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Die chinesische TV-Kultur
Kampagne gegen die „Drei Vulgaritäten“

Szene aus der Dating-Show Feicheng Wurao, Mai 2010
Szene aus der Dating-Show Feicheng Wurao, Mai 2010 | Foto: Jian Hua © ImagineChina

Wenige Monate, nachdem die Kampagne gegen geschmacklose TV-Programme losgetreten wurde, scheint sie auch schon wieder abgeflaut zu sein.

Von You Weimen (右卫门)

Würde man das aktuelle chinesische Wort des Jahres wählen, wären die „Drei Vulgaritäten“ bestimmt unter den Top-Favoriten. Seitdem Hu Jintao (胡锦涛), chinesischer Staatschef und Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, am 23. Juli beim 22. kollektiven Studium des Politbüros deutlich gemacht hat, man wolle den „Drei Vulgaritäten“ als Sammelbegriff für das Vulgäre, Geschmacklose und Kitschige „entschlossen entgegentreten“, befinden sich diese im Auge des Sturms, den die „Neue Moralbewegung“ in China entfacht hat.

Trotz der massiven Konkurrenz durch Internet und andere Medien ist das Fernsehen in China heute nach wie vor das einflussreichste visuelle Medium und entwickelte sich zwangsläufig zum Notstandsgebiet der „Drei Vulgaritäten“. Im Nu hatten die Sprachrohre der offiziellen Ideologie, das Zentrale Chinesische Staatsfernsehen CCTV, die Volkszeitung und die Nachrichtenagentur Xinhua, die bei Jiangsu Satellite TV ausgestrahlte Reality-Dating-Show Feicheng Wurao (wörtlich:„Lass mich in Ruhe, wenn du es nicht ernst meinst“, Anm. d. Übers.), die Fernsehserie Der Traum der Roten Kammer – eine Neu-Adaption des gleichnamigen chinesischen Klassikers – und außerdem Guo Degang (郭德纲) und Zhou Libo (周立波), die derzeit in China beliebtesten und quotenstärksten Komiker, als Repräsentanten der „Drei Vulgaritäten“ identifiziert. Dabei wurden von der „Verbreitung ungesunder Werte“ bis hin zu „medialem Hype“ und „skrupellosem Gebuhle um das Publikum“ diverse Gründe angeführt.

Man nehme etwa das Beispiel Guo Degangs als einem Vertreter der „Drei Vulgaritäten“. Dem Moderator und Pekinger Künstler der traditionellen komischen Xiangsheng-Dialoge wurde bei sämtlichen TV-Sendern der Mund verboten und selbst seine Bücher und DVD-Kollektionen wurden in Buchläden aus den Regalen genommen. Vor 20 Jahren hat es schon einmal eine ähnliche Situation gegeben: Damals bekämpften die Ideologieorgane und offiziellen Propagandamedien die „Drei großen geistigen Verschmutzungen“: Schlaghosen, große Sonnenbrillen und den französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre. Einige Jahre später zeigte sich, dass deren Vergehen einfach nur darin bestanden hatte, dass sie zu jener Zeit für den Geschmack der Masse einfach ein wenig zu avantgardistisch gewesen waren.

Das Interessante ist indessen, dass diejenigen, welche als Negativbeispiele der „Drei Vulgaritäten“ herausgestellt wurden, sich bei der chinesischen Bevölkerung fast immer großer Beliebtheit erfreuen. Die Fernsehserie Der Traum der Roten Kammer, in der die weibliche Hauptrolle Lin Daiyu (林黛玉) so nackt sterben sollte wie Jean-Paul Marat zur Zeit der Französischen Revolution, wurde vom Publikum zwar unisono als „schockierend“ bezeichnet, hielt dieses jedoch nicht davon ab, über den Fortgang des Schauspiels zu spekulieren und die nächsten Folgen zu gucken. Die Vorstellungen der Comedy-Künstler Guo Degang und Zhou Libo in Peking und Shanghai sind fast immer ausverkauft und Tickets sollen schon einmal für den astronomischen Preis von einigen Tausend Yuan gehandelt worden sein. Was die Dating-Show Feicheng Wurao anbelangt, so kann mit deren Einschaltquoten und dauerhafter Popularität allein der Song-Contest Supergirls, der vom amerikanischen Magazin Times vor einigen Jahren als „Chinas größtes demokratisches Experiment im 21. Jahrhundert“ bewertet wurde, mithalten. Was steckt dahinter?

Einer meiner Journalisten-Kollegen nimmt diesbezüglich kein Blatt vor den Mund: „Viele Passagen aus den komischen Dialogen Guo Degangs sind in ihren Anspielungen auf die Lebensrealität prinzipiell nichts anderes als Beschimpfungen ohne Kraftausdrücke. Auch würde ich mich lieber totschlagen lassen als eine der Kandidatinnen aus Feicheng Wurao zu heiraten, die mit ihrer Affinität zum Geld und ihren materialistischen Werten kaum hinter den Berg halten!“ Trotzdem ist er ein großer Fan Guo Degangs und besitzt die Gesamtausgabe seiner Xiangsheng-Stücke, und es hat ihn auch nicht davon abgehalten, Feicheng Wurao mit größtem Vergnügen zu verfolgen und sich schon nach den ersten Folgen als Kandidat für die Sendung zu bewerben. Hierfür gibt es einen einfachen Grund: „Auch wenn man sich dort – bei derartigen TV-Programmen – blamieren und unbeliebt machen kann, traut man sich dort doch wenigstens, den Mund aufzumachen. Was dort gesagt oder gezeigt wird, sind entweder Dinge, welche die Behörden vor den Augen und Ohren der Bevölkerung lieber verborgen halten möchten oder es handelt sich um Realitäten der chinesischen Gesellschaft, welche die Offiziellen nicht zugeben oder zur Diskussion bringen wollen.“

