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Fokus: Mauern
Chinesische Mauern – ein Paradoxon

Als Begründung für den Bau von Mauern werden meist Sicherheit, Ordnung und Stabilität angegeben. Doch können Mauern diese Versprechen einlösen?

Von Wang Xiaoyu (王晓渔)

Wo es Menschen gibt, gibt es auch Mauern, und es gibt auch Brücken. Doch in China spielt die Mauer eine weitaus wichtigere Rolle als die Brücke. Wenn wir die chinesischen Sprichwörter betrachten, finden wir einige Dutzend, die mit der Mauer zu tun haben; eines der gebräuchlichsten ist „kupferne Mauern und eherne Wände“ (铜墙铁壁) zur Beschreibung einer unüberwindlichen Festung. Zum Begriff „Brücke“ hingegen gibt es nicht mehr als eine Handvoll Sprichwörter, und das gebräuchlichste davon ist „nach dem Überqueren des Flusses die Brücke abreißen“ (过河拆桥). Die Mauer ist mehr als ein architektonisches Element, sie ist eine Art kulturelles Symbol und steht für Sicherheit, Ordnung und Stabilität. Die Menschen setzen alles ein, in die Festung, den Schutz der Mauern, zu gelangen. Dahingegen wird selten überlegt, was man tun soll, wenn man an einen Fluss kommt. Ein Fluss wird meist als eine Art natürliches Hindernis aufgefasst, sozusagen eine andere Art von Mauer, die ebenfalls der Abwehr dient und nicht primär dem Übertritt. Doch wenn es nun gilt, den Fluss zu überqueren, würde man eher ein Fährboot besorgen oder eine Brücke bauen? Beides nicht: Man „geht über den Fluss, indem man sich von Stein zu Stein tastet“ (摸着石头过河).

Mythen zur Festungsmauer

Die große chinesische Mauer ist die berühmteste aller Festungsmauern; sogar die Berliner Mauer wurde damals „Chinesische Mauer Nr. 2“ genannt, und heute wird auch die chinesische Internetzensur im Englischen als „Great Firewall of China“ (GFW) bezeichnet. Die Große Mauer ist ein Symbol der chinesischen Kultur, um das sich nicht wenige „Mauermythen“ ranken, etwa, dass die Große Mauer das einzige menschliche Bauwerk sei, das vom Weltall aus mit bloßem Auge erkennbar sei. Das ist ein seit langem verbreiteter Mythos. Doch wenn wir einen Bindfaden aus hundert Metern Abstand nicht mehr sehen können, auch wenn er die ganze Erde umspannen sollte, verhält es sich mit der Großen Mauer auch nicht anders. Dass sie aus dem fernen All nicht erkennbar sein kann, ließe sich eigentlich ohne großes Wissen beurteilen. Doch erst seit neulich der Astronaut Yang Liwei (杨利伟) bestätigte, dass er die Große Mauer vom Weltall aus nicht habe sehen können, wird dieser Mythos abgebaut. Mythen sind faszinierend, doch sie gehen oft am gesunden Menschenverstand vorbei.

Der amerikanische Historiker Lewis Mumford ist der Meinung, dass „Festungsmauern höchstwahrscheinlich auf religiöse Motive zurückgehen, zur Kennzeichnung eines heiligen Bereiches (temenos) oder zur Abwehr unheilvoller Einflüsse, nicht jedoch zur Abwehr von Feinden.“ (Mumford, The City in History, 1961). In China aber dienten Festungsmauern vorwiegend der Abtrennung, der Teilung in Innen und Außen, in Freund und Feind, in Sicherheit und Gefahr. Innerhalb der Mauern sind die Freunde, welche Sicherheit gewähren; außerhalb der Mauern lauern Feinde und Gefahren.

Innerhalb und außerhalb der Mauer

Die „Mauer“ wurde zum alleinigen Bewertungsmaßstab, hinter dem Wertvorstellungen an Bedeutung verloren. Im Buch der Lieder, Abschnitt Kleinere Oden (诗经•小雅) steht geschrieben „Brüder streiten hinter Mauern; draußen wehren sie dem Feind.“ Auch wenn innerhalb der Ummauerung Konflikte zwischen Brüdern entstanden sind, wird ein Angriff von außen gemeinsam abgewehrt. Diese Art von brüderlichem Zusammenhalt hat etwas Rührendes, doch was wäre, wenn innerhalb der Mauern ein Zwist entsteht, der noch größer ist als der Angriff von außen? Scheinbar existiert diese Frage gar nicht, denn der Kampf gegen äußere Aggressoren dominiert immer über den Streit innerhalb der Mauern. Das geht so weit, dass es gar nicht mehr darauf ankommt, was verstandesmäßig rechtens ist; wichtig ist nur noch, ob sich der Streit gegen innen oder gegen außen richtet. Diese Art von „Bruderliebe“ wird oft auch auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind übertragen: Wenn eine Mutter ihren Sohn schlägt, darf dieser sich nicht beklagen, denn die Mutter meint es ja nur gut mit ihm.

