Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Porträt
Yang Lin (杨琳)

Yang Lin
Yang Lin | © Yang Lin

Die in Freiburg lebende junge Komponistin würde gerne einen Tag mit einem deutschen Punker tauschen. Im Jahr 2009 wurde die Künstlerin mit dem Kompositionspreis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet.

er Komponistin Yang Lin, Jahrgang 1982, begann 1995 ihr Musik- und Kompositionsstudium an der Musikmittelschule des Zentralkonservatoriums Peking. Seit ihrem Bachelorstudium in China setzt sie ihre Studien seit 2007 in Deutschland bei Cornelius Schwehr, Professor für Komposition und Musiktheorie an der Musikhochschule Freiburg, fort.

2009 wurde sie mit dem Kompositionspreis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet. „Nicht das Sichere oder Erreichte ist es, was Yang Lin interessiert, sondern der Übergang, das In-Bewegung-Sein, der Weg dorthin“, so die Begründung der Preisvergabe.

Mit dem eigens für die im April/Mai 2010 stattgefundene Münchener Biennale komponierten Werk Rasendes Adagio setzte die 28-jährige Yang Lin neue Akzente – im Mittelpunkt von Rasendes Adagio für Orchester steht die Vereinigung von vorwärtsdrängendem Tempo und bedächtiger Langsamkeit. Die Inspiration hierfür holte sich die Komponistin nach eigener Aussage aus der chinesischen Kalligraphie – so sehe ein fertiges Werk wie sanft fließendes Wasser aus, die Geschwindigkeit beim Prozess des Schreibens sei dagegen „rasend und kaum wahrnehmbar“. Yang Lin nutzt die ihrer Meinung nach große Vielfalt Neuer Musik in Deutschland und deren Vitalität für das eigene Komponieren. Derzeit arbeitet sie mit dem Amaryllis-Quartett für eine Ende 2010 in Hamburg und Lübeck geplante Uraufführung eines neuen Werks für Streichquartett zusammen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Im Mai habe ich auf der Münchener Biennale ein neues Orchesterstück zur Uraufführung gebracht. Jetzt bin ich dabei, einige meiner früheren Werke für eine Publikation im Sikorski-Verlag zu ordnen und arbeite daneben mit dem Amaryllis Quartett zusammen. Am Ende des Jahres wird dieses neue Stück zusammen mit den Gedichten, die ich dazu geschrieben habe, in Hamburg Premiere feiern.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Das begann, als ich als Kind Klavier spielen lernte. Seitdem hat Europa meine Fantasie beflügelt, wenn auch damals noch nicht speziell Deutschland. An der Hochschule bekam ich dann direkten Kontakt zu Deutschen, denn mein Professor Jia Guoping (贾国平) lud oft deutsche Musikwissenschaftler ans Konservatorium ein, die uns moderne Musik aus Deutschland näher brachten. Das trug zu meinem Entschluss bei, nach Deutschland zu gehen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Womöglich bin ich noch nicht lange genug hier, so dass sich die deutsche Art zu denken noch nicht direkt ausgewirkt hat. Doch allmählich bestätigt sich, was ich früher schon vermutet hatte, denn ich merke zunehmend, wie gut man in der Kleinstadt Freiburg, in der ich lebe, kreativ arbeiten kann. Es herrscht nicht diese permanente Unruhe wie im heutigen Peking. Der Unterschied liegt nicht allein in der Größe der Stadt oder darin, wie viele Menschen dort leben. Hier verbindet sich die moderne Musik in ihrer Fortschrittlichkeit und Dynamik mit dem ruhigen Lebensrhythmus, und in dieser Atmosphäre wird überall die Spiritualität und die Lebenskraft der Musik spürbar. Durch die Nähe zum Schwarzwald hat man jederzeit die Möglichkeit, in die unberührte Natur zu gehen und sich innere Ruhe und Genügsamkeit zu verschaffen. Dies alles gibt mir das Gefühl, zu meiner eigenen kulturellen Herkunft, meiner Vergangenheit und meiner Umgebung Distanz halten zu können, ohne mich andererseits allzu weit davon zu entfernen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Die vielen wertvollen Freundschaften mit Menschen aus aller Welt, die sich seit dem Beginn meines Studiums bis heute ergeben haben. Und außerdem, dass mir im Sommer 2009 in München der Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung verliehen wurde. Das war für mich eine Riesenüberraschung und eine große Ehre.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Als mein Zug vor einer wichtigen Verabredung plötzlich 45 Minuten Verspätung hatte. Es blieb mir nichts übrig, als den Termin in letzter Minute zu verschieben.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Ich habe zwar viele gute Sachen gegessen, aber am liebsten ist mir doch das deutsche Brot. Außerdem ungesüßter Naturjoghurt, den bekommt man in Peking momentan noch nicht.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Der Schwarzwald.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Die ästhetischen Überlegungen und Untersuchungen sowie die avantgardistische Einstellung zur Neuen Musik werden hier niemals versiegen. Außerdem Persönlichkeiten der Geschichte wie Brahms, Heidegger, Fassbinder, Brecht, Hölderlin ...

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem deutschen Punker, um die Welt einmal mit ganz anderen Augen zu sehen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

An der Hochschule ist mir aufgefallen, dass die Deutschen viel besser ihre Meinung äußern können und sehr viel mehr Wert auf Mitarbeit, Austausch und Diskussion legen. Ich würde mir wünschen, dass das im chinesischen Frontalunterricht auch mehr geübt werden würde.

Top