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Fokus: Kultur Heute
Westliche und östliche Kultur im Wettstreit?

Zhou Guoping: Gegen eine "Olympiade der Kulturen"
Zhou Guoping: Gegen eine "Olympiade der Kulturen" | © Lao Du

Der Philosoph Zhou Guoping (周国平) kritisiert die immer gleichen Diskussionen um östliche und westliche Kultur unter chinesischen Intellektuellen und plädiert für eine „globale kulturelle Schatzkammer“.

Der folgende Artikel von Zhou Guoping (周国平) über den unter chinesischen Intellektuellen häufig diskutierten Gegensatz von westlicher und östlicher Kultur erschien am 27.08.2009 in der Wochenzeitung Southern Weekly.

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Über das Thema von Tradition und Moderne haben sich schon seit so langer Zeit die Münder heiß geredet, dass alle erdenklichen Argumente bereits hinlänglich vorgebracht wurden. Trotzdem zeichnet sich kein Ausweg ab. So viel und divers auch über die Kultur in Ost und West geschrieben wird, im Endeffekt ist es doch immer das gleiche. Das Dilemma zwischen diesen beiden Alternativen ist per se für China schon beinahe zu einer Tradition geworden, die es nicht mehr loswird und nimmt Generationen von Intellektuellen in ihrem Denken und Handeln gefangen. Wann werden wir uns tatsächlich als selbstbewusstes Mitglied der modernen, zivilisierten Welt fühlen, mit einer Tradition, die sich nicht vor sich selbst fürchtet, und ohne Angst vor ausländischen Kultureinflüssen? Wann werden wir mit beidem gelassen umgehen können?

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„Stärke und Wohlstand“ lautet in China das Jahrhundertthema. Um Stärke und Wohlstand zu erlangen, hat man im Westen nach Wahrheiten gesucht. Allerdings verbirgt sich in diesem Ansatz auch eine alte Tradition chinesischer Kultur, nämlich, die Wahrheit lediglich als ein Instrument zu betrachten und in allem Geistigen nur seine Funktionalität zu sehen, dessen ureigene Werte jedoch zu ignorieren. In diesem Gedankengang hat man sich generell nie von dem Überbau des zhongti xiyong – dem Konzept, chinesisches Wissen als Grundlage zu nehmen und sich westliches Wissen zunutze zu machen – befreit. Auf diese Weise sind den Chinesen, ganz gleich wie man in den letzten hundert Jahren den Import westlicher Wissenschaften betrieben und die Tradition selbstkritischen Prüfungen unterzogen hat, die hehren Werte des Geistes sowie die Idee von der Unabhängigkeit der Wissenschaften, welche den Kern westlichen Wissens bilden, stets fremd geblieben. Wohingegen die Tradition des Kulturpragmatismus nach wie vor tief verwurzelt ist. Wenn wir uns in dieser Hinsicht nicht besinnen, wird sich, so scheint es mir, die geistige Disposition der Chinesen niemals grundlegend ändern, und China niemals Kulturgiganten von Weltrang hervorbringen.

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Auch wenn die Stärken und Schwächen westlicher und östlicher Kultur zum Dauerthema avancieren, erscheint mir diese Problematik doch alles in allem gar nicht so komplex. Meiner Meinung nach gibt es innerhalb der Kultur und Tradition jeder Nation Hervorragendes, das dem kulturellen Erbe der gesamten Menschheit angehört. Im Orient wie im Okzident gab es seit jeher weise Menschen und deren Epigonen, die über die ewigen und grundlegenden Fragen der Menschheit gegrübelt haben und deren Gedanken für die Menschen jeder Nation und Epoche aufklärend wirkten. Im Westen verfügt man nicht nur über eine naturwissenschaftliche, sondern ebenso über eine geisteswissenschaftliche Tradition. Die ersten indessen, welche die moderne Zivilisation gedanklich auf den Prüfstand stellten, waren ausgerechnet Menschen des Westens selbst. Dass diese Visionäre bei ihrer Selbstprüfung auf die Stärken der östlichen Tradition aufmerksam wurden, zeigt, dass ihr Standpunkt kein enger, nationalistischer war, sondern am Interesse der Menschheit ausgerichtet war. Wenn unsere Wortführer deren Geisteshaltung ignorieren und sich stattdessen nur deren lobende Worte über die östliche Kultur zur eigenen Selbstgefälligkeit herauspicken, dann offenbart sich gerade darin die eigene Engstirnigkeit.

