Interview mit Xing Jian „Der Gedanke zu scheitern, ist mir fremd“

Filmplakat von „Seven Days“
Filmplakat von „Seven Days“ | © Xing Jian

Der Nachwuchsregisseur Xing Jian hat seinen ersten Film „Seven Days (冬)“ komplett selbst finanziert und dafür strapaziöse Dreharbeiten im eisigen mandschurischen Winter auf sich genommen. Wir fragen, warum.

Für Ihren ersten Spielfilm haben Sie über eine Million Yuan aus eigener Tasche investiert und sogar Ihre Wohnung verkauft. Gab es Momente, in denen Sie ein Scheitern des Films befürchteten?

Auch wenn das viele etwas überheblich finden werden, aber der Gedanke, zu scheitern, ist mir fremd. Die Vorbereitungen zu dem Film haben sich über einen sehr langen Zeitraum hingezogen. Beispielsweise gab es für das Drehbuch von dem ersten Konzept im Jahr 2008 bis zum Beginn der Dreharbeiten 2013 insgesamt zehn verschiedene Versionen. Vor dem Dreh hatte ich jedes Detail im Film bereits unzählige Male durchgespielt. Im Grunde genommen ist für mich der Prozess des Filmemachens wichtiger als das Ergebnis.

Warum gab es außer Ihnen keine weiteren Sponsoren?

Um Investoren habe ich mich jedes Jahr aufs Neue bemüht. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch und auch bei diesem Film war alles genau geplant. Ursprünglich wollte ich 2011 mit den Dreharbeiten beginnen, doch damals war die Zeit noch nicht reif. 2012, ich hatte das Filmteam bereits zusammengestellt, sah sich einer meiner Freunde plötzlich gezwungen, finanziell aus dem Projekt auszusteigen. Ausgerechnet an meinem Geburtstag stand ich vor der Aufgabe, der Crew mitzuteilen, dass sich die Dreharbeiten um ein Jahr verzögern würden. Einen Abend davor bin ich in Peking von der Communication University (传媒大学) zu Fuß quer durch die ganze Stadt bis nach Gongzhufen (公主坟) und wieder zurück gelaufen. Danach war mir klar, wie schade es wäre, den Film nicht zu drehen. Inzwischen hatte ich ja noch viele andere Drehbücher geschrieben, aber Seven Days war der Film, den ich unbedingt machen wollte, weil ich fand, dass es diese Art von Film in Asien noch nicht gibt. Ich wollte etwas machen, was sich abhebt.

Die Wohnung habe ich verkauft, als es während der Dreharbeiten Probleme mit der Finanzierung gab. Nachdem der Film bereits zur Hälfte im Kasten war, führte kein Weg mehr zurück. Ich konnte mein Werk ja schlecht auf halber Strecke verhungern lassen.

Gab es vor den Dreharbeiten, abgesehen von der Finanzierung, noch andere Schwierigkeiten?

Es gab ein paar kleinere Probleme mit den Requisiten, aber die sollten uns ganz schön in Atem halten. Etwa ein Goldfischglas, das in dem Film vorkommt. Wir hatten nur eines im Gepäck, weil wir kein Ersatzglas auftreiben konnten. Auf dem Weg zum Drehort haben wir das Glas wie ein rohes Ei behandelt, denn wenn es kaputt gegangen wäre, wäre es mit dem Film vorbei gewesen. Auch von dem Spiegel des Hauptprotagonisten, der im Film zerbricht, hatten wir nur ein einziges Exemplar. Wir konnten die Szene also nur einmal drehen. So unbedeutend die Requisiten auch erscheinen mögen, sie können die Handlung und Atmosphäre eines ganzen Films bestimmen.

Auch beim Aufbau der Filmkulisse lief nicht alles glatt. Zum Beispiel beim Bau der Hütte oben auf dem Berg in der der Protagonist des Films wohnt. Vor allem am Anfang gab es Komplikationen, weil sich die Bauarbeiten durch die extreme Kälte verzögerten und es zu einem Wechsel im Team kam. Um den pünktlichen Beginn der Dreharbeiten zu garantieren, haben wir den neuen Art Director samt seiner Crew für drei Tage bei strenger Kälte und starkem Wind in der Holzhütte auf dem weißköpfigen Berg einquartiert. Als die Kulisse stimmte, konnten wir endlich planmäßig mit dem Dreh beginnen.

Warum haben Sie sich für einen Drehort mit so schwierigen Bedingungen entschieden? Hat das die Dreharbeiten nicht ziemlich erschwert?

Der weißköpfige Berg im Changbai-Gebirge zwischen China und Nordkorea war die erste Landschaft, die ich mir auf der Suche nach einem Drehort ansah. Der Platz war einfach ideal. Beim Schreiben des Drehbuchs hatte ich die Umgebung im Kopf, in der ich selbst aufgewachsen bin: Als ich in der ersten und zweiten Klasse der Grundschule war, konnten wir im Winter in der Früh unsere Haustüre manchmal kaum öffnen. Unser Häuschen wurde fast vom Schnee erdrückt. Die Landschaft war tief verschneit und auf dem Weg zur Schule lag sie noch im Nebel. Die Kinder mussten mit dem Schulranzen auf dem Rücken einen weiten Weg zurücklegen. Manchmal sah man in der Ferne nur den Kopf eines Kindes, der sich über den Schnee zu bewegen schien. Das war die Atmosphäre, die ich mir beim Schreiben des Drehbuchs vorgestellt hatte.

