Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Fokus: Kultur Heute
Kultur im digitalen Datenraum

Foto: Margot Kessler
© www.Pixelio.de

Was bedeutet die sofortige weltweite Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten im Zeitalter des Internets? Nicht automatisch mehr Wissenserwerb und Teilnahme an der Kultur, sagt Professor Bernhard Serexhe.

Von Prof. Dr. Bernhard Serexhe

Was viele Menschen unter „Kultur“ verstehen, zum Beispiel Literatur, Kunst, Musik, ist nur Teil jener allgemeinen Gestaltungen des Lebens, die von einem erweiterten Kulturbegriff umfasst werden. Im weitesten Sinne sind mit Kultur alle Bearbeitungen der Natur durch den Menschen gemeint. Schon frühe Kulturen erreichten einen hohen Komplexitätsgrad, und mit jeder kulturellen Errungenschaft hat sich der Mensch auch selbst „kultiviert“.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant schrieb: „Wir sind in hohem Maße durch Kunst und Wissenschaft kultiviert“. Kultur und Technik stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern Technik geht aus Kultur hervor und ist Bestandteil desselben.

So ist auch die seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts rapide einsetzende Digitalisierung Bestandteil unserer Kultur. Seit es dem Menschen gelungen ist, nahezu alle seine Lebensäußerungen in digitalem Code zu erfassen und zu bearbeiten, haben alle Bereiche des Alltags, insbesondere aber Arbeitswelt, Bildung und Unterhaltung, eine extreme Beschleunigung erfahren. Die bereits mit der frühen Telekommunikation über Hertz'sche Wellen einsetzende weltweite Vernetzung wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten durch die Digitalisierung der Datenübertragung zum globalen Datenraum erweitert, in dem potentiell jede Information zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort ist.

Dieser durch die Aufhebung von Raum und Zeit eingetretene, allumfassende Systemwechsel der Kultur konnte nur auf der Grundlage einer Virtualisierung der kulturellen Gegenstände gelingen. Digitalisierung hat dem Menschen ungeahnt mächtige Instrumente zur Bewältigung seiner Aufgaben an die Hand gegeben. Die großartigen Fortschritte in der Medizin, in der Biologie, in der Raumfahrt, in der Umwelttechnik und vor allem in der Kommunikationstechnik sind ohne die Digitalisierung überhaupt nicht zu denken. Andererseits wächst mit ihrer Effizienz auch die Gefährlichkeit der eingesetzten Technologien und das damit verbundene gesellschaftliche Manipulationspotential.

Grundsätzlich ist der Mensch durch die Digitalisierung in fast allen seinen Lebensäußerungen von der eingesetzten Technologie abhängig geworden. Die für das Funktionieren des kulturellen digitalen Datenraums notwendige Hard- und Software ebenso wie die elektronischen Netze unterliegen aber den auf schnellen Verbrauch und Konsum zielenden Wertschöpfungsinteressen der Privatwirtschaft. Somit ist auch die „Kultur“ in eine Abhängigkeit geraten, deren Ausgang heute nicht vorhersehbar ist.

Jeder Crash einer Festplatte, jede Störung des Internets und jeder technische Systemwechsel hat Folgen, die sich mit erweiterter Komplexität des Systems noch erhöhen werden. Wir gründen unsere Identität auf die sorgsam bewahrten kulturellen Zeugnisse vergangener Zeiten, aber es ist bis heute völlig ungeklärt, wie die ungeheuren Datenmengen, auf denen die Überlieferung unseres eigenen kulturellen Gedächtnisses an unsere Kinder beruhen werden, auf lange Zeit aufbewahrt werden können.

„Wie Wasser, Gas und elektrischer Strom von weither auf einen unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit visuellen und klanglichen Bildern versorgt werden, die sich auf eine kleinste Geste, fast ein Zeichen, einstellen und uns ebenso wieder verlassen".

Als Paul Valéry in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts diese für die kulturelle Entwicklung unserer Zeit visionären Zeilen schrieb, war unsere Welt noch weit entfernt von den Datenautobahnen, die sich heute mit bunten, vermarktbaren Produkten ihren Weg bis in unsere Kinderzimmer bahnen.

Auf eine kleine Bewegung des Zeigefingers, ein Zeichen so unmerklich wie ein Mausklick, stellen sich heute über das Internet vielfältige Bilder und Klänge auf den Monitoren in unseren Wohnungen, Schulen und Büros ein, um uns sogleich, auf einen weiteren Klick hin, wieder zu verlassen. Wir sind mit den besten Bibliotheken, Forschungseinrichtungen, Universitäten der Welt verbunden und erhalten sofortigen Zugang zum universalen Wissen der Welt, ebenso einfach, wie in unserem Badezimmer Wasser aus der Wasserleitung fließt. Welch großartige, demokratische und friedensstiftende Einrichtung, könnte gesagt werden.

