Philanthropie und Zivilgesellschaft Europäische Philanthropie-Konzepte

Plakataktion „Aus Aktion Sorgenkind wird Aktion Mensch“
Plakataktion „Aus Aktion Sorgenkind wird Aktion Mensch“ | © Aktion Mensch

Das Engagement für arme, alte und behinderte Menschen zählt zu einer der jahrhundertealten Traditionen Europas. Doch bis heute gibt es auch unterschiedliche Ansichten darüber, auf welche Weise man den Schwachen in einer Gesellschaft helfen muss.

Vor rund zehn Jahren waren in deutschen Städten große Plakatwände zu sehen, die einen selbstbewussten älteren Herrn im schwarzen Business-Anzug zeigten. Dieser Herr, der gut und gerne Vorstandsvorsitzender einer Bank hätte sein können, saß im Rollstuhl. Darunter war der Satz zu lesen: „Aus Aktion Sorgenkind wird Aktion Mensch“. Für mich, eine in Westdeutschland aufgewachsene Deutsche, dokumentierte dieses Plakat, wie sehr sich das Verständnis von „Behindertenhilfe“ gewandelt hatte. Es handelte sich hier nämlich um eine Imagekampagne, mit der die größte und erfolgreichste private Förderorganisation Deutschlands im sozialen Bereich die Änderung ihres Namens propagierte. „Aktion Sorgenkind“ hatte sie sich bei ihrer Gründung im Jahre 1964 genannt. Und als „Sorgenkinder“ betrachtete man damals Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, als „Kinder“, „um“ die man sich einerseits „Sorgen machte“, „für“ die man andererseits aber auch sorgen wollte. Dieser Doppelbedeutung des Begriffs „Sorgenkind“ im Deutschen entsprach die damals gängige Auffassung, dass Behinderte sozusagen als unmündige Kinder zu betrachten seien, die auf Betreuung und Fürsorge wohlwollender Helfer angewiesen bleiben. Das war eine Auffassung, die sich grundlegend gewandelt hatte. Menschen im Rollstuhl, so die Botschaft des Plakats, sind gleichberechtigte Mitglieder in einer modernen Arbeitsgesellschaft. Sie sind in der Lage, selbst zu entscheiden, wie sie leben wollen – und benötigen dabei allenfalls Unterstützung. Insofern war es nur folgerichtig, dass sich die „Aktion Sorgenkind“ im März 2000 in „Aktion Mensch“ umbenannte.

Spenden im Wandel der Zeiten

Das Beispiel zeigt, wie sehr sich außerdem die Formen des philanthropischen Engagements gewandelt haben. Die 1964 gegründete „Aktion Sorgenkind“ war ein „Kind des Fernsehzeitalters“. Die Spenden für die Behindertenhilfe wurden durch eine Lotterie aufgebracht, die an eine populäre Fernseh-Show gekoppelt war. Beliebte Fernseh-Moderatoren führten durch die Sendung und informierten die Zuschauer über die nicht nur materiellen Probleme körperbehinderter Erwachsener und Kinder. Knapp zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und des nationalsozialistischen Regimes, das Behinderte systematisch ermorden ließ, wurde vielen Deutschen damals bewusst, dass auch jeder einzelne Bürger etwas für das Wohlergehen Benachteiligter tun müsse.

Europäische Traditionen

Der Gedanke, dass für behinderte, kranke, alte und arme Menschen zu sorgen sei, – und zwar gerade auch dann, wenn diese Menschen nicht der eigenen Familie angehören – ist ein europäisches Erbe. So leitet sich der Begriff „Philanthropie“ aus den altgriechischen Wörtern „philein“ (= lieben) und „anthropos“ (= Mensch) her. Beide Wörter werden von den alten griechischen Philosophen schon im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung miteinander kombiniert und als Begriff für menschenfreundliches Denken und Verhalten gebraucht. Die antiken Denker – von Xenophon bis hin zu Themistius – verstanden darunter etwa Gastfreundschaft und Wohltätigkeit. Diese Tugenden jedoch erstreckten sich nicht auf sämtliche Menschen, sondern nur auf bestimmte Gruppen: auf die frei geborenen Mitbürger etwa, die eigene politische Klientel oder die Angehörigen der eigenen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Sklaven und (meist auch) Frauen waren davon ausgeschlossen. Und unter dem Begriff der Menschenfreundlichkeit verstand man – etwa bei Themistius im antiken Rom - meist vor allem die Milde des Herrschers gegenüber Schwächeren und besiegten Völkern.

Das änderte sich mit dem Aufkommen des Christentums. In den religiösen Traditionen des Christentums spielt der Begriff der „Nächstenliebe“ und des „Mitleidens“ (Mitempfindens) jedes Einzelnen mit dem Leid anderer Menschen eine zentrale Rolle. In der Bibel finden sich zahlreiche Legenden, wonach Gottes Sohn selbst Gesetzesbrechern und sozial geächteten Menschen Trost und Hilfe bot. In zahlreichen biblischen Fabeln wird die Hilfsbereitschaft und das „Mitleiden“ als vorbildliches Verhalten gepriesen. So etwa in jener Geschichte, in der ein Reisender einmal einen verletzten Fremden am Straßenrand findet, ihn zu sich nach Hause bringen lässt, seine Wunden versorgt und sich so liebevoll um ihn kümmert, als handele es sich um den eigenen Bruder.

