Porträt Jin Xing (金星)

Jin Xing
Jin Xing | © Jin Xing

Die meisten Menschen denken bei dem Namen ‚Jin Xing’ als erstes an ihre Geschlechtsumwandlung im Jahre 1995. Heute ist die bekannte Tänzerin Mutter von drei Kindern und mit einem Deutschen verheiratet.

Jin Xing gehört zu den herausragenden Tänzerinnen und Choreografinnen im heutigen China und gilt als Wegbereiterin des chinesischen modernen Tanzes. 1967 kam Jin Xing in Shenyang in der Provinz Liaoning als Sohn koreanisch-stämmiger Eltern zur Welt. Von klein auf zeigte sich seine besondere Begabung für Tanz und Gesang. So begann er mit 9 Jahren seine Tanzausbildung bei dem Gesangs- und Tanz-Ensemble der Armee in Shenyang. Bereits im Alter von 17 Jahren erreichte er den Grad eines Oberst und erhielt ein Stipendium für die USA, wo er modernen Tanz studierte. 1991 erzielte er beim American Dance Festival mit seiner Tanz-Kreation Half Dream einen großen Erfolg und gewann den „Best Choreography Award“ und den Titel „Best Choreographer“. In den folgenden Jahren arbeitete er zunächst in Rom und danach in Brüssel. 1995 entschied sich der 28-jährige Jin Xing, mutig zu seinem wahren Selbst zu stehen, unterzog sich in Peking einer Geschlechtsumwandlung und verwirklichte damit seinen langgehegten Wunsch, eine Frau zu sein. Im Jahr 2000 ging für sie ein weiterer Wunsch in Erfüllung: Mutter zu sein. Diese Erfahrung wird nach ihren eigenen Worten ‚ein Leben lang unvergesslich sein’. Kurze Zeit später heiratete sie den Deutschen Heinz-Gerd Oidtmann. 2004 ging sie mit ihrem Modern Dance Drama Shanghai Tango auf Europa-Tournee. Ihre Autobiografie ist inzwischen in mehreren Sprachen, u.a. auch auf Deutsch, erschienen. Heute lebt sie mit ihrem Mann und den drei Kindern in Shanghai und leitet dort das Jin Xing Dance Theatre.

1) Womit haben Sie sich in der letzen Zeit beschäftigt?

Ende Dezember 2008 habe ich die Aufführungen von Made in China – The Return of the Soul im Pekinger Poly Theatre abgeschlossen. Nachdem ich Peking vor 8 Jahren verlassen habe und seitdem dort nicht mehr aufgetreten war, war dies das dritte Mal innerhalb des Jahres 2008. Ich habe diesmal wieder mit dem deutschen Komponisten Lutz Glandien zusammen gearbeitet, wir beide hatten bereits mehrfach Gelegenheit zu sehr erfreulicher Zusammenarbeit. Seit kurzem arbeite ich nun an einem neuen internationalen Projekt, an dem Künstler aus Österreich, Schweden und China beteiligt sind.

2) Wo und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

1996 habe ich mit meinem Beijing Modern Dance Ensemble an einem Stuttgarter Kunstfestival teilgenommen, das war meine erste Reise nach Deutschland. Zum ersten Mal in Berührung kam ich mit Deutschland aber bereits 1985, als ich für die chinesische Regierung zu Aufführungen in Frankreich war. Damals fuhren wir mit dem Zug von Frankreich nach Peking zurück. Die Reise führte uns unter anderem durch Ost- und Westdeutschland. Dabei wurde mir schlagartig bewusst, dass Ostdeutschland und Westdeutschland – durch eine Mauer getrennt – völlig verschieden waren.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen und Leben beeinflusst?

