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Fokus: Begehren
Professor Tao Dongfeng (陶东风) im Gespräch

Prof. Tao Dongfeng
Prof. Tao Dongfeng | Foto: Ralph Obermauer

„Wenn man Erscheinungen der Konsumgesellschaft in China betrachtet, darf man sich nicht auf die Analyse von Medien und Werbung beschränken. Man muss den politischen Kontext mit einbeziehen.“

Von Ralph Obermauer

Tao Dongfeng ist Professor an der School of Literature der Capital Normal University. Seine Forschungsgebiete sind moderne chinesische Literatur und Kultur. Er ist Autor bzw. (Mit-)Herausgeber zahlreicher Bücher und Anthologien, darunter Chinese Literature since Reform and Opening Up (1978-2008), Cultural Criticism in Contemporary China, und Cultural Studies: The West and China. Auf Englisch erschienen sind Chinese Revolution and Chinese Literature (2009) and Cultural Studies in China (2005). Prof. Tao hat zahlreiche Artikel in einflussreichen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht und kommentiert regelmäßig das aktuelle chinesische Zeitgeschehen.

Im Dezember 2011 sprach Ralph Obermauer im Auftrag des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes in Peking mit Professor Tao Dongfeng über Begehren und Konsum im heutigen China im Vergleich zu westlichen Konsumgesellschaften.

Wenn man heute über das menschliche Begehren spricht, ist man sehr schnell beim Thema Konsumgesellschaft, der Betrachtung von Warenwirtschaft, Medien, Werbung und Populärkultur. Das menschliche Begehren scheint manipuliert zu werden wie kaum je zuvor, ist verflochten und verstrickt in Versuche, es zu kanalisieren, zu erzeugen und zu verwerten. Würden Sie eine solche Diagnose für die noch jüngere Konsumkultur Chinas bestätigen?

Man muss klar zwischen den natürlichen biologischen „Bedürfnissen“ und dem „Begehren“ unterscheiden. Das Bedürfnis ist natürlich und stellt sicher, dass der Mensch als biologisches Wesen überlebt. Das Begehren ist nicht natürlich, es ist geformt von kulturellen, ideologischen, gesellschaftlichen Faktoren, heute stark beeinflusst von Medien und Populärkultur. Man kann es nicht völlig von den natürlichen Bedürfnissen abschneiden, da gibt es Beziehungen. Dennoch ist die Rolle, die Kultur und vor allem die Konsumkultur bei der Formung dieses Begehrens spielen, erheblich.

Bevor die Konsumkultur so dominant wurde, war der Graben zwischen den Grundbedürfnissen des Menschen und seinem Begehren gar nicht so tief. Seine materiellen Bedürfnisse waren ganz grundlegender bzw. existenzieller Natur und einfach zu befriedigen. Im China der 60er und 70er Jahre war man schon zufrieden, wenn man zuhause eine Nähmaschine oder ein Fahrrad hatte, heute richtet sich das Begehren auf Luxusprodukte, es müssen eine Villa und ein BMW sein. Das ist natürlich eine Folge kultureller Veränderungen.

Anders als das Bedürfnis ist das Begehren grundsätzlich kulturell überformt, man könnte sagen es ist konstitutiv manipuliert. Welche Kriterien haben wir dann, Manipulation zu kritisieren? In der kritischen Theorie hat man früher die Frage nach wahren und falschen Bedürfnissen gestellt, heute ist man da skeptischer geworden.

Die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Bedürfnissen stammt von dem Marxisten Herbert Marcuse, der sie vor dem Hintergrund der kapitalistischen Gesellschaft aufgebracht hat. Es gibt im Westen eine lange Debatte über entsprechende Kriterien. Für die chinesische Situation reichen diese Theorien aber nicht aus, wir haben in China eine vollkommen andere Lage. Wenn man Erscheinungen der Konsumgesellschaft in China betrachtet, darf man sich nicht auf die Analyse von Medien und Werbung beschränken. Man muss den politischen Kontext mit einbeziehen, die politische Kontrolle der Medienindustrie etwa. In westlichen Ländern basiert Konsum nicht auf Zwang, die Manipulationen der Kulturindustrie geschehen in einem demokratischen System und in einer Marktwirtschaft, die Bürger können ohne Weiteres auch andere Interessen verfolgen. In China haben normale Bürger keine Meinungsfreiheit, es fehlen Kanäle, sich öffentlich zu äußern. Wir wissen aus dem Internet, dass viele Chinesen gar nicht so stark am Materiellen interessiert sind. Sie interessieren sich für Politik und öffentliche Angelegenheiten, dürfen sich aber daran nicht beteiligen. Die Analyse der Frankfurter Schule, dass die Bürger kapitalistischer Gesellschaften im Konsum baden und politisch desinteressiert sind, scheint oberflächlich gesehen auch auf China zuzutreffen, aber die tieferen Ursachen sind ganz andere.