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Das Verhältnis zwischen Ost und West ist ein altes Thema, das nie abgeschlossen sein wird. Meine Intuition sagt mir jedoch, dass jede extreme Haltung in dieser Frage bedenklich ist. Was wir brauchen, ist Gleichmut und den gesunden Instinkt, alles was gut ist, ohne großes Zögern einfach anzunehmen. Erst unter dieser Voraussetzung kann man mit einem offenen und anthropologischen Blick das Gemeinsame und Andersartige der Kulturen in West und Ost betrachten. Ich sehe darin den konkreten Beweis dafür, dass gesunder Menschenverstand und Weisheit einerseits sowie Rechthaberei und Borniertheit andererseits gerne Hand in Hand gehen.

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Die Debatten über Vorzüge und Nachteile der Kulturen des Ostens und des Westens sind allesamt durch einen Mangel an Kultur oder durch Scheinkultur gekennzeichnet. Ist Nationalkultur doch viel weniger ein kultureller, als ein politischer Begriff. Aus meiner Sicht existiert lediglich eine universale globale kulturelle Schatzkammer und jeglicher Kulturschatz, der Eingang in diese Schatzkammer findet, ist seinem Wesen nach ohne Staatszugehörigkeit. Die wertvollsten Kulturgüter aus Ost und West sind in jedem Fall ein gemeinsames Gut, sie gehören der gesamten Menschheit. Das, was allein dem Westen oder dem Osten angehört, ist, mag es auch noch so gut sein, meist nur von zweitrangigem Wert.

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Um ehrlich zu sein, bin ich der Debatte über die Kultur in Ost und West, die immer wieder dieselben Phrasen drischt, längst überdrüssig. Ich glaube weder an die „totale Verwestlichung“ noch an die „Renaissance des Konfuzianismus“, und ich denke auch nicht, dass sich künstlich eine universale, neuartige Kultur und Lebensauffassung erzeugen lässt, in der Chinesisches und Westliches verschmelzen. Das Gebot der Stunde ist es nicht, einen Plan zu Rettung der Welt zu entwerfen, sondern das Bewusstsein zu unserer eigenen Errettung zu aktivieren; nicht, ein einheitliches Wertesystem zu errichten, sondern zum aufrichtigen Streben nach pluralistischen geistigen Werten zu ermutigen. Wenn mehr Menschen Wert auf das geistige Leben legen, das kulturelle Erbe der gesamten Menschheit ins Herz schließen und sich ernsthafte Gedanken über die Fragen des Lebens machen, dann ist das, zu so unterschiedlichen Ergebnissen dieses Nachdenken auch führen mag, eine gute Nachricht für die Zukunft der chinesischen Kultur, ja sogar der chinesischen Nation. Auch wenn wir zahlreiche Gelehrte haben, die sich der Kulturdebatte verschrieben haben, fehlen uns doch die echten Konfuzianer, Buddhisten, Christen und Humanisten, kurzum, die wirklichen Idealisten.

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Weisheit kennt keine Staatszugehörigkeit. Im Osten wie im Westen hat es Weise gegeben, die tiefe Erkenntnisse über das Leben gewonnen haben, und deren Ideen den Reichtum der gesamten Menschheit bilden. In dieser Hinsicht ist das Aufrechnen von Stärken und Schwächen in West und Ost unangebracht. Würde man, nur um die Missstände der modernen Zivilisation zu kurieren, Zuflucht zur östlichen Kultur suchen, würde man letztere sinnentstellend verwenden. Die korrekte Einstellung besteht darin, die Menschheit das großartige Kulturerbe aus der Geschichte jeder Nation gemeinsam antreten zu lassen.

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„Warum bringt China keinen großen Denker hervor? Wann werden wir endlich einen Philosophen von Weltrang haben?“ Derartige Seufzer höre ich oft, und ich kann ihnen nur entgegnen: Ist das wirklich so wichtig? Jeder bedeutende Denker, etwa Kant oder Heidegger, gehört, eben weil er Weltrang besitzt, der ganzen Welt und jedem Einzelnen. Ideen kennen keine Landesgrenzen. Denjenigen, welche Denker nach ihrer Nationalität auswählen, geht es in Wirklichkeit nicht um Ideen, denn um nationale Eitelkeiten.

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„Warum bringt China keinen großen Philosophen hervor?“, klagen die Leute oft, „keinen großartigen Dichter, bedeutenden Komponisten oder großen Wissenschaftler?“ Meiner Ansicht nach ist der Grund dafür mit großer Wahrscheinlichkeit der Pragmatismus unserer kulturellen Traditionen, nach dem wir rein geistigen Unterfangen weder Wertschätzung noch Unterstützung entgegenbringen. Die Voraussetzung für jeden großartigen Schöpfungsakt ist es, die geistigen Werte per se über alles zu stellen. In unserer Atmosphäre wird ein solch kreativer Geist schwerlich geschmiedet, und wo er doch einmal auftaucht, steht er vereinzelt, so dass ihn oft frühzeitig die Kräfte verlassen. Will China tatsächlich zu einer Kulturnation von globaler Tragweite werden, muss es seinen kulturellen Pragmatismus überwinden. Wenn in einem Volk eine Gruppe von Menschen Gefallen an der reinen Geistestätigkeit findet und man mit Stolz auf diese Leute blickt, dann besteht für eine Nation die größte Hoffnung, einen Kulturgiganten von Weltrang hervorzubringen.

