Fokus: Heimat Heimatgefühle im chinesischen Film

Szene aus „Getting Home” von Zhang Yang
Szene aus „Getting Home” von Zhang Yang | © Fortissimo Films

Im kommerziellen chinesischen Mainstream-Kino von heute spielt das Thema Heimat im Vergleich zu früheren Jahrzehnten kaum noch eine Rolle: An die Stelle der Heimatsehnsucht ist der Wunsch getreten, in den großen Städten ein neues Leben zu führen.

In der traditionellen chinesischen Kultur gibt es eine starke Affinität zur Heimat. Jeden noch so weit gereisten Weltenbummler zog es irgendwann doch zu den eigenen Wurzeln zurück. Einem Landsmann war man stets verbunden wie einem leiblichen Bruder, worin auch der kulturelle Ursprung für die anhaltende Beliebtheit der „Heimatverbände“ in der chinesischen Geschichte zu sehen ist. In Filmen, welche als Kunstform das Leben der Gesellschaft abbilden, wurden die Heimatgefühle der Chinesen immer wieder einfühlsam geschildert. Seit den 1980er Jahren haben chinesische Filmregisseure, dem raschen Wandel der gesellschaftlichen Situation sowie der Wertvorstellungen folgend, das Heimatbild auf der Leinwand unermüdlich korrigiert. Der Heimatbegriff wurde mit immer komplexeren kulturellen Konnotationen aufgeladen: angefangen bei wehmütig-poetischen Heimaterinnerungen über die Mythen einer wallfahrtsähnlichen Wurzelsuche bis hin zu lärmenden und pessimistischen Kleinstadtgeschichten.

Die 80er Jahre: ländliche Romantik und monumentale Bildsprache

In den frühen 1980er Jahren versuchten die chinesischen Filmemacher, die während der Kulturrevolution die Hoheit über ihre Kreativität vorübergehend eingebüßt hatten, das nach dem politischen Chaos und kulturellen Desaster in Scherben liegende traditionelle Wertesystem durch eine versöhnliche und ästhetische Bildsprache wieder zu kitten. Ein Heimatfilm aus dieser Zeit ist Wu Yigongs (吴贻弓) My Memories of Old Beijing (1982). Der Film erzählt in einer Adaption des gleichnamigen autobiographischen Romans der taiwanischen Schriftstellerin Lin Haiyin (林海音) die Geschichte des Mädchens Yingzi, das in den 1920er Jahren in Peking zur Welt kommt und in den Gassen im südlichen Teil der Stadt aufwächst. Auch wenn My Memories of Old Beijing etwas Melancholisches anhaftet, überwiegt doch die tiefe Verbundenheit zur Heimat Peking. Der Charme des alten Peking, den die Welle des „roten Films“ vorübergehend überdeckt hatte, lebt in diesem nostalgischen Film wieder auf.

Als sich mit den Regisseuren der „Fünften Generation“ Mitte der 1980er Jahre eine neue Kraft formierte, gaben die chinesischen Filmemacher ihre zurückhaltende Erzähltradition der Vergangenheit auf und begannen, ausschweifende Szenarien des Landlebens in drastischen Farben zu schildern. Ob in Chen Kaiges (陈凯歌) Gelbe Erde (1984) oder in Zhang Yimous (张艺谋) Rotes Kornfeld (1987), stets wurden die in der weiten Ebene lebenden Bauern mittels allegorischer Stilmittel mit einem ungestümen Temperament ausgestattet – so wurden eben diese Bauern im kulturellen Sinne die Vertreter einer ganz und gar chinesischen „Heimat“. Die Regisseure der „Fünften Generation“ bedienten sich einer aufwendigen Bildsprache, man denke etwa an die Gruppe der imposanten Hüfttrommler in der gelben Lössebene oder den johlenden Hochzeitszug im leuchtend roten Kornfeld. So versuchten sie, eine Art „visuelles Totem“ der chinesischen Kultur zu errichten. Die im Film dargestellte Heimat sprengte den Rahmen persönlicher Erfahrungen und stieg zu einer „kulturellen Heimat“ von nationaler Bedeutung auf. Der chinesische Volkstanz Yangko, die Hüfttrommler, die ungezügelten Trinklieder und die triebhafte Erotik im roten Sorghumfeld fügten sich zu einem visuellen Feuerwerk zusammen, das für die „Fünfte Generation“ ein wichtiges Mittel zur Interpretation der chinesischen Kultur wurde. Allmählich kristallisierten sich daraus sogar die charakteristischen Elemente einer zeitgenössischen chinesischen Folklore heraus.

