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Fokus: Aufklärung
Aufklärung oder Erkenntnis?

Konfuziusstatue am Nordtor des Nationalmuseums in Peking
Konfuziusstatue am Nordtor des Nationalmuseums in Peking | Foto: Bao Fan © www.icpress.cn

Der Künstler Zhang Baochi (张保琪) über die Ausstellung Kunst der Aufklärung, die ihn zu der Frage bewegte, ob der Begriff der Aufklärung eigentlich richtig ins Chinesische übersetzt wurde.

Den folgenden Text veröffentlichte Professor Zhang Baochi (张保琪) am 17. April 2011 in seinem Blog.

Als ich kürzlich an einem amerikanischen Flughafen auf die Maschine wartete, die mich in meinen Urlaub nach Österreich bringen sollte, erreichte mich die Mail eines ausländischen Journalistenfreundes aus Peking. Er müsse einen Bericht über die Ausstellung Kunst der Aufklärung schreiben, die von drei großen deutschen Museen im Chinesischen Nationalmuseum in Peking gezeigt würde. Ob ich ihm nicht mit ein paar Infos und Ideen aushelfen könnte? Mein Freund ist kein großer Kunstkenner und da er von Zeitdruck sprach, weil er den Bericht unmittelbar nach Eröffnung der Ausstellung liefern musste, blieb mir für diesen Moment nichts anderes übrig, als auf meinen Schlaf im Flieger zu verzichten und ihm noch in derselben Nacht zu antworten. Da ich nicht wusste, wieweit sich mein Bekannter in der neueren chinesischen Geschichte auskennt, erteilte ich ihm erst einmal ein bisschen Nachhilfe. Ich empfahl ihm, sich über die chinesische Variante der „Aufklärung“, die „Vierte-Mai-Bewegung“, schlau zu machen, und deren entscheidende Rolle für die neuere historische Entwicklung Chinas und insbesondere für die Entwicklung der Künste vor und nach 1949 zu erörtern – und so weiter und so fort. Ich befand, wenn man in China von „Aufklärung“ spreche, komme man an der „Vierten-Mai-Bewegung“ nicht vorbei. In Österreich angekommen, ging die Mail sofort nach Peking, dann vergaß ich die Angelegenheit.

Als ich wenig später Gelegenheit hatte, nach Peking zu fahren, wollte ich mir die Ausstellung auch zu Gemüte führen. Schließlich habe ich mitbekommen, dass sie, nachdem sich in letzter Zeit in China das Klima gewandelt hat, in der deutschen Öffentlichkeit eine große Debatte losgetreten hat. Aus Medienberichten war mir bekannt, dass man das ehemalige Museum der Chinesischen Geschichte und das Museum der Chinesischen Revolution zusammengelegt und über mehrere Jahre zum Chinesischen Nationalmuseum umgebaut hatte, angeblich zum flächenmäßig größten Museum der Welt. Jetzt hat China wieder einen Superlativ mehr. Dass der Eintritt auch noch umsonst sein sollte, erschien mir als weiterer Pluspunkt.

Als ich mit der U-Bahn am Platz des Himmlischen Friedens ankam, war es bereits zehn Uhr vormittags. Von außen betrachtet sieht das Nationalmuseum heute nicht anders aus als früher, einmal davon abgesehen, dass vor dem Nordeingang jetzt eine Konfuzius-Statue steht. Außerdem gleicht das Museumsgebäude einem Hochsicherheitstrakt, dem sich nicht jeder Ausflügler einfach so nähern kann. Erst am Haupteingang des Museums erfuhr ich, dass das Museum zwar gratis ist, jeden Tag allerdings nur 8.000 Tickets herausgegeben werden und die sind um zehn Uhr normalerweise alle weg. Wolle man die deutsche Ausstellung zur Kunst der Aufklärung trotzdem sehen, müsse man eine Eintrittskarte erwerben, doch der Ticketverkäufer sei bereits in der Mittagspause und würde erst um 13 Uhr, zurückkommen. Es war gerade erst 11 Uhr. Mir war jede Lust vergangen. Ich sah wieder hinüber zur Wachmannschaft, die in Reih und Glied über den scheinbar leeren gigantischen Bau wachte, und ein leiser Zweifel beschlich mich: Und das soll ein Museum für die Nation sein? Wenn man pro Tag 8.000 Besucher hinein lässt, würde es circa 445 Jahre dauern, bis jeder der 1,3 Milliarden Chinesen das Museum besucht hätte!

Dass ich die Kunst der Aufklärung nicht gesehen habe, kann ich verschmerzen. Weiß ich doch, dass es in der Ausstellung lediglich um europäische Kunstwerke des 17. und 18. Jahrhunderts aus der Sammlung von drei deutschen Museen geht. Mit dem Titel „Europäischer Kunstsalon des 17. und 18. Jahrhunderts“ wäre ich ja einverstanden, aber die Deutschen wollen unbedingt von der „Kunst der Aufklärung“ sprechen, und sie tun das offensichtlich mit Hintergedanken. Warum sich die chinesische Führung auf dieses deutsche Spielchen eingelassen hat, ist mir schleierhaft. Die konkrete Zeitspanne der europäischen Aufklärungsepoche ist zwar umstritten, doch geht es ungefähr um die Zeit der Französischen Revolution, Mitte des 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts. Sie hatte die Bejahung von Demokratie und Vernunft sowie der universalen Menschenrechte zur Folge, was wiederum die Grundlage für die sogenannten modernen westlichen Wertvorstellungen legte. Die deutschen Ausstellungsmacher wollen uns offensichtlich nicht nur die europäische Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts vorführen, sondern uns die Früchte dieser Epoche samt westlichen Werten nahebringen. Die Absicht der Deutschen liegt klar auf der Hand: Es geht nicht um Kunst, es geht um Politik. Was aber bezwecken die chinesischen Organisatoren der Ausstellung? Hier tappe ich im Dunkeln.

