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Fokus: Nacht
Das Licht der Nacht

Sternennacht auf dem Huashan Berg
Sternennacht auf dem Huashan Berg | © mararie (CC BY-SA 2.0), via flickr

Die Nacht spielte in der klassischen chinesischen Weltsicht eine entscheidende Rolle. Das essentielle Zusammenspiel der polaren Kräfte von Tag und Nacht gibt Anstoß zum Überdenken unseres Umgangs mit der Nacht.

Von Eva Lüdi Kong

Heute denkt man an Straßenlaternen, Autolampen, Leuchtreklamen. Die Nacht, einst Zeit der Stille und Finsternis, wird erhellt, von Aktivität durchdrungen. Mehr und mehr scheint sie vom Tag eingeholt zu werden. Eine ähnliche Tendenz zur Verdrängung des Dunklen zeigt sich auch in der Entwicklung der westlichen Zivilisation: im Christentum das Licht Gottes gegen das dunkle Heidnische, in der Aufklärung das Licht der Vernunft gegen das Irrationale, in der fortschreitenden Industrialisierung schließlich auch die reale Beleuchtung der Nacht. Heute drängt sich geradezu die Frage auf: Brauchen wir die Nacht noch?

Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit

Ein Blick auf die traditionelle chinesische Weltsicht eröffnet uns in dieser Hinsicht interessante Zusammenhänge. Hier ist es gerade das Verhältnis zwischen Tag und Nacht, das die Grundlage des gesamten Denkens vorgibt: Das naturgegebene Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit. In dem bekannten Emblem von Yin und Yang zeigt sich bildhaft die Grundidee dieses Zusammenwirkens: Die Gegensätze bilden eine Einheit. In dieser Philosophie sind Tag und Nacht gleichwertig, beide sind essentielle Bestandteile des Ganzen. Jeder Versuch, das eine übermäßig auszuweiten, muss notwendig scheitern.

Besonders deutlich kommt dieses Weltbild in einer Darstellung zum Ausdruck, die Licht und Dunkelheit mit zwölf Hexagrammen verbindet, welche die Zu- und Abnahme der polaren Kräfte verdeutlichen.

Licht und Dunkelheit dargestellt in 12 Hexagrammen

 

Damit erhält das Yin-Yang-Emblem eine Laufrichtung im Uhrzeigersinn: Unten ist die dunkle Nacht, oben der lichte Tag, dazwischen bewegt sich die Zeit in einem regelmäßigen Verlauf vom Dunklen ins Helle, und vom Hellen wiederum ins Dunkle. In den Hexagrammen stehen durchbrochene Linien (--) für die dunkle, kalte, sinkende Yin-Kraft; durchgezogene Linien (–) für die helle, warme, aufsteigende Yang-Kraft. So lässt sich etwa die Zunahme der hellen Yang-Kraft an der zunehmenden Anzahl durchgezogener Linien ablesen.

Grundmuster für alle natürlichen Zyklen

Dieses Schema hat im traditionellen chinesischen Denken eine wegweisende Bedeutung. Anders als die Uhr, deren Zifferblatt nur für die Tageszeiten angewendet wird, bildet es ein Grundmuster für alle natürlichen Zyklen: die Jahreszeiten, die Mondphasen, wie auch das Werden und Vergehen unserer Welt. Die chinesische Medizin sieht darin den Verlauf des menschlichen Lebens, Daoisten beschrieben damit den Atemvorgang und Meditationspraktiken wie den Himmlischen Kreislauf , und der neokonfuzianische Philosoph Shao Yong (1011-1077, 邵雍) stellte aufgrund dieses Schemas eingehende historische Berechnungen an.

Große Beachtung fand stets der untere, schwarze Bereich: Der Übergang des Hexagramms Kun ䷁ (坤) zum Hexagramm Fu  (复). Wenn wir die beiden Figuren näher betrachten, sehen wir bei Kun ䷁ (坤) sechs Yin-Linien, welche eine Zeit der totalen Auslöschung, Dunkelheit und Kälte symbolisieren. Beim folgenden Hexagramm Fu ䷗ (复) hingegen ist die erste Linie eine durchgezogene Yang-Linie: Der erste Funken Lebenskraft nach der totalen Auslöschung. Dazu schreibt Shao Yong in einem Gedicht: „Zur Wintersonnenwende, mitten in Zi, steht des Himmels Zentrum still. Da die Yang-Kraft sich erstmals regt, ist alles noch ungeboren.“ (冬至子之半,天心无改移。一阳初动处,万物未生时。) Es scheint inmitten der Auslöschung ein entscheidendes Innehalten zu geben, in dem sich der Funke des Lebens neu entzündet: „Das Sein entsteht aus dem Nichtsein."

In der daoistischen Weltsicht liegt darin das Wunder des Lebens überhaupt. In diesem Übergang wird der Augenblick der Befruchtung verortet, die Entstehung der Welt, ja auch das Erlebnis der Erleuchtung.

Der Nachthimmel

Ein alter chinesischer Begriff für die Farbe des Nachthimmels ist xuan (玄), was gleichzeitig auch für das Geheimnisvolle, Unergründliche steht. Es ist jenes tiefdunkle Schwarz des weiten Nachthimmels, das die Menschheit vor die größten Rätsel stellt. Im „Allerdunkelsten des Dunklen“ (xuan zhi you xuan, 玄之又玄) sieht Laozi das „Tor zu allen Wundern“ (zhong miao zhi men, 众妙之门). Auch die Nacht bringt uns nicht nur Dunkelheit, sondern öffnet uns ein wundervolles Tor zum Licht, denn erst die nächtliche Finsternis erlaubt einen entscheidenden Blick auf die Lichter des Himmels. In der Beobachtung der Sternbilder, der Mondphasen und des Kreisens der Gestirne um den Polarstern gründet auch die Entwicklung des chinesischen Weltbildes.

Sollten wir also der Nacht und ihren Attributen der Stille, Finsternis und Auslöschung wieder neue Beachtung schenken? Immerhin scheint es angesichts der oben erwähnten Zusammenhänge, bei der Betonung von Helligkeit und Aktivität immer auch deren Gegensätze ernst zu nehmen. Ebenso lassen sich die Welt und unser Leben gewiss umfassender und tiefer verstehen, wenn wir bei der Wertschätzung des Positiven immer auch das vermeintlich Negative mit einbeziehen.

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