An der Übertragung der Vision Paul Valérys auf das Internet kann kritisiert werden, dass ihr, wie bei der Distribution von Wasser, Gas und elektrischem Strom, ein eindirektionales Sender-Empfänger-Modell zugrunde liegt. In der Tat stützt sich die euphorische Begrüßung des Web 2.0 aber auf die Erwartung, dass im elektronischen Cyberspace ein jeder Nutzer nicht nur Empfänger und Konsument, sondern gerade auch Produzent und Sender von kulturellen Inhalten sein würde. Wenn man einmal vom Versenden von Emails und der meist banalen Kommunikation in Netzgemeinschaften absieht und über den beruflichen Austausch von Daten hinausdenkt, so beinhaltet die Erwartung echter Partizipation jedoch eine kritische emanzipierte Nutzung des Mediums, die konkrete Anwenderkenntnisse, Wissen, Kreativität und ein definiertes Interesse, also ein hohes Maß an Bildung voraussetzt.

Mit der Digitalisierung der Kultur und der Entwicklung des Internets sind die auf Monitore übertragenen, reproduzierbaren, vielfach verwertbaren Abbilder unserer Vorstellung von der Welt noch stärker in den Mittelpunkt des kommerziellen Interesses gerückt. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hat es eine Situation gegeben, in der beliebige Folgen von flüchtigen, nicht überprüfbaren Bildern und Klängen den Handelswert von Nahrungsmitteln oder hochwertigen Industriegütern überstiegen hätten. Nie zuvor aber auch haben industriell oder privat produzierte Bilder und Klangfolgen weltweit gleichzeitig so viele Menschen erreicht und in ihrer Vorstellung von der Welt geprägt. Die kulturelle Macht der Digitalisierung ist nicht zu übersehen.

In rapide zunehmendem Maße wird jedoch die Wahrnehmbarkeit eines Großteils der digitalen Kultur von kommerziellen Strategien aller Art überlagert. Im weltumspannenden Netzgewebe ist Information längst zu einer Ware geworden, deren Angebot sich gegen Zahlung einer Gebühr unter die ersten Einträge der Suchmaschinen schmuggeln lässt. Die „Kultur“ des Internetmarketings profitiert in hohem Maße von der eng begrenzten Aufmerksamkeitsökonomie des modernen Menschen. Wer wenig Zeit hat, wird hoffnungslos von einer Flut sinnloser Angebote überschwemmt. Nur wer die Zeit, die Geduld und das anhaltende Interesse hat, sich über die im Vordergrund stehenden attraktiven Angebote hinauszuarbeiten, nur wer es schafft, sich nicht von unablässig blinkenden Bannern und ungefragt aufpoppenden Werbefenstern ablenken zu lassen, nur wer das Bombardement der tausendfach in die Mailboxen gelieferten Spams durch Einrichtung von Filtern einigermaßen eindämmen kann und nur wer die Syntax der Suchmaschinen beherrscht, wird die kulturellen Angebote im digitalen Datenraum bewusst nutzen können.

Die sofortige weltweite Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten hat viele Propheten des Internets zur falschen Annahme geführt, dass mit der Mühelosigkeit der Informationsbeschaffung bereits Wissenserwerb und Teilnahme an der Kultur verbunden sei.

Die digitale Erweiterung der Kultur in den globalen Datenraum erlaubt neue, grundlegend demokratische Formen der Partizipation, über alle bisher bestehenden Grenzen hinweg. Aus dieser Partizipation werden die kulturellen Techniken der Zukunft entstehen. Wenn Offenheit und Kritik wichtige Bestandteile der deutschen wie der internationalen Kultur bleiben sollen, so kommt es für die Weiterentwicklung einer demokratischen digitalen Kultur darauf an, die elektronischen Netze von staatlicher Beeinflussung und totaler wirtschaftlicher Abhängigkeit freizuhalten.

Prof. Dr. Bernhard Serexhe studierte Prof. Dr. Bernhard Serexhe Foto: Eva Z. Genthe, 2009 Soziologie, Psychologie, Pädagogik und Kunstgeschichte und promovierte in Kunstgeschichte. Von 1994-1997 war er Kurator des Medienmuseums ZKM in Karlsruhe, von 1998-2005 Leiter des Bereichs Museumskommunikation des ZKM, seit 2006 ist er Hauptkurator am ZKM. Dr. Bernhard Serexhe ist seit 1995 bis heute medienpolitischer Berater des Europarats Straßburg und berät ebenfalls internationale Kulturinstitutionen und NGOs.

Außerdem lehrte er an der Russischen Akademie der Künste Sankt Petersburg sowie an den Universitäten Bern und Basel und ist seit 2008 Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Istanbul BILGI-University. Dr. Bernhard Serexhe initiierte und leitet das EU-Forschungsprogramms digital art conservation.

Top