Fokus: Aufklärung 100 Jahre Aufklärung in China

Aufklärer der 2. Generation: Chen Duxiu (Wachsfigur) in Wuhan
Aufklärer der 2. Generation: Chen Duxiu (Wachsfigur) in Wuhan | Foto: Chu Lin © ImagineChina

Bereits 2008 erschien dieser historische Abriss der Aufklärungsbewegung in China, von ihren Anfängen zum Ende der Qing-Zeit bis in die Zeit der Reform- und Öffnungspolitik nach 1980.

Der folgende Artikel erschien 2008 in der Ausgabe Nr. 9 des politisch-historischen Monatsmagazins Yanhuang Chunxiu.

„Qimeng“, übersetzt: „Aufklärung“, bedeutet eigentlich, trügerische Schatten zu vertreiben und dem Menschen zu Klarheit zu verhelfen. Rein semantisch betrachtet ist die „Aufklärung“ im landläufigen Wortsinn ein universales, menschlich-geistiges, also kulturelles Phänomen. Sie ist ein objektiv existierendes, in der menschlichen Natur liegendes kulturelles Bedürfnis, und so für alle Zeiten und alle Orte gültig. Doch als Auslöser einer geistigen Revolution und als geistig-kulturelle Bewegung, welche die Modernisierung von Mensch und Gesellschaft angestoßen hat, bezieht sich die Aufklärung auf jenes Ereignis, das im 18. Jahrhundert Europa und insbesondere Frankreich zum Zentrum hatte. Das Wort „qimeng“ (wörtlich: die Dunkelheit durchbrechen, Anm. d. Übers.) ist ein sehr alter Begriff, der schon in frühester Zeit Verwendung fand. Im Buch der Wandlungen wird der Ausdruck „fameng“ (发蒙) verwendet, das „Hinausgehen aus der Dunkelheit“. Der hanzeitliche Historiker Ying Shao (应劭) sprach im Fengsu Tongyi von der „Vertreibung der Schatten und dem Ausbruch aus der Dunkelheit“ und in den Chroniken der Drei Reiche fand man in den Schriftzeichen 启矇 (qimeng) einen noch anschaulicheren Ausdruck (im zweiten Schriftzeichen ist der Dunkelheit noch das Auge vorangestellt, Anm. d. Übers.). Die Bedeutung dieser Varianten war stets, die trügerischen Schatten zu vertreiben und dem Menschen zur Klarheit zu verhelfen. Doch der Begriff der „Aufklärung“, wie wir ihn heute im Sinne einer gedanklich-kulturellen Bewegung der Moderne verwenden, ist genauso wie viele andere im Chinesischen geläufige Wörter, beispielsweise „geming“ (= Revolution), „jingji“ (= Wirtschaft), „zhengzhi“ (= Politik) und „wenxue“ (= Literatur), ein aus Japan importiertes Fremdwort. Als die japanischen Wissenschaftler der Meiji-Ära sahen, dass das englische Wort „Enlightment“ „Erleuchtung“ bedeutet, fielen den japanischen Gelehrten die beiden chinesischen Schriftzeichen „启蒙“ (qimeng) ein und so übersetzten sie diesen westlichen Begriff mit „qimeng“, also „das Dunkel durchbrechen“. Eine äußerst anschauliche Übersetzung, wie man zugeben muss.

