Fokus: Öffentlicher Raum Öffentliches Leben in der Kleinstadt

Teehaus in einer Kleinstadt in der Anhui Provinz
Teehaus in einer Kleinstadt in der Anhui Provinz | © Zhang Liang, Courtesy of Microfotos

Angesichts der Veränderungen in seinem Heimatort Miao (庙), der auf der Shanghaier Insel Chongming (崇明) liegt, sinniert der Autor Wei Zhou (维舟) über das öffentliche Leben in der chinesischen Provinz.

Über lange Zeit, so meine Erinnerung, hat man in meiner Heimat den Lebensrhythmus bäuerlicher Zeiten beibehalten: Der Gemüsemarkt begann täglich in den frühen Morgenstunden um fünf Uhr. Und um sich in diesen Zeitplan des ländlichen Lebens einzufügen, öffnete auch der Supermarkt des Landstädtchens zwischen sechs Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags seine Tore. Der Markt bildete genau genommen das Zentrum des öffentlichen Lebens. Man traf Bekannte und stand inmitten der lärmenden Menschenmenge oft bei einem langen Gespräch zusammen. Erst wenn sich die Händler kurz vor Mittag zerstreuten, machten sich die Leute ebenfalls auf den Heimweg. Die Abende in der Provinz waren still und einsam. Nach Sonnenuntergang begegnete man auf den Straßen des Städtchens kaum noch einer Menschenseele.

Ein neues Lebensgefühl

Wenn ich in den letzten Jahren nach Hause fahre, fällt mir immer mehr auf, wie sich die scheinbar unverrückbaren dörflichen Lebensstrukturen nun allmählich verändern: Bereitwillig nimmt die Bevölkerung neu entstandenen öffentlichen Raum an, um sich im Alltag miteinander zu treffen. Ein Wandel, der zwei Jahre zuvor mit der Fertigstellung eines Kulturzentrums und dem davorliegenden Platz einsetzte.

Das Eventzentrum erleichtert die zwischenmenschlichen Kontakte. Wenn einem danach ist, findet man sich hier ein, um Schach zu spielen, einen Film anzusehen, etwas für die körperliche Fitness zu tun oder Badminton zu spielen. Und auch bei inlineskatenden Kids ist der ausladende Platz beliebt. Sobald die Dämmerung einsetzt, wird es hier lebendig. Man flaniert über den Platz, übt Gruppentänze im Freien und manch einer kommt eigens, um den Tanzenden zuzusehen. An den Tagen, an denen es spezielle kulturelle Darbietungen gibt, drängeln sich auf dem Platz die Menschen. Viele von ihnen haben sich dann einen Schemel oder einen Klappstuhl von zuhause mitgebracht. Auf dem Programm stehen meist Gastspiele aus anderen Ortschaften, bei denen überwiegend Tanz, populäre Lieder oder humoristische Einlagen dargeboten werden. Doch ganz egal, was gezeigt wird, die Menge schaute stets gebannt zu. Natürlich kommen die der Lebenswelt der Menschen nahe stehende Shanghai-Oper oder im Dialekt der Insel dargebotene Sketche besonders gut an. Einmal soll eine Operntruppe aus dem Shanghaier Stadtbezirk Baoshan (宝山) eine Aufführung gegeben haben. Ein riesen Erfolg, zu dem aus der ganzen Umgebung die Schaulustigen zusammenströmten.

Der allgemeine Trubel zog mit der Zeit immer mehr Menschen an. So ist ein „Besuch auf dem Platz“ mittlerweile zur festen Lebensgewohnheit geworden und hat gar ein völlig neues, modernes Lebensgefühl etabliert. Wenn auf dem Platz besonders viel geboten ist, gehen die Menschen immer erst spät gegen neun Uhr abends auseinander. Grund genug für viele ansässige Läden, ihre Geschäftszeiten zu verlängern. In einigen kleinen Restaurants des Städtchens sitzt man so noch bis nach zehn Uhr abends ins Gespräch vertieft beieinander. Es gewöhnen sich einfach immer mehr Menschen an, ihre sozialen Kontakte außerhalb der eigenen vier Wände zu pflegen. „Für wen sollten die Restaurants auch sonst kochen?“, wie meine Mutter einmal bemerkte.  

Belebung und Niedergang des öffentlichen Lebens

In den achtziger Jahren war der Mittelpunkt im öffentlichen Leben der dörflichen Bevölkerung der „Platz des Erdgottes“(社场) gewesen. Allerdings hatte der Ort zu dieser Zeit nur der Zusammenkunft während der Getreideernte gedient, um dort das Korn zu dreschen. Unser Städtchen hatte auch einmal ein Teehaus besessen und eine Zeitlang wurden ein Kino und eine Videothek betrieben. Mit dem verbesserten Lebensstandard und nachdem der Bildschirm Einzug in die Haushalte genommen hatte, hatten die Läden jedoch längst ihren Betrieb eingestellt. Abgesehen von dem obligatorischen Marktbesuch, hatte in den zurückliegenden fünfzehn Jahren das einzig lebendige Ritual gesellschaftlichen Lebens im Mahjongg-Spiel bestanden.