In letzter Zeit wird in den deutschen Medien über die Fortführung der Ausstellung heftig gestritten und wie ich sehe, haben sich im Internet auch einige Chinesen zu der Ausstellung geäußert. Viele Deutsche halten die Ausstellung für einen Misserfolg. Sie meinen, als Kunstausstellung zeige sie eben nur einige Kunstwerke der Epoche, die mit den Ideen der damaligen Zeit meist nur indirekt in Verbindung stünden. Es scheint, dass die deutschen Ausstellungsmacher besonders raffiniert sein wollten, man wollte heimlich über Politik sprechen und hat sich dabei selbst übertölpelt. Wenn ihr über Politik sprechen wollt, dann nur zu, wozu die Heimlichtuerei? Viele Chinesen fragen sich indessen, „welches Recht haben die Deutschen, uns aufzuklären? Haben wir das denn nötig?“ Mit dieser Ausstellung setzt man sich wirklich überall in die Nesseln.

Nach all der Streiterei über die Kunst der Aufklärung stellt sich mir die Frage, wie die Absicht der Deutschen und die Reaktion der Chinesen nur so weit auseinanderklaffen können. Warum wird nicht der Begriff der Aufklärung an sich diskutiert? Früher habe ich mir über die Aufklärung nicht weiter den Kopf zerbrochen, sie war für mich einfach ein für Europa und Amerika wichtiger historischer Abschnitt. Aber je mehr ich jetzt darüber nachdenke, desto mehr Zweifel kommen mir: Mit den zwei chinesischen Schriftzeichen für „Aufklärung“ scheint etwas nicht zu stimmen. Hier wurde, so meine ich, falsch übersetzt. Unser Aufklärungsbedarf bezieht sich auf den Begriff Qimeng (启蒙), die beiden Schriftzeichen, die im Chinesischen für Aufklärung stehen.

Die englische Entsprechung für qimeng (wörtlich: „aus der Unwissenheit geführt werden“, Anm. d. Übers.) lautet „Enlightment“, das deutsche Äquivalent ist „Aufklärung“. Das sind Substantive, die ein Erwachen oder eine Bewusstwerdung bedeuten. Das chinesische qimeng jedoch ist ein Verb, und in diesem Kontext ein passives, nämlich aufgeklärt und belehrt zu werden. Ich habe nicht die Zeit, herauszufinden, auf welchen unserer Ahnen diese Übersetzung zurückgeht, aber vermutlich stammt sie aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Natürlich konnten die Gelehrten dieser Zeit sich noch nicht vorstellen, dass das Verb qi (geführt werden) einmal an das Ehrgefühl der selbstbewussten Chinesen rühren würde, die im 21. Jahrhundert zu Wohlstand gelangt sind. Außerdem ergibt sich ein weiterer sprachlicher Stolperstein aus der alltäglichen Verwendung der beiden Schriftzeichen. Während wir in China gern davon reden, dass eine Kindergärtnerin oder ein Grundschullehrer uns „aus der Unwissenheit geführt hat“, würden wir kaum von dem eigenen Professor, bei dem wir unseren Bachelor oder Master gemacht haben, als unserem „Aufklärer“ sprechen, denn das chinesische „aufklären“ impliziert eine Hierarchie, man befindet sich nicht auf gleicher Augenhöhe. Womöglich ist es diese Konnotation, die manche Chinesen in ihrer Ehre verletzt. Doch ganz abgesehen von der Frage der Ehre, meine ich, dass die Übersetzung in Form eines Verbums hier nicht richtig sein kann. Sowohl im Deutschen als auch im Englischen verwendet man ein Substantiv, und meint damit eigentlich ein Erwachen, die Bewusstwerdung eines Menschen, die Bewusstwerdung einer Nation, ja der Menschheit. Erkenntnisse sind für jeden Menschen unausweichlich und immerwährend, egal ob sie nun passiv oder aktiv erworben sind. Die Menschheit befindet sich in einem permanenten Erkenntnisprozess, sie wird sich neuen Wissens und neuer Horizonte gewahr.

Dieses Erwachen oder diese Bewusstwerdung kann manchmal von außen angestoßen sein, aber das Entscheidende ist, dass die Erkenntnis aus dem Selbst kommt. Deshalb plädiere ich dafür, die Schriftzeichen „qimeng“ durch einen buddhistischen Begriff zu ersetzen: Juewu (觉悟), gleich: „Erwachen“. Auch wenn der moderne Chinese mit diesen beiden Schriftzeichen in gewisser Weise Schindluder betreiben mag, haftet diesem buddhistischen Terminus doch nichts Passives an, so dass er nicht mit der Würde irgendeines Menschen in Konflikt geraten kann. Wo jemand nachdenkt, wird er sich gewahr, wo jemand sein Gewissen prüft, wird er sich bewusst, dieses Erwachen darf nicht abreißen. Die Deutschen brauchen diese Bewusstwerdung, und die Chinesen auch.

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