So wurde die „Aufklärung“ als Übersetzung eines westlichen Begriffs über Japan nach China importiert. Einen Vorgang, den japanische Forscher als „Re-Import“ bezeichnen. Das reimportierte chinesische Wort für „Aufklärung“ unterschied sich natürlich von dem ursprünglichen rein funktionalen chinesischen Wortsinn. Gleichzeitig mit der Aufklärung im westlichen Sinn wurde die von der europäischen Aufklärungsbewegung etablierte „Vernunft“ sowie diverse moderne Auffassungen und kulturelle Werte eingeführt. So züngelte das „Feuer der Aufklärung“ fortan auch auf dem Boden dieses alten und riesigen Kaiserreichs mit seiner zweitausend Jahre währenden autokratischen Geschichte. Diejenigen, die zunächst dieses „Feuer“ aus Japan gestohlen hatten, kamen aus der Generation Liang Qichaos (梁启超). Die Leute um Liang Qichao waren also die erste Generation von Brandstiftern auf chinesischem Boden. Leute wie Chen Duxiu (陈独秀), Hu Shi (胡适), Lu Xun (鲁迅) und Zhou Zuoren (周作人) hingegen sind als zweite Generation der Feuerdiebe und Brandstifter zu betrachten. In ihren Händen loderte das Feuer der Aufklärung merklich auf. Dass die Flammen zur Zeit der Vierten-Mai-Bewegung bis zum Himmel schlugen, war das Meisterstück der zweiten Aufklärungs-Generation. Die Aufklärer dieser beiden Generationen waren vielleicht zu engstirnig und haben den Erfahrungshorizont der Menschheit oft falsch eingeschätzt, aber sie waren großartige Befreier. Sie haben versucht, das chinesische Volk aus seiner Angst, aus Obskurantismus und Verblendung sowie von anderen extrem widersinnigen geistigen Fesseln zu befreien. Sie haben sich gegen Unbarmherzigkeit und Unterdrückung gewandt. Sie haben gegen Aberglauben und Unwissenheit und gegen viele zerstörerische Machenschaften einen Kampf auf Leben und Tod geführt und beachtliche Siege erzielt. Deswegen stehen wir auf ihrer Seite.

Auch wenn die europäische Aufklärung anfänglich mit vielen Widerständen zu kämpfen hatte, hat sie sich schließlich als unaufhaltsame Kraft erwiesen und in der westlichen Welt einen umfassenden Sieg errungen. Im Vergleich zu Europa verlief die chinesische Aufklärung weitaus schwieriger und verworrener. Auch wenn das aufklärerische Engagement seit der Generation Liang Qichaos hier und da von Erfolgen gekrönt war, stehen diese doch weit hinter den Errungenschaften der europäischen Aufklärung zurück. Obwohl inzwischen ein Jahrhundert verstrichen ist, sind die Ziele, welche die Pioniere der Aufklärung einst im Auge hatten, im Grunde genommen nach wie vor verschwommene und sehr schöne Ideale geblieben. Dass der Weg der Aufklärung in China so viel steiniger ist als in Europa, hängt natürlich zu einem großen Teil damit zusammen, dass die Idee der Aufklärung etwas von außen Importiertes ist. Doch ist dies nicht der einzige Grund und schon gar nicht der entscheidende Faktor. Man kann auch nicht pauschal behaupten, dass China nicht über dem Westen vergleichbare kulturelle Ressourcen verfüge. Der chinesische Staat hat eine extrem lange autokratische Geschichte, die Mechanismen der Autokratie sind über lange Zeit gewachsen und deshalb besonders stabil und ausgefeilt, die Kultur der Autokratie ist so hoch entwickelt und manipulativ, dass sich im Denken der Chinesen eine entsprechende „Trägheit“ eingestellt hat. Und genau hierin, so meinen wir, liegt der entscheidende Faktor dafür, dass es die Aufklärung in China besonders schwer hat. Dazu lässt sich ein zeitgenössischer Wissenschaftler zitieren, der meint, China habe eine so lange autokratische Geschichte, dass „uns die Diktatur zur Lebensart geworden ist“. Und damit trifft er den Nagel auf den Kopf.

