Chinas Intellektuelle Fernsehen und meckern

Intellektuelle: Ulrich Beck, Zhang Ailing,  Martin Walser, Lu Xun, Konfuzius
Intellektuelle: Ulrich Beck, Zhang Ailing, Martin Walser, Lu Xun, Konfuzius | © Lao Du

Es gibt keine Intellektuellen mehr, nur noch Fernsehmoderatoren und Comedians. Und Männer, deren Meinung sie nur begrenzt interessiert. Sagt Sibylle Berg.

Folgte man der Definition Sartres, dann analysiert, hinterfragt und kritisiert der Intellektuelle in öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskursen gesellschaftliche Vorgänge, um deren Entwicklung zu beeinflussen. Dabei ist der Intellektuelle nicht an einen politischen oder moralischen Standort gebunden. Das führt oft zu Konflikten mit den politischen Machthabern. Deutschland ist frei davon, frei von Intellektuellen und schwebt unbehelligt vom Einfluss jeglicher visionärer Gedanken in einem bräsigen Mediennebel.

Noch zwei, drei Generationen nach der Unternehmung “Übermensch“ hält sich die Furcht des Deutschen vor allem, was sich scheinbar über die Masse erheben könnte. Ein unbestimmter Ekel ist das, dem gegenüber, das mit bestimmter Stimme spricht, zu sehr glänzt, zu schön oder zu anders ist. Man kann sie verstehen, die Armen, da ist das in den Genen verankerte, schlechte Gewissen, das sich 60 Jahre nach Kriegsende fast ein wenig beruhigen will, und dann, ausgerechnet, stellt sich heraus, dass einer der allgemein akzeptierten Staats-Denker des Landes, Günther Grass, bei der Waffen-SS war. Dumm gelaufen.

In der kollektiven Erinnerung heißt es immer noch: Wer auffällt, anders ist, wird umgebracht. Oder geht ins Führerhauptquartier. Es gibt keine mutigen Stimmen, keine provokativen Thesen, es gibt nur politisch korrektes, linkes Gesülze. Einhellig wurde nach dem 11. September vom Eigenverschulden Amerikas gelabert, das Begräbnis Jörg Haiders kommentarlos im Fernsehen übertragen, keiner hat Mut, denn der zahlt sich nicht aus in dem Land des Mittelmaßes, in dem der zugegebenermaßen brillante Fabulierer Sloterdijk die Funktion des Stellvertreters einnimmt. Wir haben unseren Philosophen, heißt es, und der Philoclown mit guten Einfällen wird von einem Podium zum anderen gereicht, wo er sitzt und sich reden hört, und alle 100 Sätze auch mal einen Gedanken hat, den man so nicht schon allzu oft vernommen hatte. Für den Feminismus erledigt Alice Schwarzer diesen Job.

Ansonsten überlassen die Bewohner des Landes das Feld der Vordenker den Fernsehmoderatoren und Comedians, die intellektuellen Debatten vornehmlich den Journalisten der Feuilletons der drei anerkannt wichtigen Zeitungen Deutschlands. Dass Diskurse in Zeitungen nur Journalisten und deren Eitelkeit zum Thema haben, ist unerheblich. Dass gerade ein Generationswechsel in den Chefredaktionen und Feuilletons stattfindet, und alle einflussreichen Positionen von einer neuen Riege männlicher eitler Idioten besetzt werden, ist unerheblich. Es gibt auch 2009 keine Chefredakteurinnen, keine Sendeanstaltschefinnen, kaum Intendantinnen. Macht nichts, wir können ja fernsehen.

Es gab einst Intellektuelle, habe ich mir sagen lassen, sie hießen Habermas und Luhmann und Adorno, sie sind entweder tot, verstummt oder waren wie im Falle Heideggers Nazis. Und tot. Ich kenne sie nicht mehr. Ich weiß mit dem Begriff “Intellektueller“ nichts anzufangen. Stelle mir darunter jemanden wie Susan Sonntag, Hannah Ahrendt oder Oriana Fallaci vor. Alle nicht deutsch, oder weggelaufen. Alle eine Mischung aus Publizistinnen und Philosophinnen. Und Frauen.

