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Fokus: Hochschulbildung
Elitehochschulen und Breitenuniversitäten müssen sich ergänzen

Liu Wennan
Liu Wennan | © Liu Wennan

Die in Berkeley promovierte Historikerin Liu Wennan (刘文楠) plädiert für eine ausgewogene Entwicklung der unterschiedlichen Hochschulformen.

Von Dr. Liu Wennan (刘文楠)

Die Redaktion des China Economic Observer hat mich um einen Kommentar zu der Fragestellung: „Brauchen wir spezielle Hochschulen für die Elite oder für eine breitere Öffentlichkeit geöffnete Dienstleistungsuniversitäten?“ gebeten. Wie ich meine, ist diese Frage an sich irreführend. Es ist wie mit der Entscheidung zwischen gegrilltem Schweinefleisch oder gebackener Ente. Lässt man sich da nicht einfach einen gemischten Teller kommen? In meinen Augen sind Elitehochschulen und Universitäten, die der Masse dienen, keineswegs Optionen, die sich gegenseitig ausschließen. Der Spruch von Menzius, „entweder Fisch oder Bärentatze, man kann nicht alles haben“ greift hier nicht. Beide Hochschulkonzepte können ohne Probleme Seite an Seite existieren, und das sollten sie auch.

Ich habe an der Berkeley-Universität in Kalifornien studiert. Berkeley ist eine der besten staatlichen Universitäten der USA. Ihre Gründungsmaxime ist es, nach Exzellenz zu streben, und sie hat 21 Nobelpreisträger hervorgebracht. Ganz ohne Frage ist dies eine Universität, welche Eliten ausbildet. Doch gleichzeitig handelt es sich auch um eine dienstleistungsorientierte Universität, die für ein breites Publikum geöffnet ist. Berkeley war eine der ersten Hochschulen, die öffentliche Seminare im Internet, sogenannte Webinare angeboten und populär gemacht hat. Jeder Interessierte kann im Internet die Vorlesungen herausragender Wissenschaftler hören. Darüber hinaus nimmt Berkeley von den Community Colleges – vergleichbar den chinesischen Junior Colleges – jedes Jahr eine bestimmte Anzahl qualifizierter Studenten in das dritte Jahr seiner Bachelorstudiengänge auf; beinahe alle Vorlesungen auf dem Campus sind für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglich und zudem werden zahlreiche Vorträge via Internet der ganzen Welt zur Verfügung gestellt. Zwischen der Hochschule und den umliegenden Wohnvierteln gibt es außerdem alle möglichen Formen enger Zusammenarbeit. Die Geschichtsfakultät, an der ich studiert habe, unterhielt beispielsweise eine Partnerschaft mit einem Gefängnis in der Nähe und entsandte regelmäßig Masterstudenten, um die Insassen der Haftanstalt in Geschichte zu unterrichten. So verkörpert Berkeley eine Kombination aus Elite- und Breitenuniversität. Das Campusmotto „Let there be light!“ steht für die Idee der Aufklärung und erhellt durch das Licht des Wissens jeden Winkel.

