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Fokus: Kultur Heute
Das Museum – „die charakteristischste Institution der Moderne“

Die Kunsthalle Fridericianum
Die Kunsthalle Fridericianum | © Kassel Marketing GmbH/Fotograf: Paavo Blåfield

Der Gestaltwandel der „Kultur“ in der Moderne zeigt sich nirgendwo so deutlich wie im Museum, meint der Historiker Christoph Bartmann.

Von Christoph Bartmann

Alle Welt fährt nach Kassel, jedenfalls zur Documenta, wenn sie jedes fünfte Jahr (und das nächste Mal 2012) dort stattfindet, in einer ansonsten unauffälligen mittelgroßen Stadt in Nordhessen, die von der Schwer- und Rüstungsindustrie geprägt war und von der der Zweite Weltkrieg, auch deshalb, nicht viel übrig ließ. In Kassel hat 1955 Arnold Bode die Documenta ins Leben gerufen, eine regelmäßig wiederkehrende Weltausstellung der modernen Kunst. Er tat dies in den Ruinen des im Krieg zerbombten Museums Fridericianum. Das Gebäude hatte der Pfalzgraf Friedrich II. am zentralen Platz Kassels errichten lassen, und zwar, ganz im Geist der Aufklärung, als öffentliches Museum, das in seinem Baustil an die Sammlungen des klassischen Altertums anschließen sollte. 1779 wurde in Kassel das erste öffentliche Museum auf dem europäischen Kontinent eröffnet, ein Haus mit einer Antikensammlung und einer „Galerie der modernen Statuen“, einem Medaillen-, einem Automaten- und einem Uhrenkabinett, einem Saal mit Kupferstichen, einem anderen mit der Landesbibliothek und schließlich mit einer Sammlung naturwissenschaftlicher Instrumente. Das Fridericianum sollte ein Haus des öffentlichen Wissens, des Kunstgenusses und der Forschung sein. Erst 1793 folgte nach einem Dekret der französischen Nationalversammlung der ehemals königliche Louvre in Paris; vorangegangen war freilich – „being a national establishment, founded by Authority of Parliament“ – das Britische Museum in London, das seit 1753 als Staatsmuseum fungierte. Als erstes in einer beinahe endlosen Reihe von „Nationalmuseen“ überall auf der Welt war es der Aufgabe verpflichtet, die Gesamtheit der im Lande und außerhalb seiner Grenzen gesammelten und auch erbeuteten Kunst- und Kulturschätze (die Wissenschaften waren damals von den Künsten weniger geschieden als heute) zu präsentieren und für das Publikum und die Forschung zu erschließen. Bis aber die Öffentlichkeit tatsächlich Zugang zu den Exponaten erhielt, vergingen weitere Jahrzehnte. Erst 1810 führte man in London, in Anlehnung an den Louvre, regelmäßige Öffnungszeiten mit Zugang für alle Bürger ein.

Wahrscheinlich zeigt sich der Gestaltwandel der „Kultur“ in der Moderne nirgendwo so deutlich wie im Museum. Als „die charakteristischste Institution der Moderne“ hat sie einmal der Kulturtheoretiker Boris Groys bezeichnet: Weil die programmatische Mission des Museums die „Produktion und der Erhalt von Modernität“ sei. Wie kann das sein, wenn sich die klassischen Museen fast ausnahmslos um die klassisch-antiken Bestände kümmern und die Gegenwart fast vollständig aus dem Blick lassen? Eben dies, kann man antworten, macht die Modernität des Museums aus. Die Vergangenheit ist vorbei, sie herrscht nicht länger durch den Souverän oder die Kirche über die Gegenwart. Das Museum ist ein Kind der bürgerlichen Revolution, die den alten metaphysischen, genealogischen und religiösen Ordnungen abgeschworen hat und keine Ordnung mehr anerkennen will als die der „Vernunft“ und der „Nation“. Indem das moderne Museum die alten Kunstschätze sammelt, einhegt, beschriftet und zur Interpretation oder Bewunderung freigibt, bannt es gleichzeitig seine alten magischen und herrschaftlichen Kräfte.

Zugleich ist das moderne Museum ein Institut der Demokratie. Nicht mehr ist das Kunstwerk, wie im feudalen Zeitalter, Eigentum von Kirche und König, die das Volk nach Belieben in ihre Schatz- und Wunderkammern hinein schauen ließen oder nicht. Das Museum soll allen gehören, der ganzen Nation ebenso wie ihren Bürgern. Schon vor der Revolution hatten französische Kritiker beklagt, dass in den königlichen Sammlungen die großen Kunstwerke festgehalten würden wie in einem Gefängnis, dass sie ins Exil verbannt oder geradezu in einem Mausoleum aufgebahrt wären. Zur Idee des modernen Museums gehört die Forderung nach Öffentlichkeit (und damit nach Enteignung der vormaligen Besitzer); zu ihr gehört ebenso die Vorstellung, dass „musée“ und „académie“ zusammen gehören: der Ort, an dem die Artefakte ausgestellt sind und der Ort, an dem die wissenschaftliche und intellektuelle Auseinandersetzung mit ihnen erfolgt. Moderner als die neuen Museen, die an der Schwelle des 19. Jahrhunderts überall in Europa und dann auch außerhalb Europas entstehen, ist die Kultur auch später nicht mehr gewesen.

Im Gegenteil: Die Museen - und mit ihnen die Kultur von heute - laufen Gefahr, den radikalen Anspruch auf Modernität, Demokratie und Öffentlichkeit preiszugeben, der vor mehr als 200 Jahren erstmals artikuliert wurde. Das Museum sei „ein Ort der Reflexion, nicht der Sensation“, hat der berühmte deutsche Kunsthistoriker Hans Belting einmal gesagt. Schaut man sich in heutigen Museen um, stellt man unschwer fest, dass der Staat vielerorts versucht ist, sich aus seiner Verantwortung – „being a national establishment“ – davon zu stehlen. Wenig Geld wird für die Pflege der Sammlungen aufgewendet, noch weniger für neue Ankäufe, relativ viel hingegen für neue, spektakuläre Museumsbauten, deren Finanzierung und künstlerische Füllung dann oft fraglich bleibt. Groß ist die Hoffnung auf „Private Public Partnerships“, aber selten überzeugen die Ergebnisse. Große Museen mit „Flagship“-Charakter wie Guggenheim oder der Louvre versuchen sich als „Marke“ zu globalisieren, was zwar den Namen dieser Häuser in entfernte Weltgegenden befördert, vom ursprünglichen Auftrag jedoch ablenkt. Das Museum ist nach der Phase der öffentlich-demokratischen Emanzipation um 1800 und vieler politisch-ideologisch bedingter Verwirrungen seitdem, wie es scheint, in die Phase des „Eventismus“ und „Sensationalismus“ eingetreten. Wobei ein großes und erst recht ein neues Museum immer eine Sensation ist und zu sein hat: das „Neue Museum“ auf der Berliner Museumsinsel ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Ohne die Verbindung von öffentlicher Verantwortung, künstlerischer Freiheit und privatem Engagement wäre es freilich, so wenig wie irgendein anderes großes Museum, so wenig wie irgendeine große kulturelle Leistung zustande gekommen.

Christoph Bartmann, Jahrgang 1955, ist seit 2008 Leiter der Abteilung „Kultur und Information“ in der Zentrale des Goethe-Instituts in München. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte promovierte er in Germanistik. Seit 1988 ist er in verschiedenen leitenden Positionen für das Goethe-Institut in Santiago de Chile, Prag und Kopenhagen tätig gewesen. Er verfasst regelmäßig Literaturkritiken für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung.

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