Vielleicht interessiert mich, was es an Intellektuellen geben könnte, wenn man sie nur genau suchte, nicht, weil es meist Männer sind, die sich eitel vor die Kameras und Mikrophone drängen? Man kann es Trotz nennen, doch interessieren mich die Meinungen von Männern nur sehr begrenzt. Sie gehören einer anderen Rasse an, es ist wichtig zu wissen, was diese Rasse denkt, man muss sie studieren, nur interessieren muss man sich ja nicht dafür. Ich misstraue Männern. Vielleicht ist das etwas Pathologisches. Aber ich möchte nicht, dass sie für mich denken. Das haben sie in den vergangenen Jahrhunderten mit mäßigem Erfolg getan. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, von Testosteron getrieben zu sein, oder später unter seinem Schwund zu leiden. Ich bin mit Schwund geboren. Es gibt einige wenige Frauen, die die Nerven haben, sich in den vornehmlich männerdominierten Medien durchzusetzen. Thea Dorn fällt mir ein, mit originellen Artikeln, aber es gibt zu wenige wie sie, weil es wohl vielen Damen zu anstrengend ist, zu kämpfen, um ihre Gedanken öffentlich und sich damit unbeliebt zu machen. Sicher ist nicht hilfreich, dass auch in der neuen Generation der Chefredakteure, Verleger und Fernsehanstaltsleiter Männer Machtpositionen innehaben, die sich lieber mit dem umgeben, was sie kennen: anderen Männern.

Wir leben in einer trägen Zeit. Die Soziologie versammelt unter dem Begriff „Intellektuelle“ Menschen, die zu reden und zu schreiben verstehen und mit ihrer Kritik öffentlich Dinge zur Sprache bringen, die an sich außerhalb ihrer eigenen Sachkompetenzen und Verantwortungsbereiche liegen. Ihre Erfolgschance beruht auf der Legitimationsfähigkeit durch in der jeweiligen Gesellschaft verbindliche Grundwerte und liegt vor allem in ihrem Störpotenzial.

Ein Ansatz also, der materiell nicht besonders Erfolg versprechend ist. Wer mit Verstand ausgestattet ist, verwendet den eher dazu, Investmentbankier zu werden als Schriftsteller oder Philosoph. In Deutschland äußert gering geschätzte und schlecht bezahlte Berufe. Vielleicht ist also in Deutschland die Zeit der Denker einfach vorbei. Es gibt außer dem überbordenden Kapitalismus kaum mehr Feinde, es scheint alles erklärt, erforscht, was bleibt, obliegt den Neurowissenschaftlern, den Soziologen. Die Verhaltenspsychologie sagt, dass der Einzelne am zufriedensten ist, wenn er wohlhabend ist, jedoch noch minimale Verbesserungen möglich sind. Überträgt man das auf ein Land, auf Deutschland, dann ist es nicht wohlhabend, sondern satt. Mit keinem Drang nach mehr. Es scheint, dass die Bevölkerung mit Castingshows zufrieden ist, mit Harry Potter und Börsenkursen. Das ist in Ordnung, denn all den Denkern der letzten tausend Jahre ist es nicht gelungen, den Menschen in der Grundzusammensetzung zu etwas Gutem zu formen. Und darum ist es möglicherweise egal, ob es sie gibt oder nicht, die Intellektuellen, nur so langweilig ist es ohne sie. So grau und reduziert auf unsere Grundbedürfnisse: Fernsehen schauen, essen und meckern.

Die Autorin Sibylle Berg, in Weimar geboren, jobbte in verschiedenen Berufen, bevor sie ihre schriftstellerische Karriere begann. Sie schreibt Essays, Romane, Kolumnen und Theaterstücke. Zu ihren wichtigsten Werken zählt Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, das bereits auf Chinesisch erschien, sowie Sex II, Amerika, Ende gut und Die Fahrt. Ihre Theaterstücke werden an verschiedenen Bühnen im In- und Ausland gespielt. Derzeit lebt sie in Zürich und Tel Aviv.