Porträt Tian Mansha (田蔓莎)

Tian Mansha
Tian Mansha | © Tian Mansha

Die modernen Aufführungen traditioneller Opern in der Komischen Oper Berlin haben dem künstlerischen Schaffen Tian Manshas wichtige Impulse gegeben.

Die stellvertretende Leiterin der Abteilung für chinesisches Musiktheater an der Shanghaier Theaterakademie Tian Mansha (geb. 1963) zählt zu den bedeutendsten Sängerdarstellerinnen der Sichuan-Oper in China. 1993 gründete sie „Manshas Birnengarten“ in Chengdu, das erste freie Theater im Südwesten Chinas, und trug damit sehr zur Stärkung der Sichuan-Oper bei. Neben ihrer Arbeit als Schauspielerin - sie trat u.a. in den Opern Lady Macbeth und Mulian rettet die Mutter auf – und als Regisseurin, unterrichtet sie an der Theaterakademie und widmet sich Aufgaben im Kulturmanagement.

Neben ihrer Arbeit mit traditionellen chinesischen Opern beschäftigt sich Tian Mansha auch mit modernem Experimentaltheater. Auf der Bühne hat sie einen eigenen naturgetreuen und ausdrucksvollen Stil entwickelt, der Wert auf Details legt. Bei ihren Inszenierungen strebt sie eine vollendete Verschmelzung von Tradition und Moderne, klassischer und zeitgenössischer Ästhetik, intellektuellen Inhalten und künstlerischer Form an. 2006 war Tian Mansha Kuratorin des Opernprojekts bei der Veranstaltung China - Zwischen Vergangenheit und Zukunft im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. In Zusammenarbeit mit Johannes Odenthal vom Haus der Kulturen der Welt entstand in deutscher Sprache das Buch Lebendige Erinnerung – Xiqu. Zeitgenössische Entwicklungen im chinesischen Musiktheater. Zweimal gewann Tian Mansha den „Pflaumenblütenpreis“, die höchste Auszeichnung des chinesischen Theaters. Das Musiktheaterkomitee des Internationalen Theaterinstituts (ITI) verlieh ihr beim Wettbewerb Meeting Music Theater NOW 2008 einen Sonderpreis für Sighing.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

In der ersten Jahreshälfte war ich damit beschäftigt, die Regiearbeiten an zwei Opern abzuschließen, und zwar für die Kammeroper Cai Wenji – Epos in 18 Strophen, die in Macao aufgeführt wurde, und für die Peking-Oper Leichte Wellen in stillem Wasser, die in Shanghai gezeigt wurde. Ende Oktober werde ich gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden, Wissenschaftlern und Künstlern auf Einladung des China Art Research Institute nach Kopenhagen fliegen und am 2. Chinesisch-Europäischen Kulturdialog teilnehmen. Anschließend werde ich die Wiederaufführung der experimentellen Sichuanoper Emotive sigh für die Europalia in Belgien vorbereiten. Die Aufführungen finden von Ende Januar bis Mitte Februar 2010 statt. Außer unseren Auftritten in Belgien haben wir auch Gastspiele in Amsterdam und München. Im November dieses Jahres werde ich zusammen mit der Bayerischen Theaterakademie an der Shanghaier Theaterakademie einen Theaterworkshop durchführen und dazu auch Lars von Trier, den Regisseur des Films Dogville, einladen, der zu dieser Zeit wegen des International Art Festivals in Shanghai sein wird.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Im Jahr 2000. Damals lud mich der künstlerische Leiter des Hongkonger Ensembles Zuni Icosahdron, Danny Yung (荣念曾), ein, bei dem großen Kulturaustauschprojekt Festival of Visions - Hong Kong in Berlin - Berlin in Hong Kong mitzuwirken, das er und Dr. Hans-Georg Knopp, damaliger Leiter des Haus der Kulturen der Welt, gemeinsam konzipiert hatten. Das war das erste Mal, dass ich in Berlin war und mit Deutschland in Berührung kam.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Die Begegnung mit Deutschland war für mein künstlerisches Leben ein Wendepunkt. Seit 2000 habe ich immer wieder Kontakt zu Universitäten, Kulturinstitutionen, Künstlern und Künstlerinnen und arbeite mit ihnen zusammen. 2001 trat ich zum Beispiel bei den Bremer Shakespeare-Tagen auf, war mit dem Meta Theater München auf Tournee und habe an der Universität in München und in der Münchner Ballettakademie Vorträge gehalten. Von 2003 bis 2006 arbeitete ich zusammen mit dem Haus der Kulturen der Welt an einem großen Kulturaustauschprojekt. 2006 schickte die Shanghaier Theaterakademie mit maßgeblicher Unterstützung des Goethe-Instituts zehn Dozenten und Dozentinnen für einen Monat zu einer Fortbildung gezielt nach Deutschland. Das war für alle eine sehr gute Erfahrung und ein tolles Erlebnis, und für mich persönlich war der Nutzen besonders groß. Nach unserem Deutschlandaufenthalt begann die Shanghaier Theaterakademie langfristige Kooperationsbeziehungen zu planen. Wir beabsichtigen, einige bedeutende deutsche Künstler zu Gastvorlesungen zu uns einzuladen. Im Moment halten sich der Operndirektor Philip Broeking von der Komischen Oper Berlin und der berühmte Komponist und Regisseur Heiner Goebbels an der Shanghaier Theaterakademie auf. In der Zukunft wollen wir noch viele weitere bekannte deutsche Künstler an unsere Akademie einladen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Meine Theaterbesuche. Von der Aufmerksamkeit der Zuschauer und ihrem Respekt für die Künstlerinnen und Künstler bin ich sehr beeindruckt. Und dann hat mich beim Wandern in den Bergen sehr beeindruckt, dass mich die Leute auf den Wegen sehr freundlich mit einem „Grüß Gott“ grüßten, was mich sehr berührt hat. Ich habe diesen Gruß dann auch gelernt und erwidert, denn ich finde, dass dies der beste Anfang ist, um mit Menschen in Kontakt zu kommen.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Bis jetzt hatte ich noch keins.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Ich esse sehr gerne Leberkässemmeln, Wurst und Sauerkraut.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Die Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit der Deutschen. Und natürlich ihre Autos.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich bin in vielerlei Hinsicht sehr beeindruckt. Am meisten beeindrucken mich das zeitgenössische Tanztheater, die Oper, die Musik und die Museen. Besonders die modernen Inszenierungen von traditionellen Opern in der Komischen Oper Berlin haben mich sehr inspiriert.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, mit jemanden einen Tag tauschen zu wollen. Ich finde, wenn man wirklich das ganz normale deutsche Leben kennenlernen möchte, dann ist der beste Weg, es am eigenen Leib zu erfahren, das ist sicherlich am authentischsten.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, mit der Dinge angepackt werden. Und außerdem noch das Engagement und die Leidenschaft, mit der Künstler ihre schöpferischen Ideale verfolgen.