Interview mit Zi Zhongyun Chinas Intellektuelle: moralische Instanz und neue Aufklärung (Teil II)

Zi Zhongyun (资中筠), ehemalige Direktorin des Institute of American Studies der CASS
Zi Zhongyun (资中筠), ehemalige Direktorin des Institute of American Studies der CASS | Foto: Zhang Xiangyang © ImagineChina

Eine Analyse der Lage der chinesischen Intellektuellen von den Umerziehungskampagnen der 1950er über die Kommerzialisierung des Alltags seit den 80ern bis zur aktuellen Nationalismuswelle.

Doch wie konnten sich die Intellektuellen so bereitwillig ergeben, warum haben sie ihre moralischen Urteilsnormen aufgegeben?

Wie ich schon sagte, einerseits weil sie ihr Vaterland liebten und darauf vertrauten, dass die Partei China auf den rechten Weg bringen würde; der zweite Grund war der „globale Trend“, man glaubte, dass das sozialistische Lager für die Zukunft stünde und das kapitalistische Lager für den Untergang, und natürlich wollte man historisch auf der richtigen Seite stehen. Ein weiterer Grund liegt in einer gewissen „Unart“ der chinesischen Intelligenzija. Einerseits steht der chinesische Intellektuelle ja in einer positiven Tradition, wenn es heißt, „weder Reichtum noch Ruhm kann ihn korrumpieren, weder Amt noch Verachtung kann ihn zum Wanken bringen, weder Waffen noch Gewalt können ihn beugen“, doch abgesehen davon gibt es bei ihm auch die Tradition, den Regenten zu lobpreisen, ich nenne das die „Kultur der Herrscherverehrung“. Auch diese Tradition ist althergebracht. Der exemplarischste Satz dazu stammt von Han Yu (韩愈), einem Dichter aus der Tang-Zeit (Anm. d. Übs.): „Wenn den Vasall auch Strafe trifft, ist es doch der weise Beschluss des Himmelskönigs.“ Ganz egal wie weit man degradiert wurde, selbst wenn man getötet werden sollte, der Kaiser stand immer noch für den „weisen Beschluss des Himmelskönigs“! Während die erste Tradition später verschwand, blühte allein die „Kultur der Herrscherverehrung“ auf. Chinesische Intellektuelle sind anders als die westlichen, selbst diejenigen, die eine westliche Bildung genossen haben, werden ihr Denkmuster, auf einen „weisen Fürsten“ zu hoffen, nicht los. Man hat immer die Hoffnung, es möge eine „Lichtgestalt“ auftauchen, die China rettet. So hat die „Kultur der Herrscherverehrung“ nach der Kampagne zur geistigen Umerziehung erst richtig ihre Blüten getrieben.

Viel schlimmer ist es, dass heutzutage die Liebe zur Heimat abgenomen hat. Abgesehen von meiner Generation, der die Sorge um Land und Volk im Blut liegt, wird die sogenannte Heimatverbundenheit umso schwächer, je jünger die Leute sind. Schließlich können die Menschen mit ihren Füßen abstimmen und müssen nicht unbedingt auf chinesischem Boden alt werden. Wenn es mir hier nicht passt, kann ich mein Glück woanders versuchen. In der Ära der Globalisierung ist an der Fluktuation der weltweiten Arbeitskräfte nichts auszusetzen, doch die Zunahme der Wahlmöglichkeiten verleitet einige Menschen zu „Opportunismus“ und „Pragmatismus“. Wo früher blindes Vertrauen herrschte, spricht man heutzutage ganz unbekümmert mit gespaltener Zunge. Man ist sich der Heuchelei wohl bewusst, aber was macht das schon: Heute bin ich hier und lobe dich in den höchsten Tönen, wenn es mir nur etwas bringt, doch morgen bin ich über alle Berge und kann gut und gerne aus der Ferne über dich herziehen.