Es ist eine objektive Tatsache, dass sich China infolge seiner langen autokratischen Tradition und durch das mächtige autokratische Fundament mit der Aufklärung besonders schwer tut. Hätte sich aber die Aufklärungsbewegung nach ihren Anfängen unbeirrt fortsetzen können und die Schwierigkeiten eine nach der anderen meistern können, hätte man in hundert Jahren sicherlich viel erreichen können. Doch bedauerlicherweise waren die Phasen kontinuierlicher Aufklärung in diesen hundert Jahren nie besonders lang, die Aufklärung wurde immer wieder unterbrochen. Uns wurden etliche Lektionen erteilt und wir sollten aus ihnen lernen. Vor allem die folgende Lektion sollten wir im Gedächtnis behalten: Die schlagkräftigsten Waffen der Machthaber, um einer Aufklärungswelle ein Ende zu machen und das Feuer der Aufklärung zu ersticken, sind der „Nationalismus“ sowie das „Supremat des Staates“. Und wenn der Staat von außen bedroht ist, lassen sich diese Waffen besonders einfach und bequem einsetzen – denn, wer liebt nicht sein Vaterland! Wer fürchtet nicht die Auslöschung seiner Art! Sämtliche Prinzipien und Werte der eben genannten Aufklärung und Vernunft können in dem Ruf nach „nationaler Gerechtigkeit“ zeitweise zum Erliegen kommen oder gleich ganz über Bord geworfen werden. Genau diese „Logik“ machte es möglich, dass die „Rettung des Vaterlands“ die Aufklärung zu Fall brachte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die „Rettung des Vaterlands“ vor 1949 und insbesondere zur Zeit der japanischen Invasion in den 1930er Jahren der Aufklärungsbewegung einen Schlag versetzte. Derjenige der am frühesten scharfsinnig erkannte, dass die „Rettung der Nation“ den Regierenden ein „legitimes und vernünftiges“ Argument für den Angriff auf die Aufklärung an die Hand geben würde, war Lu Xun (鲁迅). Im Herbst 1936 war die Bewegung zur Rettung der Nation voll im Gang und in Shanghai waren diverse „Gesellschaften zur nationalen Rettung“ aktiv. Genau zu dieser Zeit schrieb Lu Xun folgenden Satz: „In Wort und Schrift auf das Unglück der Versklavung durch ein fremdes Volk aufmerksam zu machen, daran ist sicherlich nichts Falsches, doch muss man sich sehr vorsehen, dass die Menschen daraus nicht folgenden Schluss ziehen: ‘Nun denn, da ist es dann noch besser, durch die eigenen Leute versklavt zu werden.’“ (Midsummer’s Selection).

Den Menschen klarzumachen, dass „die Versklavung durch ein fremdes Volk“ ein Unglück ist, das dient der „gerechten Sache der Nation“ und gehört zur Rettung des Vaterlandes. Ihnen klar zu machen, dass die „Versklavung durch die eigenen Leute“ auch ein Unglück ist, das ist der Ruf nach Freiheit und Demokratie, das ist Aufklärung. Beides muss an sich in keinem Widerspruch stehen, aus der Perspektive der Aufklärung hängt beides sogar zusammen: Die moderne chinesische Aufklärungsbewegung wurde schließlich entfesselt, um die Nation aus eigener Kraft zu retten und um angesichts der Übermacht westlicher Modernisierung nicht zurückzufallen. Doch ein „Reich der Menschen“, welches aus aufgeklärten Bürgern besteht, kann den ausländischen Demütigungen natürlich viel besser standhalten als „ein Staat, der auf Sand gebaut ist“ und nur aus Sklaven besteht. Hu Shi hat das noch direkter – auch radikaler und idealistischer – formuliert: „Für die Freiheit des Einzelnen zu kämpfen, bedeutet ebenso, für den Staat die Freiheit zu erkämpfen! Für eure eigene Persönlichkeit zu kämpfen, bedeutet ebenso, für den Charakter des Staates zu kämpfen! Ein freier und egalitärer Staat kann nicht von einer Schar von Sklaven errichtet werden“ (Hu Shi: Was ich denke, Vorwort zu seinen Ausgewählten Werken).

