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Fokus: Kultur Heute
Mit der Kamera in der Hand: Videofilme von chinesischen Landbewohnern

Viehhalter mit Kamera
Viehhalter mit Kamera | © Shan Shui Conservation Center

Kultur findet nicht allein in Städten statt. Seit rund 10 Jahren bilden NGO-Projekte Landbewohner in China zu Filmemachern aus, die ihren Alltag und ihre kulturellen Anliegen in Dokumentarfilmen auszudrücken.

Von Zhu Jingjiang (朱靖江)

Wenn über die Kulturszene im heutigen China gesprochen wird, denken die meisten Menschen an schillernde Fernsehshows, Filmpremieren, Kunstausstellungen und Modepartys in den großen Städten. Während hier das kulturelle Angebot und das Nachtleben europäischen und amerikanischen Städten scheinbar in nichts nachstehen, befinden sich die weitläufigen ländlichen Regionen Chinas, die das kulturelle Hinterland des Landes ausmachen, seit langem in einem glanzlosen Zustand der Sprachlosigkeit. Die Bauern in den Dörfern und die Viehhalter des Graslands haben nur sehr selten Gelegenheit, die Mainstream-Kultur mitzugestalten und sind aufgrund ihres eingeschränkten Aktionsradiuses und ihrer begrenzten Mittel zudem außerstande, eigene lokale Kulturunternehmen auf dem Land zu betreiben. Mit dem Landverlust der Bauern geht darüber hinaus auch die Zerstörung der jahrtausendelangen Kontinuität der traditionellen chinesischen Kultur einher.

Aufbau eines neuen kulturellen Selbstbewusstseins

Die Wiederbelebung der chinesischen Kultur auf dem Lande geschieht nicht über Nacht. Gerade in der heutigen Zeit, in der eine materialistische Denkweise weit verbreitet und der Gemeinschaftssinn verblasst ist, ist es ein steiniger Weg, bis die Randgruppen der Gesellschaft ihr kulturelles Selbstbewusstsein wiedererlangen und ihre kulturellen Standpunkte zum Ausdruck bringen werden. In den vergangenen 10 Jahren ist die Volkskultur in verschiedenen Regionen Chinas, vor allem in den Provinzen Yunnan, Guizhou und Qinghai, wo viele ethnische Minderheiten leben, allmählich wieder aufgelebt und traditionelle religiöse Rituale sind wieder erwacht. Darüber hinaus haben auch die rasante Verbreitung des Internets und die digitalen Medien beim Aufbau einer zeitgenössischen ländlichen Kulturszene einen entscheidenden Beitrag geleistet. Besonders erwähnenswert sind dabei verschiedene Projekte, die unter dem Begriff „Videofilme von chinesischen Landbewohnern” zusammengefasst werden können.

Dabei handelt es sich vor allem um Videos, aber auch Fotos aus dem Alltag von Bauern und Viehhaltern, aufgenommen von ihnen selbst. Der Kerngedanke hinter diesen Projekten ist, ganz gewöhnlichen Individuen die „Macht des Bildes” zu verleihen und ihnen Gelegenheit zu geben, ihre Wertvorstellungen, Lebensvisionen und kulturellen Anliegen in Form von Dokumentarfilmen auszudrücken. Diese Videofilme von chinesischen Landbewohnern sind größtenteils im Rahmen von durch NGOs in ländlichen Gebieten Chinas realisierten Projekten entstanden. Mit den selbstgedrehten Filmen können sowohl der Gemeinschaftssinn als auch die Dialogfähigkeit der Landbevölkerung gestärkt werden, ganz gleich, ob es um die Themen Umweltschutz, Aufbau von Basisdemokratie oder traditionelles Kulturerbe geht. Die sehr unterschiedlichen Filme sind inzwischen zu einem Teil der aktuellen chinesischen Massenkultur geworden.

Das Kulturerbe der ethnischen Minderheiten

Die Anfänge der „Videofilme von chinesischen Landbewohnern” gehen in China auf das Jahr 1991 zurück. Damals versammelte ein von der amerikanischen Ford-Stiftung finanziertes Programm zu „Women’s Health and Development“ 53 Frauen vom Lande, die anhand von Fotostorys ihre intimsten Gefühle ausdrücken konnten. Mit dem Eintritt in das neue Millenium und der zunehmenden weitreichenden Verbreitung von Digitalkameras und digitalen Videokameras sind aufgrund der leicht zu handhabenden und preiswerten Filmausrüstungen „Videofilme von chinesischen Landbewohnern” keine luxuriösen Experimente mehr, sondern eine Ausdrucksform der Massenkultur, die von allen Seiten leicht angenommen werden kann. Vor allem Teilnehmer mit unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Hintergründen und mit unterschiedlichen Bildungsniveaus können mithilfe der Kamera viel einfacher jene Geschichten erzählen, die sie interessieren, und ihre Gefühle und Anliegen ausdrücken, als sie dies schriftlich und vor allem in Chinesisch tun könnten. So hat diese Art von Dokumentarfilmen in der von vielen nationalen Minderheiten bewohnten Provinz Yunnan einen besonders großen Aufschwung erlebt.