Es gibt noch einen weiteren Grund, nämlich das Aufkommen der Marktwirtschaft. Einerseits haben sich die gedanklichen Fesseln kaum gelockert und andererseits gibt es den einträglichen Sog des Kommerzes. Dieser Zangengriff hat zur Folge, dass, wie man im Chinesischen sagt, „eine ehrenwerte Frau zu Prostitution gezwungen wird“, dass also die Moral korrumpiert wird. Ein Gewissen oder Zivilcourage gibt es nicht mehr. Dazu kommt, dass China momentan einen höheren internationalen Stellenwert hat als je zuvor, man kann heute stolz auf sich sein. Das Krisengefühl der Vergangenheit hat sich heute gelegt und schon meint man, dass man nichts mehr vom Ausland lernen muss. Viel lieber lässt man sich von den „himmlischen Friedenszeiten“ einlullen und bringt ein Lob auf die „Ära des Wohlstands“ aus. Die „Verehrung“ gilt heute also nicht unbedingt einem Einzelnen, sondern der „Wohlstandsära“. Ein weiteres extremes Verhalten ist die übertriebene Darstellung einer äußeren Bedrohung, der alte Spruch vom „ewigen Wunsch des Feindes, uns zu vernichten“. Beides läuft auf ein und dasselbe hinaus: Man richtet die Speerspitze nach außen, um die gravierenden sozialen Ungerechtigkeiten im Land und damit die wirkliche Krise zu verdecken.

Hat der Gerechtigkeitssinn der Intellektuellen heute denn so stark abgenommen?

Die Intellektuellen waren damals gegen die Nationalpartei (Guomindang), weil sie einen relativ hohen Anspruch an die Gerechtigkeit hatten und die Korruptheit der Guomindang nicht mehr ertragen konnten. Daher empfanden sie die Gesellschaft als sehr düster. Heute sieht das anders aus, man ist bereits abgestumpft und der Gerechtigkeitssinn ist stark aufgeweicht, man hat sich an Sachen gewöhnt, die einem früher unerträglich waren. Dabei hatte es im vergangenen Jahrhundert, Ende der 70er und während der 80er Jahre, eine „erneute Aufklärung“ gegeben, der Idealismus war geweckt und die Gedankenwelt der Menschen lebte auf, das hinterließ manch wertvolles geistiges Erbe. Leider war diese Phase der „erneuten Aufklärung“ zu kurz. Seit den 1990er Jahren hat sich das materielle Leben der Intellektuellen enorm verbessert. Wenn man als Elite etwas besser gestellt ist, also Ansehen und Privilegien genießt, steht viel auf dem Spiel, wenn man etwas Unliebsames äußert. Einerseits ist es das einem nicht wert, und andererseits erscheint es einem auch hoffnungslos.

So fühle ich mich heute enttäuscht und entmutigt. Mir ist aufgefallen, dass diejenigen, die am sensibelsten sind und sich am meisten über die Realität Gedanken machen, Leute jenseits der 80 sind. Wenn wir nicht darüber nachdenken, können wir es uns richtig gut gehen lassen, das gilt auch für mich. Aber meine Generation hat eben diese Marotte, die Sorgen um die soziale Gerechtigkeit der Gesellschaft, die Nöte der Bevölkerung und die Zukunft der Nation sind uns nicht auszutreiben. Sobald wir etwas weiter in die Zukunft denken, machen wir uns Sorgen. Bedauerlicherweise gibt es zu wenige Menschen von dieser Sorte, es kommt zu keinem gesellschaftlichen Konsens, zu keiner moralischen Kraft.

Darüber hinaus gibt es noch ein sehr seltsames Phänomen, nämlich den Schulterschluss von extremem Nationalismus und Populismus und das im Dienste der Autokratie. Nachdem China ökonomisch erstarkt ist, sind auch die „nationalen Studien“ in Mode gekommen, wohl als eine Form von Patriotismus. De facto ermutigt man jetzt den „Boom der nationalen Studien“, um den universalen Werten etwas entgegenzusetzen. Seit einem Jahrhundert ist das so, jedes Mal, wenn die Reformen gerade vor dem Durchbruch stehen, geht die alte Leier wieder von vorne los. Militärische Aufrüstung, Technologie und Betriebswirtschaft, China war offen für Vieles, ja selbst mit einigen Lebensweisen hat man sich angefreundet, aber in dem Moment, da man sich Richtung Demokratie und Freiheit reformieren muss, kommen die „Traditionalisten“ wieder hervorgekrochen und der gegen die Marktwirtschaft wetternde Populismus kommt ebenfalls wieder zum Vorschein. Dann heißt es, unser Land war doch eigentlich ganz toll, und manch einer behauptet sogar, China wäre niemals in seiner Geschichte rückständig gewesen.

