Fokus: Hochschulbildung Herausforderungen und Vorteile der Internationalisierung

Dr. Herbert Grieshop
Dr. Herbert Grieshop | Foto: Johanna Keck / Freie Universität Berlin

Wie wird eine Universität international und wie lässt sich der Erfolg einer Internationalisierungsstrategie messen? Antwort gibt der Geschäftsführer des Center for International Cooperation (CIC) der Freien Universität Berlin, Dr. Herbert Grieshop.

Das Center for International Cooperation (CIC) der Freien Universität Berlin wurde im Herbst 2008 gegründet. Vorrangiges Ziel des CIC ist es, ausländische Wissenschaftler an die Institute der Freien Universität Berlin zu holen und sie dort zu betreuen, und im Gegenzug die eigenen Doktoranden und Wissenschaftler an Forschungsstätten im Ausland zu schicken. Ein weltweites Netz aus Verbindungsbüros unterstützt das CIC dabei. Der Geschäftsführer des CIC, Dr. Herbert Grieshop, gibt im Interview mit Juliane Wiedemeier Auskunft zu Herauforderungen und Standards von Internationalisierung.

Internationalität ist ein Stempel, mit dem sich Institutionen nur zu gerne versehen. Was versteht man im Hochschulbereich darunter konkret?

Nach der einfachsten Definition ist eine internationale Universität eine Institution, die einen besonders hohen Anteil ausländischer Studierender und Wissenschaftler hat. Darüber hinaus ist das Curriculum internationalisiert, sodass internationale Inhalte und Methoden vermittelt und fremdsprachige Angebote gemacht werden. Zudem bedeutet dies, dass man systematisch und strukturiert Möglichkeiten für die eigenen Studenten und Forscher schafft, ins Ausland zu gehen.

Warum sollte sich eine Universität international vernetzen?

Im Bereich der Forschung muss man zusammenarbeiten, um den Anforderungen der globalisierten Welt gerecht zu werden. An der FU haben wir zum Beispiel seit 2010 ein internationales Graduiertenkolleg im Bereich der Epidemiologie mit der Universität Hyderabad in Indien. Das erforscht Infektionskrankheiten wie beispielsweise Malaria und Tuberkulose. In Berlin an der FU gibt es dabei eine besondere Expertise im Bereich der Infektionsbiologie, in Hyderabad vor allem im Bereich der Bioinformatik. Das ergänzt sich, da können die indischen und deutschen Doktoranden wechselseitig enorm voneinander profitieren.

In der Lehre ist es wichtig, den Studenten Auslandserfahrungen zu ermöglichen. Dafür braucht man ein Netz aus verlässlichen Partnerinstitutionen. Darüber hinaus ist Vernetzung auch eine Frage der Einstellung. Bei uns an der FU arbeiten so viele Top-Leute, die sich bei der Lösung weltweiter Herausforderungen einbringen. Die sehen auch die globale Verantwortung einer großen Forschungsuniversität.

Was sind die Vorteile der Internationalisierung?

Für die Studenten gibt es weiche und harte Faktoren, wobei die ersteren vermutlich die wichtigeren sind. Wenn man als Student ins Ausland geht, lernt man, über den eigenen Tellerrand zu schauen und gewinnt dadurch interkulturelle und häufig auch linguistische Kompetenzen. Das ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung. Aber auch das eigentliche Studium kann sehr profitieren, wenn etwa ein Student der Wirtschaftswissenschaft für einige Zeit nach China geht und aus der Perspektive eines aufstrebenden Schwellenlandes sein Fach diskutiert. Dafür müssen die Strukturen insoweit vereinheitlicht sein, dass die Kurse der ausländischen Uni auch an der eigenen Alma mater anerkannt werden. Darüber hinaus bieten solche Aufenthalte im Ausland die Möglichkeit, bei einem besonders renommierten Professor zu studieren oder Zugang zu einem speziellen Archiv zu haben. Letzteres ist aber eher im Doktorandenbereich wichtig.

