und habe eine Professur in Deutschland inne. So ist mir tatsächlich alles, was mein Leben ausmacht, in Deutschland gegeben worden. Deutschland hat mir meine Karriere ermöglicht.

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Meine schönsten Erlebnisse hatten natürlich mit meinem Beruf zu tun. Die deutsche Musiktradition hat mein Leben in vielerlei Hinsicht sehr geprägt.

5. Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Ich rede ungern darüber, aber ab und zu habe ich das Empfinden letztlich doch immer ein Asiate zu bleiben. Obwohl ich einen deutschen Pass besitze, habe ich doch manchmal das Gefühl, nicht dazuzugehören. Vielleicht war es das, was mich veranlasst hat, nach China zurückzugehen: dass ich den Eindruck hatte, dass ich in den Augen der Deutschen niemals ein Deutscher sein werde. Ich kann ihnen zwar ein sehr guter Freund werden, aber im entscheidenden Augenblick, wenn es etwa um die Besetzung einer Jury oder einer Kommission geht, hat man kaum eine Chance hineinzukommen, wenn man nicht Deutscher ist. Nehmen wir meine Hochschule, da saßen manche zweimal in der Wettbewerbsjury und ich nicht ein einziges Mal. Da fühle ich mich irgendwie benachteiligt.

6. Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Schwäbische Maultaschen, die sind wie chinesische „Huntun“.

7. Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Autos und Bier.

8. Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Da gibt es zu Vieles. Meiner Meinung nach ist Deutschland nicht bloß eine Industrienation, Deutschland hat eine große kulturelle Vielfalt. Angefangen bei den Schriftstellern, über die Musiker bis zu den Wissenschaftlern hat Deutschland als Nation sehr viel zu bieten.

9. Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Darüber habe ich bisher noch nicht nachgedacht …, aber das ist eine sehr gute Frage. Ich entscheide mich für Beethoven.

10. Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Pünktlichkeit und vorausschauendes Denken. In China wird zu wenig langfristig geplant.

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