Porträt Zhang Yushu (张玉书)

Zhang Yushu
Zhang Yushu | © Zhang Yushu

Zhang Yushu, Professor an der Peking-Universität, ist der Doyen der chinesischen Germanistik. Er wurde 1934 in Shanghai geboren und studierte Germanistik an der Peking Universität. Mittlerweile widmet er sich seit über fünfzig Jahren der germanistischen Forschung und hat sich durch die Übersetzung der Werke Schillers und Zweigs einen Namen gemacht.

Zhang Yushu, Professor an der Peking-Universität, gilt als der Doyen der chinesischen Germanistik. Er wurde 1934 in Shanghai geboren und studierte in den fünfziger Jahren Germanistik an der Peking Universität. Im Alter von 25 Jahren wurde er zur körperlichen Arbeit aufs Land verschickt und hielt sich geistig aufrecht, indem er Gedichte von Heine memorierte. Erst nach dem Ende der Kulturrevolution konnte er 1979 erstmals nach Deutschland reisen. Mittlerweile widmet er sich seit über fünfzig Jahren der germanistischen Forschung und Lehre und hat sich durch die Übersetzung der Werke Schillers, Heines und Zweigs einen Namen gemacht.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bin immer noch mit der Herausgabe zweier germanistischer Jahrbücher befasst: der deutschsprachigen Literaturstraße und der Schrift Deutsche Literatur und Literaturkritik, die vor allem Übersetzungen ins Chinesische enthält. Mir liegt zum einen am Herzen, dass die ausländischen Leser erfahren, wie wir in China germanistische Forschung betreiben, zum anderen möchte ich den Chinesen deutsche Literatur in Übersetzungen näher bringen. Deshalb geben wir die Jahrbücher heraus.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

In der Mittelschule bin ich erstmals mit deutscher Musik und Literatur in Berührung gekommen. Zunächst hatte ich nur Goethes Leiden des jungen Werther und Immensee von Theodor Storm gelesen. Meine weiteren Kenntnisse über Deutschland entstammten vor allem aus der Lektüre des Romanwerks Jean-Christoph von Romain Rolland.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Mein Dialog mit Deutschland besteht vor allem in Lehre und Forschung. Aus der Beobachtung, dass das Verständnis zwischen beiden Ländern noch vertieft werden muss, resultiert meine Rolle im deutsch-chinesischen Kulturaustausch: nämlich den Deutschen China näher zu bringen und den Chinesen Deutschland. So setze ich mich in China für die Verbreitung deutscher Literatur ein und möchte mehr Chinesen dazu ermutigen, Deutsch zu lernen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Da gibt es sehr viele positive Erinnerungen, schwer zu sagen, welche die schönste ist. Beispielsweise ermöglichte mir ein Sonderstipendium der Humboldt-Stiftung einen Forschungsaufenthalt in Deutschland und ich konnte so Bekanntschaft mit dem damaligen Generalsekretär der Stiftung machen. Die Stiftung hat sich sehr gut um mich gekümmert. Eine Einladung des Bayerischen Kultusministeriums hat mir die Möglichkeit gegeben, mich mit dem deutschen Bildungssystem zu beschäftigen. Ebenfalls durch den bayerischen Kultusminister erhielt ich in Bayreuth eine Gastprofessur für deutsche Literatur und deutsch-chinesische Komparatistik. Auf Initiative des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Bundeslandes Baden-Württemberg wurde ich in das Kuratorium des Deutsch-ostasiatischen Wissenschaftsforums gewählt. Mir wurde der Ehrendoktor der Universität Tübingen verliehen, und ich konnte mit der finanziellen Unterstützung der Thyssen-Stiftung zwei Jahrbücher chinesischer Germanistik herausgeben.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Ich habe in Deutschland nichts besonders Negatives erlebt. Jedoch kommt es in der interkulturellen Zusammenarbeit immer noch zu Missverständnissen und Konflikten, welche die Arbeit beeinträchtigen. Das liegt an dem unterschiedlichen Kulturhintergrund, an den verschiedenen Mentalitäten und auch daran, dass Arbeitsmethoden und Arbeitsstil voneinander abweichen. Zwar lassen sich diese Probleme, wenn man intensiv miteinander kommuniziert und sich besser kennen lernt, nach und nach aus dem Weg räumen. Aber um den anderen wirklich zu verstehen, müssen sich beide Seiten einsetzen, es muss ein aufrichtiges Interesse sowie gegenseitiges Vertrauen vorhanden sein. Man muss immer in einem offenen Gedankenaustausch bleiben.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Am liebsten esse ich Münchner Weißwürste.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch"?

Beherztheit und Kampfesmut, Widerstand gegen den Despotismus und ein unermüdlicher Idealismus, wie man es in Schillers Werken findet; die schöne Ausdruckskraft, der Scharfsinn und das visionäre Urteilsvermögen in Heines Gedichten; das beharrliche Ringen und die Unverdrossenheit in der Musik Beethovens. All dies bringt für mich den Charakter Deutschlands am Besten zum Ausdruck.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich bin sehr beeindruckt von der Genauigkeit der Deutschen in Forschung und Arbeit. Von ihrem hohen Verantwortungsbewusstsein, dem Fleiß, der Ernsthaftigkeit und dem Perfektionismus, mit dem sie die Dinge angehen.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich habe viele deutsche Freunde, die ein gutes Leben haben und einer sehr sinnvollen Arbeit nachgehen. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft und wir stehen uns sehr nahe. Obwohl wir in unseren Zielen und in unserer Arbeit sehr übereinstimmen, kann man sich doch nur schwer vorstellen, wie es wäre, in ein fremdes Leben versetzt zu werden. Das Leben zu tauschen wäre doch eine sehr komplexe Angelegenheit und hätte weit reichende Konsequenzen. Ich bleibe doch lieber in meiner eigenen Umgebung. Da kann ich am Besten werken und wirken und lebe das optimale Leben.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Durch meine Beschäftigung mit dem Thema Bildung und durch meine Lehrpraxis konnte ich feststellen, welch hohen Stellenwert man in Deutschland dem Wissen und einer guten Ausbildung beimisst, also auch der Ausbildung und der Förderung von Fachkräften sowie der Beurteilung von Dozenten. Man verfolgt ein strenges und wissenschaftliches, aber faires Beurteilungssystem und verfügt über Kontrollinstitutionen, um der Hochschullehre und Forschung ein Spitzenniveau und die führende Position zu garantieren. In Deutschland wird viel Wert auf das wertvolle historische und kulturelle Erbe gelegt. Der Idealismus und Humanismus der deutschen Kulturheroen hebt die Moral und bereichert die Menschen geistig. Obwohl Deutschland zwei Weltkriege verloren hat und in Schutt und Asche lag, ist das Land nie im geistigen Sinne kollabiert. Die deutsche Nation spielt in der Welt immer noch ganz vorne mit. Aus ihren Erfahrungen und Lektionen sollten wir lernen.