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Fokus: Zukunftsangst
Zukunftsängste der Chinesen

Die Wohlstandsschere klafft immer weiter auseinander
Die Wohlstandsschere klafft immer weiter auseinander | Foto: Ji Guoqiang © ImagineChina

Egal ob Inflation, Bildung, Immobilienpreise oder Altersvorsorge – die Zukunftsängste der Chinesen klaffen immer weiter auseinander. Führt die ins Stocken geratene Reform des Systems gar dazu, dass immer größere Kreise der Elite nicht mehr auf die Zukunft Chinas setzen?

Von Zhang Zhuo (张卓)

„Zunächst nehme man sich der Sorgen der Welt an, alsdann genieße man ihre Freuden“ – dieser berühmte Ausspruch, den der Gelehrtenbeamte Fan Zhongyan (范仲淹) zur Zeit der nördlichen Song-Dynastie (960–1126 n.Chr.) prägte, wird in China mittlerweile seit beinahe 1000 Jahren zitiert. Doch im heutigen China mit seinen über 1,3 Milliarden Menschen sowie einem gewaltigen Entwicklungsgefälle zwischen Arm und Reich, Stadt und Land und den einzelnen Regionen driften die Zukunftsängste der Einwohner je nach sozialer Schicht mittlerweile weit auseinander. So mannigfaltig und komplex sind die Sorgen, dass sich mittels einer einfachen Bürgerbefragung gar nicht klar ausmachen ließe, wo nun die größten Zukunftsängste der Chinesen liegen.

Sozialer Frieden und der „Verteidigungskrieg der Brieftaschen“

Obwohl in China Jahr für Jahr 20 Millionen neue Arbeitskräfte auf den Markt drängen, lies doch kürzlich eine Nachricht über zusätzlichen Personalbedarf große Teile der Bevölkerung besonders aufhorchen: Anfang Dezember 2010 wurde eine Meldung des Economic Observer über Stellenaufstockungen bei einigen chinesischen Gelddruckereien auf zahlreichen Websites an prominenter Stelle platziert. Auch wenn nur wenigen bekannt sein dürfte, wie viele Banknoten 100 neue Mitarbeiter in den genannten fünf Gelddruckereien zusätzlich drucken können, verstehen die Menschen dies offensichtlich als ein starkes Indiz, dass die Inflation, die im vierten Quartal 2010 bereits 5,1 % erreicht hatte, sich noch weiter verschärfen wird.

Laut einer von der Chinesischen Zentralbank am 15. Dezember 2010 veröffentlichten Umfrage unter Sparern ist im Abschlussquartal 2010 die Zufriedenheit der Bürger mit den Warenpreisen seit dem vierten Quartal des Jahres 1999 auf einen neuen Tiefpunkt gesunken. 73,9 % der Bürger empfinden die Preise als „unerträglich hoch“, das sind 15,6 Prozentpunkte mehr als im dritten Quartal 2010. 81,7 % der Menschen erwarten, dass die Preise noch weiter steigen werden, im dritten Quartal 2010 waren es noch 73,2%. Darauf, dass sich 2010 die Preise verschiedener Produkte wie Knoblauch, Mungobohnen, Zucker, Chinesische Medizin und Kohle vervielfachten, ja teilweise um das Zehnfache in die Höhe schnellten, haben die chinesischen Netzbürger in ihrer Ohnmacht längst mit spöttischen Wortschöpfungen wie „Der Knoblauch zeigt’s dir“, „Die Bohne lacht sich ins Fäustchen“ und „Der Zucker ist hochwohlgeboren“ reagiert. Sogar die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua machte in ihrem Bericht über Wen Jiabaos (温家宝) Neujahrsbesuch „an der Basis“ eine Ausnahme und erwähnte, dass das Volk den Ministerpräsidenten auf die Preissteigerungen angesprochen habe. Wen Jiabaos erster Inspektionsgang habe am Vormittag des 1. Januar 2011 einem Supermarkt gegolten, hieß es in dem Artikel, dort habe er sich über die Preise informiert.