Ich finde, die Deutschen achten ganz besonders aufs Detail. Sie erledigen alles mit äußerster Sorgfalt. Das zeigt sich auch im Zusammenleben mit meinem Mann. Auch er achtet sehr aufs Detail, geht sehr methodisch vor. Bei meinem Umgang mit Deutschen hatte die Gewissenhaftigkeit die stärkste  Wirkung auf mich. Wenn wir in den Theatern der ganzen Welt auftreten und dabei in den deutschsprachigen Ländern in die Theater kommen, merkt man gleich, dass dort besonders gewissenhaft gearbeitet wird. Deshalb ist es eine schöne Sache dort aufzutreten. Man braucht sich keine Sorgen mehr zu machen, ganz anders als bei Aufführungen in Theatern in Frankreich oder Italien, da kann es alle möglichen Probleme geben. Nicht aber in Deutschland. Die deutsche Gewissenhaftigkeit ist unschlagbar.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Ich liebe den Sommer in Berlin. Die Lebendigkeit der Berliner Kulturszene hat mich sehr überrascht. In Berlin gibt es jährlich die größte internationale Parade zum Christopher Street Day. Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas in Deutschland stattfinden könnte. Deutschland macht zunächst den Eindruck, ein eher konservatives Land zu sein. Dass es hier auch derart frei und locker zugehen könnte, hat mich aufs äußerste verblüfft. Dieses sommerliche Erlebnis hat mir zu einem neuen Verständnis der Deutschen und ihrer Kultur verholfen, hat meinen Horizont erweitert.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Von unerfreulichen Erlebnissen kann eigentlich nicht die Rede sein. Allerdings würde ich auf keinen Fall im Winter nach Deutschland reisen. Es ist zu kalt und die Menschen wirken besonders niedergeschlagen. Eine interessante Sache fällt mir ein. Mein Mann kommt aus Aachen, einer Kleinstadt mit alter Geschichte. Die Deutschen kleiden sich im Allgemeinen eher konservativ. Wenn ich zum Beispiel in Deutschland aus dem Haus gehe, muss mein Mann erst seine Zustimmung zu meinem Outfit geben. Hin und wieder meinte er zu einem Kleidungsstück, dass es in der deutschen Gesellschaft nicht akzeptabel sei. Deutsche Frauen kleiden sich sehr maskulin, lange nicht so schön wie chinesische Frauen. Ich habe zahlreiche chinesische Freundinnen, die nach Deutschland geheiratet haben. Nach ein paar Jahren in Deutschland kleiden sie sich absolut bieder. Die Umgebung verändert den Menschen. Als ich zum ersten Mal meine Schwiegermutter treffen sollte, hat die Kleiderwahl eine Ewigkeit gedauert. Das Meiste konnte ich nicht tragen. Ich habe viele schöne Kleider aus französischer Spitze und aus Tüll, aber meinem Mann waren sie alle zu übertrieben. Ein tief ausgeschnittenes Kleid ging auch nicht. Dies alles kann man nicht als unerfreuliche Erlebnisse bezeichnen, aber man lernt doch einiges über die Kultur eines Landes. Erfahrungen, egal ob positiv oder negativ, bedeuten für mich immer eine Möglichkeit, die jeweilige Kultur besser verstehen zu lernen.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Sauerkraut, es schmeckt ganz ähnlich wie das Sauerkraut in Nordchina.

7) Was ist für Sie typisch deutsch?

Ich finde die Autos typisch deutsch. Deutsche Autos sind wirklich klasse. Und auch die Straßen sind in Deutschland sehr gut. Die besten Autobahnen der Welt sind die der Deutschen, es gibt keine Geschwindigkeitsbeschränkung.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Das philosophische Gedankengut der Deutschen hat die Menschen in aller Welt beeinflusst. Deutschland hat so viele Philosophen hervorgebracht. Dann ist da noch die Oper der Deutschen. Die italienische Oper ist leidenschaftlich, die französische romantisch, aber die deutsche Oper ist eine sehr rationale Angelegenheit. In deutscher Sprache gesungene Opern – zum Beispiel Verdi-Opern – höre ich besonders gern. Ich schätze auch das musikalische Fundament in Deutschland sehr. Es gibt noch viele weitere Kulturleistungen, aber wenn ich sagen soll, welche mich am meisten beeindrucken, dann wähle ich die beiden: Philosophie und Oper.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich würde gerne mit Angela Merkel einen Tag tauschen. Deutschland ist ja sehr stark eine Männergesellschaft. Wie schafft sie es als Bundeskanzlerin in diesem gesellschaftlichen Umfeld zu bestehen, wie geht sie mit diesen Männern um, wenn die Spiele der Männer gespielt werden – das kann ich mir zwar vorstellen, aber ich würde es gerne einmal selbst erleben. Alle Bereiche der deutschen Politik und Wirtschaft wurden bisher von Männern kontrolliert. Doch jetzt gibt es eine Bundeskanzlerin. Welcher Art sind die Empfindungen dieser Frau gegenüber den Männern, welche Haltung muss sie einnehmen, um diese Situation im Griff zu haben. Das würde mich brennend interessieren.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Ich denke, da würde ich die deutsche Gewissenhaftigkeit und das deutsche Verantwortungsbewusstsein wählen. Wenn außerdem das chinesische soziale Sicherheitssystem so wie das deutsche sein könnte, wäre es natürlich noch besser. Aber in erster Linie ist es die Gewissenhaftigkeit. Im Leben braucht man zwar auch Lässigkeit, aber es ist die Gewissenhaftigkeit, die die Gesellschaft voranbringt.