Bei der Wahl des Drehorts hatte ich mir kaum Sorgen über die konkrete Durchführung gemacht. Doch ich muss zugeben, dass uns die kalte Umgebung später viele Probleme bereitet hat. Wir hatten insgesamt dreizehn Drehtage und es war so kalt, dass ein Mädchen aus der Crew sich Erfrierungen an der Nase zuzog. Man muss auch sagen, dass zwei Drittel der Leute aus dem Filmteam Freunde von mir waren, die ohne Bezahlung arbeiteten. Doch wir kämpften alle für eine gemeinsame Sache. Manchmal dauerte der Dreh für eine Szene bis nach zwei Uhr in der Nacht. Ich war dann oft so müde, dass ich mich ohne ein Wort direkt in den Bus aufs Ohr legte. Trotzdem gab es immer noch ein paar Leute, die im Bus herumalberten und Spaß hatten. Dafür war ich dankbar, denn das ist die Atmosphäre, die ich mir vorstelle. Würde sich jeder nur ins Auto legen und schlafen, würde es sich anfühlen, als hätte man eine Schlacht verloren.

Das größte Problem bei dem Dreh zu diesem Film waren allerdings nicht die Strapazen, sondern die Sicherheitsrisiken. Wir hatten von vornherein für jeden eine Unfallversicherung abgeschlossen. Der Berg war oft so tief verschneit, dass von den Bäumen nur noch die Wipfel herausschauten. Manchmal war die Brücke, die wir jeden Tag überqueren mussten, komplett eingeschneit. Dann konnte man nicht mehr erkennen, wo die eigentliche Brücke war und wo es tief in den eisigen Fluss hinab ging. Ein Fehltritt und man wäre im Fluss gelandet. Eine Rettung wäre schwierig geworden.

Eine große Herausforderung waren auch die Szenen mit den Vögeln. Tierszenen sind per se schwierig. Aber da Vögel fliegen können, sind sie kaum zu kontrollieren. Ich hatte große Sorge, dass der Film an Ausdruck verlieren würde, wenn die Vogelszenen nicht gelängen. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie man dieses Problem lösen könnte. Am Ende beschloss ich, drei Vögel zu kaufen, die jeweils über ein Jahr trainiert wurden. Es war auch genau festgelegt, welcher Vogel in welcher Szene eingesetzt werden sollte. Tatsächlich waren drei Vögel noch zu wenig. Der gesamte Dreh war eine Zitterpartie. Am ersten Drehtag wollte ein Vogel nicht fliegen. Wahrscheinlich war es ihm einfach zu kalt. Er musste sich erst an die Umgebung gewöhnen.

Die Einsamkeit ist sowohl Thema als auch der bestimmende Grundton dieses Films. Hat das mit persönlichen Erfahrungen zu tun? Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Geschichte in Schwarzweiß und ohne Dialoge zu erzählen?

Auch das hat mit meiner Kindheit zu tun. In den ländlichen Gebieten der Mandschurei schläft die ganze Familie in den Winternächten auf einem Kang (炕), einem aus Ziegel gemauerten Ofenbett. Wenn draußen der Wind pfiff, hat mir das als Kind immer Angst gemacht. Ich dachte über den Tod und das Leben nach und über die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen. Damals habe ich auch begonnen, mir Gedanken über die Einsamkeit zu machen.

Dass ich den Film nicht in Farbe gedreht habe, lag zum einen daran, dass das nicht so gut zum Thema gepasst hätte. Zudem stand dahinter auch eine ganz realistische Kalkulation hinsichtlich der begrenzten finanziellen Mittel. Versuchsweise hatten wir sogar Dialoge hinzugefügt, aber dann fanden wir es ohne Sprache einfach passender.

In einer Filmkritik hieß es, Sie hätten in den Filmszenen in der Holzhütte das Problem der räumlichen Begrenztheit meisterhaft gelöst, indem Sie für jede Szene raffinierte und innovative Kameraeinstellungen gefunden haben. Inwiefern beeinflusst der Umstand, dass Sie sich früher intensiv mit Ölmalerei beschäftig haben, Ihre Filmarbeit?

Als ich mich der Malerei widmete habe ich mir jeden Tag etliche Kunstkataloge angeschaut. Womöglich hat das unterbewusst Spuren hinterlassen. Ich habe bei den Kameraeinstellungen Wiederholungen zwar nicht absichtlich vermieden, aber vielleicht ist das einfach eine ästhetische Gewohnheit. Früher habe ich mich auch eine Zeit lang mit Kalligraphie beschäftigt. Das Schriftzeichen „冬“ für „Winter“, das im Vorspann als chinesischer Filmtitel erscheint, stammt aus meiner Hand.

Xing Jian (邢健), geboren 1984 in der Provinz Liaoning, ist Regisseur und Maler. Schon früh beschäftigte er sich mit der Malerei und besuchte die der Luxun Academy of Fine Arts angeschlossene Mittelschule (鲁迅美术学院附中) in Liaoning. Später studierte er in Chongqing Kinematografie an der Meishi Film Academy (重庆大学美视电影学院). Xing Jians Filme sind geprägt von einer ausdrucksstarken Bildsprache, die den Menschen und das Leben in den Mittelpunkt rückt und so über das Wesen des Menschen reflektiert. Die Verbindung aus Ästhetik und Brutalität ist stilbildend für seine Werke. Nach Abschluss seines Debutfilms Seven Days (冬) arbeitet er nun an seinem nächsten Film Return (回).