Weil jedoch der ausländische Feind einfiel noch ehe ein „Reich der Menschen“ errichtet worden war, gab es nichts als das „Supremat des Staates“ und die „gerechte Sache der Nation“, nationale Rettung und Aufklärung gerieten in einen tragischen Konflikt. Bis dahin bemühten sich Aufklärer wie Lu Xun unermüdlich, den Menschen das Leid einer „Versklavung durch die eigenen Leute“ vor Augen führen. Aber nachdem die nationale Rettungsbewegung einmal in Gang gekommen war, wurde in unzähligen Artikeln und eifrigen Reden nur noch das „Unglück der Versklavung durch ein fremdes Volk“ beschworen. Lu Xun spürte deutlich, dass in dem Ruf nach nationaler Rettung das Leid einer durch sich selbst versklavten Nation nicht nur vergessen und ausradiert wurde, sondern sich bei den Menschen allmählich der Gedanke einschlich, es sei sogar gut, Sklave des eigenen Volkes zu sein, so dass sie bereit waren, ihr Blut für eine Zeit der „Konsolidierung der durch sich selbst versklavten Nation“ zu vergießen. In dieser großen Welle der nationalen Rettung hielt Lu Xun unbeirrt an der Aufklärung fest, bis er wenig später starb (1936, Anm. d. Übers.). Natürlich war Lu Xun nicht der einzige, der in dem Strom nationaler Rettung auf dem Geist der Aufklärung des Vierten Mai beharrte, viele andere wie Chen Duxiu (陈独秀) oder Hu Shi haben die Aufklärung nicht für die Rettung des Vaterlands aufgegeben.

Auch wenn die nationale Rettung dem aufklärerischen Bewusstsein der Vierten-Mai-Bewegung einen harten Schlag versetzte, den endgültigen Todesstoß konnte sie ihm nicht versetzen. Die zwei politischen Kräfte von rechts und links, die unmittelbar um die Staatsmacht kämpften, formten in ihren Wertvorstellungen einen prinzipiellen Gegensatz zum Geist der Vierten-Mai-Bewegung. Auf der rechten Seite gab es innerhalb der Nationalpartei Guomindang eine Gruppierung, die streng am Konservativismus festhielt, sowie Gelehrte, die für die Renaissance des Konfuzianismus waren. Chiang Kai-shek (蒋介石) und Chen Lifu (陈立夫) initiierten 1934 die sogenannte „Bewegung für neues Leben“ während die zehn Professoren um Wang Xinming (王新命) und He Bingsong (何炳松), 1935 gemeinsam ein Manifest unterzeichneten, in welchem sie den „Aufbau einer Kultur auf chinesischer Basis“ propagierten. Die antiaufklärerischen Theorien und Praktiken der rechten Mächte zeigten jedoch nur minimale Wirkung.

Von Seite der Linken kam die „Neue Aufklärungsbewegung“, die von Kommunisten um Chen Boda (陈 伯达) und Ai Siqi (艾思奇) mit dem Ruf nach nationaler Rettung entfesselt worden war. Erst ihr gelang es, das aufklärerische Bewusstsein der Vierten-Mai-Bewegung in seinen Wertvorstellungen zurechtstutzen und zu negieren. Im September 1936, zur selben Zeit gerade als sich Lu Xun in brennender Sorge befand, weil der Geist der Aufklärung durch die nationale Rettung attackiert wurde, veröffentlichte Chen Boda in der neunten Ausgabe des 4. Bandes von Dushu Shenghuo - Readers’ Life den Text Die Mobilisierung der Philosophie für die nationale Verteidigung – die Selbstkritik der neuen Philosophen und der Aufruf zu einer neuen Aufklärungsbewegung, und empfahl: „Wenn die Nation vor der großen Krise ihrer Vernichtung steht, muss sich der Kampf der Philosophie mit dem Kampf des einfachen Mannes verbinden. Wir müssen auf philosophischer Ebene den großen Schulterschluss zwischen Vaterlandsrettung und Demokratie organisieren und eine neue weitreichende Aufklärungsbewegung vom Zaun brechen.“ Chen Boda betonte weiter, der erste Schritt der „Neuen Aufklärungsbewegung“ sei es, „die Schriften der Aufklärung seit der Hundert-Tage-Reform zu kritisieren und auf Vordermann zu bringen.“ Unmittelbar darauf veröffentlichte Chen Boda in der zweiten Ausgabe des ersten Bands von Xin Shiji - New Century den Artikel Über die Neue Aufklärungsbewegung: die zweite Neue Kulturbewegung – eine nationale Rettungsbewegung der Kultur, und betonte: „Unsere Neue Aufklärungsbewegung ist eine nationale Rettungskampagne der gegenwärtigen Kultur [..]. die Parolen der Vierten-Mai-Ära, die da hießen ‚nieder mit dem Konfuzius-Laden’ oder ‚die zwei Herren Demokratie und Wissenschaft’, sind in unserer Neuen Aufklärungsbewegung nach wie vor akzeptiert, doch gleichzeitig muss neuer Wein in die alten Schläuche gefüllt werden, insbesondere muss man sich ganz konkret und in vielen Aspekten mit der allgemeinen nationalen Rettungsbewegung von heute verbrüdern.“ In dem Artikel wies Chen Boda insbesondere darauf hin, dass der grundlegende Unterschied zwischen der „Neuen Aufklärungsbewegung“ und der „Neuen Kulturbewegung des Vierten-Mai“ in ihrem abweichenden „philosophischen Fundament“ liege. Der geistige Unterbau der „Neuen Kulturbewegung des Vierten-Mai“ sei eine “Logik der Form“, während die geistige Basis der „Neuen Aufklärungsbewegung“ die „Logik der Aktion“ sei. Nachdem Chen Boda ordentlich Wind um die „Neue Aufklärungsbewegung“ gemacht hatte, eiferten ihm allmählich auch Leute wie Zhang Shenfu (张申府), Ai Siqi oder He Gan (何干) in ihren Texten nach. So kam die „Neue Aufklärungsbewegung“ kurz vor dem Ausbruch des anti-japanischen Widerstandskriegs mächtig in Fahrt.

