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Fokus: Nacht
„Mit der Geliebten sind die Nächte hell und klar“

Zhou Yunpeng
Zhou Yunpeng | Foto: Wang Qiongnan

Im alten Griechenland zogen blinde Wandersänger im Land herum und sangen auf den Straßen ihre Lieder, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch der chinesische blinde Dichter und Sänger Zhou Yunpeng geht diesen Weg. In Dali sitzt er in der Sonne, zupft die Saiten seiner Gitarre und „liest“ mithilfe eines Audiogeräts Hörbücher.

Von Wang Qiongnan (王琼楠)

Welche Begriffe fallen Ihnen zu „Nacht“ ein?

Ruhe, Schlaflosigkeit, Seitensprung, Furcht, Gespenster, Gott, Tod, früheres Leben, Bewusstseinsstrom, Traumland, Kafka, Depression.

Eines Ihrer Gedichte hat den Titel „Kino der Blinden“ (盲人影院). Sie haben es in Anlehnung an das „Kino der Blinden“ verfasst, das in „Gespräche mit Kafka“ erwähnt wird. In einer Aufzeichnung schreibt Kafka über die Nacht: „Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht.“ Er sagt, für manche bedeute die Nacht einfach Schlaf, doch einige würden mit einem brennenden Holz in der Hand Wache halten. Was bedeutet die Nacht für Sie?

Nacht heißt für mich, so schnell wie möglich einzuschlafen, um Schlaflosigkeit möglichst zu vermeiden. Manchmal ist es für mich auch so, wie wenn bald eine Schauspielerei beginnt, und wenn sie fertig ist, zerstreut man sich wieder.

Was fasziniert Sie an der Nacht, im Vergleich zum Tag?

Dass man schönere Träume haben kann als tagsüber. Oder um Mitternacht einen Anruf der Geliebten zu bekommen. Oder aufzustehen und ein gutes Gedicht zu schreiben.

Das Licht der Sonne und die Rotation der Erde verursachen den Wechsel von Tag und Nacht. Doch dazwischen liegen die Zeiten der Dämmerung, der Wechsel vollzieht sich in einem langsamen Prozess. Wie erleben Sie in diesem Prozess den Tag und die Nacht?

Wenn es Tag wird, stehen ringsum die Leute auf und gehen zur Arbeit, in den Straßen füllen sich die Busse, das Sonnenlicht wärmt die Haut, im Radio und Fernsehen beginnen die Sendungen.

Sie schreiben in vielen Ihrer Gedichte von der Nacht, etwa „Es wird dunkel, die Lichter gehen an, lass uns heimgehen.“ („Leerer Becher“ 空水杯); „Öffne ich die Augen, ist es Tag; schließe ich die Augen, wird es Nacht.“ („Die Fische vergessen einander in der Weite der Gewässer“ 鱼相忘于江湖); „Der Tau der Nacht war das Licht ihrer glitzernden Tränen; damals weilte die Liebe in meinem Herzen.“ („Berggeist“ 山鬼); „Die Nacht ist so hell, wir können nicht schlafen“ („Der Arbeitslose“ 失业者). Können Sie etwas darüber sagen, was die Nacht für Ihr Schaffen bedeutet? Wie beeinflusst die Nacht Ihre Musik?

Manchmal ist das so eine Art Hintergrund, wie eine Grundfarbe. Unser Leben ist zur Hälfte schwarz, zur Hälfte weiß, doch in der Nacht kann die Fantasie ihre Flügel leichter ausbreiten. Außerdem hat die Nacht eine breite Symbolik, steht für das Geheimnisvolle des Lebens, für das tief im Herzen verborgene Unbewusste. Und das ist eben der Ort, wo die Musik geboren wird.

In Ihrem Album „Rinder und Schafe kehren ins Tal zurück“ (牛羊下山) singen Sie viele traditionelle Lieder, und auch der Titel bezieht sich auf ein altes Gedicht aus dem „Buch der Lieder“ (诗经), „Der Herr ist im Dienst“ (君子于役): „Die Hühner ruhen im Verschlag, die Sonne neigt sich dem Abend zu, Schafe und Rinder kehren heim.“ Im alten China standen die Menschen mit der Sonne auf und kehrten mit der Sonne zur Ruhe. Heute hingegen sind immer mehr Menschen an ein Nachtleben gewöhnt. Wie sehen Sie diese Umkehrung in den Städten, das Verschwinden der Nacht?

Das hat vor allem mit der Erfindung der Elektrizität zu tun. Wie Gott können wir sagen „Es werde Licht“, und wir zünden Lampen an, die schließlich die ganze Nacht über brennen. Zudem haben wir laute Musik, Bier aus der Biermaschine, Kaffee aus der Kaffeemaschine, Gitarren-Solos aus dem Synthesizer. Manche versuchen auch aus einem Gefühl der Vergänglichkeit heraus möglichst viel Genuss zu schöpfen, so dass die Nacht mehr und mehr abhandenkommt.

