Porträt Jiang Yiyan (江一燕)

Jiang Yiyan
Jiang Yiyan | © Jiang Yiyan

In I Phone You ist die Schauspielerin Jiang Yiyan seit 26. Mai 2011 in den deutschen Kinos zu sehen, der chinesische Filmstart folgt im September. Für den Dreh kam sie eigens aus Chongqing an die Spree...

Jiang Yiyan wurde 1983 in Shaoxing, Provinz Zhejiang, geboren. Mit 15 Jahren wurde sie an der Mittelschule der Beijing Dance Academy in die Musical-Klasse aufgenommen. 2002 bestand sie die Aufnahmeprüfung für die Beijing Film Academy, Abteilung Darstellende Künste. 2005 wurde sie durch die beeindruckende Verkörperung ihrer Rolle in der Fernsehserie Where Is Our Youth Age einem breiten Publikum bekannt. Wegen der Vielfalt ihrer Talente, die im Film, auf der Theaterbühne und bei Musikauftritten immer wieder zur Geltung kommt, wird sie von den chinesischen Medien als einer der vielversprechendsten jungen Filmstars gefeiert.

Jiang Yiyan hat bisher in etwa 20 Filmen und Fernsehserien mitgespielt. Beim Kuala Lumpur International Film Festival 2007 wurde sie für ihre Darstellung in dem Film One Summer With You in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“ nominiert und mit einer weiteren Nominierung für die „Beste weibliche Hauptrolle“ im Film The Precious Secret beim Macau International Movie Festival 2009 geehrt.

Auch als Sängerin und Texterin ist Jiang Yiyan erfolgreich. Bereits im September 1999 gründete sie die Musikgruppe Pretty Babies. Für TV-Filme sang sie Titelsongs, und 2007 veröffentlichte sie ihr erstes Album Starlight Theater, für das sie sechs Songtexte selbst geschrieben hat.

Die deutsch-chinesische Koproduktion I Phone You mit Jiang Yiyan in der Hauptrolle ist am 26. Mai 2011 in den deutschen Kinos angelaufen. Ein Kinostart in China ist für September geplant. Das Drehbuch zu dem Film schrieb der bekannte deutsche Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, Regie führte die in Deutschland arbeitende Chinesin Tang Dan (唐丹). Der Film erzählt von einem Mädchen aus Chongqing, das der Liebe wegen nach Deutschland reist.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Zurzeit trete ich in Shanghai in dem Theaterstück July and An Sheng auf, mit diesem Stück werden wir auch für zwei Monate in China auf Tournee gehen. In die Zeit davor fielen die Premieren von drei Filmen, in denen ich mitgespielt habe, darunter auch der Film I Phone You, der Ende Mai 2011 in Deutschland angelaufen war. Da ich bei jeder Promo-Tour mit dabei zu sein habe, war ich das letzte halbe Jahr hindurch sehr beschäftigt und hatte fast keine Pause.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Früher waren die einzigen Berührungspunkte mit Deutschland der deutsche Film und das Berliner Filmfestival. Anfang 2010 war ich dann für den Film I Phone You das erste Mal in Deutschland. Ich war zunächst zehn Tage in Berlin und habe dort den Produzenten und die deutschen Schauspieler getroffen. Später, im Juli 2010, bin ich dann für einen Monat noch ein Mal nach Berlin geflogen, zu den Dreharbeiten an den Originalschauplätzen. Mein Eindruck von Berlin war sofort, dass diese Stadt sehr gut zu mir passt, diese irgendwie locker-lässige und freie Atmosphäre; das künstlerische Klima in Berlin ist ungemein intensiv.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Die Einstellung, mit der man in Deutschland einen Film dreht, ist ganz anders als in China, dadurch habe ich eine neue Arbeits- und Lebensweise kennengelernt. Beispielsweise das Verständnis von Schauspielerei: Regisseure in China verlangen von den Schauspielern immer, dass sie ihren Gefühlen möglichst freien Lauf lassen, ihre innersten Empfindungen darstellerisch voll und ganz zum Ausdruck bringen; Regisseure in Deutschland verlangen dagegen, dass die Gefühle zurück gehalten werden und dann aus den innersten Empfindungen heraus der darstellerische Ausdruck erfolgt, wobei aber nicht übertrieben werden darf. So ist der Film I Phone You, der vom Plot her eigentlich, wie ich finde, eine Tragödie ist, schließlich bei Fertigstellung eine zwar melancholische aber auch witzige Komödie geworden. Und da ist noch etwas: Die Deutschen legen die Zeiten für die Dreharbeiten vorher genau fest und halten sie auch streng ein, jeden Tag beginnen und enden sie ganz pünktlich. Während der Arbeit sind die deutschen Schauspieler hundertprozentig bei der Sache, und am Wochenende machen alle Pause, dann wird auch nicht gedreht. Die Dreharbeiten wegen eines Wochenendes zu unterbrechen, ist in China unvorstellbar. Dabei verhelfen zwei Tage Pause pro Woche den Schauspielern während der Dreharbeiten zu frischer Inspiration, was für mich auch eine Erkenntnis war.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Mir außerhalb der Dreharbeiten einen Stadtplan zu schnappen und ganz allein mit dem Fahrrad herumzufahren.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Eigentlich habe ich jeden Tag in Deutschland genossen, es gab nichts Unerfreuliches. Wenn ich mich aber unbedingt dazu äußern soll, dann dahingehend, dass es außergewöhnlich heiß war, als ich Ende Juli 2010 zu den Dreharbeiten in Deutschland ankam, so heiß, dass sogar der Hund, der in dem Film mitwirkte, keine Lust hatte, seine Rolle zu spielen.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Das Gericht mit gekochten Kartoffeln, das die Filmcrew bei den Dreharbeiten in Berlin zubereitet hat, war köstlich.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Alles wird sehr ernst genommen, egal ob es die Arbeit oder das Leben ist.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Aus den Filmen und anderen kulturellen Bereichen hatte ich stets den Eindruck gewonnen, dass es in der deutschen Kultur etwas tief Melancholisches gibt, dabei besonders durch die Wunden, die die Geschichte hinterlassen hat. Als ich aber dann in Deutschland war, empfand ich die Menschen doch als sehr optimistisch und offen. Auch zwischen Ost- und Westberlin konnte ich – entgegen meinen Vorstellungen – keinen Unterschied bemerken. Die Haltung Deutschlands, darum bemüht zu sein, die Wunden der Geschichte zu schließen, der Realität und der Zukunft gegenüber positiv eingestellt zu sein, hat mich sehr beindruckt.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem freien Künstler in Berlin, zum Beispiel mit der Aktionskünstlerin, die ich vor dem Brandenburger Tor gesehen habe. Sie hatte sich als Blumenmädchen kostümiert und stand dort den ganzen Tag lang völlig regungslos, wobei man dennoch erkennen konnte, dass sie ganz bei der Sache war. Ich würde gern mal ausprobieren, wie man sich fühlt, wenn man wie sie einen Tag lang so da steht.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Fähigkeit der Deutschen, das Leben zu genießen und dabei zu sich selbst zu finden, in Zeiten des Entspannens dann auch total zu entspannen. An dieser Lebenseinstellung lasse ich seit meiner Rückkehr nach China auch meine Freunde teilhaben, denn ich finde, dass man in China, besonders in den großen Städten wie Peking und Shanghai, vergessen zu haben scheint, wie man zur Ruhe kommt und wie man mit sich selbst in Einklang bleibt.