Fokus: Aufklärung „Kunst der Aufklärung in Peking“ – eine vertane Chance?

Blick in die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“, März 2011
Blick in die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“, März 2011 | © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Frank Barbian

Die Empörung deutscher Feuilletons rund um die Ausstellung Kunst der Aufklärung in Peking verstärkt nur den spiralförmigen Prozess der gegenseitigen schablonenhaften Wahrnehmung, meint Michael Kahn-Ackermann.

Es hat den Anschein, dass die moralische Integrität einer Person von einigen deutschen Medien gegenwärtig an der Frequenz gemessen wird, mit der sie den Namen Ai Weiwei (艾未未) öffentlich ausspricht. Daher beeile ich mich, öffentlich zu erklären (zum wievielten Mal?), dass ich die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei für einen Rückfall in die Fehler vergangener Zeiten und einen Akt der Schwäche halte. Dass ich den Vorwurf eines wirtschaftlichen Vergehens (Steuerhinterziehung?), selbst wenn er nachweisbar wäre, als willkommenen Anlass betrachte, einen unbequemen Geist mundtot zu machen. Und die Tatsache, dass bis heute weder seine Familie noch sein Anwalt Kenntnis von seinem Verbleib noch vom Grund der Festnahme erhalten haben, bestärkt meine Zweifel daran, dass sich das „sich täglich verbessernde Rechtssystem Chinas" (Global Times, 16. April 2011) bereits in einem befriedigenden Zustand befindet. Damit stelle ich übrigens nicht in Abrede, dass das chinesische Rechtssystem in den letzten dreißig Jahren große Fortschritte erzielt hat. Ich füge hinzu, dass ich die Verweigerung der Einreise des Schriftstellers und Chinafreundes Tilman Spengler zur Eröffnung der Ausstellung Kunst der Aufklärung durch die chinesischen Behörden für töricht und unangemessen halte.

Ich hoffe, mit dieser Erklärung die aufgewühlten Gemüter meiner Landsleute soweit besänftigt zu haben, dass sie bereit sind, auch das Folgende zu lesen.

Für unsere chinesischen Leser dagegen ist der medienbefeuerte Aufruhr in Deutschland vermutlich schwer nachvollziehbar und muss erklärt werden. Ausgangspunkt ist die von drei großen deutschen Museen organisierte und im wiedereröffneten Chinesischen Nationalmuseum gezeigte Ausstellung Kunst der Aufklärung. Da die meisten von Ihnen die Ausstellung nicht gesehen und wahrscheinlich noch nicht einmal davon gehört haben, sei erläutert, dass sie mit Hilfe von Kunstwerken und anderen Objekten einige wichtige Aspekte der europäischen Aufklärung des 18. und frühen 19. Jahrhunderts darstellen will. Die Ausstellung wurde von deutschen Kuratoren erstellt, vom deutschen Außenministerium mit acht Millionen Euro (ca. 70 Mio RMB) subventioniert und am 1. April 2011 im Nationalmuseum in Anwesenheit hoher Regierungsvertreter beider Länder eröffnet. Aha. Und warum die Aufregung?

Zusammenfassend werden in deutschen Medien und von Vertretern der deutschen Öffentlichkeit zwei Vorwürfe erhoben:

1. Das Chinesische Nationalmuseum am Tiananmen-Platz sei nicht der richtige Ort für eine derartige Ausstellung. Sie diene dort der „Stabilisierung des chinesischen Herrschaftssystems“.

2. Inhalt und Umstände der Ausstellung widersprächen dem Anspruch ihres Titels „Aufklärung“.

Die eingangs erwähnten Ereignisse haben diesen Vorwürfen zusätzliche Nahrung gegeben. Ohne Frage finden sich in der aufgeregten Debatte Elemente von Unwissenheit, Voreingenommenheit, Heuchelei und Wichtigtuerei. Ich möchte jedoch klarstellen, dass keineswegs alle deutschen Medien mit Schaum vor dem Mund reagieren. Und selbst die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht neben der geifernden Berichterstattung eines Henrik Bork den nachdenklichen und klugen Beitrag des unmittelbar betroffenen Tilman Spengler.

Die Empörung in Deutschland und anderswo ist kein reines Medienprodukt. Und es ist interessant zu beobachten, mit welcher Hilflosigkeit die unmittelbar Betroffenen reagieren, zum Beispiel die Museumsdirektoren, die die Ausstellung initiiert und in dieser Form durchgesetzt haben. Sie verweisen auf ihre guten Absichten und darauf, dass auch eine „reine Kunstausstellung“ ihren Beitrag zur Aufklärung leiste.