Was machen Sie normalerweise in der Nacht, haben Sie irgendwelche besonderen Vorhaben, oder spezielle Orte, wo Sie hingehen?

Ich schlafe. Wenn ich mal gar nicht schlafen kann, stehe ich auf, um zu lesen oder Gitarre zu üben. Ich gehe eigentlich nirgendwo hin.

Welche Autoren oder Bücher bevorzugen Sie in der Nacht? Gibt es einen deutschen Autor, den Sie besonders mögen?

Von den deutschen Autoren mag ich besonders Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns. Außerdem mag ich den Dichter Paul Celan, seine Werke sind so durchdrungen vom Atem der Nacht und des Todes.

Der mit Ihnen befreundete Dichter Zhai Yongming (翟永明) hat die interessante Idee des „Nachtbewusstseins“ vorgebracht: „Wenn du nicht jemand bist, der sich mit den gegebenen Zuständen abfindet, wirst du immer die passendsten Worte und Formen finden, das Nächtliche aufzuzeigen, das jeder Mensch in sich trägt. Und dort wirst du jenes stille Leuchten finden, das einzig die Tiefe der Nacht in sich birgt.“ Dichter haben eine besondere Sensibilität für die Nacht – können Sie uns als Dichter einige Gedichte zur Nacht empfehlen?

Die Todesfuge von Paul Celan: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken“. Das Gedicht Zu Ehren der Nacht (黑夜的献诗) von Haizi (海子): „Die Nacht steigt aus der Erde / bedeckt den hellen Himmel / kahle Erde nach der Ernte / deinem Innern entsteigt die Nacht / Du kommst aus der Ferne her / Ich gehe zur Ferne hin / der weite Weg führt hier vorbei / Der Himmel besitzt nichts / Warum spendet er mir Trost.“ Oder das Gedicht Für den Eremiten Wei der Achte (赠卫八处士) von Du Fu (杜甫): „Schwer ist es im Leben, einander zu begegnen / Wie Can und Shang am Himmel geht jeder seine Bahn / Wie ist doch heute Abend ein ganz besonderer Abend / Dass wir hier beisammen dieselbe Lampe sehn!“ Und Das verlorene Paradies von Johann Milton: „Die Stunde der Nacht, wo Alles sanft entschlummert / Mahnt uns zu gleicher Ruh; da Gott dem Menschen / Arbeit und Ruh in gleichem Maß verteilt / Wie Tag und Nacht.“

Der Mensch lernt die Finsternis zuallererst in der Nacht kennen. Dennoch bedeutet Nacht nicht ausschließlich Finsternis, und umgekehrt gibt es auch da, wo es hell ist stets noch dunkle Stellen. Wie sehen Sie die beiden Gegensätze?

Finsternis ist eigentlich mehr etwas Psychisches, die Nacht ist nur ein realer Ausdruck davon. Für jemanden, der tief verliebt ist, werden die Nächte mit der Geliebten hell und klar. Und wenn unser Leben von den dunklen Seiten des Schicksals getroffen wird, etwa durch Krankheiten, Liebeskummer oder tiefe Armut, dann erscheinen uns auch die Tage finster.

Der 1970 in Liaoning (辽宁) geborene Dichter und Sänger Zhou Yunpeng (周云蓬) ist der belesenste Vertreter der chinesischen Songwriter-Szene. Als er mit neun Jahren das Augenlicht verlor, war sein letzter Eindruck ein Elefant im Zoo, der mit dem Rüssel auf einer Mundharmonika blies. Als 15jähriger lernte er Gitarre spielen, mit 19 ging er an die Universität, als 21jähriger schrieb er Gedichte und mit 24 begann er im Land herumzureisen und sich seinen Unterhalt mit Gesang und Gitarre zu verdienen. Zurzeit lebt er in Dali (大理), Provinz Yunnan. Er schreibt Gedichte, singt Lieder und geht seinen Weg. „Ob wir sehen können oder nicht, das ist unser Schicksal. Ich liebe mein Schicksal, es ist am engsten mit mir verbunden, es ist eine Tür, die eigens für mich geöffnet und geschlossen wird.“

Wichtigste Werke: September (九月), Kinder Chinas (中国孩子), Drei Lieder von Du Fu (杜甫三章), Stumme Liebe (不会说话的爱情); publiziert wurde der Gedichtband Frühlings Ermahnung (春天责备) und die Essay-Sammlung Grüne Züge (绿皮火车). Das Lied Stumme Liebe (不会说话的爱情) wurde mit dem chinesischen Volksliteratur-Preise von 2011 in der Kategorie „Gedichte und Lieder“ ausgezeichnet.

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