Sollte man also jene Angst benennen, welche die chinesische Führung wie die Unterschicht gleichermaßen umtreibt, so müssten Inflation und Preissteigerungen auf jeden Fall an erster Stelle stehen. Letztlich geht es bei etlichen Niedriglohnempfängern des chinesischen Prekariats nicht einfach ums „Leben“, sondern immer noch ums „Überleben“. Wenn die Preise für die Dinge des täglichen Lebens gegenwärtig stark anziehen, ist das für viele Menschen unmittelbar gleichbedeutend mit einer Existenzkrise. Daher ist die Frage, wie ein Mindestlebensstandard für die wirtschaftlich Schwachen gewährleistet werden kann, zum Angelpunkt für die Stabilität der gesamten chinesischen Gesellschaft wie auch für die Führung der Kommunistischen Partei geworden.

Die von der Geldentwertung verursachte reale Minusverzinsung, die derzeit bei -2,5 % liegt und wohl auf lange Sicht anhalten wird, versetzt wiederum die wohlhabenden Chinesen sowie die junge Mittelklasse in Unruhe: Wie kann das eigene Vermögen vor dem Wertverfall geschützt werden und werden die Gehaltserhöhungen mit dem Anstieg des Preisindex mithalten können? Die Frage, wie man den „Verteidigungskrieg der Brieftaschen“ für sich entscheiden kann, wird diese Bevölkerungsgruppen in Zukunft wohl noch eine ganze Weile in Atem halten.

Die Ungleichheit des Systems führt zu ungleichen Sorgen

Verglichen mit den Protestkämpfen, welche die Wanderarbeiter um ausstehende Löhne führen und über die in den letzten Jahren regelmäßig in den Medien berichtet wird, nimmt sich der „Verteidigungskrieg der Brieftaschen“ seitens der Büroangestellten geradezu als Luxusproblem aus. Nach publizierten Zahlen des Staatlichen Statistikamts gibt es in China derzeit 200 Millionen Wanderarbeiter, die fern ihrer Heimat beschäftigt sind. Infolge der unzulänglichen Mechanismen zur Absicherung der Arbeiter kommt es häufig vor, dass die Löhne der Arbeitsmigranten über einige Monate oder gar ein ganzes Jahr lang nicht ausgezahlt werden. Um den ausstehenden Lohn für ihre Heimkehr zum Chinesischen Neujahr einzufordern, sehen sich die Bauernarbeiter vor dem Frühlingsfest jedes Jahr erneut dazu gezwungen, zu radikalen Mitteln zu greifen. Die Skala reicht dabei vom Kotau vor dem Arbeitsgeber über gewaltsame Proteste bis hin zu Selbstmord. Da hilft es auch nichts, dass das Einbehalten der Wanderarbeiterlöhne bis in die höchste Regierungsebene scharf verurteilt wird. Solange die Arbeiterrechte nicht effektiver gesichert und kontrolliert werden, wird die Sorge, ob sie am Ende des Jahres den Lohn für die harte körperliche Arbeit in den Händen halten werden, weiterhin Jahr für Jahr auf den Schultern unzähliger Wanderarbeiter am unteren Rand der chinesischen Gesellschaft lasten.

Tatsächlich sind die unterschiedlichen Ängste um das zukünftige Einkommen nur ein Aspekt der systemimmanenten Kluft, die sich in China zwischen Stadt und Land auftut. Da sind auf der einen Seite die Städter, die, getrieben von der ständigen Sorge um die berufliche Zukunft ihres Kindes, jeden Preis für eine Wohnung im Einzugsbereich einer Schwerpunktgrundschule bezahlen. Da sind auf der anderen Seite die Wanderarbeiter, die sich fragen, ob ihre Sprösslinge überhaupt eine Chance auf Bildung haben, und wie ihre in den Dörfern zurückgelassenen Kinder gut versorgt werden können. Auf der einen Seite schauen junge Städter der Post-1980er-Generation sorgenvoll auf die rasant steigenden Immobilienpreise, voll Angst vor einem Leben, das sie zu „Sklaven ihrer Wohnungshypothek und ihrer Kinder“ degradieren wird. Nicht wenige von ihnen erwägen sogar den Rückzug aus den teuren Metropolen wie Peking, Shanghai oder Kanton.

