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Philanthropie und universelle Werte

Ein Bürger der Stadt Weifang in Shandong betrachtet eine Spendenliste
Ein Bürger der Stadt Weifang in Shandong betrachtet eine Spendenliste | © www.icpress.cn

Wohltätigkeit ist nicht nur per se etwas Gutes – in ihrer organisierten Form ist sie für die gesunde Entwicklung der modernen chinesischen Gesellschaft unabdingbar, so der Pekinger Philosoph Han Shuifa (韩水法).

Wohltätigkeit gehört zum menschlichen Sozialverhalten, auch wenn aus den uns vorliegenden historischen Dokumenten nicht hervorgeht, wann genau ihre Ursprünge auszumachen sind. Die Philanthropie ist charakterisiert durch die generelle Mildtätigkeit Einzelner, anders gesagt durch die öffentlichen Gaben, die von privater Hand von natürlichen aber auch juristischen Personen, einem bestimmten Gegenüber zugedacht werden. Allerdings handelt es sich hierbei um eine moderne Definition, welche eine klare Abgrenzung zwischen staatlichem Handeln und privatem Engagement voraussetzt. Diese Grenze wiederum definiert sich durch eine Rechtsordnung, in welcher die persönlichen Rechte zentral sind. So basieren in diesem Sinne das staatliche wie das private Handeln auf gemeinsamen Normen. Eben dies ist der Ausgangspunkt, wenn man heute das Verhältnis zwischen Philanthropie und universellen Werten untersucht.

Von den Anfängen der menschlichen Zivilisation bis heute hat sich das allgemeine Verständnis der Menschen von Staat und Individuum, beziehungsweise von deren Verhältnis zueinander tiefgreifend gewandelt. Parallel dazu kam es auch bei Formen und Inhalten von Wohltätigkeit zu starken Veränderungen. Nichtsdestotrotz sollte das Wesen der Wohltätigkeit doch stets derselben Grundidee und Maxime entspringen, nämlich der Fürsorge und dem Respekt für die Mitmenschen. Zwischen der Fürsorge und Achtung für eine ausgewählte Gruppe von Menschen und der Fürsorge und Achtung für alle Menschen liegt indessen ein langer historischer Prozess des Wandels. Erst wenn sich die Philanthropie an alle Menschen richtet, die Hilfe benötigen, und nicht allein bestimmten Gruppen vorbehalten bleibt, kann die Rede davon sein, dass sich in ihr eine gemeinsame Idee der Menschheit oder mit anderen Worten „Universelle Werte“ verkörpern.

Die „Universellen Werte“ sind nichts anderes als ein moralisches und politisches Konzept und bezeichnen alle gemeinsamen Ideen und Normen, welche die Menschheit anerkennt und befolgt. Zweifelsohne sind sowohl „universell“ als auch „Werte“ Formulierungen der Moderne, haben sie sich doch erst mit Beginn der Neuzeit wirklich etabliert. Im vormodernen Westen wurden die Menschen in verschiedene Klassen eingeteilt, aufgrund derer sie unterschiedlich behandelt wurden. Es existierte zu jener Zeit also keineswegs die Vorstellung eines „allgemeinen Menschseins“ – dies war ein Konzept, das erst nach der Aufklärung aufkam. Auch im Alten China wurden die Menschen gemäß ihres jeweiligen vorgegebenen Gesellschaftsstatus’ unterschiedlich behandelt. Was es jedoch nicht gab, war die Unterscheidung aufgrund von Klassen, und so konnte schon früh die Idee einer Fürsorge und Achtung für alle Menschen entstehen.

„Menschlichkeit ist die Liebe zu den Menschen“, hatte Konfuzius gesagt, und der Philosoph Menzius führte das weiter aus: „Ein mitfühlendes Herz ist allen Menschen zu eigen; im Mitgefühl aber nimmt alle Menschlichkeit ihren Anfang; Menschlichkeit bedeutet, die Menschen zu lieben.“ In den Augen des Menzius liegt die Menschenliebe also schon im Wesen des Menschen begründet, und die Menschlichkeit als die Liebe zu den Menschen sollte eigentlich niemanden außen vor lassen. Diese Nächstenliebe und Anteilnahme finden sich deutlich im klassischen chinesischen Ideal von der „Großen Gemeinschaft“ verkörpert: „Wäre das große Dao verwirklicht, gehörte die Welt allen. Nur der wäre erwählt, der tugendhaft und talentiert ist. Man würde Aufrichtigkeit hochhalten und Harmonie pflegen. Den Menschen stünden nicht nur die Verwandten nahe und sie behandelten nicht nur ihre Söhne als eigene Kinder, sondern für die Alten wäre bis ans Lebensende gesorgt, jeder Gesunde hätte Beschäftigung und die Kinder wüchsen gesund und sicher heran. Um Verwitwete, Waisen, Alleinstehende, Behinderte und Kranke würde man sich kümmern. Männer hätten ihre Aufgabe und Frauen ihr Zuhause... Das würde man die ‘Große Gemeinschaft’ nennen.“ (Konfuzius: Buch der Riten, Kapitel: Entstehung der Riten) Dass aber der Konfuzianismus für das Individuum innerhalb der zwischenmenschlichen Hierarchie unterschiedliche Positionen und Regeln vorgab und den sozialen Beziehungskodex der „Drei Herrschaften und Fünf Tugenden“ etablierte, führte zu Abstrichen an einer allgemeinen Menschenliebe und setzte ihr Grenzen.

