Fokus: Kultur Heute Erfolgreich, frei und wahrhaftig – warum Künstler die Helden der Gegenwart sind

Künstlerisches Schaffen
Künstlerisches Schaffen | © www.colourbox.com

Der Feuilleton-Redakteur der ZEIT, Hanno Rauterberg, über die unterschiedlichen Projektionen, die Künstler in unserer heutigen Gesellschaft auf sich ziehen.

Wenn wir einige Jahre zurückschauen, fällt auf, dass es nach dem Ende der einst umjubelten New Economy ausgerechnet die Kunst war, die zu jenem Feld wurde, auf dem sich mit wenigen Ideen die erstaunlichsten Effekte erzielen ließen. Und nicht wenige Sammler zeigten sich nicht nur von der Kunst als solcher fasziniert; mindestens ebenso sehr fesselten sie die Mechanismen des Kunstmarkts. Die enge Verwandtschaft von Kunst und Geld hatte es ihnen angetan. Anders als mit einem Buch oder einer CD, das muss man sich noch einmal vor Augen halten, kann man mit Bildern spekulieren. Man kann sich an ihrer Schönheit erfreuen und nebenbei darauf hoffen, dass sich diese Schönheit gehörig auszahlt. Tatsächlich gibt es Menschen, die mit Aktien oder Immobilien sehr reich geworden sind, denen aber ihr eigener Reichtum fremd ist. Sie haben ihr Geld ja nicht in den Händen, es existiert nur als digitale Kennziffer. Die Kunst jedoch erlaubt es ihnen, sich im wortwörtlichen Sinne ein Bild ihres Geldes zu machen – unsichtbare Werte werden sichtbar. Und also gelten die Künstler nicht Wenigen als die großen Wertevermittler. Sie sind die Meister der spekulativen Fantasien, so könnte man sagen. Manche Unternehmer erkennen in ihnen daher auch ihresgleichen, die Künstler gelten als großartige Entrepreneure.

Und wer wollte leugnen, dass sie es auch sind? Selbstständige, die ganz auf sich gestellt, ihren eigenen Ideen folgend, auf eigene Rechnung arbeitend, ihre Kunst zu Markte tragen. Nicht zufällig fühlen sich von diesen Selfmade-Künstlern vor allem Sammler angezogen, die selber Selfmade-Erfolgreiche sind, Sammler wie Francois Pinault oder Charles Saatchi, die klein begonnen haben.

Überspitzt formuliert: Von Künstlern lernen, heißt Wirtschaften lernen. Deshalb legte der Kulturkreis des Bundesverbands der Deutschen Industrie 2004 eigens ein Förderprogramm auf: um die „kulturelle Kompetenz“ von Wirtschaftsstudenten zu fördern. Weil 90 Prozent von diesen in einer Umfrage angegeben hatten, sie wollten nach ihrem Studium am liebsten als Manager im Angestelltenverhältnis arbeiten und nicht etwa als freie Unternehmer, sie würden also gerne viel verdienen und nur wenig Verantwortung tragen, sollen durch dieses Förderprogramm wieder Wagemut und Dynamik trainiert werden. Einige Ausgewählte dürfen nun in der Begegnung mit Künstlern, bei Ateliergesprächen oder in Orchesterproben lernen, wie sich künstlerische Produktionsabläufe in Renditezuwachs übersetzen lassen.

Offenbar vereinen sich im Künstler viele Kernwerte des Kapitalismus, er gilt manchen als Inbild des innovativen Menschen der Zukunft. Sie sehen in ihm den idealen Unternehmer, weil er seine Ideen frei aus sich heraus gewinnt und immer wieder neue Marktlücken entdeckt. Weil er diese Lücken mit Produkten füllt, die es zuvor nicht gab und die eigentlich auch keiner braucht, die aber einen hohen Wiedererkennungswert besitzen, großen Prestigegewinn versprechen, sich nicht abnutzen wie ein Paar handgenähter Schuhe, sondern meist noch an Wert gewinnen. Sie sind eine Investition in symbolisches Kapital.

