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Fokus: Zukunftsangst
Zukunftsangst essen Seele auf

Die Zahl Burn-out-Betroffener steigt in Deutschland
Die Zahl Burn-out-Betroffener steigt in Deutschland | © www.colourbox.com

Je höher der Fortschritt, desto schlechter die Psyche? Auf jeden Fall hat das Leben in der Leistungsgesellschaft viele Schattenseiten. Das Bewusstsein dafür wächst jedoch erst langsam.

Von Jan Schlieter

Wirtschaftswachstum hui, Wohlbefinden pfui. So könnte man die momentane Lage hierzulande griffig zusammenfassen. Denn der psychische Preis für Exportrekorde und Beschäftigungsoffensiven ist hoch. Laut der repräsentativen Langzeituntersuchung „Die Ängste der Deutschen“ sind die Sorgen im vergangenen Jahrzehnt deutlich angestiegen. Bedenklich ist auch, dass viele junge Menschen davon betroffen sind. „Absturz-Panik der Generation Biedermeier“ lautet etwa das Fazit des Meinungsforschungsinstituts Rheingold aus seinen Studien-Interviews mit 100 jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren: „Die Vorstellung eines permanent drohenden Absturzes hetzt die Jugendlichen vor sich her und motiviert sie dazu, sich dagegen aufzurüsten und zu schützen“, bilanziert der Abschlussbericht. „Angesichts einer als zerrissen, brüchig und wenig tragfähig erlebten Lebenswirklichkeit, sehnt sich die Jugend in erster Linie nach Stabilität.“

Doch immer mehr Menschen misslingt es, diese Sicherheit dauerhaft zu finden. Fachleute beklagen seit Jahren eine stetige Zunahme von psychischen Erkrankungen. Seit 1990 hat sich die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund solcher Störungen fast verdoppelt. Inzwischen leiden daran jedes Jahr rund 30 Prozent der Erwachsenen und 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland; besonders verbreitet sind Depressionen, Ängste, Süchte und psychomatische Beschwerden. Dr. Joachim Galuska, der Ärztliche Direktor der Psychosomatischen Kliniken in Bad Kissingen, ist deshalb gemeinsam mit einigen Kollegen im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit gegangen. Sie gründeten die Initiative zur psychosozialen Lage in Deutschland und haben für ihren Aufruf innerhalb weniger Wochen mehr als 2.000 Unterstützer gefunden.

Immer mehr Depressionen – auch in China

Die Zunahme der „seelischen Infarkte“, wie Galuska sie nennt, betrifft alle Altersgruppen. In seinen Augen ist es vor allem die Komplexität der Gesellschaft, die Menschen an ihre Grenzen bringt. Jeder Einzelne ist von vielfältigsten Ansprüchen umgeben. Arbeitgeber, Angehörige, Freunde, Kollegen, Medien, Konsumwelt und nicht zuletzt die eigenen Wünsche verlangen nach möglichst ungeteilter Aufmerksamkeit – und immer mehr Menschen fühlen sich irgendwann zu erschöpft dafür. Galuska sagt sogar: „Je zivilisierter und fortschrittlicher eine Nation wird, desto größer wird dort das psychische Leid.“

Tatsächlich gibt es in aufstrebenden Nationen wie China inzwischen eine deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen. Laut einer Umfrage des Chinesischen Zentrums für Bevölkerung und Kommunikation leiden mehr als 30 Millionen Jugendliche an Depressionen und Verhaltensstörungen. Noch vor wenigen Jahren war die Diagnose Depression kaum verbreitet. Lieber wurde eine Neurasthenie („Erschöpfungssyndrom“) diagnostiziert, weil eine vermeintlich körperlich verursachte Krankheit nicht das Stigma der Charakterschwäche hatte. In westlichen Ländern wird aus ähnlichen Gründen von Ärzten gern ein Burn-out-Syndrom festgestellt, obwohl das gar keine offizielle psychische Krankheit ist und die Symptome denen der Depression sehr verwandt sind.

Dass psychische Krankheit und materieller Wohlstand zusammenhängen, zeigt auch ein Befund des amerikanischen Ethnologen Daniel Everett, der jahrelang beim Stamm der Pirahã im brasilianischen Regenwald lebte. Obwohl diese Jäger und Sammler ihr Überleben täglich neu erkämpfen müssen, kennen sie weder Zukunftssorgen noch Depressionen. Everett nennt sie deshalb bewundernd „das glücklichste Volk der Welt“.

Moderne Arbeitsgesellschaften machen krank

Doch wieso steigt parallel zum Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung auch das der psychischen Erkrankungen? In gewissem Umfang ist das Problem wohl hausgemacht: Ein höheres Bewusstsein für die Existenz solcher Phänomene sorgt zugleich dafür, dass sie vermehrt entdeckt werden. Denn nur wer zum Arzt geht, kann auch eine Diagnose erhalten. Umgekehrt kann ein Arzt nur etwas finden, wenn er danach sucht.

