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Verein in Deutschland
Vereine in Deutschland - vom Kaninchenzüchter zum Feuerwehrmann

Mitglieder der Freiwillige Feuerwehr Erfurt
Mitglieder der Freiwillige Feuerwehr Erfurt | Foto: Hendrik Schmidt © picture-alliance/ ZB

Die Deutschen gelten zu Recht als Vereinsmeier. Schätzungen gehen von bis zu einer halben Million Vereinen in Deutschland aus.

Von Franziska Schwarz

Der „Vereinsmeier“ ist ein anstrengender Zeitgenosse. Seine Mitgliedschaft im Verein ist ihm unglaublich wichtig – am liebsten als Vorsitzender. Er hält seiner Gruppe die Treue bis zum Tod, und den Nachruf und die Kranzniederlegung am Grab soll am liebsten der Vereinsvorstand besorgen. Der murrende Bursche im Kaninchenzüchterverein ist ein beliebter Witz. Weil die Deutschen aber immer weniger im Vereinsheim hocken, stirbt der Vereinsmeier aus, sagen manche. Die Freude am Vereinsleben offensichtlich nicht: Online-Communities wie www.meinverein.de helfen neuerdings bei der Suche nach Mitstreitern, seien es nun Kleingärtner, Computer-Hacker oder Fans von Modell-U-Booten.

Fast die Hälfte aller Deutschen ist Mitglied in einem Verein. Die Mehrheit treibt dort Sport oder engagiert sich in der Kirche, doch auch die „Freiwillige Feuerwehr“ oder der örtliche Schützenverein gehören für viele zum Alltag. Ein Verein ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Gleichgesinnten, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: Freizeitaktivitäten, gemeinnützige und weltanschauliche Interessen, Selbst- und Fremdhilfe. Prinzipiell kann jeder Interessierte dem Verein seiner Wahl beitreten, eine Eignungsprüfung gibt es nicht.

Interessengruppen oder Parteien sind eigentlich keine „echten“ Vereine, auch wenn sie unter das deutsche Vereinsrecht fallen können. Das gleiche gilt für Verbände, denn im Unterschied zu einem Verein vertritt zum Beispiel ein Berufsverband die Interessen seiner Mitglieder überregional – Vereine handeln meist lokal.

Vereinswesen in West- und Ostdeutschland

Deutsche Wörterbücher kennen den Begriff „Verein“ seit 1774. Ab dem 19. Jahrhundert versuchte der Obrigkeitsstaat, das Vereinswesen zu kontrollieren und fügte dem Bürgerlichen Gesetzbuch ein Vereinsrecht hinzu. Noch bevor das 19. Jahrhundert zu Ende ging, hatte es einen regelrechten Vereinsgründungs-Boom gegeben. Die ersten Vereine waren Sprach- und Lesegesellschaften gewesen, eine Initiative bürgerlicher Schichten. Im Berliner „Montagsclub“ zum Beispiel trafen sich seit 1749 Gelehrte, Schriftsteller und höhere Beamte, um über Literatur und Philosophie zu plaudern.

Bald gründeten auch Arbeiter Vereine, nicht nur für Bildung und Kultur, sondern auch als Reaktion auf soziale Missstände. Besonders prägend wurden in Deutschland die Vereine aus dem sozialdemokratischen und dem katholischen Lager: Die Arbeitervereine kämpften für bessere Arbeitsbedingungen, gemeinnützige kirchliche Verbände halfen Menschen in Not.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Interessenverbände innerhalb kurzer Zeit aufgelöst oder gleichgeschaltet. Einige Verbände änderten nur ihren Namen und die Vereinssatzung dahingehend, dass sie mit der Ideologie der Nationalsozialisten übereinstimmte.

Mit der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg teilte sich auch die Entwicklung der Vereine. Während es in der BRD wieder ein freies Vereinswesen gab, existierten in der ehemaligen DDR – bis auf Sportvereine – offiziell keine Vereine. Alle gesellschaftlichen Organisationen wurden von der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) überwacht und angeleitet. Nur den Kirchen, besonders der evangelischen, gelang es, ein gewisses Vereinswesen zu führen, zum Beispiel die Jugendorganisation „Junge Gemeinde“. Ende der 1980er Jahre bildeten sich unter dem Schutz der Evangelischen Kirche auch Friedens- und Menschenrechtsinitiativen, die maßgeblich zur Maueröffnung 1989 beitrugen.

Wie gründet man einen Verein?

 „Drei Deutsche – ein Verein“ hieß es schon im 19. Jahrhundert. Tatsächlich müssen es mindestens sieben Personen sein, um ins Vereinsregister zu kommen. Das geht mit einer notariell beglaubigten Anmeldung bei einem Registergericht. Mit der Eintragung in das Register gilt der Verein als juristische Person, das heißt, er kann Verträge abschließen, klagen oder verklagt werden. Außerdem müssen die Mitglieder – anders als ein nicht-eingetragener Verein – nicht mit ihrem Privatvermögen haften. Ein eingetragener Verein führt die Abkürzung „e.V.“.

Die Gründer eines Vereins müssen volljährig sein und eine verbindliche Satzung festlegen, in der Informationen wie Name, Sitz und Zweck des Vereins stehen. Zur Gründung gehört auch die Wahl eines Vorstands, der den Verein nach außen vertritt. Natürlich kann man auch einen nicht-eingetragenen Verein ins Leben rufen. Dafür genügen sogar nur zwei Personen.

Eng verzahnt: Vereine und Zivilgesellschaft

Vereine finanzieren sich über Mitgliedsbeiträge und Sponsoren. In einem Sportverein beispielsweise arbeiten Trainer und Platzwart oft ehrenamtlich. Doch auch im sozialen Bereich engagieren sich viele Deutsche ohne Entgelt. Die Bahnhofsmission beispielsweise ist eine kostenlose Anlaufstelle für Bedürftige. Es gibt sie auf knapp 100 Bahnhöfen in Deutschland. Freiwillige, oft auch Zivildienstleistende, bieten in den Teeküchen Brötchen an, organisieren einen Schlafplatz, oder helfen beim Ausfüllen von Behördenpapieren.

Gerade in der Wirtschaftskrise wird das ehrenamtliche Engagement zunehmend wichtiger; der soziale Sektor hätte ohne die vielen Helfer ein Problem. So ist ein eigenes Gesetz zur Förderung des Ehrenamtes geplant, 2009 wurde zum ersten Mal der „Deutsche Engagementpreis“ verliehen.

Über das ehrenamtliche Engagement in Deutschland existieren unterschiedliche Zahlen. Der „Freiwilligensurvey“ wird von der Bundesregierung seit 1999 herausgebracht. Er gab 2004 eine Quote von 36 Prozent an; das Allensbach Institut ermittelte 2007 nur 18 Prozent; der „Engagementatlas“ der Prognos AG vom vergangenen Jahr rechnete vor, dass die unentgeltlich geleisteten Arbeitsstunden einem jährlichen Arbeitswert von etwa 35 Milliarden Euro entsprechen.

„Es gibt immer mehr Selbsthilfeorganisationen“, stellt Peter Knuff, Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Vereine und Verbände (bdvv), fest. „Ehrenamtliches Engagement findet fast immer im Verein statt. Ich wüsste nicht, wo sonst.“

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