Im Jahre 2000 entwickelte das BAMA Mountain Culture in dem Autonomen tibetischen Bezirk Dêqên (chinesisch Diqing) in drei Dörfern das “Learn Our Own Traditions: a Participatory Video Education Project“. Es gilt als frühester Versuch, die Kultur auf dem Lande in von Dorfbewohnern selbstgedrehten Dokumentarfilmen festzuhalten. Die Dokumentarkurzfilme Schwarzkeramik, Gletscher, Heiligabend in Cizhong und Rotwein in Cizhong, die von vier Tibetern, darunter einem Keramikkünstler, einem Winzer und einem Heimatdichter, gedreht wurden, stellen die filmischen Ergebnisse dieses Projekts dar.

Schwarzkeramik stellt die traditionelle lokale Keramikherstellung vor, in Heiligabend in Cizhong und Rotwein in Cizhong geht es um die katholische Kultur und die darauf zurückgehende Weinkellereikunst, in Gletscher wird der Massentourimus kritisiert, der aus Sicht der Tibeter zur Zerstörung der Gletscher im Nordwesten Yunnans führt. Das „Learn Our Own Traditions: a Participatory Video Education Project“ endete jedoch nicht mit dem Filmschnitt. Die Filme werden darüber hinaus als Unterrichtsmaterial in Grund- und Mittelschulen der Region verwendet, um den Schülern Wissen über ihre eigene Kultur und Heimat zu vermitteln.

In den vergangenen 10 Jahren hat das BAMA Mountain Culture Forschungszentrum sukzessive ähnliche Filmprojekte in der Provinz Yunnan durchgeführt. Zu den Teilnehmern gehören Tibeter, Miao, Lisu, Aini und Mosuo. Die behandelten Themen umfassen u. a. Hochzeits- und Begräbnisrituale, religiöse Riten sowie Produktion und Handwerk. Die gegenwärtigen Veränderungen der Volkskultur werden in den Filmen aus dem Blickwinkel der „Insider” betrachtet. Unter den zahlreichen fertiggestellten Filmen ragt der Dokumentarfilm Das heimatliche Haus der Großmutter zurücklassen von dem jungen Mosuo Erqing deutlich heraus.

Die durch ihre matriarchale Gesellschaftsform und den Brauch der „Besuchsehe” weithin bekannte Mosuo-Minderheit, die am Lugu-See im Südwesten Chinas ansässig ist, ist schon lange ein Hauptthema von Film- und Fernsehreportagen geworden. Doch die von außerhalb kommenden Reporter und Filmemacher haben fast immer eine sensationslüsterne, doppeldeutige Sicht der Dinge an den Tag gelegt, mit der sich die Mosuo schlecht identifizieren konnten.

Der Mosuo Erqing hingegen begleitet mit seiner Kamera einen Jugendlichen, der das Haus der Großmutter, ein traditionelles Mosuo-Holzhaus, an zwei Ausländer verkaufen will. In seinem Film zeigt er, welche kulturellen Schocks diese Begebenheit auslöst. Der Dokumentarfilm fand nicht nur begeisterten Anklang innerhalb der Gemeinschaft der Mosuo, sondern wurde darüber hinaus im Jahre 2009 als ein Meisterwerk kultureller Selbstreflexion in das Filmpanel des International Congresses of Anthropological and Ethnological Sciences gewählt. 

Thema: Umweltschutz

Neben der Thematik Volkskulturerbe stellt der Bereich Umweltschutz einen weiteren Schwerpunkt der „Videofilme von chinesischen Landbewohnern” dar. Das liegt vor allem daran, dass das Leben auf dem Land in direktem Zusammenhang mit der natürlichen Umwelt steht. Die Landbevölkerung ist persönlich sehr stark von der Rückbildung der Weiden, der Verschmutzung der Flüsse und anderen Umweltfragen betroffen, sodass sie umso mehr dazu bereit ist, die Veränderungen ihrer Umwelt mit der Kamera aufzuzeichnen.