Nach wie vor dürften unsere mit deutschen Verhältnissen nicht vertrauten chinesischen Leser verwirrt sein. Inwiefern dient eine Ausstellung deutscher Museen im Nationalmuseum der Stabilisierung oder Destabilisierung bestehender Verhältnisse? Weil es staatlich ist? Alle großen Museen in China sind staatlich. Weil sie im Nationalmuseum gezeigt wird? Darf China kein Nationalmuseum unterhalten? Und ist es nicht begrüßenswert, wenn sich ein Nationalmuseum dem Erbe fremder Kulturen öffnet? Weil es am Tiananmen-Patz liegt? Wo soll es denn sonst liegen? Weil es sich um eine Ausstellung zum Thema „Aufklärung“ handelt? Wer hat denn was gegen Aufklärung?

Um die Aufregung zu verstehen, muss darauf hingewiesen werden, dass China in den deutschen Medien, aber auch in der deutschen Öffentlichkeit gewöhnlich weniger real als symbolisch wahrgenommen wird. In dieser Wahrnehmung ist der Tiananmen-Platz nichts als der Ort, wo „die Demokratie-Bewegung niedergeschlagen“ wurde, ein „kontaminierter Ort“. Das Nationalmuseum ist nichts als ein Monument der Parteiherrschaft. Und Aufklärung ist das, woran es in China mangelt und was dorthin getragen werden muss.

Der chinesische Leser muss verstehen, dass Aufklärung – in Wahrheit ein höchst komplexes und widersprüchliches Phänomen, das Kants kategorischen Imperativ ebenso umfasst wie jakobinischen Terror – im öffentlichen deutschen Diskurs über China als Teil dieser symbolischen Wahrnehmung zu einem moralischen Auftrag wird. Dieser Auftrag gilt allerdings nicht für alle gleich, für die Kultur absolut, für die Politik begrenzt und für die Wirtschaft gar nicht.

Auch die Veranstalter der Ausstellung fielen diesem Wahrnehmungs-Muster zum Opfer. Dass sie trotz gegenteiliger Beteuerung damit glänzen wollten, das Licht der Aufklärung nach China zu tragen, dafür spricht ein gewichtiges Indiz: Eine „Kunst der Aufklärung“ gibt es nicht. Dass sich deutsche Museumsdirektoren gegen jeden kunsthistorischen Sachverstand für diesen Titel entschieden, statt zum Beispiel für „Kunst im Zeitalter der Aufklärung“, lässt darauf schließen, dass sie sich der Erwartungen bewusst waren, die in der deutschen Öffentlichkeit und den deutschen Medien mit dem Unternehmen verbunden waren. Mehr als 80 deutsche und darüber hinaus viele ausländische Journalisten wurden von den Veranstaltern und dem Sponsor zur Eröffnung eingeflogen, sicherlich nicht mit der Erwartung, kritisiert zu werden.

Für viele Chinesen ist diese reduzierte Form der Wahrnehmung kränkend, auch für solche, die an den bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ihres Landes Kritik üben. Sie und ihre komplexe Lebenswirklichkeit kommen in dieser Wahrnehmung nicht zu Wort, außer sie entsprechen dem symbolischen Muster. Im eingangs erwähnten Bericht der Süddeutschen Zeitung über die Veranstaltung zum Thema „Käthe Kollwitz und die chinesische Moderne“ kommen die chinesischen Teilnehmer nicht vor und ihre Beiträge bleiben unerwähnt. Nur dass potentielle chinesische Besucher „gewarnt wurden“ und „aus Angst“ der Veranstaltung ferngeblieben seien, wird behauptet. Belege dafür gibt es nicht, aber die Vermutung entspricht dem Wahrnehmungsmuster. Bei den für deutsche wie chinesische Zuhörer spannenden und erhellenden Ausführungen des Pekinger Sprachwissenschaftlers Fang Weigui (方维规) über die Entwicklung der heutigen chinesischen Sprache unter dem Einfluss europäischer Aufklärungsideen auf der Folge-Veranstaltung war dann kein deutscher Journalist mehr zugegen. Beide Veranstaltungen waren Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung.