Persönliche Geschichten der „sechsten Generation“

Die Sturm- und Drangzeit des Kinos der „Fünften Generation“ hatte dem Heimatbild einen mystischen Anstrich verliehen, doch durch die aufkommenden politischen Turbulenzen und den wirtschaftlichen Wandel blätterte dieser rückhaltlos ab. Nach 1989 begeisterten sich die chinesischen Filmschaffenden nicht mehr für legendenhafte epische Erzählungen, sondern begannen, reale und persönliche Schicksale zu verarbeiten. Die Filmemacher der sogenannten „Sechsten Generation“ setzten bewusst Bilder ein, um ihre persönlichen Lebenserfahrungen und ihre Sichtweise auf die Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. So verließ der Heimatbegriff die romantischen Gefilde des Sagenhaften und landete in der Banalität des realen Lebens. Beispielhaft dafür ist der von Regisseur Zhang Ming (章明) produzierte Film Rain Clouds over Wushan (1996), den er in seiner Heimatprovinz Sichuan drehte. In diesem atmosphärisch düsteren Film erscheint die Kreisstadt Wushan wie ein Leichnam. Ihr steht die Flutung durch den Drei-Schluchten-Staudamm bevor und so ist aus ihr jedes Leben gewichen, die Bewohner sehen nicht, wohin die Zukunft sie führen wird. Auch die Gefühle zwischen Mann und Frau haben nichts von der ungestümen Wildheit aus den Filmen der „Fünften Generation“, sondern werden erdrückt von den beengten Räumen und dem Wunsch nach einer Existenz.

Jiang Wen (姜文), der seine Filmkarriere in den 1980er Jahren als Schauspieler begann, verwandelte Peking in seinem Regiedebüt In the Heat of the Sun aus dem Jahr 1994 noch einmal in cineastisches Traumland. Anders als die weltentrückt anmutenden Szenerien einer alten Stadt in My Memories of Old Beijing verströmt das Peking aus Jiang Wens Film die Hormone der Pubertät. Während der Kulturrevolution vertreibt sich eine Clique von Jugendlichen, die in einer Pekinger Militärsiedlung lebt, ihre aufkeimende Adoleszenz damit, sich zu prügeln, in fremde Häuser einzusteigen und den Mädchen nachzustellen. In the Heat of the Sun steht für die Heimaterinnerungen von Jiang Wen und einer Gruppe von Jugendlichen, die im Peking der 1970er Jahre aufwuchsen. Dies war vielleicht das letzte Mal, dass Peking als Heimattopos auf der chinesischen Leinwand auftauchte. Mit der wirtschaftlichen Transformation und dem Zustrom unzähliger Migranten in die Hauptstadt wurde Peking für die Chinesen zur Endstation ihrer unerfüllten Sehnsüchte. Sein Heimweh projizierte niemand mehr auf diese Stadt.

Doch je mehr Auswärtige in die großen Metropolen wie Peking oder Shanghai strömten, desto mehr wurden die Erinnerungen an die alte Heimat zum Thema für die neue Generation von Filmemachern. Etwa für Jia Zhangke (贾樟柯), der aus der Kleinstadt Fenyang in der Provinz Shanxi nach Peking kam, um sich als Regisseur zu verwirklichen. Seine zwischen 1997 und 2002 gedrehten Filme Xiao Wu, Platform und Unknown Pleasures werden von den chinesischen Filmmedien als „Heimattrilogie“ bezeichnet und stehen für eine zeitgenössische Sichtweise chinesischer Filmemacher auf das Heimat-Sujet. Das Leben in einer Kreisstadt Zentralchinas bildet in diesen drei Filmen die wesentliche Erzählbühne. Der Hauptprotagonist Xiao Wu ist ein junger Mann, der sich in Fenyang als Dieb herumtreibt und sich verloren fühlt in einer Stadt, die der Wandel erfasst hat; Platform erzählt vom komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen den jungen Mitgliedern einer Künstlertruppe in den 1980er Jahren in Fenyang. Der Film blickt auf eine vergangene Ära zurück, die unter dem Eindruck der äußeren wirtschaftlichen und kulturellen Einflüsse allmählich zu Ende geht; Unknown Pleasures hingegen spielt in Shanxis „Kohlestadt“ Datong und lässt ein paar Jugendliche, die sich mit illegalen Autorennen die Zeit vertreiben, durch einen Banküberfall in die Fallstricke des Gesetzes geraten.

In ihrem chronologischen Verlauf stellt diese „Heimattrilogie“ die nachhaltigen Auswirkungen der Reform- und Öffnungspolitik auf die chinesische Provinzjugend dar: Für sie ist „Heimat“ nicht mehr der Inbegriff süßer Wehmut, sondern ein Ort der Tristesse, an dem einen nichts mehr hält. Ihre Heimat gleicht einer kargen Kulturwüste, ohne Ziele, die einen Kampf wert wären, ohne Gefühle, in die es sich zu investieren lohnte. Es ist die geistige Krise, die im rasanten Urbanisierungsprozess des heutigen China zu Tage tritt.