Doch ist der Künstler nicht nur das Inbild des besten aller Unternehmer. Auch jene vermögen sich in ihm wiederzuerkennen, die zu der so genannten Generation Praktikum gehören, manche sprechen auch von der Digitalen Bohéme. Diese Bohéme fasziniert weniger das ökonomische Erfolgsmodell Künstler, sie sieht in ihm eher einen Protagonisten eines freiheitlichen Daseins.

Ein Protagonist der Freiheit ist der Künstler, weil er, so die allgemeine Vorstellung, nicht diszipliniert zu sein braucht, keinen Regeln gehorchen muss, er schert sich nicht um die Normalwelt und findet gerade deshalb deren Bewunderung. Der Künstler scheint sich auch nicht zu fürchten vor der totalen Freiheit einer globalisierten und flexibilisierten Welt, denn er ist sich selber Halt und Regel. Er braucht die alte Ordnung nicht, denn er gebiert seine eigene. Er wartet auch nicht auf göttliche Eingebungen, wie das sein Kollege des 19. Jahrhunderts vielleicht gemacht hätte. Statt dessen versteht er sich auf pfiffige Ideen und gewitzte Einfälle, auf das viel gerühmte Netzwerken, nicht selten ist sein Mobiltelefon sein wichtigstes künstlerisches Werkzeug. Allein das macht ihn bereits zum Vorbild für die Welt der so genannten Ich-AGler des Laptop- und Latte-Macchiato-Zeitalters. Manche sehen in ihm gar den Gründervater der Kreativszene.

Kurz sei daran erinnert, dass der Begriff der Kreativität ja erst in jüngster Zeit eine steile Karriere erlebt hat. Eine Karriere, die umso steiler wurde, je mehr sich die klassische, arbeitsteilige Industriegesellschaft überlebt zu haben schien. Im Postindustriellen Zeitalter, so kann man den Eindruck gewinnen, zählt eben nicht mehr das Produzieren, nicht mehr die körperliche Arbeit an Maschinen. Vielmehr wird die Idee zum Material und das eigene Ich zur Werkstatt. Auch diese Entwicklung scheint der Künstler fast schon prototypisch vorweggenommen zu haben. Er lebt, so die übliche Vorstellung, nicht von Aufträgen, er bedient keinen Markt. Vielmehr schöpft er ganz aus seinen Ideen und Einfällen, und das Atelier ist fast schon zum Sinnbild dieser 'creatio ex nihilo', des kreativen Schöpfens, geworden. Je weiter die Individualisierung um sich greift, desto stärker will der Mensch sich selbst erfahren, wird er selbst zum Schöpfer – und schlüpft in eine Rolle, die einst Gott vorbehalten war. Kreativität gilt heute geradezu als Synonym für das geglückte, erfolgreiche Leben.

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft unter der Pluralisierung der Lebensstile leiden oder sie zumindest als Beunruhigung erleben. Einige empfinden es geradezu als Zumutung, individuell sein zu müssen. Sie spüren den Konformitätsdruck des Nonkonformismus. Sei anders, sei einzig, sei kreativ – das sind die Gebote der Gegenwart. Längst hat sich Otto Normalverbraucher in „Otto Normalabweicher“ verwandelt, wie es der Feuilletonist, Soziologe und Philosoph Jürgen Kaube formuliert. Auch das erklärt den Aufstieg des Künstlers zum Rollenmodell. Er ist der oberste Normalabweicher. Er weckt die Neugier all jener, die nach einem Rollenmodell für ihr flexibilisiertes Dasein suchen. In ihm, so scheint es, findet die Auflösung aller Verbindlichkeiten zu einer rühmenswerten Form. In ihm wird die Freiheit produktiv und erträglich.