Die führende Position der konfuzianischen Ideologie bedingte, dass im traditionellen China, ausgehend von eben jener Nächstenliebe, sowohl die Familien als auch der Staat verpflichtet waren, den Armen zu helfen. So war der Staat selbst an privaten Wohltätigkeitsorganisationen, mit Ausnahme der Tempel, zum Großteil beteiligt. Hierin ist der Hauptgrund dafür zu sehen, dass sich das karitative Engagement seitens des Volkes oder Einzelner im Alten China nur schleppend entwickelte.

Die moderne Zivilgesellschaft beruht in ihrem Grundsatz auf den universellen Ideen von Freiheit und Demokratie, wobei im Kern dieser Ideen die Menschenwürde sowie die Sorge um die „menschliche Natur“ stehen. Letztere wurden folgerichtig zum Leitprinzip moderner verfassungsgebundener Staaten. Mittlerweile zählt Vieles, was ehemals in den Bereich der karitativen Mildtätigkeit und Mitmenschlichkeit fiel, zu den Grundpflichten des heutigen Zivilstaats. So gelten eine soziale Grundversorgung, das Existenzminimum und die Würde des Einzelnen nun als Teil der persönlichen Grundrechte. Infolgedessen setzt die Wohltätigkeit aus der Mitte der Zivilgesellschaft gemessen an den Lebensumständen der Menschen ihre Ziele weiter oben an und hilft in Notsituationen, die für den Menschen nicht unbedingt existenzbedrohend sind, bei Katastrophen, Krankheiten oder im Bildungswesen. Obwohl infolge regionaler Entwicklungsunterschiede sowie der Internationalisierung der Wohltätigkeit die existenzielle Nothilfe nach wie vor ein wichtiges Feld moderner Wohltätigkeit ist, wurde die Krisenhilfe in Situationen, die über die reine Existenzsicherung hinausgehen, zum Hauptanliegen zivilgesellschaftlicher Philanthropie.

Demzufolge ist Wohltätigkeit eine über individuelle Rechte und Ansprüche hinausgehende freiwillige soziale Handlung, sie besteht in öffentlichen Handlungen der Nächstenliebe durch Privatpersonen oder private Trägerschaften. In ihrer idealen Form hat sie die folgenden zwei Grundzüge: Erstens entspringt sie dem selbstbestimmten Handeln einzelner Bürger und ist Teil der bürgerlichen Rechte. Die Funktion, die der Staat hierbei übernehmen sollte, liegt, abgesehen von rechtlicher Absicherung, in einer angemessenen Unterstützung. Zweitens stellt die Wohltätigkeit innerhalb der Marktwirtschaft ein nichtökonomisches Handeln dar, sie ist eine moralische Handlung und entspringt dem Moralempfinden der Bürger. Infolge der unterschiedlichen moralischen Neigungen der Bürger sind auch die karitativen Tätigkeitsfelder entsprechend breit gestreut. Aber so groß die Skala der Wohltätigkeit auch sein mag, steht doch außer Zweifel, dass sie in ihrem Grundsatz stets den Menschen an sich meint und den Menschen zum Ziel hat.

So wird also ersichtlich, dass Philanthropie universelle Werte zur Voraussetzung hat. Aufgrund des sozialen und moralischen Wesens der Wohltätigkeit stellt sie heutzutage hohe Ansprüche an das Funktionieren von Demokratie und Rechtsstaat. Solange es kein gerechtes und effizientes Rechtssystem gibt, also kein ausgereiftes Rechtssystem mit den persönlichen Rechten im Zentrum, wird sich die Mildtätigkeit auf Basis bürgerlicher Eigeninitiative schwerlich auf eine effektive und umfassende Weise entwickeln. Weil moderne Wohltätigkeit immer von Organisationen getragen wird, kann es auch keine moderne Wohltätigkeit geben, solange es keine organisierten Vereinigungen gibt. Außerdem können, da moderne Philanthropie in großem Umfang Gelder und Mittel beansprucht, komplizierte und langfristige Hilfsoperationen ohne öffentliche und transparente Kontrollmechanismen unmöglich vernünftig umgesetzt werden. Öffentliche und transparente Kontrollmechanismen sind jedoch in der heutigen Zeit allein innerhalb eines demokratischen Systems denkbar.

Zusammengefasst ist die Wohltätigkeit in modernen Gesellschaften in zwei Aspekten in keinem Augenblick von den universellen Werten zu trennen: Der erste Aspekt ist ein Rechtssystem, das in seinem Kern die Menschenrechte garantiert, der zweite eine allgemeine Fürsorge und Achtung, die alle Menschen sowie ihre „menschliche Natur“ mit einbezieht.

Da in China die moderne Zivilgesellschaft noch keineswegs voll ausgebildet ist, gibt es in China einerseits einen dringenden Bedarf an Wohltätigkeit als auch ein weites Betätigungsfeld; andererseits legen die Unzulänglichkeiten in Rechtsstaatlichkeit und Demokratie der Philanthropie alle möglichen Steine in den Weg. Infolgedessen mag dem Leser Folgendes einleuchten: Die Förderung des Wohltätigkeitssektors kann zugleich auch die Etablierung und Entwicklung der Zivilgesellschaft voranbringen; das heißt, die Wohltätigkeit ist nicht nur per se etwas Gutes, sondern hat auch eine enorm positive Bedeutung für die gesunde Entwicklung der modernen chinesischen Gesellschaft insgesamt sowie ihrer einzelnen Bereiche und Ebenen.

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