Allerdings reicht solch eine Erklärung allein nicht aus. Vielmehr erscheint ein Wechselspiel aus den Bedingungen der modernen Arbeitsgesellschaft und persönlicher Stabilität ein zentraler Grund für die steigende Zahl von Angst-, Depressions- und Erschöpfungssymptomen zu sein. Wobei immer mehr auch denen Gefahr droht, die als besonders belastbar und flexibel gelten. Denn sie werden mit immer neuen Aufgaben und Verantwortlichkeiten überhäuft. Inzwischen arbeitet bereits jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte mehr als 60 Stunden pro Woche. Wobei viele davon zunächst gar kein Problem darin sehen, schließlich erhalten sie im Gegenzug meist viel Anerkennung für ihr Engagement. Doch wer auf Dauer so lebt, riskiert viel. Außerberufliche Interessen und Beziehungen kommen oft zu kurz. Zudem kann die Arbeit suchtähnliche Wirkung bekommen, um eine innere Leere zu unterdrücken. Wer dann keine professionelle Hilfe findet, ruiniert fast zwangsläufig seine Arbeitsfähigkeit.

Doch (selbst)bewusst gegenzusteuern, ist heikel. Mancher fürchtet, seinen Job zu verlieren, wenn er für bessere Arbeitsbedingungen eintritt. Schließlich gibt es eine Vielzahl potentieller Konkurrenten, die in Elite-Kitas, G8-Gymnasien und Turbo-Studiengängen jahrelang an Multitasking und Erwartungsdruck gewöhnt wurden. Und vermitteln nicht zuletzt viele Medien das Bild, dass kaum etwas mehr zählt, als ein sicherer Job?

Hilfsangebote für interessierte Firmen

All das trägt dazu bei, dass Burn-out-Probleme inzwischen nicht mehr nur in den klassischen Helfer-Berufen auftreten. Das zeigt etwa eine aktuelle Studie der Universität Duisburg-Essen über psychische Belastungen in der IT-Branche. Demnach glaubt von 331 Befragt nur etwas mehr als jeder Dritte, seine Arbeit auf Dauer durchzuhalten. Gar nur 29 Prozent sagen, dass sie nach der Arbeit mental abschalten können. Beides sind Anzeichen für ein drohendes „Ausbrennen“. Laut Studienleiterin Dr. Anja Gerlmaier finden sich ähnliche Muster auch bei Medienschaffenden oder Wissenschaftlern: „Überall, wo viel in Projektform gearbeitet wird, leiden die Menschen unter ähnlichen Problemen: ständige Unterbrechungen des Arbeitsflusses, hoher Zeitdruck und viele Nebenschauplätze durch andere Projekte oder Verwaltungsaufgaben.“

Eine Besserung der Umstände ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: „Im Dienstleistungsbereich passiert jetzt das, was die Industrie schon vor 15 Jahren erlebte – eine immense globale Konkurrenz, weil die Personalkosten in Indien oder Russland bei ähnlicher Qualität viel niedriger sind.“ Für die Beschäftigten in Deutschland werden Termindruck und Arbeitsverdichtung also noch stärker. Umso wichtiger erscheint es Gerlmaier, dass die Arbeitnehmer aktiv werden. „Das beginnt mit der Selbstbeobachtung: Wo sind meine Belastungsgrenzen? Wo kann ich Unterstützung im Team bekommen? Wo können wir gemeinsam Arbeitsprozesse verbessern?“

Für interessierte Betriebe bietet die Psychologin gemeinsam mit ihren Kollegen vom Projekt „Demografischer Wandel und Prävention in der IT“ Workshops an, um das Umdenken zu erleichtern. Viele Prozesse lassen sich leicht anstoßen, der Erfolg ist wissenschaftlich erwiesen. So kann man die Produktivität erhöhen und zugleich Stress abbauen, wenn man Konferenzen und Korrespondenzen am Nachmittag erledigt und dafür das morgendliche Leistungshoch gezielt von solchen Verpflichtungen befreit. Das geht aber nur, wenn dafür klare Rahmenbedingungen geschaffen werden. Auch regelmäßige Kurzpausen und eine Höchstzahl von zwei parallelen Projekten pro Mitarbeiter haben sich laut Gerlmaier sehr bewährt.

Wer weniger hat, hat weniger Sorgen

Wer sich dauerhaft um seine Zukunft sorgt, sollte zudem versuchen, seinen Selbstwert über den Arbeitsplatz hinaus zu stärken. Leider muss man auf einen Platz bei einem professionellen Psychotherapeuten oft wochenlang warten. Verzagen muss man dennoch nicht. Aktive Hobbys, Zeit für Entspannung, Beziehungen pflegen, gezieltes „Nein“-Sagen, die eigenen Ängste und Begrenzungen analysieren und akzeptieren – all das sind Dinge, die man selbst angehen kann. Die Schriftstellerin Karin Duve hat übrigens den Vorsatz gefasst, sich 2011 jeden Tag von mindestens einem Gegenstand zu trennen. Ganz so radikal muss man das ja nicht nachahmen, doch auch weniger Besitz kann gegen Zukunftsangst helfen. Schließlich muss man sich darüber dann schon mal keine Sorgen mehr machen.

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