China braucht wieder eine Aufklärung

Während sich die chinesische Wirtschaft auf Erfolgskurs befindet, reißen die internationalen Probleme in dieser Hinsicht nicht ab. Wie denken Sie darüber?

Meiner Ansicht nach werden sich die Wirtschaften Europas und der USA wieder erholen, sie werden nicht einfach so zusammenbrechen. Wir Chinesen können auch nicht ewig die Nase vorn haben, sobald es Probleme gibt, werden manche Leute vielleicht wieder mehr zur Besinnung kommen.

Gegenwärtig sind der Etatismus beziehungsweise der extreme Nationalismus besonders gravierend. Dabei müssen wir die Probleme, wie ich meine, aus neuen Perspektiven betrachten: zum einen aus einer globalen Perspektive und zum anderen aus dem Blickwinkel des Menschen. Man muss den Menschen wirklich zum Maßstab machen. Ein einseitiger Etatismus opfert das reale Wohlergehen breiter Bevölkerungsmassen zugunsten irgendeines Geltungsbedürfnisses. Bis zum Extrem getrieben kann das in einer faschistischen Diktatur enden.

Das eine ist die globale Perspektive, das andere der Blickwinkel des Menschen, leider gibt es darüber gegenwärtig keinen gesellschaftlichen Konsens. Meinen Sie, dass das chinesische Volk sich wirklich erhoben hat?

Es ist wirklich bedenklich, dass es diesen Konsens nicht gibt. Ständig heißt es, „China erhebe dich“, gerade so, als würde gegenwärtig ganz China vor den Ausländern zu Kreuze kriechen. Manchen Leute echauffieren sich, weil sie das Gefühl haben, dass die Chinesen zu schwach auftreten. Tatsächlich hat sich China gegenüber dem Ausland längst erhoben, es verfügt jetzt über ökonomischen Einfluss und steht aufrechter als je zuvor. Es scheint, als würde China den USA immer in allem beipflichten, aber ist es nicht eigentlich so, dass wir in der Diplomatie immer wieder auch „nein“ sagen? Das Wesen der Diplomatie beruht auf der Basis der realen Machtverhältnisse. Man wahrt soweit als möglich die Interessen des eigenen Staates, muss dabei aber auch gewisse Kompromisse eingehen. Auch wenn man in der Mao-Ära den Kampf gegen „Imperialismus, Revisionismus und Reaktionismus“ sehr hoch gehängt hat, hat man es im praktischen Umgang mit dem Ausland doch verstanden, aufeinander zuzugehen. Es war ein großes Glück für China, dass die sino-amerikanischen Beziehungen wieder hergestellt wurden und man sich auf kein militärisches Abenteuer eingelassen hat. Auf der anderen Seite hat sich China als ein Volk von Individuen gegenüber den inneren Machtverhältnissen noch nicht wirklich erhoben, seine grundlegenden Rechte werden weiter verletzt. Aber die oben erwähnte „Kultur der Herrscherverehrung“ zeigt, dass wir geistig noch nicht emanzipiert sind.

Wir müssen also etwas an unserer Art zu Denken ändern und unsere Sichtweise der „Vorglobalisierung“ auf die Sichtweise der Globalisierungsära umstellen, in diesem Sinne braucht China eine neue geistige Aufklärung.

Wie sollten sich die Intellektuellen in so einer Zeit verhalten?

Menschen lassen sich mit Geld kaufen, sie lassen sich korrumpieren, die Intellektuellen bilden da keine Ausnahme. Im Vergleich zu den 1980er Jahren haben viele Intellektuelle geistige Rückschritte gemacht. Aus ihrer Tradition heraus scheinen viele chinesische Intellektuelle den Wunsch zu haben, an politischen Entscheidungen und Diskussionen zu partizipieren. Wenn es zum „Lehrer der Herrscher“ nicht reicht, dann ist man eben ihr Berater oder „Think Tank“, um es mit modernen Worten zu sagen. Derzeit sieht es in China noch so aus, dass man sagt, was die Regierung hören will, man kann noch nicht unabhängig agieren. Ich denke, die chinesischen Intellektuellen sollten erst einmal aufhören, immer nach oben zu schielen. Wenn sie das überwunden haben, können sie viel unabhängiger über manches Problem nachdenken.

