Porträt Nora Bossong

Nora Bossong
Nora Bossong | © Nora Bossong

Derzeit ist sie mit ihrem vielbesprochenen Lyrikband Sommer vor den Mauern auf Lesereise in Deutschland.

Die Lyrikerin und Schriftstellerin Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, studierte Kulturwissenschaft, Philosophie und Literatur an der Humboldt-Universität, der Universität Leipzig und der Università La Sapienza in Rom. Ihr Magisterstudium schloss sie mit einer Arbeit über den Regisseur David Lynch ab. Nach der Veröffentlichung von Gedichten in Anthologien und Literaturzeitschriften wurde sie 2006 mit dem Roman Gegend und 2007 mit dem Lyrikband Reglose Jagd einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Ihr zweiter Roman Webers Protokoll erschien 2009.

Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie mehrere Auszeichnungen, so zum Beispiel den Wolfgang-Weyrauch-Preis 2007 und den Kunstpreis Berlin in der Sparte Literatur 2011. Von 2008 bis Anfang des Jahres 2009 war sie Writer-in-Residence an der New York University (USA). Im gleichen Jahr ging sie für ein Artist-in-Residence-Programm vier Wochen nach China an die Universität Nanjing. Derzeit ist sie mit ihrem vielbesprochenen Lyrikband Sommer vor den Mauern auf Lesereise in Deutschland.

1. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt? 

Mit dem Einrichten eines neuen Romans und einer neuen Wohnung. Mit Poesie, Wirtschaftsethik und Ikea.

2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China? 

Als Kind bin ich regelmäßig ins Überseemuseum in Bremen gegangen. Dort gab es eine Modelllandschaft, die Szenen aus der späten Qing-Dynastie darstellte, eine Hochzeit (in rot), einen Leichenzug (in weiß). Das hat mich fasziniert, die Verkehrung von dem, was ich gewohnt war.

3. In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst? 

Europa kam mir plötzlich sehr provinziell vor, ein gut behütetes Nest, das mir nicht mehr ganz real erschien. Eine so veränderte Perspektive wirkt sich natürlich auch auf die eigene Arbeit aus.

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in China? 

In einem Gassenviertel hinter den großen Straßen. Ruhe und Unruhe zugleich. Das Gefühl, weiter weg ist nicht mehr möglich. Das Denken bricht ein wenig aus den verkrusteten Kategorien aus

5. Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Das scheinbar eingeübte Nichtwissen um einige Ereignisse aus der jüngsten chinesischen Vergangenheit.

6. Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Das kann ich nicht einschränken. Ich mochte die chinesische Küche sehr, sie ist vielfältig und fein.

7. Was ist für Sie „typisch Chinesisch“? 

Typisch Chinesisch gibt es sicherlich nicht. Eine meiner zahlreichen Beobachtungen: Die enge Familienbindung – während sich in Deutschland viele so schnell wie möglich abnabeln wollen.

8. Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten? 

Die Tonhöhen der chinesischen Sprache, die eine einzige Silbe in so viele unterschiedliche Bedeutungen wandeln.

9. Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen? 

Wenn ich noch einmal nach China reise, würde ich gerne wieder als ich selbst dorthin.

10. Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen? 

Der Glaube, dass Kunst und Literatur mächtige Mittel sind. Auf die Repressionen, mit denen diese Macht dann eingedämmt wird, möchte ich hingegen lieber verzichten.