Porträt Udo Hoffmann

Udo Hoffmann
Udo Hoffmann | © Udo Hoffmann

Udo Hoffmann brachte für das Projekt „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ seit 2007 über 100 deutsche Bands nach China.

Udo Hoffmann wurde 1957 in Nürtingen geboren und studierte in den 1980er Jahren an der FU Berlin Sinologie. 1989 kam er als DAAD-Lektor nach Peking. Bereits in seiner Jugend hatte Hoffmann erste Konzerte organisiert und so brachte ihn seine Leidenschaft für Musik auch in Peking bald in Kontakt mit der chinesischen Musikszene. 1993 rief er das Beijing Jazz Festival ins Leben, das bis ins Jahr 2000 regelmäßig stattfand. Zuvor hatte er bereits einige bekannte chinesische Musiker, u.a. Cui Jian (崔健), nach Berlin ins Haus der Kulturen der Welt gebracht. Gemeinsam mit einem chinesischen Partner leitete er über mehrere Jahre die Event-Agentur LogistiX. Zudem moderierte er die Sendung Drehscheibe Deutschland für einen Pekinger Fernsehsender.

Bei Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung, einer Veranstaltungsserie des Auswärtigen Amtes und des Goethe-Instituts, ist Udo Hoffmann für das Musikprogramm verantwortlich. Hierfür brachte er über 100 deutsche Bands nach Nanjing, Chongqing, Kanton (Guangzhou), Shenyang und Wuhan. Nächste Station ist die EXPO in Shanghai im Sommer 2010. Er gilt als der bekannteste Deutsche in der chinesischen Unterhaltungsmusikszene.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

In den letzten drei Jahren habe ich an einer Popfestivalreihe in China für das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut gearbeitet. Dieses Projekt im Rahmen der Veranstaltungsserie Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung war eine spannende Sache und eine wunderbare Chance, deutsche populäre Musik nach China zu bringen. Diese neuntägigen Festivals haben wir in fünf verschiedenen Städten organisiert, als letzte Station steht noch Shanghai aus. Während dieser Festivals treten täglich normalerweise fünf Bands auf, am Ende werden wir dann insgesamt über 100 Bands aus Deutschland gehabt haben, von Juli bis Clueso. Dies war vor allem deshalb spannend, weil die Festivals im öffentlichen Raum stattfanden, also mitten in der Stadt, in Parks oder auf Plätzen. Der Zugang war für alle offen, dementsprechend hatten wir dann auch zwischen 30.000 bis 50.000 Zuschauer an einem Abend. Es gibt nicht viele Festivals weltweit, die über neun Tage gehen und so viele Menschen anziehen. Es dürfte jedenfalls das größte Deutschpop-Festival in der Welt gewesen sein. Wir haben es so geschafft, dass einem großen Publikum deutsche Bands bekannt wurden.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Ich glaube, das muss so mit 13 oder 14 gewesen sein, und zwar mit China im Aufbau oder China im Bild, das waren so bunte Magazine, die für ein Kind hoch interessant waren, das in einem Wirtschaftswunderland aufwuchs und es gewohnt war, dass der Kühlschrank immer voll ist. Und da gab es dieses China, ein Land, das sehr verschlossen war, hinter dem Bambusvorhang, das war sehr fremd und interessant für mich. In der Jugend hat man dann natürlich auch mit linker Politik geliebäugelt, und da war China natürlich auch sehr interessant.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich habe fast mein halbes Leben in China verbracht. Mein Lebensmittelpunkt ist in China, weil hier Geschichte gemacht wird und hier sehr viel Bewegung ist. Es hat mein Leben beeinflusst, weil ich Teil dieser Bewegung bin und im Musikbereich einen gewissen Teil der Bewegung mitsteuern konnte. Insofern hat China mein Leben definiert.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Das ist eine schwierige Frage. In 25 Jahren gibt es so viele schöne Erlebnisse. Ein schönes Erlebnis ist aber zum Beispiel, wenn man merkt, dass man der Sprache mächtig ist. Man geht aus einem Gespräch heraus und merkt, dass man 100 Prozent verstanden hat. Das ist dann das Gefühl, wirklich in China angekommen und nicht mehr „drinnen vor der Tür“ zu sein.

Und dann natürlich die Festivals. Das erste Jazzfestival 1993 zum Beispiel war ein sehr schönes Erlebnis. Es war das erste moderne, nicht staatlich organisierte chinesische Musikfestival und ein Durchbruch für die populäre Musik in China. Aber eigentlich sind diese ganzen 25 Jahre schon ein schönes Erlebnis.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China? 

Auch eine schwierige Frage. In 25 Jahren gibt es natürlich auch jede Menge unerfreuliche Erlebnisse, aber oft sind aus den unerfreulichen Erlebnissen wieder schöne oder wichtige Erfahrungen geworden. Insofern ist diese Frage nicht klar zu beantworten.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Nudeln aller Art, und zum Glück hat jede Region in China ihre eigene Nudelspezialität.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Nach so langer Zeit in China gibt es für mich eigentlich nichts typisch Chinesisches mehr. Ich habe hier sehr viele Menschen kennengelernt, und sie haben alle ihre Eigenarten, aber typisch Chinesisch kann man da schwer sagen. Wenn man da etwas sagen müsste, dann ist vielleicht die Neugier typisch Chinesisch. Aber das könnte auch nur ein Zeitphänomen sein. Im Moment sind die Menschen hier sehr hungrig darauf, die Welt zu erfahren.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Anpassungsfähigkeit. Ich sage jetzt mit Absicht nicht die lange Geschichte oder die traditionell mit China in Verbindung gebrachten Kulturleistungen. Beeindruckt hat mich in den letzten Jahren nämlich, wie Chinesen sich an diese riesigen Veränderungen in ihrem Land anpassen. Diese Veränderungen sind enorm und passieren rasend schnell. In ganz kurzer Zeit hat sich das Land fast komplett verändert und trotzdem schaffen es die meisten Chinesen, damit einigermaßen selbstverständlich umzugehen und nicht unterzugehen. Das beeindruckt mich am meisten.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit zwei Personen. Erstens, mit einem Fahrkartenverkäufer in der Pekinger U-Bahn. Denn es fasziniert mich immer wieder, wie sie in aller Ruhe Fahrkarten verkaufen, während Millionen Menschen an ihnen vorbeiziehen. Zweitens, mit einem Polizeichef einer chinesischen Großstadt, ob in Peking oder Shanghai. Denn wenn ich Konzerte oder Festivals organisiere, sehe ich immer nur die eine Seite, aber es würde mich interessieren, wie es für einen chinesischen Polizeichef ist, wenn jemand in seiner Stadt ein Festival für Zehntausende von Menschen organisiert.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Neugier und den Hunger auf neue Dinge. Diese Dinge würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Dazu ein Sinn für Lebensqualität, der sich unter anderem in der Esskultur und einer gewissen Verwöhnkultur widerspiegelt.