Gleich einem fernen Widerhall auf Jia Zhangkes triste Erinnerungen an seine Heimat in Shanxi hat der chinesische Dokumentarfilmer Wang Bing (王兵) in seinem Werk Tiexi Qu: West of the Tracks den Verfall eines alten Industriegebiets in Nordostchina im Jahr 2003 wirklichkeitsnah dokumentiert. Die Fabriken im Industriegebiet Tiexi in Shenyang, einstmals Symbol für die florierende chinesische Schwerindustrie, verwandeln sich vor der Kamera des Dokumentarfilmers in verlassene Ruinen. Die Menschen, die in ihnen leben, sehen voller Bangen einer ungewissen Zukunft entgegen. Sie stehen dem tragischen Schicksal ihrer Heimat, die nach einer Blütezeit ihren Niedergang erlebt, ratlos gegenüber.

Before the Flood (2005), ein Dokumentarfilm, der als Gemeinschaftsprojekt von Li Yifan (李一帆) und Yan Yu (鄢雨) entstand, richtet den Blick ein weiteres Mal auf einen Ort in Sichuan, auf Fengjie, dem ebenfalls die Flutung durch den Drei-Schluchten-Staudamm bevorsteht. Der Dokumentarfilm zeichnet realitätsgetreu die Tragödien der Anwohner auf, die ihren angestammten Grund und Boden verlassen müssen, ehe die Kreisstadt im Wasser versinkt. Abermillionen von Menschen mussten wegen des Baus des großen Staudamms ihrer Heimat den Rücken kehren und sich auf eine Reise ohne Wiederkehr machen. Sie haben sich für immer von einer Heimat verabschiedet, die still und leise von der Landkarte gelöscht wird.

Verschwindet der Heimatfilm oder die Heimat?

Infolge der Kommerzialisierung der chinesischen Filmindustrie drängen in den letzten Jahren immer mehr Unterhaltungs-Blockbuster wie Fantasyfilme, Räuber- und Kungfu-Filme und Lifestyle-Schnulzen in die Mainstream-Kinos. Realitätsnahe Filmarbeiten sind dagegen immer seltener zu finden und Filme, die sich mit dem Thema Heimat auseinandersetzen, ganz und gar zur Randerscheinung geworden. Der 2007 von Zhang Yang (张扬) gedrehte Film Getting Home bildet eine seltene Ausnahme. Das Leitmotiv dieses Filmes basiert auf dem Brauch chinesischer Bauern, nach der ein Toter im Grab der Ahnen bestattet werden muss. So wird die Geschichte eines Dörflers erzählt, der in Shenzhen arbeitet und eine weite Reise auf sich nimmt, um die Leiche seines Arbeitskollegen in die Heimat zurückzutransportieren. Auch wenn die Geschichte von einem, der sich mit einer Leiche auf dem Rücken auf den Weg macht, etwas makaber anmutet, ist Getting Home doch eine gelungene Interpretation des traditionellen Wunsches der Chinesen, nach dem Ableben in die Heimat, die man zu Lebzeiten verlassen hat, zurückzukehren. Der Filmemacher zollt einer Heimatkultur Respekt, die in China mehr und mehr verschwindet.

Ähnlich wie der Modernisierungsprozess der traditionellen Gesellschaft liefert auch die politische Situation eines geteilten Chinas Stoff für das Heimatsujet im Film. Apart Together, 2010 von dem festlandchinesischen Regisseur Wang Quan’an (王全安) gedreht, ist exemplarisch für diese Filme. Der Film, der auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, erzählt von einem ehemaligen Soldaten der Kuomintang, der als alter Mann aus Taiwan in seine ehemalige Heimat Shanghai zurückkehrt, um in der Hoffnung auf eheliche Versöhnung seine Ehefrau zu suchen, die er vor über einem halben Jahrhundert zurückgelassen hat. Letztlich wird der Veteran nur die Erinnerung an die Heimat mitnehmen, denn im Angesicht der Wirklichkeit sind Gefühle und Träume immer nur fragile Sandburgen und das Heimweh gleicht einem engen Schiffsticket.

Für immer mehr Chinesen, die fern von Zuhause leben und ihr Glück in der Fremde suchen, ist die Heimat wie ein Symbol der Erinnerung, das allmählich an Schärfe verliert: Stammbäume werden nicht mehr weiter aufgezeichnet, man lässt sich nicht mehr in den Familiengräbern auf heimatlichem Boden bestatten, besucht nicht mehr die Ahnentempel und hat auch nicht mehr die Erwartung, dass die Nachkommen den Herkunftsort der Vorfahren, der eigentlich keine Bedeutung mehr hat, in Ehren halten. An die Stelle der Heimatsehnsucht ist der Wunsch getreten, in den großen Städten ansässig zu werden und dort ein neues Leben zu führen. Die ferne Heimat wird diesen Menschen wahrscheinlich nur im Angesicht der Kinoleinwand oder in nächtlichen Träumen einen leisen Seufzer entlocken.