Egal ob Gegner oder Verteidiger der Ausstellung, beide erwarten, dass sie einen Beitrag zum Prozess der Aufklärung in China leistet. Für unsere chinesischen Leser sei erläutert, dass zum Ideengut der Aufklärung trotz aller Religionskritik von Beginn an bis heute die Übernahme des christlichen Missionsauftrags in säkularisierter Form gehört: „Nun gehet hin und lehret alle Völker!“

Es nimmt nicht wunder, dass eine Reihe chinesischer Intellektueller das Unternehmen mal spöttisch, mal verärgert kritisch kommentieren. In einem ebenso provokanten wie klugen Vortrag erklärte bereits 2009 der Pekinger Germanist Huang Liaoyu (黄燎宇) an der Universität Tübingen den Missionsauftrag in Sachen Aufklärung schon deshalb für fragwürdig, weil der Konfuzianismus lange vor der europäischen Aufklärung deren wesentliche Positionen formuliert habe. Ihr gegenwärtig hier wie dort erfolgreiches Produkt, der unkontrollierbare Kapitalismus, stünde nun in beiden Gesellschaften ratlos vor den unlösbaren globalen Herausforderungen. Man kann über Huang Liaoyus Thesen streiten, aber fraglos hätten sie Ausgangspunkt eines fruchtbaren Dialogs sein können, auch in Form einer Ausstellung.

Dass es dazu nicht kam, verdankt sich dem gleichen beschränkten Wahrnehmungsmuster, diesmal mit umgekehrten Vorzeichen: Aus vorauseilender Angst vor den erwarteten Empfindlichkeiten der chinesischen Partner, zog man sich auf die Position einer ausschließlich von deutschen Fachleuten kuratierten „reinen Kunstaustellung“ zurück. Da es jedoch, wie gesagt, eine „Kunst der Aufklärung“ nicht gibt, entschloss man sich, ausgewählte Aspekte des aufklärerischen Ideenguts durch Exponate aus dem Bestand der drei Museen zu illustrieren. Das geschah mit Sachverstand und deutscher Gründlichkeit. Neun Themen wurden ausgewählt: vom „Höfischen Leben im Zeitalter der Aufklärung“ über „Liebe und Empfindsamkeit“, „Zurück zur Natur“ bis zu „Emanzipation und Öffentlichkeit“. Im Vergleich zu den eher drögen Vitrinen-Ausstellungen der meisten chinesischen Museen ist Kunst der Aufklärung durchaus state-of-the-art. Präsentation und Exponate sind von hoher Qualität, auch wenn sich der westliche Betrachter fragen mag, ob höfische Porträts absolutistischer Duodez-Fürsten, die romantisch-mystischen Landschaften Caspar David Friedrichs und Arbeiten von Joseph Beuys wirklich exemplarisch für Aufklärung in der Kunst stehen.

Das entscheidende Problem wurde übersehen oder ignoriert: Die Ausstellung wendet sich nicht ans deutsche (schon schwierig genug), sondern ans chinesische Publikum. Das weiß zwar im Allgemeinen über Kant und Voltaire etwas mehr als wir über Menzius und Zhu Xi. Aber Gefühlsleben, Zivilisationskritik und höfisches Treiben der Aufklärungsepoche sind dem chinesischen Besucher kaum weniger fern als einem Deutschen das Lebensgefühl und die Poetik des Neokonfuzianismus. Illustration ist nur dann hilfreich, wenn der Betrachter das Illustrierte in seinem Wissen und seiner Erfahrung verorten kann.

Kurzum, die Ausstellung präsentiert sich in vollem Glanz am hiesigen Besucher vorbei. Weder gibt sie ihm die Chance, auf sein Wissen zu rekurrieren, noch knüpft sie an seine Erfahrungen an. Sie lässt und entlässt ihn ratlos. Ihre Fülle regt den Besucher nicht an, sondern macht ihn müde. Es ist nicht allein das Eintrittsgeld, das, im Unterschied zu den Dauerausstellungen des Museums, erhoben wird, das den Besucherstrom in Grenzen hält. Weniger als 10 % der 8.000 Besucher, die täglich Zutritt zum Museum erhalten, frequentieren die Kunst der Aufklärung. Und keineswegs, weil sie von irgendjemandem gewarnt wurden.

So in die Falle selbstreferentieller China-Wahrnehmung geraten, empört sie nun die deutschen Feuilletons und langweilt die chinesischen Besucher. Leider nicht nur eine vertane Chance.

Mit dem um diese harmlose und gut gemeinte Ausstellung angezettelten Geschrei droht eine weitere Drehung im spiralförmigen Prozess der gegenseitigen Abwendung und der Verkapselung in vorgefertigte Wahrnehmungsmuster: Wechselseitig ist mal der eine empört und der andere beleidigt. Ohne Frage unterlassen auch die chinesischen Behörden so gut wie nichts, um diese Art der Wahrnehmung zu befördern. Sie schaden damit dem Ansehen Chinas im Ausland mehr, als noch so gut gedrehte Image-Filme je wieder gut machen können.

Aufklärung tut Not. Uns allen.