Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Fokus: Kulturelles Gedächtnis
Huang Rui: Deutsch-chinesisches Tagebuch in Bildern

Huang Rui (黄锐)
Huang Rui (黄锐) | ©ML

Der vielseitige Künstler Huang Rui (黄锐) wirft mit seinen Werken oft einen Blick auf die chinesische Geschichte. In seinem 2009 erschienenen Fotobuch schlägt er auch einen Bogen nach Deutschland.

Von Umi (由宓)

Am 9. November 2009 stellte der chinesische Gegenwartskünstler Huang Rui (黄锐) in Berlin zum ersten Mal das von ihm herausgegebene Buch 1989 – 365 Art Days in China and Germany vor. In dem gewichtigen Band ist jeder Tag des Jahres 1989 durch ein Bild von einem wichtigen kulturellen Ereignis, einer Landschaft oder aus dem Alltag der Menschen in Deutschland und in China in jenem Jahr dokumentiert und illustriert. Man könnte auch sagen, dass Huang Rui das soziokulturelle Tagebuch des Jahres 1989 noch einmal neu geschrieben hat. Die zwei in jenem Jahr für Deutschland und China politisch bedeutendsten Tage sind absichtlich jeweils durch eine weiße Seite dargestellt, da es wohl kein Kunstwerk gibt, das allein ihre Last tragen könnte. Hier hat Huang Rui sich für das buddhistische Sutra „Form ist Leere, Leere ist Form“ als sprachliche Metapher entschieden. Im Januar 2010 sprach die Kuratorin und Autorin Umi für das Deutsch-Chinesische Kulturnetz im Kunstloft Idutang in Shenzhen mit Huang Rui über sein Werk

Was einen auf den ersten Blick vielleicht am meisten beeindruckt, ist die Methode, mit der Sie Geschichte wieder erstehen lassen, oder präziser ausgedrückt, wie Sie die Geschichte inszenieren. Ist diese Anordnung historischer Momente und Dokumente auf der rechten und linken Buchseite entlang einer Zeitachse eine künstlerische Strategie von Ihnen?

Am Anfang war das gewissermaßen eine Strategie. Um in China etwas auszudrücken, braucht es Mut, im Formulierungsprozess muss man zu einer Interpretation der Realität finden, und auch die Art und Weise des Ausdrucks folgt einer Methodologie. Und was die Methodologie betrifft, habe ich hinsichtlich visueller Arbeiten eine gewisse Erfahrung, so dass ich durch das Kunstwerk auch dann etwas zum Ausdruck bringen kann, wenn es eigentlich unmöglich erscheint.

Wenn wir uns historische Arbeiten ansehen, können wir uns vielleicht die geschichtlichen Phänomene jener Zeit vergegenwärtigen, doch letztlich liegen diese Werke im Vergangenen und sind Erfahrungen von gestern. Nur im Zusammenspiel mit aktuellen Fragen können diese historischen Arbeiten tatsächlich eine Wirkung entfalten. Bei meinem Buch wird der Leser während der Betrachtung in zwei Räume versetzt. Innerhalb seines Blickfelds findet eine Annäherung der beiden Räume statt. Die zwei Seiten des Buches, die er mit beiden Augen wahrnimmt, entsprechen vielleicht zwei Perspektiven, die sich wieder zu einer einzigen Welt verbinden. Dieser Erkenntnisprozess, vielmehr diese mögliche Erkenntnis, ist dann nicht mehr nur eine Strategie.

So wie es heißt, „jede Geschichte ist immer zeitgenössische Geschichte“ . Die gegenüber gestellten Bilder erzeugen in ihren inhaltlichen, atmosphärischen und intendierten Anspielungen immer wieder interessante Kontraste, was natürlich an der sorgfältigen Zusammenstellung der Bilder liegt. Waren Sie bezüglich ihrer zeitlichen Gegenüberstellung auch so konsequent?

Die Dokumentar- und Archivbilder sind in ihren zeitlichen Gegenüberstellungen garantiert korrekt. Am wichtigsten war mir dabei, dass sich die Szenen auf der linken und rechten Buchseite an zwei aufeinander folgenden Tagen der Geschichte abspielen. Beispielsweise kommt im Buch zum Ausdruck, dass die Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag am 1. Oktober in China und am 7. Oktober in der DDR stattfanden. Diese Bilder so nah beieinander zu sehen, ist wirklich erschütternd.

In dem Buch geht es natürlich hauptsächlich um Deutschland und China, doch darüber hinaus ist das Buch auch eine künstlerische Betrachtung der Welt aus der Gegenwart. Für diese Auseinandersetzung braucht es einen globalen Standpunkt, wenn dabei nicht einfach ein gewöhnliches Kunstwerk herauskommen soll. Die deutschen Publikationen zu 1989, die ich mir dutzendweise angeschaut habe, folgen meist einem historischen Leitfaden, in den sie die damit zusammenhängenden Ereignisse einbetten. In keinem der Bücher werden deren Bezüge zum Weltgeschehen auf eine kontrastive Art und Weise betrachtet. Wenn man beim Gedenken an den Mauerfall lediglich sieht, dass sich im Herzen Europas eine friedliche Revolution ohne Blutvergießen ereignet hat, dann ist das eine „freudige“ Sache. China wird jedoch in den meisten Büchern selten erwähnt. In meinem Buch findet sich zu Anfang jedes Monats ein Rückblick auf die historischen und künstlerischen Ereignisse in Deutschland und China, und es gibt auch ein paar kurze Anekdoten, die den Zusammenhang und die Wechselwirkung zwischen den Vorkommnissen zeigen. Beispielsweise wann Gorbatschow China besuchte und die Situation vor Ort sah, und wie er sich später angesichts der Lage in Osteuropa gegen einen sowjetischen Militäreinsatz aussprach.

