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Fokus: Zukunftsangst
Das Glück der Leere

Hans mein Igel
Hans mein Igel | Figur und Foto: Rotraud Ilisch

Das Märchen Hans mein Igel der Gebrüder Grimm ist schon alt - zeigt jedoch auch heute noch Wege auf, wie man der Zukunft ohne Furcht begegnen kann, meint der Schriftsteller Thomas Lang.

Die Zukunft scheint voller Möglichkeiten zu stecken. Sie kann Versprechung oder Drohung sein oder beides zugleich. Aber sie ist es nicht. Man könnte sie als eine Projektion ansehen, die wir aus Erinnerungen und Erfahrungen generieren, mithin aus der Vergangenheit. Ihre emotionale Farbe hängt nicht nur von dem ab, was wir bereits erlebt haben, sondern besonders davon, wie wir unsere Lebenserfahrungen, auch den kollektiven Schatz davon, verarbeiten. Vergangenheit und Zukunft sind Perspektiven, zwei Zylinder an demselben Fernglas, die im Grunde nur ein Bild geben. Dieser Ausblick ist trügerisch, mag er uns hell oder dunkel erscheinen.

Ein Märchen der Brüder Grimm kann uns ins Sachen Zukunftserwartung ein paar Auskünfte geben. Es erzählt von einem reichen Bauern, der mit seiner Frau kein Kind zeugen kann. Als es schließlich doch geschieht, bekommen die beiden eine Chimäre zum Sohn – halb Mensch, halb Igel. Hans mein Igel, wie das Kind heißt, ist kleinwüchsig und zu nichts Nutze. Jahrelang liegt er nur hinter dem Ofen. Der Vater wünscht bald, dass Hans sterben möge. Der denkt aber nicht daran. Eines Tages erbittet er sich einen Dudelsack, außerdem einen Hahn sowie Schweine und Esel. Auf dem Hahn reitet Hans mein Igel in den Wald. Er tut weiter nichts, als seine Herde zu hüten und auf dem Dudelsack zu spielen. Hoch auf einem Baum hockt er und schaut ins Land. Er ist sich selbst genug. Seine Herde wächst und gedeiht, doch damit fängt er nicht viel an. Irgendwann bringt er sie ins Dorf zurück und lässt die Leute das Vieh schlachten. Sein Glück macht Hans mein Igel bei einer anderen Gelegenheit: Einem verirrten König zeigt er den Weg nach Hause, erhält dafür dessen Tochter zur Frau und wird schließlich von seiner Igelgestalt erlöst.

Die Suche nach dem Glück ist ein Leitmotiv in vielen deutschen Märchen. Es sind die Minderbemittelten, die es suchen – Ausgestoßene, in der Gesellschaft niemals Zugelassene, Untüchtige. Sie brechen in eine vage Zukunft auf. Die anderen haben ihr Glück gemacht; manche bemerken es nicht mal, manche verstehen nicht, es festzuhalten. Der Vater von Hans mein Igel ist so einer, der im Besitz der Gegenwart ist. Das Vorhandensein von Möglichkeiten stört ihn nur; sein Kinderwunsch wird denn auch auf eine Art erfüllt, dass er ihn bereut.

Hans mein Igel dagegen lebt in einer Art Leere. Hinter dem Ofen erlebt er nichts. Vielleicht versteht er es deshalb nicht, sein Leben mit mehr auszufüllen als Abhängen und Musikmachen? Aber er kann warten. Als seine Chance kommt, versteht er es, sie zu nutzen. Dabei ist der unerfahrene und benachteiligte junge Mann von frappierender Gelassenheit.

Die deutschen Märchen wurzeln im Erfahrungsschatz einer Zeit, die für breite Schichten von Armut geprägt war. Hunger, Kinderarbeit, der Verlust jeglicher Habe standen auf der Tagesordnung. Noch in den 1840er-Jahren gab es große Hungersnöte und kriegsbedingten Hunger zuletzt 1946 und 1947. Unsere Gegenwart hat sich demgegenüber beinahe ins Gegenteil verkehrt. Obwohl häufig beklagt wird, die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander, hat die mittlere soziale Schicht eine historisch einzigartige Breite. Der durchschnittliche Deutsche kämpft heutzutage eher gegen sein Übergewicht. Der Rand der Gesellschaft mit seinen sozialen Nöten wirkt so schmal, dass wir ihn geflissentlich ausblenden können. Andererseits ist die Angst vor dem sozialen Abstieg mit befristeten Arbeitsverträgen, großen Schwankungen an den Börsen und Angriffen auf die Stabilität der europäischen Währung in die Köpfe vieler Menschen zurückgekehrt. Zu Recht?

