Fokus: Kultur Heute „Kultur für alle“ ist Programm

"Oper für alle" in München
"Oper für alle" in München | © BMW Group

Kultur als „ideelle Lebensgrundlage“ einer Gemeinschaft ist darauf angewiesen, möglichst alle Bürger in die kulturelle und politische Öffentlichkeit einzubeziehen, so das Motto Hilmar Hoffmanns in rund 60 Jahren Kulturarbeit.

Des Menschen Natur ist seine Kultur, sagen Kulturtheoretiker: Seiner „Instinktoffenheit“ wegen ist er nicht festgelegt auf bestimmte Verhaltensweisen.

Wir sind nicht alle gleich. Die Gemeinschaften, in denen Menschen leben, unterscheiden sich durch Regeln, handlungsleitende Standards und geteilte Vorstellungen vom guten und richtigen Leben. Damit organisieren die Menschen ihr Zusammenleben.

Unterschiede dieser Art entstehen und verfestigen sich im Laufe der Geschichte durch Anpassung an die geographischen Voraussetzungen des Lebensraumes, durch Erfahrungen, durch die Auseinandersetzung mit Nachbarn, durch Aushandeln oder durch herrschaftliche Setzung.

Die Bildenden Künste sind wesentlicher Teil jener Symbolarbeit einer Kultur, mit denen solche Regeln und Unterschiede gestaltet werden. Sie formulieren jene Bilder und Vorstellungen, die den Menschen als Orientierungshilfen für ihre Interpretation oder (modernistisch gesprochen) Konstruktion von Welt und Mensch wie für ihre Wertentscheidungen dienen. Sie prägen das Verhältnis der Menschen zu ihrer eigenen Natur, zur umgebenden Natur, zu den Mächten des Lebens und des Todes, zu den anderen und zur Geschichte.

Diese ästhetischen Ausdrucksformen von der Bildenden Kunst über Literatur, Musik, Theater und Tanz tragen durch ihre Besonderheit zur Wiedererkennbarkeit einer Gemeinschaft bei und helfen den Individuen, sich mit ihr zu identifizieren. Sie sind aber auch, und das wird gern vergessen, wesentlicher Teil des Genusslebens: Künste verschaffen dem Leben Lust zu sich selbst, schreibt Thomas Mann.

In vielen staatlich organisierten Gemeinschaften wird die Entfaltung des künstlerischen und kulturellen Lebens den freien und unabhängigen Akteuren überlassen: Den zahlenden oder selbst tätig werdenden Nutzern, oft auch den an der Herrschaft beteiligten (politischen) Kräften, die zwecks Absicherung ihrer Privilegien Künste als Mittel der gedanklichen, symbolischen, programmatischen Beeinflussung nutzen. Aber vor allem seit der Renaissance umgeben sich in Europa auch private Förderer gern mit Künstlern, um ihr Ansehen zu erhöhen, und heute spielen Mäzene und Sponsoren eine besondere Rolle, weil die Künstler auf ihre Hilfe angewiesen sind.

In Deutschland hat sich seit dem 16. Jahrhundert ein System der Kunstförderung herausgebildet, bei dem die Herrschaftsinstitutionen der Kaiser und Könige, der Landesfürsten und der religiösen (kirchlichen) Mächte auf verschiedenen Ebenen Kunstförderung betreiben. So sind viele Bühnen, Museen, Schlösser und Gärten sowie andere Kulturinstitutionen dem Repräsentationsbedürfnis und der Machtdemonstration der zahlreichen Fürstenhöfe im einstigen vordemokratischen Deutschland zu verdanken. Die Weimarer Klassik war ein später, bereits vom Denken der Aufklärung geprägter Gipfel dieser feudalen Kunst- und Kulturförderung. Aber die freien republikanischen Städte, die Gemeinden und Regionen sowie eigene Organisationen der Bürger wie Zünfte oder Bruderschaften, später auch Kunstvereine, andere Vereinigungen und Bürgerstiftungen als demokratisch legitimierte Kräfte der „Zivilgesellschaft“ haben ebenso ihren Anteil am lebendigen kulturellen Leben.

In der Demokratie wird heute in Deutschland Wert darauf gelegt, dass möglichst alle teilhaben am kulturellen Leben, weil nur so die tragenden Werte (ideellen Lebensgrundlagen) der Gemeinschaft von allen gekannt, akzeptiert und mitgestaltet werden können. International anerkannte Spitzenleistungen und breites kulturelles Leben ergänzen sich dabei.

Konkret ist es in der Praxis so, dass die Städte und Gemeinden im Rahmen der ihnen zugewiesenen „allgemeinen Daseinsfürsorge“ das kulturelle Leben zu fast zwei Drittel finanzieren. Im Prinzip ist dies eine freiwillige Leistung, aber keine Gemeinde verzichtet darauf, und jede entscheidet selbst, welche Schwerpunkte sie dabei setzt. Fast ein weiteres Drittel der Kulturfinanzierung ist im Rahmen des Kulturföderalismus (der zwischen Bund und Ländern geteilten Zuständigkeiten) Sache der Bundesländer, die oft aus früheren (fürstlichen) Teilstaaten hervorgegangen sind. Die Bundesregierung als zentrale Institution ist verantwortlich für gesamtstaatlich wichtige Einrichtungen, seit der Angliederung der DDR trägt sie auch bei zur Sicherung der kulturellen Substanz dieser „neuen Bundesländer“.