Dieser völlig unterschiedliche Bewertungsmaßstab für innerhalb und außerhalb war es auch, der Lu Xun (鲁迅) dazu veranlasste, kurz vor seinem Tod daran zu erinnern, dass dieselben Menschen, die es unerträglich fänden, von einer Fremdherrschaft versklavt zu werden, mit Freuden dem eigenen Volk als Sklaven dienten: „Das Leid zu verkünden, dass uns droht, wenn wir zu Sklaven eines fremden Volkes werden, ist natürlich nicht verkehrt. Doch gilt es dabei sehr achtsam zu sein, damit wir daraus nicht den Schluss ziehen: ‚Da dienen wir doch lieber den Unseren als Sklaven.‘“ (Lu Xun, Essays aus der halbkolonialen Konzession 且介亭杂文, Anhang zur Mittsommer-Sammlung, 附集•半夏小集, 1936). Indem die Welt innerhalb der Mauern als Zentrum betrachtet wird, entsteht der Kult des Himmelskaisers. Die kaiserliche Hegemonie betrachtet sich selbst als Nabel der Welt, diejenigen außerhalb als Barbaren. Damit wird alles, was man selbst gegen andere unternimmt, als rechtens angesehen, während alles, was von außen kommt, voller Gefahren zu sein scheint. Die Festungsmauer verleiht dem alltäglichen Leben eine militärische Haltung, die nicht nur draußen überall Feinde wittert, sondern auch glaubt, dass „das Unheil in den eigenen Wänden schwelt“. Unsichtbare Mauern im Innern führen dazu, dass jeder jeden als Feind betrachtet. So wurden Städte zu kriegerischen Festungen, statt zu selbstverwalteten Stadtstaaten, und die Rechte der Bürger wurden kontinuierlich an die immer größer werdende Macht des Königs abgetreten. Während der letzten Kaiserdynastien Ming (1368-1644) und Qing (1644-1911) wurden im Gleichschritt mit der immer stärkeren Zentralgewalt auch immer mehr Stadtwälle gebaut; auch der heute noch erhaltene Teil der Großen Mauer stammt größtenteils aus der Ming-Dynastie. Die Kultur der Himmelskaiserlichen Herrschaft förderte ein fremdenfeindliches Denken. Im Norden war die Große Mauer als sichtbares Objekt der Festung, im Osten und Süden galt dem Meer entlang das Seeverbot (海禁), mit dem eine unsichtbare Art von Festung errichtet wurde. Das Seeverbot führte faktisch dazu, dass China sich vom Zeitalter der Seefahrt absetzte und die Kaiser sich mitsamt ihren Gefolgsleuten mit einem Zustand der Abschottung zufriedengaben. Während der chinesisch-britischen Kriege gegen Ende der Qing-Dynastie errichteten die Briten als Strafmaßnahme gegen die Kaiserherrschaft eine Küstenblockade, derweil der chinesische Kaiser, der noch nichts davon mitbekommen hatte, ebenfalls eine Küstenblockade errichten wollte, um die Briten zu bestrafen.

Grausamer Mauerbau

Als Grund für den Bau einer Mauer werden meist Sicherheit, Ordnung und Stabilität angegeben. Doch können Mauern dieses Versprechen einlösen? Die Legende der Tränen der Dame Meng Jiang beim Bau der Großen Mauer (孟姜女哭长城) erzählt eine andere Geschichte. Allzu oft wird der Bau einer Mauer zu einem grausamen Prozess der Zerstörung von Sicherheit, Ordnung und Stabilität. Die Legende erzählt, wie zur Zeit der Qin-Dynastie (221-207 v. Chr.) der neuvermählte Ehemann der Dame Meng Jiang zwangsweise zum Mauerbau eingezogen wurde und dabei ums Leben kam, während die Dame Meng Jiang eine weite Reise unternahm, um ihren Gatten aufzusuchen. Am Ende sollen ihre Tränen die Mauer zum Einsturz gebracht haben. Dass zartes Tränenwasser eine harte Festungsmauer zum Einsturz bringt, ist eine chinesische Version des gewaltlosen Widerstands. Umgekehrt gibt es natürlich auch zahlreiche Erzählungen von erbittertem Widerstand gegen den Fall einer Mauer. So etwa von Zhang Xun (张巡, 709-757 n. Chr.), der in einer Zeit der Kriegswirren während der Tang-Dynastie die Stadt Suiyang (睢阳) zu verteidigen hatte, als die Stadt bereits von jeglichem Nachschub an Nahrungsmitteln abgeschnitten war, so dass er sich gar von Menschenfleisch ernähren musste. Eine solche Art von Sicherheit, Ordnung und Stabilität bleibt allein das Privileg der kaiserlichen Herrschaft; für das gemeine Volk hingegen bedeutet es Einsamkeit, Chaos und Gewalt.

Als Kulturdenkmal betrachtet, haben die heute noch bestehenden Stadtmauern zweifellos ihren historischen Wert. Doch auch wenn wir diese Mauern bewahren, heißt das nicht, dass wir sie auch vom kulturellen Standpunkt aus bejahen müssen. Dass die Mauer in der chinesischen Kultur einen hohen Stellenwert hat, bedeutet nicht, dass hier die Menschen von Natur aus einen Wunsch nach Abtrennung hätten. Zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (770-476 v. Chr.) und zuvor konnte man frei umherziehen. Wer mit dem Ort seiner Herkunft nicht zufrieden war, konnte zu Fuß seine Wahl treffen. Konfuzius sprach: „Die Wahrheit hat keinen Erfolg. Ich muss wohl ein Floß besteigen und über die See fahren.“ Er ist zwar nicht nach Übersee gegangen, doch reiste er immerhin vierzehn Jahre lang von Land zu Land.

Man könnte es so formulieren: So lang wie die Geschichte der Mauern ist auch die Geschichte ihrer Überwindung

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