Vor welche Herausforderungen stellt die Internationalisierung die Universitäten?

Ein ausländischer Student braucht, selbst wenn er sehr gut deutsch spricht und unserem Kulturkreis sehr nahe ist, mehr Betreuung. Dazu kommen die unterschiedlichen Wissensstände, mit denen die Studenten aus aller Welt dann in einem Kurs sitzen. Um das auszugleichen, bietet die FU etwa in besonderen Fällen Nachholkurse an. Zudem kann es auch zu kulturellen Spannungen kommen. Die Konflikte der Welt werden mit auf den Campus getragen. Zumindest in Deutschland ist das allerdings noch kein großes Problem. Insgesamt wird die kulturelle Herausforderung bislang eher als Bereicherung gesehen.

In welcher Sprache arbeitet eine internationale Uni?

In einer idealen Welt würde man an einer Universität in Lehre und Forschung viele Sprachen verwenden. In der Realität ist es in Deutschland so, dass neben Deutsch als erster Sprache zunehmend Englisch eine Rolle spielt. Um in Deutschland einen Bachelor zu machen, muss man Deutsch können. Im Masterbereich haben wir aber bereits die ersten Programme, die komplett auf Englisch abgehalten werden. In den Naturwissenschaften setzt sich Englisch als Sprache immer mehr durch, darin werden bei uns mittlerweile auch regelmäßig Doktorarbeiten verfasst, bei den Aufsätzen in den Naturwissenschaften ist das fast Standard. In den Geisteswissenschaften ist das naturgemäß anders, da ist die Kultur und ihre sprachliche Verfasstheit ja selbst häufig das Forschungsobjekt.

Wie wird eine Uni international?

Austausch und Kooperation, das sind die Grundprinzipien, nach denen Internationalisierung auf der ganzen Welt funktioniert. In der Regel fängt man mit Austauschprogrammen an, für die man sich passende Partneruniversitäten sucht. Wenn möglich sollte man Auslandssemester fest in die Studienordnungen integrieren. Darüber hinaus muss man aktiv für sich werben, um ausländische Studierende anzulocken. Zudem sorgen fast alle Arten von Forschung für eine Internationalisierung, wenn sich etwa Spezialisten aus aller Welt zu Kongressen treffen, um dort ihre Erkenntnisse auszutauschen und sich dabei fast automatisch auch international vernetzen.

Wie besteht man als Hochschule im internationalen Wettbewerb?

Zuerst einmal ist es wichtig, sich einen guten Ruf aufzubauen. Die Qualität der Forschung ist dabei die international wichtigste Währungseinheit, aber nur die halbe Miete. Man kann durch gute Betreuung von Studierenden und Wissenschaftlern sowie durch innovative Programme auch dann erfolgreich rekrutieren, wenn man nicht zu den forschungsstärksten Universitäten gehört. Wir kennen das ja auch von deutschen Studenten: Die gucken nicht unbedingt, welche die beste Uni ist, sondern wie weit es bis zu Mama und Papa ist, wo die Freunde studieren und vor allem, was die Peers so erzählen.

Woran lässt sich der Erfolg von Internationalisierung messen?

Die klassischen quantitativen Indikatoren sind beispielsweise eine im Vergleich hohe Anzahl ausländischer Studenten, Doktoranden und Wissenschaftler, eine hohe Auslandsmobilität von Studierenden und eine hohe Anzahl von internationalen Gastwissenschaftlern. Auch gemeinsame Publikationen mit ausländischen Wissenschaftlern kann man messen oder die gemeinsame Einwerbung von Drittmitteln.

Der qualitative Erfolg für den individuellen Studenten lässt sich dagegen deutlich schwerer messen. Dass es für einen Studenten eine Horizonterweiterung ist, mal ein halbes Jahr in einer fremden Kultur zu verbringen, daran muss man einfach glauben.