Fokus: Nacht Im Dunkeln sind alle blind

 Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne
Foto: Stadt Nürnberg

Ewige Dunkelheit. So stellen sich viele sehende Menschen die Welt von Blinden vor, und können sich dennoch nur schwer vorstellen, wie sich ein Leben ohne Licht wirklich anfühlt. Dunkelrestaurants und -museen vermitteln ein Gefühl, wie Blinde sich in der Welt zurechtfinden. Dabei lässt sich Überraschendes erfahren.

Schritt für Schritt trete ich ein in die Nacht. Noch kann ich die Schultern von Sam Popic schemenhaft erkennen, an die ich meinen Blick geheftet habe. Dann führt mich der Kellner einmal ums Eck. Vollkommenes Schwarz schlägt mir entgegen, im Speisesaal des Münchner Restaurants Zum Blinden Engel, in dem ich heute Abend essen werde. Bestellt habe ich das Überraschungsmenü. Die Herausforderung: herauszufinden, was Gang für Gang serviert wird. Auf meine Augen kann mich dabei nicht verlassen.

Die irren anfangs noch fieberhaft umher, versuchen irgendetwas auszumachen; vergebens. Langsam gewöhne ich mich an die neue Situation, die anderen Sinne schärfen sich, vor allem das Gehör. Ich nehme Nuancen wahr, erkunde den Raum mit meinen Ohren. Eine Gruppe links von mir – wie weit entfernt, kann ich nicht sagen – unterhält sich angeregt. Ich höre den Servierwagen rollen, dann stellt Sam Popic ein Radler auf den Tisch. Eine Ellenlänge von der Tischkante entfernt, eine Handbreite rechts vom Teller. Das präge ich mir gut ein, schließlich will ich keine Sauerei veranstalten.

Im Gegensatz zu mir bewegen sich Popic und seine drei Kollegen, die heute bedienen, sicher durch den Raum, der keine Sicht zulässt. Schließlich können sie sich auch in ihrem Alltag nicht auf ihre Augen verlassen. Alle Kellner hier sind blind oder stark sehbehindert. Seit 2008 gibt es den Blinden Engel, seitdem wird regelmäßig der hintere Saal des Wirtshauses Zum Isartal vollkommen abgedunkelt.

In Deutschland gibt es mindestens 20 solcher Dunkelrestaurants, sagt Axel Rudolph. Er hat 2001 die unsicht-Bar in Köln eröffnet, eine Erlebnisgastronomie, wie er sagt: „Es geht darum, sich selbst bei einer praktischen Tätigkeit, die man gut kennt, neu zu erfahren.“

Der Wirtschaftswissenschaftler Rudolph beschäftigte sich in den 1980er Jahren mit der Frage, wie Töne und Klänge in Einkaufszentren wirken. Akustik und Konsum. 1988 hat er den Dialog im Dunkeln mitgegründet, damals noch eine Wanderausstellung, die Sehenden vermitteln sollte, wie sich Blinde in der Welt zurechtfinden. Wie wirken Klänge, Formen, Wege, wenn auf die Augen kein Verlass mehr ist? Später kam auch die Idee dazu, ein Essen im Dunkeln an den Museumsbesuch anzuschließen. Mit der unsicht-Bar hat Rudolph die Idee vom Museum losgelöst und sich selbstständig gemacht.

Auch der Dialog im Dunkeln entwickelte sich weiter, inzwischen gibt es feste Standorte in Hamburg und Frankfurt am Main. Anfangs gab es auch in Frankfurt ein Abendessen im Dunkeln, doch in diesem Jahr fehlt dafür ein Raum, sagt Klara Kletzka, die seit dessen Eröffnung 2005 die Geschäfte im Dialog-Museum Frankfurt leitet.

Blindheit lasse sich kaum simulieren, sagt die Kulturmanagerin. Sehr wohl dagegen könne eine Vorstellung davon vermittelt werden, wie es ist, ohne Hilfe der Augen durch die Welt zu gehen. Kletzka will einen vorurteilsfreien Raum der Begegnung zu schaffen, wie sie sagt: „Im Dunkeln sind alle blind.“

Spätestens, als der Hauptgang im Blinden Engel in München serviert wird, kann ich Klara Kletzka gut verstehen. Allen hier geht es genau wie mir. Ich fühle mich unbeobachtet und wohl. Das gefühlt handgroße Stück Pute, das ich mir abgeschnitten habe, verschlinge ich ohne Schamgefühl. Die Soße tropft über meine Backen. Macht ja nichts, denke ich mir, sieht mich ja niemand!

Später erzählt mir Erwin Schreiber, einer der vier sehbehinderten Kellner, die heute bedienen, dass das an der Realität eines Blinden oder Sehbehinderten doch ein Stück weit vorbeigeht. „Wenn wir in ein Lokal gehen und essen, wird’s mucksmäuschenstill“, sagt er: „Die schauen alle zu und möchten wissen, wie der Blinde jetzt isst.“ Ein bisschen peinlich sei das, fügt er leise hinzu.

Wer einmal im Dunkeln versucht hat, mit Messer und Gabel Fleisch und Beilagen auf dem Teller ausfindig zu machen, würde vielleicht ein bisschen taktvoller in solchen Situationen umgehen. Die Dunkelheit als Gleichmacher: Es ist diese Botschaft, die Dunkelmuseen vermitteln sollen und die in Dunkelrestaurants durch die Erfahrung am eigenen Körper mitschwingt.

„Von den Sinnen zum Sinn“, sagt Dorit Brünesholz von der Stadt Nürnberg, wo in einem Bunker regelmäßig Dunkelgänge und -cafés organisiert werden – ein Dunkelangebot, das Teil des städtischen Projekts Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne ist. Anfangs noch gemeinsam mit dem Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund.

Dass das Konzept für die Organisation attraktiv ist, liegt nahe. Dunkelmuseen vermitteln spielerisch, wie man sich blind auf der Welt zurechtfindet, bauen Vorurteile ab und schaffen Sensibilität. Es geht darum, ein Gefühl für das Blindsein zu vermitteln, nicht um eine Simulation, darin sind sich Brünesholz und Kletzka einig. Denn vollkommene Schwärze ist nicht zwangsläufig gleich Blindheit. In der Augenheilkunde oder im Sozialrecht gelten zum Beispiel Menschen als blind, die weniger als zwei Prozent des normalen Sehvermögens haben.

Auch Sam Popic, Erwin Schreiber und die anderen beiden Kellner im Blinden Engel verbinden mit der Nacht vor allem eines: Dunkelheit. Alle vier können Lichtunterschiede wahrnehmen, auch wenn Popic und Schreiber weniger als zwei Prozent Restsehvermögen haben. Auf seine Augen allein kann sich keiner hier verlassen. Tastend räumen die vier die Tische ab, nachdem die Gäste den Saal verlassen haben und das Licht wieder eingeschaltet wurde. Die Handgriffe sitzen, auf dem Servierwagen türmen sich sauber sortiert Teller, Besteck und Tassen. Es sind dieselben Bewegungen, die Popic, Schreiber und ihre Kollegen gerade eben noch in vollkommener Dunkelheit durchgeführt haben.