Fragespiele

Die Deutschen sind ein Volk, das auf hohem Niveau jammert. Eben noch Export-Weltmeister, nun abgeschlagen auf den 2. Platz. Eben noch geteilt, nun auf Kosten des je anderen Teils wieder vereint. Reales Glück, oder sagen wir Gutgestelltsein, und angstvolle Erwartung stimmen nicht immer gut überein.

Jedenfalls suggerieren uns eine Vielzahl von Umfragen, dass wir ein zukunftsängstliches Volk seien. Die glücklichsten Menschen leben anderswo, etwa in Vanuatu in der Südsee, Kolumbien und Costa Rica. Der Inselstaat im Pazifik und die „lateinamerikanische Schweiz“ leuchten uns gleich ein: das Paradies auf Erden stellt sich mancher mit Palmen, Meer und Sonne vor. Aber Kolumbien? „Das kann man sich ja vorstellen“, frotzelte ein Bekannter, dem ich davon erzählte, und schniefte eine Prise imaginäres Kokain durch die Nase. Andernorts wird Nigeria als glücklichstes Land genannt oder Dänemark – das aber nur unter den Industriestaaten. Die Schweizer finden sich einmal recht weit vorn, ein anderes Mal ganz hinten. Die Deutschen landen meistens im Mittelfeld.

Nicht mal die Frage, ob Geld glücklich macht, lässt sich noch eindeutig beantworten. Eine US-Studie aus den Siebzigern sagte nein, eine niederländische aus der jüngsten Zeit tendiert zu ja. Kapital zu besitzen, kann einen die Furcht lehren, es wieder zu verlieren. Kein Geld zu haben, steigert dagegen definitiv die Angst im täglichen Leben. Da hilft auch das christliche Ideal vom bedürfnislosen Leben – „wie die Lilien auf dem Felde“ – nicht viel. Die Angst vor der Zukunft verkehrt sich für den Bedürftigen zu einer Angst vor der Gegenwart.

Reale Gefahren – etwa einer Wohnungskündigung nach zweimaligem Nichtzahlen der Miete – und solche, die projiziert sind wie die Furcht vor einer Verblödung der Deutschen oder dem Untergang des Abendlandes: Beide Typen von Ängsten vermischen sich leicht, die Sorge um die eigene Zukunft ist schon manchem zum Weltuntergangsszenario geraten. Konkrete Gefahren kann man in der Regel angehen, entschärfen oder beseitigen. Ein mentaler Alarmzustand lässt sich hingegen nur beim Alarmierten selbst bekämpfen. Der Raum der Zukunft füllt sich mit Gespenstern.

Das Märchen von Hans mein Igel zeigt auch heute einen subtilen Weg an der Zukunftsangst vorbei. Hans ist dabei unabhängig von materieller Sicherheit, wie er durch das Wegschenken seiner Herde beweist. Für seinen Aufbruch fordert er vor allem etwas Anderes: den Hahn, mit dessen Hilfe er sich aufschwingen und die Welt überblicken kann und den Dudelsack zu seiner Zerstreuung. Trotz seiner Armut an Erfahrung hat er einen unbescheidenen Plan. Er will die Hand der Königstochter. Und gerade wegen seiner Erfahrungsleere versteht er es, sich die Zukunft offenzuhalten, abzuwarten, bis er seinen Plan verwirklichen kann.

Hans mein Igel bleibt sich treu. Von seinem Vater heißt es zu Beginn, „der hatte Geld und Gut genug, aber wie reich er auch war, so fehlte doch etwas zu seinem Glück ...“ Von Hans mein Igel wird Derartiges nicht berichtet. Er ist eben furchtlos und von niemandem aufzustacheln.

Nach dem Studium der Neueren Thomas Lang Foto: Astrid Menigat Deutschen Literatur in Frankfurt am Main wurde Thomas Lang, Jahrgang 1967, in München schriftstellerisch tätig. Parallel hierzu arbeitet er journalistisch, unter anderem auch für Computerzeitschriften. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen erhielt er für seinen Roman Am Seil 2005 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2010 erschien sein aktueller Roman Bodenlos oder Ein gelbes Mädchen läuft rückwärts (Verlag C.H. Beck).

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