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Ob eine Nation großartige kulturelle Verdienste erwirbt, hängt letztlich vom Gesamtniveau ihres geistigen Lebens ab. Je mehr Menschen am Geistesleben teilnehmen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, aus ihrer Mitte einen Kulturgiganten zu gebären, der in die Weltgeschichte eingeht.

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Wahre Wissenschaft kann niemals an eine Zeit oder einen Ort gebunden sein, sondern muss ewigen und globalen Anspruch erheben. Die Beschäftigung mit unserem nationalen Kulturgut sollte sich nicht auf bloße Textkritik und Exegese beschränken, sondern kann das Wunder des Kosmos und den Kern des menschlichen Lebens durchdringen, und die Menschen tief im Herzen inspirieren. Der Umgang mit westlichem Wissen sollte sich nicht auf Kommentare und Vergleiche beschränken, sondern biete die Chance, zu begreifen und zu verstehen und sich mit großen Lehrmeistern auszutauschen. Wirkliche Wissenschaft ist ein Dialog, nicht nur mit Landsmännern und Zeitgenossen, sondern auch mit den Menschen fremder Länder und zukünftiger Generationen. Erst das bedeutet es, sich wirklich der Welt und der Zukunft zu öffnen. Will man wirklich innovativ sein, anstatt sich mit fremden Federn zu schmücken und mit neuen Ausdrücken zu prahlen, muss man sich zunächst in der Wissenschaft verwurzeln. Erst dann werden die eigene Blüten treiben.

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Als Engländer wurde dem Dramatiker Somerset Maugham ein anglikanischer Glaube in die Wiege gelegt, der seinerseits den Katholizismus als Irrglauben wertete. Eines Tages kam Somerset Maugham der Gedanke, dass er doch genauso gut als Katholik in Süddeutschland hätte zu Welt kommen können. Er wäre dann ohne eigenes Verschulden als Häretiker bestraft worden. Ein zu absurder Gedanke, durch den Somerset Maugham zeitlebens zum Atheisten wurde. In dieser so einfachen Logik, so meine ich, liegt das profundeste Argument für den Internationalismus.

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Vaterlandsliebe braucht einen kühlen Kopf. In der Vergangenheit schwankten wir, mal bestimmt von „Großmacht-Mentalität“, mal von der „Befindlichkeit eines schwachen Staates“, zwischen Überheblichkeit und Demut, zwischen Xenophobie und Auslandshörigkeit. Wir haben uns zur Genüge zum Narren gemacht und ausreichend Bitternis gekostet. Noch heute brüllen ziemlich viele Jugendliche einerseits fanatische, patriotische Parolen und setzen andererseits alles daran, ins Ausland umzusiedeln. Das liegt daran, dass sie falsch angeleitet werden. Als Mensch muss man sich selbst lieben und achten. Als Nation verhält sich das nicht anders. Arroganz und Demut jedoch sind genau das Gegenteil von Selbstachtung. Wie zwei Pole, die miteinander in Verbindung stehen, schlägt ein engstirniger Nationalismus leicht in nationalen Nihilismus um. Gerade heute, in einer immer stärker globalisierten Welt, haben wir umso mehr die Verpflichtung, aber auch die Voraussetzung, China aus einem globalen und anthropologischen Blickwinkel zu betrachten, in der chinesischen Kultur sorgfältiger die Spreu vom Weizen zu trennen, Chinas Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen, und schließlich ein noch großartigeres China aufzubauen. Allein das wäre meiner Meinung nach wahrer Patriotismus.

Zhou Guoping ist in China ein bekannter  Zhou Guoping © www.icpress.cn Schriftsteller und Philosoph. Er wurde 1945 in Shanghai geboren, von 1962 bis 1968 studierte er an der Peking Universität Philosophie. Danach arbeitete er zunächst auf einer Armeefarm in Hunan, bevor er in die Provinz Guangxi versetzt wurde. 1978 bestand er die Aufnahmeprüfung in das Master-Programm der Philosophie-Abteilung der Akademie der Sozialwissenschaften (CASS), wo er ab 1981 arbeitete und forschte. Zhou Guoping hat mehrere Werke zu Friedrich Nietzsche und den auf eigenen Erlebnissen beruhenden Roman Niuniu – Notizen eines Vaters (1996) veröffentlicht, außerdem unzählige Essays und Sammelbände.

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