Auf allen Ebenen wirken die Kräfte der Zivilgesellschaft bei der Finanzierung mit. Die Bürger selbst sind durch freiwilliges bürgerschaftliches Engagement und Eigeninitiative in Vereinen tragender und unentbehrlicher Teil des kulturellen Lebens.

Zu den Prinzipien des ambitionierten Programms „Kultur für alle“, das ein anregungsreiches lebendiges kulturelles Milieu für möglichst breite Schichten der Bevölkerung gestalten will, gehört auch, das kulturelle Erbe zu bewahren und allen die Chance zu geben, sich damit auseinanderzusetzen. Heute, in der „Erlebnisgesellschaft“ und der „Gesellschaft der Lebensstile“, meinen manche, sei dieses Programm „Kultur für alle“ überholt. Wer so argumentiert, der sei daran erinnert, dass Kultur als „ideelle Lebensgrundlage“ einer Gemeinschaft darauf angewiesen ist, dass mindestens ansatzweise alle einbezogen sind in die kulturelle und politische Öffentlichkeit, in der die Regeln des Miteinander ausgehandelt und bestätigt werden. Deshalb erhebt die Kulturpolitik den Anspruch, allen, auch den Migranten, die Chance der Mitwirkung an der Ausgestaltung und Fortentwicklung des kulturellen Lebens zu geben.

Im neoliberalen Staat wurden die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die neue Armut, damit die Entstehung von Parallelwelten in ausgegrenzten sozialen Milieus billigend in Kauf genommen. Aber wenn in der neuen Armut immer weniger Menschen an der von dem Soziologen Theodor W. Adorno beschworenen „Möglichkeit differenzierter und fortgeschrittener geistiger Erfahrung“ – und nichts weniger bedeutet die Teilnahme am kulturellen Leben – Gebrauch machen können, immer mehr von ihnen auch „ausgeschlossen sind vom lebendigen Ausdruck ihrer eigenen Sache“, dann leidet darunter das ganze Gemeinwesen. Eine Gesellschaft, in der allzu viele sich aus der gemeinsamen Verantwortung davonstehlen, hat keine Zukunft, egal ob sich deren Mitglieder in Ghettos des Reichtums, in das Unterschichten-Abseits, in fundamentalistische religiöse oder ethnische Ghettos flüchten.

Deutschland als Staat, der bereits in seinem Grundgesetz zentrale kulturelle Werte wie die Unverletzlichkeit der Würde des Menschen festschreibt, ist geprägt durch besondere Traditionen wie die Anerkennung unterschiedlicher religiöser Überzeugungen seit der Reformation, die Mitwirkung eingewanderter Minderheiten wie Juden, französische Hugenotten, österreichische Protestanten oder herbeigebetene Arbeitsmigranten, gekennzeichnet auch durch den humanistischen Aufbruch der Weimarer Klassik und die Auseinandersetzung um die Soziale Frage und Gerechtigkeit im Inneren seit dem 19. Jahrhundert, schließlich durch die Betonung der grenzüberschreitenden Verantwortung für Menschrechte und Menschenwürde aufgrund der leidvollen Erfahrungen und Schuld in der eigenen Vergangenheit. Die Anerkennung der Mitverantwortung für die gemeinsame Zukunft einer in der Globalisierung verbundenen „einen Welt“ ist die unmittelbare Fortsetzung dieser „ideellen Lebensgrundlagen“.

Hilmar Hoffmann, geboren 1925 in Bremen, studierte Regie an der Folkwang Hochschule für Musik und Theater in Essen und arbeitete als Regieassistent. 1951 wurde er Direktor der Volkshochschule in Oberhausen und gründete dort die Westdeutschen Kulturfilmtage (später Internationale Kurzfilmtage Oberhausen). Ab 1965 war Hilmar Hoffmann Sozial- und Kulturdezernent der Oberhausen und zwischen 1970 und 1990 Kulturstadtrat in Frankfurt am Main, wo er u.a. die städtische Förderung freier Gruppen im Kulturbereich initiierte. Von 1993 bis 2001 war er Präsident des Goethe-Instituts e.V.

Außerdem lehrte Hilmar Hoffmann Filmtheorie und Kulturpolitik an den Universitäten von Bochum, und Frankfurt sowie als Gastprofessor in Jerusalem und Tel Aviv.

Seit 2001 ist Hoffmann Vorsitzender der hessischen Kulturkommission, daneben ist er auch Vorsitzender des Verwaltungsrats im Deutschen Filminstitut – DIF in Frankfurt am Main und Vorsitzender des Programmbeirats von RTL.