Porträt Wang Shugang (王书刚)

Wang Shugang
Wang Shugang | © Wang Shugang

10 Jahre lebte der Bildhauer Wang Shugang im Ruhrgebiet. Im Mai 2010 sind seine Statuen in der Deutschen Botschaft in Peking zu sehen.

Wang Shugang wurde 1960 in Peking geboren und studierte Bildhauerei an der Central Academy of Fine Arts (CAFA). Nach seinem Abschluss 1985 wurde er dem Staatlichen Stadtplanungsbüro zugeteilt, das er aber nach einem Jahr wieder verließ, um als freier Künstler zu arbeiten. 1989 ging er nach Deutschland, wo er rund 10 Jahre im Ruhrgebiet lebte. Im Jahr 2000 kehrte er – wie viele andere chinesische Künstler auch - nach Peking zurück, wo er mit seiner deutschen Frau und einer gemeinsamen Tochter lebt.

Seit 1991 sind Wang Shugangs Werke regelmäßig in Einzelausstellungen in Deutschland und China zu sehen, einzelne Stücke reisten zu Gruppenausstellungen u.a. auch in die Schweiz, die USA, nach Kanada, Serbien, Kroatien und Italien. Seine Statuen, fast ausschließlich stilisierte Abbilder von Menschen, sind konsequent in drei Farben gehalten: Rot, Weiß und Bronze. Typisch für die Arbeiten Wang Shugangs sind die roten „Fegenden Mönche” und die „Hockenden”.

Nach der Einzelausstellung Two are better than One in der Alexander Ochs Gallery Berlin | Beijing in Peking im März/April 2010, ist die nächste bereits in Vorbereitung: Mitte Mai 2010 werden Wang Shugangs Statuen im Innen- und Außenbereich der Deutschen Botschaft Peking gezeigt.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bin gerade mit meiner Einzelausstellung fertig geworden. Nach einer Einzelausstellung bin ich wie krank. Ich habe das Gefühl, nur noch auf meinen Körper reduziert zu sein und meine Seele ganz für meine Arbeiten und meine Kunst hingegeben zu haben. Ich muss erst wieder Kräfte sammeln und neu starten.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Zum ersten Mal bin ich wohl 1979 mit deutscher Kunst in Berührung gekommen. In jenem Jahr fand in Peking eine große Werkausstellung von Käthe Kollwitz statt. Ich besuchte damals noch nicht die Hochschule, und die Kunstwelt eiferte noch der sowjetischen Kunst nach. Sie war eine Art Propaganda und hatte mit dem Leben wenig zu tun. Die Ausstellung hat mich damals stark beeinflusst, weil sie völlig anders war als das, was man uns beigebracht oder als Kunstbegriff vermittelt hatte. Dass ich dort wahrhaftig die Originalwerke einer deutschen Künstlerin zu Gesicht bekam, hat in mir das Interesse für Kunst aus Deutschland geweckt.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

1989 ging ich nach Deutschland. Die Anfangszeit empfand ich dort als sehr hart. Als ich das erste Mal vor dem Museum Ludwig in Köln stand, habe ich mich etwa eine halbe Stunde gar nicht hineingewagt. Ich befürchtete, dass alles, was ich je über Kunst gelernt hatte und alle meine Träume von Kunst ein für allemal zunichte gemacht würden, wenn ich ein Museum für moderne Kunst betreten würde. Ich spürte, dass alles, was ich je über Kunst gelernt, was ich mir unter Kunst vorgestellt oder auch nicht vorgestellt hatte, immer schon von anderen verwirklicht worden war.

Nach einer halben Stunde habe ich das Museum schließlich betreten. Als ich wieder herauskam, war mir als wüsste ich nicht, was ich in Zukunft noch machen könnte. Ich meinte, meine Kraft würde nicht ausreichen. Angesichts dieses riesigen Museums und der Unmenge an Kunstwerken war die gesamte moderne Kunstgeschichte über mich hereingebrochen. Ich fühlte mich wie erschlagen. Damals war ich eine ganze Weile nicht schöpferisch tätig. Tatsächlich war ich sehr einsam und unglücklich. Dann fing ich allmählich an, kleinere Arbeiten zu machen, entwickelte wieder Sensibilität und Selbstvertrauen, aber eine Zeitlang habe ich nur kleinformatige Bilder gemalt.

In gewisser Weise hat mich Deutschland zunächst also negativ beeinflusst, es hat mich in die Knie gezwungen. Doch die Kraft, wieder aufzustehen, hat mir in meinem späteren Leben sehr geholfen. Ich war gezwungen worden, dieser Welt ganz auf mich gestellt gegenüberzutreten.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

In Duisburg habe ich am Internationalen Jugend- und Kulturzentrum Kiebitz zusammen mit anderen Künstlern an Kursen und Kunstprogrammen für Kinder gearbeitet. Unter den Kindern und Jugendlichen waren Asylantenkinder und Türken, aber auch Deutsche. Für das Bühnenbild zu dem Theaterstück Antigone wurde mein Entwurf ausgewählt. Bei dieser Gelegenheit lernte ich viele deutsche Künstler kennen, nahm an einigen Kunstausstellungen teil und tauchte richtig in die Kunstwelt ein.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Das Schlimmste sind wohl die Sprachbarrieren. Es ist schon äußerst unerfreulich, wenn man sich mit jemandem austauschen will und dann plötzlich die Worte fehlen. Das ist aber auch alles, denn ich nehme die Dinge ziemlich locker. Beispielsweise kann ich auch mal ein Jahr ohne chinesisches Essen auskommen. Ein Jahr ohne westliches Essen ist auch kein Problem, ich bin sehr anpassungsfähig.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Am liebsten esse ich deutsches Sauerkraut und Linsensuppe.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Vielleicht der Mangel an Flexibilität. Chinesen machen keine großen Pläne, sie sind äußerst flexibel und sehr findig. Wenn man in so einem Umfeld lebt und dann auf einmal an einen Ort kommt, an dem man alles schon ein Jahr im Voraus planen muss, ist das etwas gewöhnungsbedürftig.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich habe eine Vorliebe für klassische Musik. Bei mir zuhause habe ich über 2000 CDs und über 800 Schallplatten, überwiegend mit deutscher Musik. Am meisten hat mich in Deutschland aber trotzdem die technische Fertigung beeindruckt, denn ich bin Produkte gewohnt, die schlecht verarbeitet sind. Plötzlich entdeckte ich einen Ort, an dem die Dinge perfekt gemacht werden und die Proportionen stimmig sind. Dahinter steht für mich ein hoher Qualitätsanspruch. Da dort, wo ich herkomme, kein Wert auf Qualität gelegt wird, hat das den größten Eindruck auf mich gemacht.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem Fußballtrainer, zum Beispiel mit Felix Magath.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Vor allem die Arbeitseinstellung und die individuellen Werte. An Arbeitsmoral und Berufsethos mangelt es uns in China am meisten. Das gilt auch für Künstler. Künstler müssen sich für ihre eigenen Werke und für ihren Beruf verantwortlich fühlen, man darf sich nicht gegen die eigene Überzeugung äußern oder dagegen handeln. Schlechte Kunstwerke sollte man nicht besser reden als sie sind. Mit individuellen Werten ist gemeint: Den Menschen als Individuum und auch den Ausdruck individueller Werte in der Gesellschaft zu respektieren.