Dennoch meint man, viele Ähnlichkeiten wahrzunehmen. Etwa bei den Techniken der Erzeugung und Bearbeitung von Begehren und Leidenschaften, in vielen relevanten Bereichen der Kulturindustrie, in Werbung, Seifenopern, TV, Starkult, Marketing etc.. Natürlich gibt es den Systemunterschied, aber der Demokratieverdruss und die politische Gleichgültigkeit ist im Westen sehr hoch. Man hat auch von postdemokratischen Verhältnissen gesprochen. Gibt es zwischen den auf beiden Seiten entpolitisierten, kommerzialisierten und mediendominierten Gesellschaften nicht doch große Ähnlichkeiten?

Das streite ich nicht ab. Diese Ähnlichkeiten haben schon viele festgestellt, mir geht es aber darum, den grundlegenden Unterschied zu betonen. China befindet sich immer noch in der Phase des Postmaoismus. Die aus dem Westen stammende Konsumkultur verbindet sich mit einem totalitären politischen System in der Spätphase. Wenn man dieses Umfeld der Konsumkultur beachtet, kann man die Unterschiede zu den westlichen Ländern genau erkennen. Der Kulturmarkt z.B. wird von der Regierung sehr stark kontrolliert, etwa bei allen öffentlichen Aufführungen oder im Publikationswesen, das ist vollkommen anders als im Westen. Das alles funktioniert ja nicht nach marktwirtschaftlichen Regeln.

Wenn wir das zurückbeziehen auf die Frage, welche Art der kulturellen Formung des Begehrens eigentlich kritikwürdig ist, dann hieße das, dass der politische Kontext entscheidend dafür ist, wie negativ sich Konsumkultur auswirkt. Wenn es Freiheit des Ausdrucks, der Kultur- und Konsummärkte und Unabhängigkeit der Medien gibt, wird einer ausschließlich von oben herab geschehenden, autoritären Manipulation des Begehrens ein Riegel vorgeschoben. Menschen haben bessere Möglichkeiten, die Autonomie über ihre Wünsche zu bewahren.

Ja. Konsumkultur hat in autoritären, spätautoritären und nicht-autoritären Gesellschaften jeweils ganz andere Funktionen. Während der Kulturrevolution wurde alles menschliche Begehren streng kontrolliert und ein asketisches Lebensideal propagiert. Das Begehren wurde für einfache Bürger zum Ausdruck der Provokation, der Rebellion, es war mit dem politischen Protest Widerstand verknüpft. In einer Zeit, als alle Menschen dieselbe Kleidung trugen, dieselben Lieder sangen und dieselben Tänze, tanzten, war es genaugenommen eine politische Meinungsäußerung, wenn sich jemand schön anzog oder einen Schlager von Deng Lijun (邓丽君) sang. Im bekannten Roman von Wang Xiaobo (王小波), Das goldene Zeitalter macht der Protagonist ständig Liebe mit seiner Freundin. Das war damals auch eine Form von Rebellion gegen das asketische Lebensideal der Mao-Zeit.

In der heutigen spätautoritären Gesellschaft kontrolliert die Regierung nicht mehr alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Kleidung, Essen, Wohnen, Verkehr sind freigegeben. Aber ihr Ziel ist ganz klar: das politische System zu bewahren. Die Kontrolle der Medien dient demselben Ziel, das Ein-Parteiensystem und die alte Ideologie beizubehalten. In diesem Zusammenhang werden auch der Konsum und der neue Überfluss von der Regierung gefördert, man stellt die Bürger materiell zufrieden und erreicht im Gegenzug politische Stabilität. In nicht-autoritären Gesellschaften spielt das Verlangen nach politischer Freiheit, nach Wahlrecht, Versammlungs- und Vereinsfreiheit nicht mehr so eine große Rolle. Das ist einfach da, Teil des gesellschaftlichen Lebens, es muss nicht mehr erkämpft werden. Die Regierungen müssen das Begehren der Menschen auch nicht mehr so regulieren und kontrollieren wie in China. Es gibt hier übrigens eine Kritik an westlicher Konsumkultur, die meiner Meinung nach sehr übertrieben ist. In vielen europäischen Ländern oder in den USA sieht man abseits der großen Städte oft gar nichts vom Konsumrausch. Die Menschen führen ein einfaches Leben und legen viel Wert auf ihre Familie und auf ihre Traditionen. Man darf nicht immer nur auf Las Vegas oder New York schauen und dann meinen, den Westen zu kennen.

Die Kritik am Konsumismus scheint in China verbreitet zu sein, auch und besonders am Luxuskonsum im eigenen Land. Spielen traditionelle chinesische Werte aus dem konfuzianischen, taoistischen oder buddhistischen Kontext dabei eine große Rolle?

