Omer Fast Von der Videoinstallation zum Thriller

„Remainder“ von Omer Fast
„Remainder“ von Omer Fast | © Berlinale

Der in Berlin lebende israelische Videokünstler Omer Fast präsentiert auf der Berlinale gleich zwei spannende Spielfilme.

Ein richtiger Geheimtipp ist Omer Fast nicht. Nach dem Studium in New York 2001 nach Berlin umgesiedelt, zählt der gebürtige Israeli seit Jahren zu den weltweit gefragtesten Videokünstlern. Omer Fast interessieren die verschwimmenden Grenzen von Erinnerung und Fiktion, Realität und Inszenierung. Seine Videoinstallationen reflektieren die Sinngebungsprozesse des kollektiven Bildgedächtnisses; das sich quasi selbst reproduzierende Reenactment von TV-Nachrichten und -interviews ist seine zentrale Methode. Statisten am Set von Schindlers Liste, Drohnenkämpfer am Testsimulator oder Pornomodels gehörten bereits zu seinen Protagonisten. Auf der Berlinale ist er mit zwei Filmen im Programm.

Dekonstruktion des deutschen Fernsehfilms

Continuity wurde bereits als 40-minütiger Kurzfilm 2012 auf der Documenta 13 in Kassel gezeigt. Im Forum Expanded sah man nun einen Spielfilm – oder handelt es sich doch um eine Zusammenstellung von Kurzfilmen? Ein deutsches Ehepaar empfängt überglücklich den aus dem Afghanistankrieg heimkehrenden Sohn. Als sich der Vorgang mit einem zweiten Sohn wiederholt, wird klar, dass es sich um Callboys handelt. Was das Paar damit bezweckt, wird durch zwischengeschobene Rückblenden eher noch undeutlicher. In der keineswegs kontinuierlichen, aber dennoch ungemein spannenden Montage dekonstruiert Fast – nach eigenen Worten – die Mechanismen des deutschen Fernsehfilms und kontrastiert diese mit den diffusen deutschen Vorstellungen des Engagements in Afghanistan. Einige Bilder, wie das einer plötzlich unter dem heimischen Weihnachtsbaum versammelten afghanischen Familie, gehen klar in Richtung Kunstinstallation.

Rekonstruktion der Erinnerung

Als Fasts erster regulärer Spielfilm gilt hingegen Remainder, der in der Sektion Panorama läuft. Auch hier ist Reenactment das Stichwort: Ein Unfall aus heiterem Himmel hinterlässt den jungen Londoner Tom ohne Gedächtnis und mit einer Schadensersatzsumme von 8,5 Millionen Pfund. Er nutzt das Geld, um aus Erinnerungsfetzen sein altes Leben zu rekonstruieren. Kunstelemente und die für Fast typischen Erinnerungsschleifen durchziehen auch diesen Film, hinter dem sich übrigens ein ziemlich cleverer Gentrifizierungskommentar verbirgt. Doch der Thriller nach einem Buch des Briten Tom McCarthy verdeutlicht darüber hinaus, wie sehr sich Fasts künstlerische Mittel und das Mainstreamkino inzwischen einander angenähert haben. Mit anderen Worten: Wenn er nicht aufpasst, wird er der neue Christopher Nolan. Auch der heutige Blockbuster-Regisseur hat mit dem Thriller Following von 1999 einmal sehr experimentell angefangen.