Dass sich die Köpfe um Chen Boda dazu berechtigt sahen, eine „Neue Aufklärungsbewegung“ in Gang zu setzen, lag daran, dass sie sich als „neue Philosophen“ sahen. Diese sogenannte „neue Philosophie“ war der „dialektische Materialismus“. Die von Chen Boda propagierte „Logik der Aktion“ war also eine „dialektische Logik“. Die von der „neuen Philosophie“ angeleitete Revolution und die demokratischen Forderungen des Volkes gingen vor 1949 Hand in Hand und als die Flagge der „Neuen Aufklärungsbewegung“ gehisst wurde, verkaufte man diese deshalb weiterhin als Erbe der Aufklärungsbewegung des Vierten Mai. Doch in Bezug auf die grundlegenden Wertvorstellungen sollte man die Aufklärungsbewegung des Vierten Mai gesäubert und die aufklärerischen Ansichten des Vierten Mai komplett durch eine neue Idee ersetzt werden. In den Augen der Linken hatte die Aufklärungsbewegung des Vierten Mai den Schatten des Feudalismus durch die Gedanken der Bourgeoisie vertrieben, so seien die Menschen von einer Obskurität zur nächsten geführt worden. Die „Neue Aufklärung“ hingegen sollte nicht nur die Schatten des Feudalismus vertreiben, sondern auch den Schatten der Bourgeoisie, den die Aufklärungsbewegung des Vierten Mai erzeugt hatte.