Und noch eine dritte Projektion, die sich auf den Künstler richtet, möchte ich nennen: Neben dem Protagonisten des Erfolgs und dem Protagonisten der Freiheit gilt er auch als Protagonist des Wahrhaftigen. Die Hoffnung auf das Authentische, auf ein Leben, das dem eigenen Ich treu bleibt, scheint sich in seinem Tun zu erfüllen. Der Künstler, so die verbreitete Vorstellung, treibt nicht an der Oberfläche, sondern geht in die Tiefe. Er hört auf sein Inneres, er hat die Geschichte auf seiner Seite. Er ist eben nicht nur der oberste Normalabweicher, er ist auch der oberste Selbstverwirklicher. Während Schriftsteller als Schreibtischtäter gelten und hinter ihren Figuren verschwinden, meinen viele im Maler oder Bilderhauer noch ein wahres Ich zu erkennen.

Der Kunsterfolg hat eben nicht nur mit Geld, Glamour und rauschenden Partys zu tun. Vielmehr scheint für viele in der Kunst etwas bewahrt zu sein, das man unentfremdetes Leben nennt. Dieses Leben ist nicht virtuell, sondern ist dem Unverwechselbaren gewidmet, ein Leben für das Original, für das Einzigartige. Denn mag die Kunst auch ein Massenpublikum zu faszinieren, ein Massenprodukt ist sie nicht. Die große Mehrzahl der Künstler arbeitet ganz bodenständig, mit den eigenen Händen und vermeidet das Prinzip der Arbeitsteilung. Und so unterscheidet sich die Kunst von den meisten Dingen, mit denen sich der Mensch der Gegenwart umgibt. Diese Dinge haben keinen Hersteller, jedenfalls keinen, der ein Gesicht hätte, wie Künstler ein Gesicht haben. Es sind anonyme Dinge, genormt und meist sehr vergänglich. Hingegen tragen die Werke des Künstlers seine persönliche Handschrift, und auch sein Geist, seine Ideen sind eingeflossen – er folgt, so könnte man sagen, dem Manufactum-Prinzip. Seine Werke stehen nicht fürs Genormte, sondern für das Eigene. Und sie vergehen nicht, im Gegenteil, viele sind, wenn es gut geht, museal und somit ewig.

Die Gesellschaft erkennt sich wieder in der Kunst, in ihren Einzelstücken, denn jeder will ein Einzelstück sein, ganz unverwechselbar. Und möchte sich doch, auch wenn das wie ein Paradox klingt, am liebsten eingebunden wissen in eine große Gemeinschaft, möchte zugehörig sein. Auch diese Sehnsucht scheint sich in der Figur des Künstlers zu erfüllen: denn so einzig seine Werke auch sein mögen, sie stehen nie für sich allein. Sie sind eingewoben in das System Kunst und leben aus einer Geschichte, die viele tausend Jahre zurückreicht. Für manche verbindet sich daher mit dem Künstler so etwas wie ein Versprechen auf Ganzheitlichkeit. Individuum und Gesellschaft, das ganz Besondere und das ganz Allgemeine, scheinen sich in seiner Person zu begegnen. Und schon aus diesem Grund verkörpert dieser Protagonist der Wahrhaftigkeit auf idealtypische Weise die Zerrissenheit unserer Gegenwart – und die Überwindung dieser Zerrissenheit.

Ob die Künstler die vielen Projektionen, die sie auf sich ziehen, tatsächlich einlösen können, ist natürlich eine ganz andere Frage. Viele leiden durchaus unter dem Erwartungsdruck und fühlen sich beispielsweise zu unbedingter Originalität verpflichtet oder meinen, sie müssten nun um jeden Preis eine eigene Marke ausbilden – was der Kunst nur in seltenen Fällen dienlich ist. Denn die Bilder und Skulpturen, die Fotos oder Installationen sollen ja am Ende stellvertretend für das einstehen, was sich so mancher Kunstbetrachter und Sammler vom Rollenmodell des Künstlers erhofft. Und so gilt er zwar manchen als Protagonist der Freiheit – und fühlt sich gerade deshalb nicht selten unfrei.