Gegenwärtig brauchen wir wieder eine Aufklärung. Es herrscht die Meinung, „Aufklärung“ bedeute, dass einige Wenige die Menschen von oben herab erziehen. Tatsächlich ist es so, dass die „Aufklärung“ mit ihrem Lichtschein der Vernunft das erhellt, was an Wissen im Innersten verborgen war. In einem System, in welchem die Gedanken lange in Ketten gelegt waren, muss und kann sich jeder selbst aufklären, und man kann sich auch gegenseitig die Augen öffnen. Ich selbst beispielsweise habe einen langen Weg der Selbsterkenntnis hinter mir und dabei haben mir viele Leute Impulse gegeben. „Auf der Suche nach dem rechten Weg, gibt es einen Ersten und einen Nächsten“, diese Weisheit darf kein Tabu sein. Diejenigen, die zuerst erwachen, haben die Pflicht, die eigenen Erkenntnisse mit Anderen zu teilen. Zunächst müssen sich die Intellektuellen selbst befreien, sich die Unabhängigkeit ihrer Person erkämpfen, ihre Abhängigkeit reduzieren und die „Kultur der Herrscherverehrung“ entschlossen boykottieren. Sie müssen gegenüber den weltlichen Dingen etwas gleichgültiger werden und den Komplex, auf eine „Lichtgestalt“ zu hoffen oder zu dieser aufzublicken überwinden. Sie müssen sich engagiert dem Volk zuwenden, insbesondere den jungen Studenten, und selbstbewusst die universellen Werte propagieren: die Menschenrechte, den Rechtsstaat, Freiheit und Demokratie. Das allein braucht es, um sie selbst und den Staat zur retten, mit „Verwestlichung“ oder Druck von außen hat das nichts zu tun.

Die Kraft des Einzelnen hat ihre Grenzen, trotzdem ist jeder Einzelne angehalten, sein Bestes zu geben. Die Freiräume dazu gibt es jetzt noch, und man sollte sie nutzen. Man muss alles Menschenmögliche tun, auch wenn man den Ausgang nicht kennt. Schließlich ist die Gesellschaft jetzt vor dem Hintergrund der Globalisierung in ihren Gedanken pluralistischer geworden und es gibt viele Lichtblicke. Hier und dort gibt es immer wieder gute Aufsätze oder Gedanken, die Frage ist nur, wie man diese Lichtblicke zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Darin besteht die Aufklärung. Es ist also an der Zeit, dass die Intellektuellen sich wieder als moralische Instanz etablieren.

 

 
Zi Zhongyun wurde 1930 in Shanghai geboren. 1947 wurde sie an der Yanjing-Universität in Peking angenommen. 1948 wechselte sie an die Fremdsprachenabteilung der Tsinghua-Universität, an der sie 1951 ihren Abschluss machte. In den 50er und 60er Jahren arbeitete Zi Zhongyun beim Chinesischen Komitee zur Verteidigung des Weltfriedens im Dienste der Diplomatie der Völkerfreundschaft und für internationale Veranstaltungen. Dabei dolmetschte sie auf internationalen Konferenzen ins Englische und Französische und bei auswärtigen Angelegenheiten auch für die politische Führung. Im Rahmen ihrer Arbeit hatte sie auch zu Zeiten, in denen China relativ abgeschottet war, Gelegenheit, Länder in Asien, Afrika, Europa und Lateinamerika zu besuchen und war drei Jahre in Wien stationiert. Während der Kulturrevolution wurde sie auf die Kaderschule des 7. Mai geschickt und vor dem Staatsbesuch Nixons in China für die Betreuung der ausländischen Gäste zurück nach Peking beordert. Anschließend war sie in der Freundschaftsgesellschaft für die Amerika-Arbeit zuständig. 1980 beschloss Zi Zhongyun, sich aus der Delegationsbetreuung zurückzuziehen, um sich der akademischen Forschung zu widmen. Auf ihren Wunsch kam sie zunächst zur amerikanischen Forschungsabteilung am China Institute of International Studies und begann, die Amerikastudien zu ihrem Beruf zu machen. Später wurde sie auf Einladung von Li Shen (李慎), dem damaligen Vizepräsidenten der Chinese Academy of Social Sciences, stellvertretende Direktorin des dort neu gegründeten Institute of American Studies, und drei Jahre darauf Direktorin. Seit ihrer Pensionierung 1991 ist sie als freie Wissenschaftlerin tätig.

 



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