Fokus: Mauern Öffentlichkeit ohne Mauern

Warschau

Oft wird das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit beklagt. Aber es gibt sie - fragil, lebendig und anders als gedacht.

Wenn von europäischer Öffentlichkeit die Rede ist, wird oft eine anachronistische Vorstellung von Öffentlichkeit heraufbeschworen. Dann denkt man an Parlamente und hitzige Debatten, an Podiumsdiskussionen und Talkshows, in denen überwiegend ältere Herren Für und Wider abwägen, um richtige Argumente ringen. Und gewiss stellt man sich die Akteure der Öffentlichkeit als politisch gleichermaßen interessierte wie informierte Zeitungsleser vor.

Gemessen an diesem Ideal scheint die Wirklichkeit in Europa enttäuschend. Nur eine kleine Gruppe von Experten verfolgt die Debatten im europäischen Parlament, gemeinsame europäische Medien erreichen höchstens Minderheiten. Es fehlt ein gemeinsames Forum, um die entscheidenden Fragen zu verhandeln. Auch nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, existieren Sprachbarrieren. In der besten aller möglichen Welten würde jeder Europäer neben seiner Muttersprache auch Englisch sowie eine romanische und eine slawische Sprache beherrschen, um die Vielfalt des Kontinents zur Kenntnis nehmen zu können. Aber dies bleibt auf absehbare Zeit ein schöner Traum, eine unerreichbare Utopie. Und selbst wenn sie in Erfüllung gehen sollte, wären die kulturellen Unterschiede nicht verschwunden, die Europa so aufregend machen, aber eben auch die Verständigung erschweren.

In Bars und Billigfliegern

Aber es hat etwas intellektuell Bequemes, griesgrämig immerzu Ideal und Wirklichkeit zu vergleichen. Allzu leichtfertig werden dabei die Fortschritte der europäischen Öffentlichkeit übersehen. Es gibt sie. Wie die nationalen Öffentlichkeiten im 18. Jahrhundert entsteht europäische Öffentlichkeit in einer Vielzahl verschiedener Publika: Man denke nur an die Millionen Zuschauer und leidenschaftlich kommentierenden Fans des Eurovision Songcontest, an die Tausenden, die täglich in Billigfliegern nebeneinander sitzen, für ein Konzert oder eine Party in eine Stadt fliegen, die ihnen bis dahin völlig fremd war. Billigfluglinien und Fernbusreisen haben für das Zusammenwachsen der Europäer wenigstens so viel getan wie die Institutionen der Europäischen Union. Wer es nicht glaubt, der setze sich in den Berlin-Warschau-Express oder reihe sich in die Schlange vor dem Berliner Techno-Club Berghain ein. Junge und Alte von überall her kommen dort zivilisiert miteinander aus, knüpfen Freundschaften, erzählen sich ihre Lebensgeschichten, tauschen Erfahrungen aus und Tipps, wo das nächste große Ding zu erwarten sei. Man setze sich an einem Sommerabend in die Bars von Siofok am Balaton, und man gewinnt eine Vorstellung vom gemeinsamen Europa. Es wirkt vielfältiger, fragmentierter, auch vulgärer als in politischen Sonntagsreden. Es hat mit dem Idealbild einer bürgerlichen Öffentlichkeit wenig gemeinsam, aber es wirkt in all seiner Fragilität lebendiger.   

Auch in den nationalen Öffentlichkeiten spielen europäische Themen eine immer größere Rolle. Ob es um die Rettung des Euro, die Überwachung durch die NSA, Flüchtlingspolitik und Migration geht, es sind gemeinsame Probleme und sie werden überall diskutiert. Die Aufmerksamkeit ist nicht stabil und nur schwach institutionalisiert, aber wenn es etwa um Bürgerrechtsverletzungen geht, meldet sie sich verlässlich. Europa ohne Mauern heißt freilich nicht, dass sich nun – wie am 9. November 1989 – alle begeistert in den Armen liegen. Vom Harmonie-Ideal muss sich verabschieden, wer die europäische Wirklichkeit verstehen will. Zu jedem Problem kursieren nicht nur unterschiedliche, sondern unvereinbare Meinungen. Da allein der Streit eine lebensfähige Öffentlichkeit garantiert, ist dies kein Grund zur Sorge.

Eine europäische Generation

Seit dem europäischen Revolutionsjahr 1989 ist eine Generation herangewachsen, die sich selbstverständlich frei auf dem Kontinent bewegt. Da sind zum einen die Arbeitsmigranten, die tapfer und listenreich Entbehrungen auf sich nahmen, Chancen nutzten, wo immer sie solche witterten, die zwischen ihren Heimatländern und ihren Arbeitsorten vermitteln – und dabei beide verändern. Daneben sorgen Tourismus, Geschäfte in Grenzstädten und das amüsierwillige Partyvolk für die Öffnung jedes einzelnen Landes. Nimmt man die grenzüberschreitend agierenden Unternehmen, die ungezählten multinationalen Ehen und Partnerschaften, die karriereorientiert heute hier, morgen da arbeitenden Akademiker hinzu, hat man mehrere Gruppen beieinander, für die europäische Gemeinsamkeit längst Lebensalltag ist. Sie sind es, die in den kommenden Jahren Führungspositionen besetzen können und werden. Sie sind es, die allen Versuchen, neue Grenzen in Europa zu ziehen, die Freizügigkeit zu beschränken, entgegentreten werden.

Aber gibt es nicht überall in Europa starke Gegenkräfte, anti-europäische Demagogen und Nationalisten? Gewiss, aber ihre Existenz beweist vor allem, wie provozierend stark die Fortschritte der europäischen Einigung inzwischen sind. Aus der Solidarität zwischen den Bürgerrechtlern Osteuropas, dem Elitenprojekt der Europäischen Union und den wirtschaftlichen Umwälzungen des Kontinents hat sich eine Gemengelage ergeben, die weder idyllisch noch gegen Rückschläge gefeit ist. Aber sie scheint lebendig und leidenschaftlich. Nicht einmal die Borniertesten können sie noch ignorieren. Das ist mehr, als 1989 bei nüchterner Betrachtung erwartet werden konnte.