Der Architekturtheoretiker Peng Yigang (彭一刚) bemerkte 1992 in seinem Buch Analyse der traditionellen dörflichen und städtischen Siedlungslandschaft (传统村镇聚落景观分析): In den traditionellen chinesischen Dörfern und Gemeinden „legen die Menschen keinen großen Wert auf die Aktivitäten des öffentlichen Austauschs. Das drückt sich schon in der Gestalt der Siedlungen aus. So gibt es in sehr vielen Dörfern und Gemeinden gar keinen Platz, an dem sich öffentliches Leben abspielen könnte.“ Und weiter, „ganz anders als in Europa lag den in sich gekehrten Chinesen vor allem ihre eigene Heimstadt am Herzen.“ Tatsächlich fanden viele dörfliche und städtische Aktivitäten, auch wenn sie den Charakter öffentlicher Kommunikation trugen, in privater Sphäre statt. Die Häuser der Bewohner fungierten vorübergehend als Restaurant, Gesprächsforum oder Veranstaltungsraum, ja sogar als Kino. Beispielsweise besaßen in den Dörfern zunächst nur wenige Familien ein eigenes TV-Gerät, weshalb man zum Fernsehen einfach in den Nachbarhof ging. Die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum waren zu dieser Zeit nicht klar gezogen. Es waren diffuse Sphären, die sich bisweilen überschneiden konnten.

Mit der Einführung des sogenannten „vertragsgebundenen Verantwortungssystems auf Basis der Einzelhaushalte“ (家庭联产承包责任制), welches das kollektive Landnutzungssystem Anfang der achtziger Jahre durch Einführung eines Pachtsystems reformierte (Anm. d. Übers.), war das ohnehin schon spärliche öffentliche Leben im Ort ganz zum Erliegen gekommen. Der „Platz des Erdgottes“, einst Symbol kollektiver Arbeit und Verwahrungsort von gemeinsamem Besitz wie Mähmaschinen, war in den neunziger Jahren bereits verfallen und wurde schließlich dem Erdboden gleichgemacht. Ganz so, wie der Sozialwissenschaftler Cao Jinqing (曹锦清) bemerkte, befand sich die chinesische Provinz um die Jahrtausendwende in einem Zustand „ohne öffentliche Obliegenheiten“. Nicht, dass es den Menschen am Bedürfnis nach sozialem Austausch mangelte, vielmehr gab es nichts, was zur Belebung eines lebendigen öffentlichen Lebens hätte beitragen können. Vor allem aber fehlte ein Ort, um dem täglichen Kontakt einen Rahmen zu geben.

Zukunftsvisionen

Vor diesem Hintergrund kann man bei der Entstehung des neuen Kulturzentrums und des davorliegenden Platzes von einer Neuerung mit besonderer Bedeutsamkeit sprechen. Man hat der Kleinstadt und dem umliegenden Dörfern einen „Anknüpfungspunkt“ und dem gesellschaftlichen Miteinander eine Struktur geben. In Anlehnung an die berühmte These des deutschen Soziologen Georg Simmel muss sich solch ein Ort innerhalb der menschlichen Interaktion zu einem überaus wichtigen Knotenpunkt mit sozialer Bedeutung entwickeln. Es trifft ohne Übertreibung zu, dass die räumliche Gestaltung eines Platzes bis zu einem gewissen Grad über die Lebens- und Kontaktschemata der Menschen sowie über die Organisationsformen innerhalb der Wohnviertel entscheidet. Dabei liegt es auf der Hand, dass ohne einen öffentlichen Platz Formationstänze im Freien sowie andere kulturelle Aktivitäten und sozialen Kontakte gar nicht möglich wären.

Der „öffentliche Raum“ wurde nach früherem Verständnis als in die Strukturen urbanen Lebens eingebettet betrachtet. Beispiele dafür waren Kaffees, Theater, Foren und Veranstaltungsräume. In der ländlichen Gesellschaft war so etwas allerdings eine Seltenheit. Es scheint, dass die Bewohner der Provinz ein zurückgezogenes Leben im Dunstkreis ihrer Bekannten verbrachten und selten Gelegenheit hatten, am öffentlichen Leben teil zu nehmen. Zumindest aber tun sich nun, angesichts der gegenwärtigen chinesischen Urbanisierungswelle, mit der Entstehung neuer öffentlicher Räumen ganz andere Möglichkeiten auf. Immer öfter zieht es die Menschen nach draußen, um in öffentlichen Räumen neue Lebensformen zu erfahren.

In meiner Heimat jedoch, der auf der Shanghaier Insel Chongming gelegenen Gemeinde Miao, lässt sich derzeit fast wie in einem Brennglas beobachten, wie sich der Lebensrhythmus der Provinz allmählich vom Ländlichen entkoppelt und sich dem Urbanen annähert. Das bedeutet auch, dass die chinesische Gesellschaft an der Basis mobilisiert wird und begeistert am öffentlichen Leben teilnimmt. Öffentliches Leben ist nicht mehr die Ausnahmeerfahrung an Fest- und Feiertagen, sondern wird zu einem bestimmenden Lebensgefühl.