Auch andere Arbeiten von Ihnen bringen ein Verständnis von Zeit und Geschichte zum Ausdruck. Können Sie uns einige Ihrer Konzepte und Ideen erläutern?

Um herauszufinden, auf welche Weise sich historische Fragen interpretieren lassen, habe ich in den letzten Jahren mit Gegenüberstellungen experimentiert. Dazu habe ich die chinesische Geschichte auf heutige Verhältnisse gespiegelt. Indem man so die aktuellen Probleme betrachtet und zugleich die Geschichte liest, werden sowohl historische versteckte Andeutungen erkennbar als auch die Irrtümer an der Oberfläche der „Geschichte“. 

In der Zeit, in der wir leben, bedient man sich der Geschichtsauslegung, um die Geschichte auszulöschen. Spuren werden ausradiert, Kulturgütern wird ein Warenpreis angeheftet, und die Städte um uns herum werden nivelliert, so dass alles zu Pseudo-Geschichte wird. In einer anderen Werkreihe habe ich versucht, den chinesischen Kalenderzyklus der „zehn Himmelsstämme und zwölf Erdzweige“, der wiederum nach den chinesischen Tierkreiszeichen rhythmisiert ist, neu zu arrangieren. Dazu habe ich die Ziegel von abgerissenen Pekinger Siheyuan-Wohnhöfen gesammelt und in jeden Ziegel die Jahresbezeichnung entsprechend der „zehn Himmelsstämme und zwölf Erdzweige“ eingeritzt, so dass sechzig Ziegel einen vollständigen Zeitzyklus ergeben. So entstand Zyklus um Zyklus. Doch sobald man einen Zyklus aus der Ordnung herausnimmt, bemerkt man, dass er keine Erinnerungen trägt, diese Geschichte findet in der Wiederholung statt, der Mensch hat in ihr keinen Platz, er existiert nicht in ihr.

Wie beurteilen Sie den durch Kunstwerke verkörperten Zeitbegriff?

Traditionelle chinesische Kunstwerke finden ihre Themen – abgesehen von den seltenen Darstellungen städtischen Treibens – nicht im Alltäglichen, und sie setzen sich nicht direkt mit der Gesellschaft auseinander. Darin drückt sich ein ganzheitliches Zeitverständnis aus: Wichtiger als das, was sich Tag für Tag ereignet, ist der Kreislauf der Jahreszeiten. Dieses „außerhalb der Welt stehen“ in der Kunst hat ein Zeitverständnis erzeugt, welches keine intellektuellen Fortschritt oder Innovation aufweist. Auch noch nach der Kulturrevolution entschieden sich die meisten chinesischen Künstler weiterhin dafür, die Dinge nicht direkt beim Namen zu nennen. Jedoch wurde all dies niemals als ein sich aus der Verantwortung stehlen, eine Kollektivschuld oder ein Manko angeprangert. Die Zeit setzt zu einer ewigen Wiederholung an und hat die Geschichte zu etwas Undefiniertem werden lassen.

Die Versuche chinesischer Künstler nach 1979 haben uns daher sehr bewegt. Bedenkt man aber den Überfluss der darstellbaren Themen, dann scheint es, dass die Künstler durch die heutige Informationsflut an die Grenzen ihres Ausdrucks gekommen sind. Was kommt als nächstes?

Die Erneuerung der Volkskunst auf jeden Fall nicht, die wird nämlich von Generation zu Generation schlechter. Der materielle Wohlstand der letzten Jahre macht es immer schwieriger, die ureigenen Besonderheiten chinesischer Kunst zu erfassen. Dabei ist durch diesen Wohlstand unsere Freiheit keineswegs größer geworden. Die Ära der Aufklärung im Westen entsprach einem Umbruch der Gedanken und des Systems, einer wahrhaften Ballung von Kultur und Zivilisation, das formte die Hauptlinie, während Wirtschaft und Technik als Nebenlinien fungierten. China hat in diesem Sinne keine Zeit der Aufklärung erlebt, und so laufen Haupt- und Nebenlinie hier genau anders herum.

Wenn man die Fragen der chinesischen Gesellschaft nicht aufgreift, sondern die künstlerischen Traditionen Chinas zwanghaft modernisiert, anders gesagt, wenn man – ganz nach dem althergebrachten Motto „westliches Wissen für die Praxis“ – die Einflüsse zeitgenössischer westlicher Kunst einfach nur übernimmt, um als Resultat eine Art chinesische Gegenwartskunst zu erzeugen, dann ist das sehr unkreativ. Wir müssen die Fragen der jetzigen chinesischen Gesellschaft deuten, denn in diesem Interpretationsprozess verbirgt sich womöglich der Erfindergeist eines Lösungsweges, das ist wie ein Dominoeffekt, und dieser Prozess muss zwangsläufig eine Neubetrachtung der Geschichte beinhalten.

Am Montag den 19. April 2010 um 20 Uhr wird Huang Rui das Buch 1989: 365 Art Days in China and Germany im Rahmen des Caochangdi PhotoSprings im Three Shadows Photo Art Centre vorstellen.

Top