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Fokus: Nacht
Gedanken eines Nachtbusfahrers

Nachtbus im Winter, Chang Chun
Nachtbus im Winter, Chang Chun | © IC Press


„Wenn keine Fahrgäste im Bus sind, macht er manchmal nicht mal Licht, dann glüht nur seine Zigarette in der schwarzen Nacht auf und er denkt zurück an seine erste Zeit als Nachtbusfahrer.“

Von Wang Tianting (王天挺)

Um 22 Uhr, bevor er zur Arbeit geht, macht Liu Baoshan (刘宝山) einen Alkoholtest. Es ist noch Zeit, also greift er zum Buch, das auf dem Tisch liegt. Im Moment liest er den Roman König des Krieges (战争的王). Es geht darin um Gefechte der chinesischen Armee mit den Japanern beim Vorrücken Richtung Burma. Das Schicksal jener Kompanie ergreift ihn so sehr, dass er merkt, wie sein Blutdruck wieder ansteigt. Er macht sich schnell einen Gingko-Tee, von dem man sagt, dass er blutdrucksenkend wirkt.

Seit er vor 15 Jahren die Arbeit als Nachtbusfahrer begann, plagen ihn gesundheitliche Probleme. Zuerst fielen ihm die Haare aus, sobald er sich den Kopf wusch. Also rasierte er sich eine Glatze. Und dann war da noch die Müdigkeit: Egal wie viel er am Tag  schläft, ist er dennoch müde.

„Noch zwei Jahre, dann höre ich auf“, denkt er. Er schaut zur Uhr, 22:30 Uhr, und nimmt den Busschlüssel. Daran hängt eine Marke mit seiner Busnummer: 98337. Wie üblich fährt er den Nachtbus Linie 206.

In Peking gibt es 15 Nachtbuslinien, alle beginnen mit der Ziffer 2, Nummer 201 bis 215. Den ersten Nachtbus gab es 1958, den 201er vom Guang'anmen (广安门) und Zhushikou (珠市口) nach Shilibao (十里堡). Das komplizierteste Schicksal hat der 204er: Ursprünglich fuhr er die gleiche Runde wie der Bus Nr. 4, der tagsüber verkehrte. 1968 wurde die Linie eingestellt, weil die Route durch „Umfahrung der Verbotenen Stadt“ angeblich „die feudale Macht“ schützte. Nach zwei Jahren zwar wiederbelebt, erholte sie sich von diesem Schlag nie wieder und wurde zur Nachtbuslinie. Seit 1993 gibt es die Linien 208 und 209, deren Fahrgastaufkommen am größten ist, da sie den Bahnhof anfahren.

Im Vergleich dazu ist die Strecke des 206er kaum befahren. Der Bus fährt 17 Kilometer von Zizhuqiao Süd (紫竹桥南) bis Zuojiazhuang (左家庄) und passiert dabei 15 Haltestellen. Es gibt ihn auch seit 1993. In jenem Jahr wurden mit ihm gleich acht neue Linien eröffnet. Davor hatte es in Peking nur vier Nachtbuslinien gegeben. Was die Linie 206 besonders macht, ist Liu Baoshan selbst. 1998 löste er einen in Rente gegangenen Fahrer ab. Viele Kollegen um ihn herum wechselten seitdem den Arbeitsplatz, doch er blieb und wurde so zu Pekings dienstältestem Nachtbusfahrer.

Seine wenigen Fahrgäste sind oft die gleichen, und mit der Zeit sind sie für ihn zu bekannten Gesichtern geworden. Wenn sie sich mal verspäten, rufen sie an und bitten ihn, ein paar Minuten länger zu warten. Meist tut er das auch. Die Telefonnummern hat er unter leicht zu merkenden Pseudonymen abgespeichert. „Gast Nr. 2“ oder „423“ sind die Fahrgäste der Linie 2 oder 423. „Yutaoyuan“ ist ein Fahrgast, der bei einem Fahrservice arbeitet und am Yutaoyuan (玉桃园) wohnt. Und „Gulou Xiaomei“, die „Kleine Pflaume vom Trommelturm“, ist Kellnerin eines Restaurants in Nähe des Gulou, des Trommelturms.

Er sieht auf die Uhr und weiß, dass der von ihm „DJ“ genannte Li Shan gleich zusteigen wird. Li Shan legt in einem Nachtklub auf und fährt schon sieben Jahre mit diesem Bus. Immer im Sommer bittet er beim Aussteigen Liu Baoshan, zwei Minuten zu warten. Dann rennt er nach Hause und kommt mit ein paar Stücken Wassermelone zurück. Ein bisschen später steigt der „Fatty“ genannte Fahrgast Lin zu. Er ist immer um Liu Baoshans Blutdruck besorgt und sagte einmal: „In Tuqiao gibt es einen guten Ort für Aderlass, kommst du mit?“

Aber Liu Baoshan weiß nicht, ob Großvater Wang heute kommen wird. Seinen Namen kennt er nicht, aber er weiß, dass er zweimal pro Woche mit dem letzten Bus der Linie 206 bis zum Zoo fährt, dort wartet, bis es hell wird und dann den ersten Bus in die Duftberge (香山) nimmt. An kalten Tagen ist Großvater Wang dick angezogen, und er hat immer eine Plastiktüte mit persönlichen Sachen wie Rentenpass und Portemonnaie bei sich. Einmal wollte er den Müll wegbringen, als er das Haus verließ und warf die falsche Tüte weg, also fuhr er mit einer Tüte Müll in die Duftberge.