Auch muss beachtet werden, dass die Aufklärung des Vierten Mai und die von Chen Boda initiierte „Neue Aufklärung“ zur damaligen nationalen Rettungskampagne in einem ganz anderen Verhältnis standen. Die Aufklärung des Vierten Mai popagierte „individuelle“ Werte und stand so eigentlich in einem inneren Widerspruch zu der kollektivistischen, politisierten und militarisierten nationalen Rettung. Als Lu Xun in großer Sorge jenen oben zitierten Satz zu Papier brachte, war er sich deutlich bewusst, wie ohnmächtig er diesem Konflikt gegenüberstand. Das „Neue“ an der „Neuen Aufklärung“ von Chen Bodas Leuten aber lag in der Verleugnung des „Individuellen“ und der Verehrung des „Kollektiven“, und da diese die der Aufklärung immanenten Wertvorstellungen missachteten, konnten sie sich ohne Probleme mit der nationalen Rettungsbewegung verbrüdern. Man könnte sogar behaupten, dass nicht ihre „Neue Aufklärung“ das Land rettete, sondern die historische Chance der „nationalen Rettung“ ihre Philosophie gerettet hat. So wurde, während man vorgab, das Land durch die Philosophie zu retten, die Vaterlandsbewegung geschickt in eine Kampagne zur Propagierung und Verbreitung der „Neuen Aufklärung“ umgewandelt, und das mit durchschlagendem Erfolg. Als die nationale Rettung in Fahrt kam, nutzten die Leute um Chen Boda die Gunst der Stunde und entfachten das Feuer der„Neuen Aufklärung“. Bald loderten die Flammen der „Neuen Aufklärung“ durch den Zündstoff der Vaterlandsbewegung kräftig auf. Während Vaterlandsrettung und „Neue Aufklärung“ also zusammen eine explosive Mischung ergaben, wurden der Geist und die Ideen der Vierten-Mai-Aufklärung auf Eis gelegt. So wurde die Aufklärung im Sinne des Vierten Mai durch den Schulterschluss von nationaler Rettung und der sogenannten „Neuen Aufklärung“ zu Fall gebracht. Besonders gut lässt sich das am Wandel der literarischen Strömungen seit dem anti-japanischen Widerstandskampf beobachten. Natürlich gab es noch einen weiteren entscheidenden Unterschied zwischen der Aufklärung im Geiste des Vierten Mai und der „Neuen Aufklärung“ um Chen Boda: Erstere war nur eine Art geistig-kulturelle Bewegung, bei der erwachte Intellektuelle die kulturelle Befindlichkeit des Volkes formten. Dabei galt auf geistiger Ebene der alte Grundsatz, „die zuerst Erleuchteten sollen diejenigen erleuchten, die noch nicht erleuchtet sind“, und die Waffen der Aufklärer bestanden allein in Wort und Schrift. Letztere aber konnte sich zu einer ideologischen Mobilmachung auswachsen, bei der bewaffnete politische Parteien die Bevölkerung politisch auf Linie brachten.

Nach 1949 wurde der Begriff der „Aufklärung“ im alten wie im neuen Sinne komplett ausgemustert. Seit 1949 ließ die machthabende kommunistische Partei im ideologisch-kulturellen Bereich eine politische Kampagne auf die nächste folgen und unterzog die Intellektuellen unermüdlich der „geistigen Umwandlung“. Man wollte, dass sie ihr „Gewissen offenbaren“, dass sie, wie es hieß, „ihre Hosen runterlassen und die Schwänze abschneiden“, damit die Ideen der „Neuen Aufklärung“ die Köpfe und Herzen der Menschen ganz und gar in Besitz nehmen konnten. Dann brach die Kulturrevolution an und im 20. Jahrhundert zog im Osten noch einmal ein finsteres Mittelalter auf.

Erst nach dem Ende der Kulturrevolution begannen, innerlich ermutigt durch die „Dritte Vollversammlung des 11. Zentralkomitees der KPCh“, Geist und Gedanken der Vierten-Mai-Aufklärung wieder aufzuleben. Die humanistische Geistesströmung, die um 1980 herum in Philosophie und Literatur aufkam, kann als ein eindeutiges Zeichen für eine Renaissance der aufklärerischen Ideen der Vierten- Mai-Bewegung gesehen werden. Aber auch sie hatte mit Gegenwind zu kämpfen. 1983 wollte man in einer Farce namens „Kampagne gegen geistige Verschmutzung“ die Ideen der Vierten-Mai-Bewegung erneut einer Säuberung unterziehen. Der Grund, dass Zhou Yang (周扬) diesem Possenspiel zum Opfer fiel, war, dass er unter dem Deckmantel des Marxismus vorübergehend zum wahren aufklärerischen Geist des Vierten Mai zurückkehren wollte: Beispielsweise wies er darauf hin, dass durch die „Entfremdung“ des Sozialismus auf politischer Ebene nicht mehr das „Volk regiere“, sondern das „Volk regiert werde“, also eine Diktatur herrsche. Im ideologischen Bereich seien Aberglaube und Stiefelleckerei weit verbreitet und Wert und Würde des Menschen würden einfach vom Tisch gewischt.

