Fokus: Heimat Keine Heimat ohne Sprache

Szene aus „Sommer in Orange“
Szene aus „Sommer in Orange“ | © Majestic/Christian Hartmann

Seit ein paar Jahren gibt es wieder einen deutschen „Heimatfilm“. Sein Erfolgsrezept: Regionale Authentizität und Dialekt.

Eine Blaskapelle, Trachtenanzüge und Menschen, die Mundart sprechen – all diese Dinge gibt es natürlich, sie im Kino zu zeigen war aber lange Zeit verpönt. Vor zwei Monaten ist in Deutschland mit großem Erfolg der Film Sommer in Orange gestartet, in dem all das vorkommt – es geht um eine Gruppe von Leuten aus Berlin, die in ein Dorf in Oberbayern ziehen, in das sie sich, der oben genannten Eigenarten wegen, nur langsam eingewöhnen. Vor allem die Kinder aber möchten lernen, sich dort zuhause zu fühlen.

Sommer in Orange (2011) ist von Marcus H. Rosenmüller, einem der im Moment erfolgreichsten und mit sieben Filmen in fünf Jahren produktivsten deutschen Regisseure. Er ist der wichtigste Vertreter eines neuen Heimatfilms geworden, der vor allem in Bayern entstanden ist, wo der Regionalstolz ausgeprägter ist als irgendwo sonst in der Bundesrepublik. Rosenmüllers Perlmutterfarbe (2008) handelt von der Kindheit in einer bayerischen Kleinstadt in den Dreißigern. Räuber Kneißl (2008) erzählt die Biographie einer bayerischen Legende nach: von Matthias Kneißl, einem rebellischen Dieb, der Ende des 19. Jahrhunderts lebte. Die historischen Stoffe und Rosenmüllers zeitgenössische Geschichten haben eines gemein: das Gefühl für die eigenen Wurzeln. Rosenmüller ist vielleicht deshalb so erfolgreich, weil er nicht nur Orte filmisch beschreibt, die er gut kennt, sondern auch wegen seines Gespürs für den bayerischen Dialekt. Auch Bully Herbig, dessen Der Schuh des Manitu (2001) einer der größten deutschen Kassenschlager überhaupt ist, bedient sich des Münchnerischen in seinen Filmen. Neben Rosenmüllers Filmen gehören zu den neuen Heimatfilmen auch Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers (2002) von Felix Mitterer, und Hierankl (2003) von Hans Steinbichler.

Dass Dialekt im Kino nicht selbstverständlich ist, dafür gibt es mehrere Gründe. Da ist zum einen der Föderalismus, der versucht, die regionalen Besonderheiten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Und da ist vor allem die Geschichte, die das Verhältnis der Deutschen zur Heimat kompliziert macht. Die Folge ist, dass das deutsche Kino und das Fernsehen seit den siebziger Jahren den Dialogen die regionale Färbung ausgetrieben haben, jeder Dialekt galt als provinziell. Man war auf der Suche nach kaum erkennbaren Orten und einer allgemeingültig wirkenden Sprache. Ein Irrglaube: Packende Erzählung erfordert Genauigkeit in der Beschreibung; einen erfundenen, realitätsfreien Ort zum Leben zu erwecken ist sehr schwierig und gelingt selten. Die Folge dieses Irrglaubens war eine Kunstsprache in den Filmen, die in Wahrheit niemand spricht – das färbte auch auf die Handlungen ab, die immer wirklichkeitsferner wurden. Die meisten dieser Filme, wie Rainer Kaufmanns Stadtgespräch (1995), handelten von Singles, die in riesigen, luxuriösen Altbauwohnungen leben und den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als nach dem Mann (oder der Frau) fürs Leben zu jagen. Oder es wurde unglaubwürdiges Rebellentum inszeniert wie in den viel geschmähten Bandits (1997) von Katja von Garnier – da geht es um vier Gefängnisinsassen, die eine Band gründen, aus dem Knast ausbrechen, die Charts stürmen und andauernd „fuck“ sagen. Wenn der deutsche Film seit ein paar Jahren wieder erfolgreicher ist, hat das damit zu tun, dass er zu seiner Heimat zurückgefunden hat. Und Heimat ist vor allem Sprache.

Das richtige Maß an Heimat finden….

Deutsche Filme haben seit dem Zweiten Weltkrieg meist entweder zu viel oder zu wenig Heimat aufzuweisen – eine richtige Dosierung war selten. Das entwurzelte Kino der Siebziger war auch eine Reaktion auf den ursprünglichen Heimatfilm. Der gehörte in die Jahre zwischen Kriegsende und dem Oberhausener Manifest 1962, dem Beginn des Neuen Deutschen Films. In Filmen wie Der Förster vom Silberwald (1954) oder Die Mädels vom Immenhof (1955) wurde auf eine künstliche Idylle und übertriebene Verbundenheit zu Herkunft und Tradition gesetzt, als sollten diese Filme das Gegengift zu den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, Vertreibung und Flucht sein.

Die Deutschen taten sich schwer mit der Heimat in den Jahren zwischen Kriegsende und den 60er Jahren. Das wird einem ganz besonders klar, wenn man die deutschen Heimatfilme mit ihrer wesentlich entspannteren amerikanischen Entsprechung vergleicht – dem Western. Nachdem die Heimatfilm-Welle abgeebbt war, hat der Film Heimat vor allem als gemeinsame Geschichte definiert. Edgar Reitz' Heimat-Trilogie, ein 1984, 1992 und 2004 gedrehter Spielfilm-Zyklus in 30 Teilen, rollte die deutsche Geschichte vom Ende des ersten Weltkriegs her bis zur Jahrtausendwende auf. Kriegsfilme sind inzwischen selten geworden, derzeit verarbeitet das Kino jüngere Ereignisse. Eine ganze Reihe von Filmen wie das RAF-Drama Wer wenn nicht wir (2011) von Andres Veiel und Der Baader Meinhof Komplex (2008) von Bernd Eichinger und Uli Edel beschäftigt sich mit dem Terrorismus der 1970er.

Die Zeiten ändern sich und der Begriff von Heimat wandelt sich ebenfalls – Flexibilität spielt in unserer Gesellschaft eine viel größere Rolle als je zuvor. Ein paar Jahre Ausland aus beruflichen Gründen sind nicht mehr ungewöhnlich. Mit Deutschen, die sich irgendwo in der Fremde ein Zuhause einzurichten versuchen, befassen sich neuerdings im Fernsehen ein halbes Dutzend Doku-Soaps. Im Kino läuft die Sache genau andersherum – da erzählen die Kinder der ersten Gastarbeiter-Generation, wie ihre Eltern in Deutschland angekommen sind. 2011 lief beispielsweise Almanya von Yasemin Samdereli im Kino: eine deutsch-türkische Familiengeschichte, die humorvoll von der ersten türkischen Einwanderergeneration in Deutschland bis heute erzählt. Auch hier haben Sprache und Heimat viel miteinander zu tun: Nur wer kommunizieren kann, fühlt sich zuhause. Cem, der jüngste in der Almanya-Familie, bittet seine Tante um Rücksicht – um ihre Erzählungen zu verstehen, kann er einfach nicht genug türkisch.