Das Pekinger Shan Shui Conservation Center startete 2007 das Projekt „Through their eyes“ - Natur- und Kulturdokumentarfilme, welches Bewohner der ländlichen Regionen und Weidegebiete in den Provinzen Yunnan, Tibet und Qinghai in Kameraführung und Filmschnitt ausbildete und sie bei der Produktion von Dokumentarfilmen rund um das Thema Umweltschutz unterstützte. Das Ziel dieser Förderung sei gewesen, „aus Sicht der Einheimischen in den südwestlichen Bergregionen Modelle der traditionellen ländlichen Kultur und des Umweltschutzes, Konflikte und Veränderungen, mit denen die Bewohner konfrontiert sind, sowie auch ihre partizipatorischen Diskussionsformen aufzuzeichnen.“

Dieses bis heute laufende Filmproduktionsprojekt hat viele bedeutende Werke hervorgebracht, zum Beispiel Löwenzahn des tibetischen Mönchs Suo Ang Gong Qing aus der Provinz Qinghai, der die Verbreitung, das Wachstum und die Verwendung des Löwenzahns dokumentiert hat und in seinem Film die überlieferte Lebensphilosophie des tibetischen Buddhismus mit schlichten Bildern verschmelzen ließ.

Die der Lisu-Minderheit angehörende Dorfbewohnerin Yu Wenchang aus Yunnan filmte Die Geschichte vom Fisch, in der sie dokumentiert, wie eine lokale Fischsorte aufgrund von Überfischung vom Aussterben bedroht ist.

Der aus Qinghai stammende Hirte Nanjia beschreibt in seinem Film Brüder die Freundschaft zwischen einer Przewalski-Gazelle, die als Jungtier adoptiert wurde, und dem Sohn der Familie, in der sie groß wird, sowie das Zögern des Besitzers, die Gazelle der Natur zurückzugeben.

Mit den Augen der Dorfbewohner bietet Landbewohnern eine freie und offene Plattform, was auch der Grund dafür ist, warum das Projekt so großen Anklang gefunden hat. 

Symbol für das Erstarken der chinesischen Zivilgesellschaft

Auch in mehrheitlich von Han-Chinesen besiedelten ländlichen Regionen hat das Auftauchen der „Videofilme von chinesischen Landbewohnern” für Furore gesorgt. Seit 2005 gilt das „China Village Documentary Project“ unter der Leitung des berühmten Dokumentarfilmregisseurs Wu Wenguang (吴文光) als repräsentativstes Projekt. Dieses anfangs von der Europäischen Union finanzierte Videoprojekt verfolgt das Ziel, mithilfe des Filmemachens den ländlichen Demokratieprozess voranzutreiben. In der ganzen Welt werden dazu einfache Dorfbewohner in ländlichen Regionen rekrutiert, um Dokumentarfilme zu produzieren. Zehn Bauern aus neun Provinzen Chinas hatten sich schließlich „zum Dienst” gemeldet. Nach einem kurzen Training in Peking kehrten sie mit einer Digitalvideokamera ausgestattet zurück nach Hause und dokumentierten die Abläufe des Dorflebens. Jedes Jahr schneiden sie aus dem Filmmaterial einen Film zusammen, der den Titel Mein Dorf im Jahre 20XXträgt.

Die Besonderheit dieser Filme liegt einerseits darin, dass der Beobachterblickwinkel nicht von außen nach innen, sondern von innen heraus verläuft, sowie andererseits in der Interaktion zwischen dem Filmemacher und seinen Nachbarn, den Funktionären und von außerhalb kommenden Menschen. So zeigte zum Beispiel die Dorfbewohnerin Shao Yuzhen (邵玉珍) aus Huairou (Peking) in ihrem Film Mein Dorf im Jahre 2006 auf raffinierte Art und Weise die verschiedenen Arrangements und Anweisungen auf, die ein Fernsehreporter während seiner Reportagearbeiten zum Thema Aufbau des neuen sozialistischen Landes traf.

Außerdem sind viele Filme von Dorfbewohnern geschaffen worden, die heikle Themen berühren, wie zum Beispiel Basiswahlen, Landverteilung, Petitionen an höhere Instanzen etc. In gewisser Hinsicht kann man sagen, dass die „Dorfbewohner mit der Videokamera in der Hand“ ein Symbol des Erstarkens der chinesischen Zivilgesellschaft darstellen.

Die Bewegung „Videofilme von chinesischen Landbewohnern” läuft nun schon seit über 10 Jahren. Obwohl im Umfang nach wie vor begrenzt, haben Dorfbewohner mit ihren Dokumentarfilmen ihrer Stimme Gehör verschafft, die zwar von den Massenmedien häufig außer Acht gelassen wird, der es aber keinesfalls an Vitalität mangelt. Die zentrale Bedeutung der Bewegung „Videofilme von chinesischen Landbewohnern” ist, dass sie eine visuelle Aufklärung für die normale Bevölkerung darstellt. Dörfler und Bauern, Straßenverkäufer und Kellnerinnen, sie alle können – so sie nur wollen – die Kunst des Dokumentierens lernen und anwenden. Mithilfe unzähliger Augenpaare ist so eine differenzierte und facettenreiche Beobachtung und Beschreibung der chinesischen Gesellschaft entstanden.

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