Kulturkonkurrenz Wo schlägt das Herz der chinesischen Kunstwelt?

798 Kunstviertel in Peking
798 Kunstviertel in Peking | ©Microfotos

Die Rivalität zwischen Peking und Shanghai ist in der chinesischen Kulturwelt immer ein beliebtes Gesprächsthema. Allein daran sieht man, wie die zwei chinesischen Megalopolen zueinander stehen: Beide Städte haben noch viel Momentum, um das Kräftemessen fortzusetzen.

Analog zum Grad der urbanen Entwicklung konzentrieren sich die vitalsten Szenen und Ressourcen zeitgenössischer chinesischer Kunst in den sogenannten „first-tier-cities“ von denen Peking und Shanghai natürlich die prominentesten Vertreterinnen sind. In der Neueren chinesischen Geschichte durfte sich Peking stets als die Kunsthochburg rühmen. Intellektuelle, Literaten und Hochschulen trugen zur Verdichtung des künstlerischen Nimbus und der akademischen Aura der Stadt bei. Doch Anfang der neunziger Jahre wuchsen mit der Erschließung des ökonomischen Experimentierfelds von Pudong (浦东) und mit dem urbanen Wirtschaftswachstum auch in Shanghai die kulturellen Bedürfnisse. Vor allem nach der Shanghaier Expo 2010 orientierte sich die Stadt flächendeckend am „Tempo von Pudong“ (浦东速度). Es entstand das ehrgeizige Projekt, Peking als chinesisches Kunstzentrum zu überholen. Und das war nicht nur heiße Luft, sondern ein Trend mit tatsächlichen Auswirkungen: Angefangen bei der Regierung, die mit dem West Bund Culture Corridor (西岸文化走廊) eine Kunst- und Kulturzone einrichtete, bis hin zu dem Phänomen, dass in den letzten zwei Jahren immer mehr Kreative ihre Zelte in Peking abgebrochen haben, um sich im südlichen Shanghai niederzulassen.

Schwarzweissmalerei

Ganz gleich, ob bei den Debatten innerhalb der Kunst- und Kulturszene darüber, welche Stadt als Kunsthauptstadt gelten dürfe, oder bei der allgemeineren Diskussion, ob das „magische“ Shanghai (魔都) oder das „kaiserliche“ Peking (帝都) die Nase vorn habe – man wird den Eindruck der Schwarz-Weiß-Malerei nicht los. Es wird nicht objektiv und mit Augenmaß geurteilt. Stattdessen wird Peking in der holzschnittartigen Betrachtungsweise der zwei Städte stets als die ideale Brutstätte von Kunst- und Kulturkarrieren beschrieben. Für einen Künstler, der weiter kommen wolle, sei es das einzig Wahre, nach Peking zu gehen. Diese Sichtweise wird gerne noch romantisiert. So stellt man die harten Lebensumstände der „beipiao“ (北漂), der jungen Künstler, die es in die Hauptstadt treibt (Anm. d. Übers.), in bohemienhaften Szenen dar, die sich zu einer bewegenden Story fügen, wenn der Betroffene erst einmal zu Ruhm gekommen ist. Und so liest man in den Künstlerinterviews in Zeitschriften und im Fernsehen ständig von derartigen Erfolgsgeschichten. Darüber hinaus halten die Anhänger solcher Stereotypen in ihren Geschichten über Peking immer wieder den Wert der Freundschaft hoch, während man die hinter den künstlerischen Erfolgen stehenden gigantischen Bedürfnisse des Kunstmarkts und den Aufbau von kultureller Infrastruktur in Form von Museen, Galerien und Stiftungen oft ignoriert.