Regelmäßige Fahrgäste sind Radio-DJs, Zeitungslektoren, Angestellte von Nachtklubs und 24 Stunden-Supermärkten. Am häufigsten aber trifft Liu Baoshan auf die Leute vom Fahrservice, die Betrunkene mit deren eigenen Autos nach Hause fahren. Sie kennen jeden Nachtbus in der Stadt, denn sie fahren ihre Klientel oft zu entlegenen Orten, und um das Taxigeld für den Rückweg zu sparen, haben sie ein Faltrad oder Skateboard dabei, mit dem sie schnell die nächste Haltestelle erreichen können.

Han Jiansu (韩建速) ist von einem solchen Fahrservice und hat schon 1103 Fahrten auf seinem Konto, doch unter den 8000 Fahrern der Firma gehört er damit gerade einmal zum Durchschnitt. Er setzt sich immer in die erste Reihe und plaudert mit Liu Baoshan, manchmal will er gar nicht aussteigen. Er nennt Liu Baoshan „kahler Bruder“ (秃哥) und sagt, er sei der beste Nachtbusfahrer von ganz Peking. Das ist Liu Baoshan etwas unangenehm. Er hat es am liebsten, wenn die Leute ihn einfach mit „Hallo, Meister Liu!“ begrüßen, das gibt ihm Kraft.

Wenn er müde ist, raucht er eine Schachtel pro Nacht – starke Golden Bridge (金桥) oder Black Cat (黑猫)-Zigaretten. Wenn keine Fahrgäste im Bus sind, macht er manchmal nicht mal Licht, dann glüht nur seine Zigarette in der schwarzen Nacht auf und er denkt zurück an seine erste Zeit als Nachtbusfahrer: Anfangs nutzten nur Nachtschwärmer aus den Klubs den Bus. Dann wurden es immer mehr Leute; die kleinen Restaurants von Zuojiazhuang hatte man abgerissen und dort Hochhäuser errichtet, und aus den ehemals engen Straßen wurde die Dongzhimenwai-Straße (东直门外大街). Mit den von der Flughafenlinie am Dongzhimen umsteigenden Leuten wurde der Bus quasi zum Reisebus, denn oft stieg eine größere Gruppe ein und wieder aus.

Ohne zu wissen warum, findet Liu Baoshan die Menschen nachts ruhiger und freundlicher. Ein stark geschminktes junges Mädchen war nach dem Tanzen im Bus eingeschlafen. Als Liu Baoshan sie weckte, lachte sie verlegen, beim Aussteigen steckte sie ihm einen 3M-Mundschutz zu. Sie habe ihn schon länger gehabt, aber keine Gelegenheit gefunden, ihn Liu Baoshan zu geben. Und eine laute Gruppe vom Fahrservice bestand einmal darauf, dass er anhielt und einen von ihnen fahren ließ, damit Liu mit ihnen zusammen singen könne.

Ihm kommt auch die alte Frau in den Sinn, die vor ein paar Jahren an der Haltestelle Zizhuyuan umherirrte und nicht nach Hause fand. Er bat seine Fahrgäste einen Moment um Geduld, hielt an und rief die Nummer an, die die Frau bei sich trug. Er erfuhr ihre Adresse, rief ein Taxi, bezahlte es und ließ sie nach Hause bringen. Zurück im Bus, beschwerte sich niemand, alle saßen ruhig und friedlich da.

Tagsüber passieren solche Dinge nicht. Für Liu Baoshan ist der Tag eine fremde, feindliche Zeit. Er empfindet die Sonne nur als blendend und die Geräuschkulisse als unerträglich laut. Jeder hat es eilig, mit diesem Rhythmus kann er nicht mithalten. Sogar die Gebäude sehen anders aus, die Schatten der Nacht und auch die funkelnden Lichter gibt es nicht mehr. Eines Morgens verfuhr er sich an einer Kreuzung, die er jede Nacht passierte.

„Du bist doch einen regelmäßigen Tagesablauf gar nicht gewöhnt!“, sagt Nan Linfeng (南林风), ebenfalls einer vom Fahrservice. Er bringt Liu Baoshan jedes Mal etwas mit, mal Glasnudeln, mal selbstgemachten Wein.

Manchmal überlegt Liu Baoshan, ob es nicht doch besser wäre, in die Tagesschicht zu wechseln. Er ist schon 43 und fürchtet, dass seine Kraft nicht mehr ausreicht. In den letzten vier Monaten hatte er keinen Tag frei, er hat in 15 Jahren nur ein chinesisches Neujahrsfest bei seiner Familie verbracht. In der Neujahrsnacht fühlt er sich besonders einsam. Auf der Straße sieht man kaum Leute, aber dann um Mitternacht kommen sie alle heraus und brennen Feuerwerk ab. Oft fuhr Liu Baoshan mit seinem leeren Bus traurig an ihnen vorbei, sehr schnell, als sei er auf der Flucht.

Schließlich will er nicht mehr daran denken. Um 4:30 Uhr stellte er den Bus an der Endhaltestelle ab und macht sich auf den Heimweg. Heute geht er besonders zügig, denn er will schnell schlafen, bis um eins etwa, dann muss er zur Elternversammlung seiner Tochter.

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