Moderne Universitäten loten die unbekannten Gebiete des Wissens aus, ermutigen zu originärer Forschung und erziehen junge Menschen zu Bürgern, die sowohl Fachkompetenz als auch die Fähigkeit zum selbstständigen Denken besitzen. Sie sind die zentralen Organe für die Wissensproduktion sowie für die Ausbildung von Spezialisten. Deshalb darf sich für die Universitäten der sogenannte „Sinn für den Dienst an der Allgemeinheit“ nicht allein darauf beschränken, freiwillige Studenten für die Teilnahme an diversen Aktivitäten zu mobilisieren, man muss darüber hinaus die eigenen Ressourcen der Lehre organisiert und systematisch einer größeren Öffentlichkeit zugutekommen lassen. Je renommierter eine Eliteuniversität ist, was heißt, dass sie sowohl über ein profunderes und umfassenderes Wissen als auch eine kritische Grundhaltung verfügt, desto mehr steht sie in der Verantwortung, als Multiplikator des Wissens zu fungieren, die Öffentlichkeit aufzuklären und sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Wir benötigen Hochschulen, um herausragende Fachleute auszubilden. Allerdings brauchen wir diese Eliteuniversitäten weder, um nach dem leeren Titel der „Weltspitze“ zu jagen, noch, um zu beweisen, dass auch China in der Lage ist, große Meister und Nobelpreisträger heranzuziehen, sondern um einen leistungsstarken „Motor“ zu haben, der einerseits originäres Wissen generiert und erstklassige Experten ausbildet und andererseits das Niveau der Bevölkerung und die nationale Stärke insgesamt steigert. In diesem Sinne wäre es nicht normal, wenn sich die Eliteuniversitäten auf die höheren Sphären des Elfenbeinturms beschränken würden und nicht in der Lage wären, ihre Dienste mehr Menschen zur Verfügung zu stellen. Damit würden sie sich weit von den grundsätzlichen Werten ihrer Existenz entfernen. Bedenkt man, dass die chinesischen Universitäten allesamt staatlich sind, der Großteil der Mittel aus der Staatskasse bestritten wird und insbesondere die Eliteuniversitäten im Vergleich zu den übrigen Hochschulen wesentlich mehr Gelder einstreichen, stehen diese umso mehr in der unabdingbaren Pflicht, sich bei der Gesellschaft zu revanchieren. Brauchen wir nun Elitehochschulen oder Dienstsleistungsuniversitäten? Diese Frage ist deswegen falsch gestellt, weil sie ignoriert, dass die Eliteuniversität per se dienstleistungsorientiert sein sollte und eine Pflicht gegenüber der Gesellschaft erfüllen muss.

Selbstverständlich ist es in Anbetracht der Begrenztheit von Lehrpersonal und finanziellen Mitteln unmöglich und auch unnötig, aus sämtlichen Hochschulen forschungsorientierte Universitäten auf hohem Niveau zu machen. Um den unterschiedlichen Anforderungen an die Ausbildung von Fachleuten gerecht zu werden, wird es innerhalb des universitären Systems sicherlich verschiedene Hochschultypen geben. Wobei ein Hochschulsystem, befindet es sich auf dem richtigen Weg, auf eine ausgewogene Entwicklung der unterschiedlichen Hochschulformen achtet und dazu ermutigt, sich gegenseitig auszutauschen und zu ergänzen. Meiner Meinung nach ist der springende Punkt nicht der, welchen Typ Universität wir mehr benötigen, sondern wie man die unterschiedlichen Hochschulformen darin unterstützen kann, ihre Wirkung besser zu entfalten. Die Eliteuniversitäten könnten ihre Servicefunktion in einem größeren Rahmen entfalten, indem sie den Universitäten, die sich in erster Linie der Lehre widmen – den sogenannten zweitklassigen Unis oder Junior Colleges – bei der Ausbildung des Lehrpersonals helfen, indem sie deren beste Studenten zu einem befristeten Austausch oder sogar als Übertrittsstudenten bei sich aufnehmen oder indem sie Webinare und öffentliche Vorlesungen anbieten. Und auch die Universitäten mit Schwerpunkt auf der Lehre sollten sich nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben, sondern ihre Qualität der Lehre und der akademischen Forschung kontinuierlich steigern. Sie sollten die Studenten entsprechend ihrer Fähigkeiten fördern und besonders deren Wissensdurst und deren Fähigkeit zum selbstständigen Denken ausbilden, anstatt sich rein auf die berufliche Ausbildung und das Eintrichtern von Wissen zu verlegen. Nur wenn man innerhalb des Hochschulsystems sowie zwischen diesem und der gesamten Gesellschaft einen positiven Austausch von Wissen und Fachleuten gewährleistet, lassen sich die Bildungsressourcen tatsächlich effektiv in Wachstum und Fortschritt des Menschen und der Gesellschaft umwandeln.

Es wäre wahrscheinlich am besten, Eliteuniversitäten und dienstleistungsorientierte Hochschulen nicht als zwei sich ausschließende Möglichkeiten zu betrachten, sondern als eine Komplementärgemeinschaft zweier Konzepte innerhalb des Hochschulsystems. Für die Eliteuniversitäten wünsche ich mir ein volksnaheres, offeneres und mehr auf den Dienst an der Gesellschaft ausgerichtetes Selbstverständnis; die normalen Universitäten hingegen sollten mehr Selbstbewusstsein, höhere Verantwortlichkeit für die Studenten, mehr Idealismus und Ambitioniertheit an den Tag legen. Auf diese Weise würde das ganze Hochschulsystem, ja die gesamte Gesellschaft profitieren.

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