Es gibt diese Kritik, aber diese Stimme kommt eher aus akademischen Kreisen, auf die Massenkultur und den Alltag der meisten hat sie nur einen schwachen Einfluss. Der Grund hierfür ist, dass in den meisten Beiträgen bloß westliche Theorien wiederholt werden und nur ganz selten die Eigenheiten der hiesigen Situation analysiert werden. Die Kritik ist dann abstrakt und im Grunde ungeeignet für China. Sie ist für das alltägliche Leben der Bürger auch ganz und gar ohne Einfluss. Der Konfuzianismus betont Konsum nicht, von Luxus gar nicht zu sprechen, der Daoismus ist vollkommen dagegen. Ich habe aber starke Zweifel, inwieweit diese Elitephänomene den Alltag der ganz normalen Bürger beherrschen. China hat eine ganz andere Tradition: Reichtum zur Schau stellen, sich mit anderen messen und dadurch Gesicht zeigen.

In der Zeit der Wei-Jin, der südlichen und nördlichen Dynastie (220-550 n.Chr.), gab es einen hohen Beamten namens Shi Chong (石崇), der gerne vor den Augen seiner Gäste wertvolle Korallen zerschlug, um zu zeigen, was er sich leisten kann. Südlich des Yangtse und auch in vielen ländlichen Gebieten ist solches Verhalten sehr verbreitet. Diese Tradition lässt sich ganz leicht mit der heutigen Konsumkultur verbinden. So zeigt man auch heute, was man hat, trägt Markenkleidung, fährt BMW oder Mercedes-Benz. Wer Santana fährt, der hat kein Gesicht. Angesichts der Ausbreitung der Konsumkultur im heutigen China denke ich, dass in der chinesischen Kultur eine Kraft fehlt, die den Konsumismus ablehnt, wie etwa der Protestantismus im Westen oder der Islam im Mittleren Osten. Hinzu kommt, dass Konfuzianismus und Daoismus während der Kulturrevolution weitgehend niedergeschlagen wurden. Zurück bleibt, dass die Chinesen heute ein sehr starkes Bedürfnis nach Luxusgütern haben. Die Verbindung von Luxus mit Status und Identität ist viel stärker als in vielen anderen Ländern.

Über den Konsum von Waren wird dann der Andere angesprochen, das Begehren der Ware ist eigentlich das Begehren der Anerkennung durch den Anderen, das Begehren vom Anderen begehrt und beneidet zu werden. Status- und Distinktionskonsum ist natürlich auch ein im Westen seit langem etabliertes und bekanntes Phänomen. Dennoch scheint es vielen westlichen Betrachtern, als werde das hier in China derzeit in den Oberschichten und neuen Mittelschichten in exzessiver Form praktiziert.

Aus kulturwissenschaftlicher Sicht sollte man die sogenannte chinesische Mittelschicht weniger als eine Schicht oder Klasse betrachten als vielmehr als einen Lebensstil, und dieser Lebensstil kommt vor allem mit der jungen Generation zur Entfaltung. Wir nennen sie die Nach-80er, nach ihren Geburtsjahren. Bei der Definition dieser Mittelschicht sollten wir nicht nur an Einkommen und Beruf denken, sondern auch an kulturelle Faktoren. Nicht alle, die ökonomisch in diese Klasse fallen, haben einen konsumistischen Lebensstil. Aber sehr viele in dieser neuen Mittelschicht zeigen ihren Status und ihre Identität über Konsum. Gleichzeitig ist diese Generation weitgehend entpolitisiert. Sie wissen nichts über die jüngere Geschichte Chinas, nichts über die Anti-Rechts-Kampagne, den Großen Sprung nach vorn, die Kulturrevolution. Das ist ganz anders als in Deutschland, wo in Schule und Familie die Beschäftigung mit der Geschichte sehr gefördert wird, wo nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit über die Entstehung des Faschismus nachgedacht wurde, und sich auch die jungen Leute mit dieser Frage beschäftigen. Das politische System hat den jungen Leuten in China das kollektive Gedächtnis weggenommen. In den Museen und Schulbüchern gibt es kaum Ausstellungen oder Texte zur Anti-Rechts-Kampagne, zur großen Hungersnot oder zur Kulturrevolution. In der Grund- und Mittelschule sind das schon gar keine Themen. Das verstärkt den Entpolitisierungstrend. Außerdem ist das die Generation der Einzelkinder. Viele sind verwöhnt, individualistisch, es fehlt an Verantwortungsbewusstsein, Fürsorge und Interesse für Vereine und soziales Engagement. Und sie sind oft beruflich abhängig vom autoritären politischen System, arbeiten bei der Verwaltung oder bei einem Staatsunternehmen. All das muss man mitberücksichtigen, wenn man über die chinesische Mittelschicht und ihr Konsumverhalten spricht.

Professor Tao, vielen Dank für das Gespräch!

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