Dass die realen Menschen in der Geschichte Europas keineswegs immer nach solchen Vorbildern handelten ist natürlich unbestritten. Wie sehr aber der normative Gedanke, dass man jedem Menschen in Not uneigennützig helfen müsse, in der europäischen Mentalität verankert ist, zeigen noch heute die schockierten Reaktionen mancher deutscher Touristen, die von ihren Alltagserlebnissen in chinesischen Städten berichten. Wenn dort jemand auf der Straße stolpere und hinfalle, so ist oft zu hören, reagierten die übrigen Passanten mit Gelächter – statt ihm wieder auf die Füße zu helfen. Dabei schockiert aus westlicher Sicht vor allem die Tatsache, dass ein solches als unmenschlich empfundenes Verhalten offenbar in China als völlig normal und akzeptabel empfunden wird. Und man sucht im Westen nach Erklärungen: Ist es die konfuzianisch geprägte Tradition, welche die chinesischen Passanten unempfindlich macht gegenüber dem Leid eines Menschen, der nicht der eigenen Familie angehört? Ist es pure Schadenfreude? Oder gar Unsicherheit, weil man mit seiner Hilfeleistung den anderen nicht zur Gegenleistung verpflichten will? Aber: Wie eigentlich wurde in den Gesellschaften Alt-Europas der Gedanke der uneigennützigen Hilfe praktiziert?

Mönche, Bürger, Aufklärer

Das im Christentum propagierte „Mitempfinden“ mit dem Leiden anderer hat bereits im europäischen Mittelalter ein Netz christlicher Armenfürsorge entstehen lassen: Mönchsorden und Nonnenklöster, aber auch christliche Bürgerfamilien bauten Krankenstationen und Altenheime für Mittellose, organisierten Armenspeisungen und sammelten Spenden von adeligen und wohlhabenden Förderern. In den adeligen und bürgerlichen Oberschichten Europas galt es als prestigefördernd, wenn man sich als großzügiger Spender zeigte: Man suchte sich als guter Christ zu geben, denn nach mittelalterlicher Auffassung galt es, für das künftige Seelenheil nach dem eigenen Tode vorzusorgen. Mit „guten Taten“ verdiente man sich sozusagen einen künftigen Platz im himmlischen Paradies. Was freilich in den folgenden Jahrhunderten für Debatten innerhalb der christlichen – katholischen und protestantischen – Strömungen sorgte, war die Bewertung von Armut: Waren die Armen sozusagen von Gott „gesegnet“, oder war ihre Armut ein Zeichen dafür, dass sie eben kein „gottgefälliges“ Leben geführt hatten? Und als die christlichen Traditionen spätestens im 17. und 18. Jahrhundert von aufklärerischen, rationalen und religionskritischen Geistesströmungen überlagerten wurden, änderte sich auch die Haltung der europäischen Eliten gegenüber „Bedürftigen“ und ihren Bedürfnissen. Der Philosoph Immanuel Kant forderte die Selbstbefreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Mündig jedoch kann ein Mensch erst durch Bildung und Aufklärung werden. Und so widmete sich vor allem das Bürgertum in den europäischen Handelsstädten den Bildungsinitiativen: Schulen wurden errichtet, Ärzte wissenschaftlich geschult, Stipendien an Mittellose vergeben, Privatparks und Museen für die Öffentlichkeit freigegeben. Einige europäische Fürstenstaaten, wie etwa Preußen, führten die allgemeine Schulpflicht für sämtliche Untertanen ein: dies freilich nicht nur aus uneigennützigen Motiven, sondern vor allem deshalb, weil man lese- und schreibkundige Fachkräfte für die Verwaltung benötigte. Zudem hatte die staatliche, aber auch die kirchliche Fürsorge durchaus ihre dunklen Seiten: Da Betteln und offen gezeigte Armut oft als Zeichen selbstverschuldeter Schwäche und Unmoral galten, richtete man Armenhäuser ein, in denen Männer, Frauen und Kinder unter gefängnisähnlichen Bedingungen arbeiten mussten. Oft wurden sie auch körperlich misshandelt.

