Porträt Bi Feiyu (毕飞宇)

Bi Feiyu
Bi Feiyu | Foto: Sun Yi

2009 ist China Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Dadurch haben auch die Begegnungen des bekannten Schriftstellers Bi Feiyu mit Deutschland und den Deutschen zugenommen. Frühere Klischees sind nun endgültig zerstreut.

Der Schriftsteller Bi Feiyu wurde 1964 in Jiangsu geboren. 1987 machte er seinen Abschluss in Chinesischer Sprache und Literatur an der Pädagogischen Universität in Yangzhou und arbeitete danach zunächst fünf Jahre lang als Lehrer und weitere sechs Jahre als Journalist. Heute ist er Vizevorsitzender des Schriftstellerverbands der Provinz Jiangsu. Bi Feiyu schreibt Erzählungen und Romane, zu seinen bekanntesten Werken zählen Stillende Frau, Mondgöttin, Mais und Die Ebene. Bi Feiyus Werke sind vielfach ausgezeichnet worden, einige dienten als Vorlagen zu Filmen und TV-Serien. Sein neuster Roman über das Leben blinder Masseure in China erschien 2008 unter dem Titel Tuina und wurde von den Lesern sehr positiv aufgenommen.

Im März 2009 besuchte Bi Feiyu die Leipziger Buchmesse. Im Mai 2009 nahm er zusammen mit anderen Autoren aus Nanjing an der Veranstaltung wOrtwechsel teil, einem Dialog zwischen deutschen und chinesischen Schriftstellern. Auf Deutsch ist von Bi Feiyu 2006 Die Mondgöttin in einer Übersetzung von Marc Hermann erschienen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Im Moment bin ich nicht sehr beschäftigt, denn mein neuestes Buch Tuina ist im letzten Oktober herausgekommen. Normalerweise schreibe ich, nachdem ein Buch erschienen ist, ein Jahr lang nicht. Das nächste Buch werde ich wohl erst im Herbst anfangen. Diese Zeit des Nicht-Schreibens, wo ich nicht vor dem Computer und nicht im Haus sitze, ist für mich eigentlich die wichtigste, denn sie entscheidet darüber, was ich als nächstes schreiben werde. Insofern ist das auch anstrengend. Ich finde, das ist die wichtigste Zeit für einen Schriftsteller, beim Schreiben selber bin ich eigentlich nur noch Arbeiter.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Wenn die deutsche Literatur gemeint ist, dann habe ich als erstes die Klassiker Goethe und Schiller gelesen. Kontakt zu Deutschen hatte ich zuerst vor etwa 10 Jahren. Ursprünglich wollte ich mit Deutschen nichts zu tun haben, denn ich stellte sie mir sehr stur vor, sehr schweigsam und ernst. Später habe ich festgestellt, dass das gar nicht so ist. Eine erste Berührung mit Deutschen hatte ich bei einer Literaturveranstaltung in Shanghai, dabei habe ich gemerkt, dass Deutsche auch sehr lebhaft und ausgelassen sein können. Genau genommen beruhen viele unsere Vorstellungen von der Welt nicht auf eigenen Urteilen, sondern auf Vermutungen. So war diese Begegnung für mich sehr erhellend, man sollte keine blinden Urteile fällen, sondern seine eigenen Erfahrungen machen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Gar nicht. Mein Leben hat mit Deutschland wenig zu tun und meine Kontakte zu Deutschen sind nicht so eng, als dass sie einen großen Einfluss auf meine Leben ausüben würden. Allerdings habe ich doch viele deutsche Freunde.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Mein schönstes Erlebnis in Deutschland war es, in München Bier zu trinken. Ich habe mich betrunken und nachts zusammen mit einem englischen Dichter auf der Straße gesungen. Das hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Einmal wurde ich von der Polizei festgenommen, das war, weil ich nur ein Schengen-Visum mit einmaliger Einreise hatte. Ich war in die Schweiz gefahren und als ich zurückfuhr, wurde ich von den deutschen Grenzbeamten in Ulm vom Zug geholt und eine Stunde festgehalten. Damals konnte ich noch kein Englisch, so konnte ich Ihnen nur die Visitenkarte eines Professors an der Uni in Zürich geben, den sie angerufen haben. So wurde die Sache dann geregelt. Die Beamten waren nicht sehr höflich zu mir.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Schweinshaxe ist sehr gut!

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Autos.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich habe nicht viele Werke der deutschen Literatur gelesen, aber der Schriftsteller, der mir am besten gefällt, ist Herrmann Hesse. Ich mag seine Romane sehr gerne und finde, er ist der beste deutschsprachige Schriftsteller.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Über diese Frage habe ich wirklich noch nie nachgedacht. (Pause) Vielleicht mit dem Torhüter von Bayern München, der gerade aufgehört hat, mit Oliver Kahn.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Sich an Regeln halten, nicht über rote Ampeln fahren. Das ist besonders gut. Chinesen halten sich nicht an Regeln.