Nehmen wir einmal CCTV als das offizielle Sprachrohr innerhalb der Welt des Fernsehens: Es ist zugleich Sportler als auch Funktionär, und manchmal scheint es auch noch die Rolle des Schiedsrichters zu übernehmen, was ein bisschen an den FC Dynamo Berlin zur Zeiten der DDR erinnert. Die CCTV-Abendnachrichten Xinwen Lianbo, über drei Jahrzehnte lang das Flaggschiff im Programm, servieren den Zuschauern sowohl in der Auswahl der Themen als auch in der Präsentation der Inhalte immer die zensierte „saubere Version“. Einer meiner Freunde war früher Programmdirektor einer anderen Nachrichtensendung auf diesem Kanal und meint über seine Kündigungsgründe: „Da geht jede Konferenz von vornherein triumphal zu Ende, ist jede Rede wichtig, jeder Fortschritt reibungslos und jedes Ergebnis perfekt. Sämtliche Nachrichten lassen sich in diese Schablone pressen, man muss lediglich Zeit, Ort und Personen austauschen. Wenn schon das Fernsehpublikum sich nicht mehr gefordert fühlt, wie dann die ewig nach „News“ hungernden Nachrichtenjournalisten!“

So gesehen ist es vielleicht gar nicht so, dass die Bevölkerung nur Gefallen am Trivialen findet. Vielleicht lässt sich das Ganze mit einem Satz Tocquevilles erklären, der meinte, das Volk begeistere sich manchmal gar nicht so sehr für die Demokratie, sondern verabscheue lediglich die Herrscher. Die Menschen fordern schlichtweg die Autonomie über ihren Geschmack ein, ganz nach dem Motto: Ob nun vulgär oder seriös, lasst uns das bitte selbst entscheiden! Zhang Yiwu (张颐武), Professor und Experte für chinesische Massenkultur an der Peking Universität, schreibt in seinem Blog: „Würde man Wahlmöglichkeiten zulassen, würden sich zwar manche für Alternativen entscheiden, aber es gäbe bestimmt immer noch relativ viele Menschen, die auf der Seite der Offiziellen stünden. Gibt es aber keine Wahlmöglichkeit, wird die natürliche Neugier alle Menschen dazu reizen, einen Blick auf die andere Seite der Medaille zu werfen.“

Kann eine seriöse Kultur amtlich propagiert, ja die Volksseele sogar zwangsweise damit infiltriert werden? Nach dem in der chinesischen Geschichte über Jahrtausende gängigem Modell gelang den Machthabern beinahe alles, was sie sich in den Kopf gesetzt hatten. Wäre es dem chinesischen Fernsehen also möglich, in Windeseile sein Niveau anzuheben, wäre das ein Glück für die Nation. Doch sollte man auch die Lehren der Vergangenheit durchaus ernst nehmen: Zur Zeit der chinesischen Republik endete Yuan Shikais (袁世凯) Postulat vom „Respekt für Konfuzius und der Rückkehr zum Alten“ schließlich in einem Possenspiel; während der Kulturrevolution wurden landesweit nur acht Modellopern gespielt, diese waren zwar mitnichten vulgären Inhalts, doch die chinesische Kultur wurde letztlich in ihrer Entwicklung über Nacht um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die krampfhafte Betonung des Edlen hatte lediglich zur Folge, dass man die Sympathie der Menschen verlor und sich durch die gezwungene Propagierung des Erhabenen von der grundlegenden Natur des Menschen entfernt hatte. Die Geschichte hat uns in der Vergangenheit oft gelehrt, dass „wer Drachensamen sät, manchmal nur Flöhe erntet“.

Kürzlich wurde in einer Ausgabe der von der Parteischule des Zentralkomitees der KPCh herausgegebenen Study Times ein Exklusivinterview mit dem Kulturminister Cai Wu (蔡武) veröffentlicht, in welchem dieser bekannte: „In der chinesischen Kultur gibt es zu wenig starke Klassiker, zu wenig aufrüttelnde Höhepunkte in Kunst und Literatur, es mangelt an wissenschaftlichen Innovationen und kulturellen Entdeckungen, an großmeisterlichen kulturellen Autoritäten. Eine überbordende Kultur bringt zwangsläufig eine Menge an vulgärem, falschem und oberflächlichem Plunder mit sich.“

Können aber, da China mittlerweile fest in einem marktwirtschaftlichem Hintergrund verortet ist, in einer Ära des freien Wettbewerbs und der freien Wahlmöglichkeiten Großmeister und Autoritäten die Führung übernehmen? Können sie den Ozean der chinesischen Kultur in einen kontrolliert fließenden Kanal verwandeln, oder müssen sie es den Kulturschaffenden überlassen, auf diesem Meer mit dem Wind zu segeln und die Wogen zu meistern? Ich fürchte eher Letzteres ist realistisch. Seitdem die offizielle „Kampagne gegen die drei Vulgaritäten“ gilt, gibt es im Fernsehen tatsächlich viel weniger „Triviales“ und mehr „Seriöses“, aber was, wenn sich dieser Wind wieder legt? Das „Vulgäre“ wird wohl erneut über die Bildschirme flimmern – Cui Yongyuan (崔永元), der berühmte Talkshowmaster des Zentralen Staatsfernsehens, hat darauf schon vor einigen Jahren die Antwort gegeben: Die Einschaltquoten sind der Ursprung allen Übels.

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