Selbstorganisation statt Mildtätigkeit

Mit der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts entstand eine neue Tradition philanthropischer Tätigkeit. Neben die von den christlichen Kirchen betriebenen Armenfürsorge, neben die von Bürgergemeinden finanzierten Schulen und Waisenhäuser, neben die staatlichen Arbeitshäuser und die Stiftungen wohlhabender Privatleute traten nun politische Selbsthilfe-Organisationen benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen. So entstanden beispielsweise in Deutschland sozialdemokratische Arbeiter-Bildungsvereine mit eigenen Verlagen, Gesangsvereinen, Abendschulen und Wohlfahrtsorganisationen für Alte und Kranke. In der Weimarer Republik organisierten sich zeitweise sogar die vagabundierenden Obdachlosen in anarchistischen Zirkeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum und im Zuge der Jugendrevolten, die Ende der 1960er Jahre in Westeuropa und in den USA stattfanden, wurde der Gedanke der nichtstaatlichen Selbstorganisation erneut populär. Doch im Gegensatz zu den von politischen Massenparteien getragenen sozialen Einrichtungen begannen sich nun viele Bürger aus den europäischen Mittelschichten sozusagen dezentral zu organisieren: in Bürgerinitiativen, die Kindergärten betrieben, in kleinen Gruppen, die sich um straffällig gewordene Jugendliche kümmerten, in Privatinitiativen etwa von Körperbehinderten selbst, die behindertengerechte Wohnungen und öffentliche Verkehrsmittel forderten.

Wie stellt sich die Situation heute dar? In Europa ist der Grundsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ inzwischen allgemein akzeptiert – gerade auch seitens des Staates, der private Stiftungen ausdrücklich ermuntert und auch per Steuererleichterungen fördert. Zwar gibt es in den meisten europäischen Staaten schon seit etwa 150 Jahren eine staatliche Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung, sowie eine staatliche Sozialfürsorge, die vor allgemeiner Armut schützt, doch in Zeiten der Wirtschaftskrise fehlt vielen Städten und Gemeinden oft das Geld, um zusätzliche Sozialeinrichtungen zu finanzieren. Private Stiftungen und Initiativen, die sich um Benachteiligte kümmern, werden also auch von Behörden und Ministerien zum philanthropischen Engagement ermuntert.

Zu diesem Engagement zählen aber auch öffentlich geführte Debatten darüber, ob jede Hilfe, die in der Vergangenheit geleistet wurde, den Bedürftigen wirklich geholfen hat. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren gründeten ehemalige „Heimkinder“ einen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die deutsche Öffentlichkeit auf das Schicksal ehemaliger „Heimkinder“ aufmerksam zu machen. Es handelte sich dabei um Kinder, die in den Jahren von 1945 bis 1985 in deutschen Waisenhäusern Erziehungsanstalten gelebt haben: in Fürsorgeanstalten, die von den christlichen Kirchen oder von staatlichen Behörden betrieben wurden. Viele dieser Kinder kamen aus zerrütteten Elternhäusern, wurden schon als Kleinkinder in staatliche Pflege gegeben oder konnten aus anderen Gründen nicht bei ihren Eltern leben. In den „Heimen“, in denen sie untergebracht wurden, sollten sie eigentlich ein neues Zuhause finden. Doch statt christlicher „Menschenliebe“ und staatlicher Fürsorge herrschte in zahlreichen dieser Anstalten ein grausames, menschenverachtendes Erziehungsregime. Von Erziehern geprügelt, misshandelt und gedemütigt, häufig zu harter Arbeit gezwungen und manchmal sogar sexuell missbraucht, waren diese „Heimkinder“ auch später als Erwachsene oft unfähig, ein normales Leben zu führen. Als vor einigen Jahren einige dieser Menschen öffentlich über ihre leidvollen Kindheitserfahrungen sprachen, als Journalisten und Buchautoren über dieses Thema berichteten, kam es zur Gründung eines sogenannten „Runden Tisches“: Historiker, Wissenschaftler, kirchliche und staatliche Behörden, treffen sich – oft unter der Leitung eines Vertreters des deutschen Bundestages – regelmäßig mit Vertretern der ehemaligen „Heimkinder“, tragen Informationen zusammen, referieren aus offiziellen Akten und berichten über die damaligen Praktiken der Heimerziehung. Das Ziel dieser Sitzungen besteht darin, die damaligen Geschehnisse aufzuarbeiten, aus der Geschichte zu lernen und die ehemaligen Heimkinder bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit zu unterstützen. Die kirchlichen und staatlichen Behörden wiederum, bekennen sich inzwischen klar zu ihrer damaligen Verantwortung.

Diese Bereitschaft, vergangenes Unrecht selbstkritisch zu reflektieren, Konflikte zu benennen und öffentlich zu debattieren, ist ebenfalls ein Teil des philanthropischen Engagements in Europa. Eine „harmonische Gesellschaft“ um jeden Preis, wie es im offiziellen China von heute propagiert wird, erscheint vielen Europäern als wenig erstrebenswert. Den misshandelten „Heimkindern“ von damals, so meinen einhellig die Teilnehmer des „runden Tisches“, sei „öffentliches Verschweigen“ nicht mehr länger zuzumuten. Eine Gesellschaft, die innovativ sein wolle, müsse frühere Missstände offen eingestehen: nur auf diese Weise, könne man aus ihnen lernen: um einer Zukunft willen, die ihre Wirtschaftskrisen vielleicht nur mit menschenfreundlichem Engagement zu überstehen vermag.