Nimmt man aber das Verhältnis der Künstler zur Stadt Peking genauer unter die Lupe, werden schnell Bruchstellen sichtbar. Zwischen den von Peking im Jahr 1990 ausgerichteten Asienspielen und den Olympischen Spielen von 2008 ist die Stadt zwar immer schneller expandiert, aber die entscheidenden Ressourcen ballen sich allein im Stadtzentrum sowie den überschaubaren Gebieten östlich und nördlich des Zentrums. Die ungünstige Verkehrsanbindung und die horrenden Immobilienpreise haben die Künstler derweil in die urbanen Randgebiete verdrängt. Möglicherweise können die Künstler in ihrer Autarkie am Schnittpunkt zwischen Stadt und Land überhaupt nicht in Kontakt zum örtlichen Stadtleben kommen. Die Beziehung zwischen Künstlerleben und dem Leben in der Metropole erscheint also höchst fragwürdig. Noch interessanter ist, dass viele der erfolgreichen Künstler ihre wichtigen Ausstellungen und ihren Ruf keineswegs Peking zu verdanken haben. Denn eigentlich haben stellen sie in Europa und Amerika aus und werden auch dort entdeckt. Diese Tatsache bringt ein chinesisches Bonmot auf den Punkt: „Vortäuschen, man lebe in Peking“ (“假装在北京”). Oder, wie ein chinesisches Sprichwort sagt, „zwar lebt man im Lager von General Cao, doch das Herz schlägt für die feindlichen Han“. Lässt sich Peking unter diesen Gesichtspunkten also tatsächlich als die Wiege und das Zentrum der Kunst betrachten?

So wie man immer nur eine Seite der Medaille sieht, haben die Leute, wenn sie von Shanghai sprechen, vor allem eine lange Handelstradition vor Augen. Von der Öffnung der Handelshäfen im Zuge des ersten Opiumkriegs 1843 bis zur Errichtung der neuen Freihandelszone in Pudong im Jahr 2013 war man der festen Meinung, ein blühender Handel habe keinerlei positive Effekte für Kunst und Kultur. Doch dieses Vorurteil führt in die Irre. Wirft man einen Blick in die Geschichte, so waren in den 1930er Jahren die Shanghaier Literaturschule (海派) und die Ölmalerei stark von der internationalen Moderne geprägt. Ich würde sogar behaupten, dass es sich bei ihr um ein zeitsynchrones globales Kulturphänomen handelte. Wenn wir die heutige Zeit betrachten, akkumulieren und formen sich die Shanghaier Museen, Galerien, Kunstmessen und Künstler auf eine organische Art zu einem Ökosystem. In meinen Augen war Shanghai niemals nur eine simple Handelsmetropole. Vielmehr müssen wir begreifen, dass Morphologie und Ökologie der Kunst mit dem Biotop des urbanen Umfelds aufs Engste verknüpft sind.

Das Zentrum der Kunst verlagert sich

Lässt man die Stereotypen einmal beiseite und betrachtet die Fortschritte und Strukturen der Urbanisierung eingehender, erklärt sich der Trend, der Künstler und Kunstobjekte in den letzten zwei Jahren nach Shanghai abwandern ließ. Beim Aufbau kultureller Infrastruktur hat Shanghai seine Chancen genutzt, zum Beispiel bei den öffentlichen Museen. So hat man das ehemalige Shanghai Art Museum (上海美术馆) strukturell verändert und es in das der Moderne gewidmete China Art Museum (中华艺术宫) und die auf zeitgenössische Kunst spezialisierte Power Station of Art (上海当代艺术馆博物馆) unterteilt. Zusammen mit dem Shanghai Museum (上海博物馆) als dem Hauptquartier alter Kunst und Kultur bilden die beiden Häuser die gewohnte Chronologie der Kunstgeschichte ab. Peking hingegen erscheint in dieser Hinsicht weniger klar aufgestellt. Das National Museum of China (国家博物馆) und das National Art Museum of China (中国美术馆) erscheinen mit ihrem Auftrag, die „Klassiker“ auszustellen, etwas behäbig. Ein anderes Beispiel wären die zwei Kunstbiennalen: Die Shanghai Biennale (上海双年展), die 2016 ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiert, genießt international inzwischen großes Ansehen  und hat im asiatisch-pazifischen Raum die führende Position übernommen. Die 2003 ins Leben gerufene Beijing Biennale (北京双年展) hingegen hat ihren Platz in der zeitgenössischen Kunstszene hingegen immer noch nicht gefunden und konnte sich bis heute nicht zu einer charakteristische Marke entwickeln.

