Porträt Marc Hermann

Marc Hermann
Marc Hermann | © Marc Hermann

Als Übersetzer zahlreicher chinesischer Schriftsteller und Dichter ins Deutsche ist er einer der stillen Helden des Kulturaustausches.

Marc Hermann wurde 1970 in Itzehoe, Schleswig-Holstein, geboren. Er studierte Germanistik mit Schwerpunkt Neuere deutsche Literaturwissenschaft sowie Philosophie in Kiel. Nach seinem Studium der chinesischen Sprache und Literatur als DAAD-Stipendiat an der Shanghaier Fudan-Universität studierte er Sinologie an der Universität Bonn bei Prof. Wolfgang Kubin. Dort arbeitete er auch als Redakteur zweier wissenschaftlicher Zeitschriften (Orientierungen und minima sinica) sowie als Fachberater für chinesische Literatur bei Kindlers Literatur-Lexikon. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Sprache und Geschichte Chinas der Universität Bonn.

Seit 2002 ist er als freier Übersetzer aktiv. Er hat eine Reihe von zeitgenössischen chinesischen Romanen - von Alai (阿来), Bi Feiyu (毕飞宇), Liu Zhenyun (刘震云), Su Tong (苏童) und Xu Zechen (徐则臣) übersetzt, außerdem das Theaterstück In die Mitte des Himmels von Duo Duo (多多), das im März 2009 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Neben Lyrik und vielen kleineren Texten übersetzte er alle sieben Einakter des modernen chinesischen Komödienschreibers Ding Xilin (丁西林). Im Oktober 2009 war Marc Hermann auf der Frankfurter Buchmesse auf vielen Podien vertreten – so im Gespräch mit dem chinesischen Autor Xu Zechen über die Herausforderungen beim Übersetzen seines aktuellen Werks Im Laufschritt durch Peking, das Pekinger Kleinkriminelle als Protagonisten hat.

Vor kurzem veröffentlichte Marc Hermann sein erstes Kinderbuch Weltreise China: Lilli und die Drachenräuber. Der Autor erfüllte sich hierbei seinen Traum, einmal in Gestalt einer literarischen Figur in ein klassisches chinesisches Gemälde einzutreten. Derzeit arbeitet er zusammen mit einer Illustratorin an einem Bilderbuch – und erfüllt sich hierbei seinen zweiten Wunsch: sich einmal in Gestalt des Kaisers von China mit einer Art Drachengleiter über die Verbotene Stadt zu erheben.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Im Umfeld der Frankfurter Buchmesse hatte ich viele Lesungen mit Autoren, die ich übersetzt habe, sowie Interviews und Vorträge zum Übersetzen. Im Moment erhole ich mich ein bisschen, nachdem ich in den Monaten davor zu viel übersetzt habe.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Eigentlich erst zu Beginn meines (ersten) Studiums – der Germanistik wohlgemerkt, nicht der Sinologie –, als ich mich in eine Chinesin verliebte.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Fast in jeder Hinsicht: als Übersetzer und Sinologe natürlich beruflich natürlich, aber auch privat: Meine Frau ist Chinesin. Außerdem bin ich in meinem ganzen Denken tiefgreifend von China beeinflusst, v.a. vom Daoismus.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Während meiner Studienzeit in China haben viele schöne Freundschaften ihren Ausgang genommen – wenn auch v.a. mit anderen Ausländern.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Als ich noch jung und naiv war und einmal entdecken musste, dass mich ein vermeintlicher chinesischer Freund nur als Beziehung nach Deutschland ausnutzen wollte.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Auberginen und Tofu – letzteres am liebsten in der „Knusperhaut“-Variante.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Pragmatismus. Und eine seltsame Mischung aus Konformismus und Anarchie.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Vieles: die Sprache und Schrift, die Poesie und die Malerei, die Gärten und die (daoistische) Philosophie …

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Heutzutage mit keinem. Aber im alten China wäre ich gern in die Haut eines jener daoistischen Einsiedler geschlüpft, die sich auf den klassischen Gemälden in wunderschöner Natur, vielleicht noch von ein, zwei Freunden besucht, der Selbstkultivierung widmen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Darf es auch eine Geisteshaltung sein? Mehr Zuversicht und Freude am Neuen – solange das nicht mit Traditionsvergessenheit und kollektivem Gedächtnisverlust einhergeht.