Der berühmte Aufsatz von Hu Qiaomu (胡乔木) „Humanismus und das Problem der Entfremdung“ wirkte wie ein Paukenschlag und inszenierte in den 1980er Jahren die „Neue Aufklärung“ Chen Bodas aus den 1930er Jahren aufs Neue. Hu Qiaomu kritisierte in seinem Artikel die Ansicht vom „Mensch als Ausgangspunkt des Marxismus“ scharf, er prangerte die Vorstellung vom „Menschen als Ziel und Zentrum“ an und negierte Formulierungen wie den „Wert des Menschen“, die „Würde des Menschen“, die „menschliche Freiheit“ oder die „Bedürfnisse des Menschen“ radikal. Nach der Logik Hu Qiaomus wären heutige kommunistische Regierungsslogans wie die „Orientierung am Menschen“ antimarxistisch, sie wären ein kritisches Zeichen für „geistige Verschmutzung“ und würden in dem Ruf stehen, „Liberalisierung der Bourgeoisie“ zu betreiben.

Seit der Reform- und Öffnungspolitik werden der wiederbelebte aufklärerische Geist der Vierten-Mai- Bewegung natürlich nicht allein von den durch Hu Qiaomu repräsentierten politisch konservativen Kräften angegriffen. Der moderne Neokonfuzianismus und die jeweiligen chinesischen Ausprägungen der „Neuen Linken“, der „Postmoderne“ oder des „Postkolonialismus“ stellen allesamt den Geist und die Ideen der Vierten-Mai-Aufklärung in Frage oder negieren ihn. Es würde zu weit führen, diese Theorien und geistigen Strömungen genau unter die Lupe zu nehmen. An dieser Stelle soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass diese vielen verschiedenen Theorien, die dem Geist der Vierten-Mai- Aufklärung widersprechen und mit ihm kollidieren, sowohl Gemeinsamkeiten und Diskrepanzen aufweisen. Sie stecken voller komplexer Widersprüche und lassen sich weder unter einen Hut bringen, noch einfach rundherum von der Hand weisen. Manchem lässt sich durchaus etwas abgewinnen, so etwa dem Hinweis der „Postmoderne“, der traditionelle Aufklärungsgedanke habe die Beherrschung der Natur durch den Menschen über die Maßen betont, und seinem Eintreten dafür, diese Schieflage durch „Ökologismus“ zu korrigieren. Anderes aber ist purer neuer Obskurantismus und in keiner Weise zu gebrauchen, etwa wenn „Neokonfuzianer“ und Vertreter der „Postmoderne“ die Aufklärung des Vierten Mai mit der Gegenaufklärung alias „Kulturrevolution“ in einen Topf werfen und Lu Xuns „Umformung des Nationalcharakters“ und die „geistige Umerziehung“ nach 1949 als ein und dasselbe bezeichnen, um so ihre Theorie von den „Fallstricken der Aufklärung“ zu belegen; etwa wenn die „Neue Linke“ den „Großen-Sprung-nach-Vorn“ von 1958 als Ausdruck für den „Modernisierungsaufbau“ und die „Kulturrevolution“ als Ausdruck des „demokratischen Geistes“ verkauft; oder wenn die „postkolonialistische“ Theorie behauptet, „Aufklärung“ sei ein Begriff der Kolonialisten, um davon ausgehend der Vierten-Mai-Bewegung alles Mögliche vorzuwerfen. 

Geist und Gedanken der Aufklärung des Vierten Mai wurden von Anfang an in Zweifel gezogen, behindert, verdreht und unterdrückt. Ihre Gegner wollten sie in der Vergangenheit um jeden Preis ein für allemal ausmerzen, doch ist es ihnen letztlich nur gelungen, sie längere Zeit zum Schweigen zu bringen. Doch sobald es ihr wieder möglich ist, die Stimme zu erheben, wird ihr Ruf erneut laut ertönen. Eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Solange der Geist und die Ideen der Vierten-Mai-Aufklärung ihren historischen Auftrag noch nicht erfüllt haben, wird keine Kraft sie wirklich ersticken können. Einmal aus der Geschichte und Realität Chinas geboren, werden sie, solange China ihrer noch bedarf, auch niemals wirklich von chinesischem Boden verschwinden.