Auf der anderen Seite gibt es auch die vom Land stammende Post-80er-Generation, insbesondere jene, welche mit ihren Eltern von Kindesbeinen an in verschiedenen Städten gelebt hat. Diese an das Stadtleben gewöhnte neue Generation der Wanderarbeiter zerbricht sich den Kopf darüber, wie sie in Zukunft in der Stadt bleiben könnte und wie sie dem Schicksal ihrer Eltern, die das Arbeitsleben in der Stadt und den Ruhestand im Dorf verbringen, entkommen kann.

Auf der einen Seite verfolgen die Städter genau, ob die überarbeiteten „Bestimmungen über die Konfiszierung und Kompensation von Gebäuden auf staatlichem Boden“ ein Verbot der Zwangsumsiedlungen nach sich ziehen könnte. Denn das würde ihre Ängste ausräumen, das eigene Zuhause könnte von einer Nacht auf die andere nicht mehr existieren. Auf der anderen Seite sind Abermillionen chinesischer Bauern damit konfrontiert, dass Lokalregierungen immer öfter versuchen, im Tausch gegen die sogenannte „Aufenthaltsgenehmigung für städtische Gebiete“ an ihr Stück Land zu kommen. Wie auch immer sich diese diversen, groß angelegten „Enclosure Movements“ zur Kommerzialisierung des Bodens auf die Zukunft der landlosen Bauern einmal auswirken werden, vorläufig bleibt ihnen, die kaum Einfluss auf die Festlegung der Spielregeln haben, nichts als Angst und Unsicherheit.

Die Abwanderung der Elite und eine Wanderarbeiter-Version von „Im Frühling“

Unter den chinesischen Intellektuellen, für die die „Sorge um die Welt“ Priorität haben sollte, greifen die Zukunftsängste womöglich noch tiefer und erscheinen noch unlösbarer. Das Wirtschaftssystem hat sich in China in den vergangenen drei Jahrzehnten grundlegend gewandelt, doch bei der entsprechenden Reform des politischen Systems zeigte sich bisher kein Durchbruch. Zwar hat Ministerpräsident Wen Jiabao im Jahr 2010 gleich fünf Mal in Folge bei öffentlichen Anlässen betont, wie wichtig politische Reformen seien, doch die fest im Sattel sitzenden mächtigen Lobbys haben diesem systeminternen reformerischen Elan gleich wieder einen Dämpfer verpasst. Wenn in einer Gesellschaft die öffentliche Gewalt schleichend unterwandert wird und den Eliten die Hände gebunden sind, bleibt diesen nichts anderes, als in einem Akt des Selbstschutzes außerhalb des eigenen Landes nach Auswegen zu suchen. So kündigt sich seit 2009 eine neue Auswanderungswelle der geistigen und der Geldelite Chinas an. Den Daten der Beijing Entry & Exit Service Association zufolge hat sich 2009 die Zahl der chinesischen Bewerber, die aus geschäftlichen Gründen in die USA emigrieren wollen, im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Aus Analysen geht hervor, dass die cleversten Leute in der chinesischen Gesellschaft schon nicht mehr auf die Zukunft Chinas setzen.

Im November 2010 kamen zwei junge Wanderarbeiter im Alkoholrausch auf die Idee, das Lied Im Frühling zu covern und mit dem Handy abzufilmen. Einmal ins Netz gestellt, erhielt der Videoclip innerhalb von weniger als einem Monat über 10 Millionen Klicks. In der Folge wurde Im Frühling Ende Dezember als erster Musiktitel überhaupt per Online-Voting direkt in das Programm der CCTV-Neujahrsgala 2011 gewählt.

Etliche Internet-User, darunter der Sekretär des Parteikomitees der Provinz Hubei, kommentierten im Internet, wie tief sie das Video bewegt habe, man sei „zu Tränen gerührt“ gewesen. Aus diesem von Wanderarbeitern angestimmten Gesang, den chinesische Medien als „Rührstück der Nation“ titulierten, können Menschen aller sozialen Schichten ihre eigenen Gedanken und Ängste über die Zukunft heraushören: „Wenn ich eines Tages alt und hilflos bin, lass mich in der Zeit von damals / wenn ich eines Tages leise von dieser Welt gehe, beerdige mich in jenem Frühling“.

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