Die geschilderten Grundvoraussetzungen haben in ihrer Summe die Verlagerung des Kunstzentrums nach Shanghai zur Folge. Zudem hat sich der Bauboom privater Museen im vergangenen Jahrzehnt vor allem in Shanghai niedergeschlagen, was das Tempo der Verlagerung noch einmal beschleunigt hat. Ein Blick auf die Landkarte der chinesischen Kunstlandschaft zeigt, dass in Shanghai bereits ein gutes Dutzend an Privatmuseen versammelt ist; weitere Neubauten sind in Planung. Damit ist die Zahl privater Kunststätten mindestens dreimal so hoch wie in Peking. Die finanziellen Entscheidungen reflektieren das Vertrauen, das man unter anderem Shanghais Kulturpolitik, Kunstmarkt und Stadtkultur entgegenbringt. Es ist die Realität, welche die starren Vorurteile über Peking und Shanghai endgültig ausräumt.

Kunstflair

Machen der tatkräftige Ausbau kultureller Infrastruktur, die permanente Vielfalt an Ausstellungen sowie florierende Kunstmessen und Auktionen nicht das künstlerische Flair einer Stadt aus? Wie also ist es um das sich uns heute darbietende künstlerische Ambiente und die Kreativität der Künstler bestellt?

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es bei den in den 1980er und 1990er Jahren aktiven chinesischen Künstlern angesagt war, an Ausstellungen im Ausland teilzunehmen, denn in China gab es damals keine erstklassigen Museen und Biennalen, um der Darbietung zeitgenössischer Kunst Raum und Rahmen zu geben. Im Ausland trafen diese Künstler auf einen politisch und ökonomisch bereits perfekt arrangierten internationalen Kunstbetrieb. Die Zeiten haben sich geändert. Im letzten Jahrzehnt hat der „Große Sprung nach vorn“ beim Bau von Privatmuseen in China zu einem Kunstboom geführt und der jungen Künstlergeneration neue Chancen eröffnet. Die entscheidende Frage ist langfristig gesehen, wie diese Museen die Entwicklung der Kunst nachhaltig fördern können und ob sie hochwertige Ausstellungen präsentieren können. Die zeitgenössische chinesische Kunst muss aber auch wachsam bleiben und sich fragen, was die privaten Sammlungen tatsächlich bedeuten und ob deren Geschmack nicht die Uniformität künstlerischen Schaffens zur Folge hat. Denn in diesem Fall würde sich die Frage stellen, ob der Titel eines sogenannten „Kunstzentrums“ für die Kunstwelt überhaupt noch erstrebenswert ist.

Chen Zhen, Social Investigation—Shanghai No.2, Detail ("Without going to New York and Paris, life could be internationalized”, commercial real estate advertisement in the Subway), 1998, Private Collection, Paris Chen Zhen, Social Investigation—Shanghai No.2, Detail ("Without going to New York and Paris, life could be internationalized”, commercial real estate advertisement in the Subway), 1998, Private Collection, Paris | © Chen Zhen, ADAGP, Paris - SACK, Seoul, 2015, Courtesy of Rockbund Art Museum

Heute hängt die Kunstatmosphäre in China in hohem Maße von der Urbanisierung und den Bewegungen des Kapitals ab. Zu den zuvor aufgeworfenen Fragen möchte ich am Beispiel der im Shanghaier Rockbund Art Museum (上海外滩美术馆) 2015 abgehaltenen Retrospektive des Künstlers Chen Zhen (陈箴) einen Denkansatz anbieten. Den Titel der Ausstellung Without going to New York and Paris, life could be internationalized (不用去纽约巴黎,生活同样国际化) muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Der Satz stammt aus einer Immobilienwerbung aus dem China der neunziger Jahre. Chen Zhen, der aus Shanghai stammte, seit 1986 in Frankreich lebte und 2000 in Paris verstarb, hatte den Spruch auf einem Foto festgehalten. Wenn wir diesen Satz und die mit ihm konnotierte Vergangenheit und Gegenwart heute noch einmal auf uns wirken lassen, wird seine tiefere Bedeutung sichtbar.